Mein Freund Bert

                                            

Ich fahre zu meinem Freund Bert. Ich habe mich mit ihm verabredet.

Das bedeutet für mich Stress.

Sofort fangen alle Bilder, die ich in meinem Kopf habe an, durcheinander zu wirbeln, wenn man in einen großen Stoß Polaroid-Fotos mit einem starken Fön hineinbläst.

Mein Freund Bert.

In aller Eile beginne ich noch schnell, meine Haushaltspflichten abzuarbeiten.
Denn, ich weiß, heute wird es wieder mal schwierig.

Dazu erledige ich erst mal die Katzentoilette, das ist jeden Tag einmal kurz Sandkastenspielen, jeden Tag eine Tüte mit verkacktem Katzenstreu voll zu füllen.

Während des Wühlens, mit einer dieser patentierten Katzenstreusiebschaufeln, denke ich an Bert, meinen Freund, nicht, dass er etwas mit verschissenem Sand zu tun hätte, es ist nur so eine alltägliche Beschäftigung, einmal yogamäßige Beschäftigungstherapie für den abstürzenden Philosophen.

Ich gieße meine Pflanzen noch, gebe meinen meckernden Katzen die letzten Pflichtstreicheleinheiten und verlasse meine Wohnung.

Später sitze ich im Bus und konzentriere mich, versuche mich einmal ganz einfach zu entspannen. Aber es bleibt bei dem Versuch, denn ich grüble,

denke nach, über Bert, er ist mein Freund, mein Kumpel, mein Reibeisen.

Zwischendurch richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Außenwelt, schaue mich um.

Es gibt in öffentlichen Bussen oft interessante Mitfahrerkonstellationen, meist bunt gemischt, jedoch heute erscheint es mir so, als wäre ich das einzig bunte Partikel.

Es herrscht eine noble Besetzung in dem Bus, ausschließlich gut gekleidete ältere Damen und Herren in dezentem schwarz und pastellgrau.

Erstaunlich, auch die Bewegungsart der Insassen, es wird leise small getalkt, alles ruhig und gediegen.

Ich sehe mich um, bemerke eine offensichtlich gutsituiert, elegant gekleidete (Kaschmirmantel, beige) ältere Dame neben mir. Sie wirft den Blick zurück, greift zu ihrer Handtasche, öffnet sie behutsam, hält sich die Tasche vors Gesicht und ich sehe, wie ein pastellfarbener Lavastrom über Nagelfeile und Flachmann fließt.

Ruckartig drehe ich meinen Kopf zum Fenster, würge kurz, lenke mich ab, ein kurzer Gedankengang über Umweltverschmutzung ist meine Rettung.

Leicht schwindelig, vermutlich leichenblass und panisch, ich erlebe so etwas nicht jeden Tag, dass alte Damen in öffentlichen Verkehrsmitteln in ihre Handtaschen kotzen, egal wie dezent sie es auch tun, steige ich aus.

Den letzten Rest des Weges zu Berts Haus lege ich zu Fuß zurück.

Ich klingle, durchgefroren, nach zwei Busstationen Fußmarsch.

Bert ist natürlich zuhause, aber er lässt mich einen kurzen Augenblick zulange warten vor der Tür mit der Sprech- und Klingelanlage, und ich spüre sogar noch, wie er überlegt, ob er fragen soll: Wer da?

Aber er lässt es, es kann ja doch nur ich sein. Also, ich höre ein Klicken in der Lautsprecheranlage und

nach zwei viel zu langen Sekunden ertönt der Summer.

Ich trete durch die Haustür, durch den Mietshausflur und sehe seine Wohnungstür empfanglos angelehnt, muss mich also wie zuhause fühlen und selbst­stän­dig meinen Weg mir bah­nen.

Bert ist am arbeiten. Das macht er in letzter Zeit häufiger zuhause, er hat sich seine Arbeit in seine Höhle mitgenommen.

Ich habe mit ihm auch schon da gearbeitet, in seiner Woh­nung, wir haben ein Kind der Arbeit zusammen, der Bert und ich, ein gesteigertes, gemeinsames, Interesse, eine gute Sache.

Jedoch, wir haben Sand im Getriebe und unser Kind zieht sich nicht von alleine groß, das heißt, ein Buch schreibt sich nicht von selbst.

Bert bastelt noch mürrisch an seiner Arbeit herum, er macht gerade Schmuck für Flohmärkte, ich signalisiere ihm pseudofreundlich, dass meine Anwesenheit keine Pflicht für ihn sein soll, weiß aber noch, dass ICH mich mit ihm dringend verabredet habe; Mir war es also wichtig.

Nachdem wir ein paar Grußfloskeln tonlos ausgetauscht haben, setzt er sich an seinen Küchentisch. Ich suche noch ein bisschen herum, kann mich noch nicht sofort setzen, ich will das Gefühl bekommen, ich sei willkommen, ich will aufgefordert werden.

Er fordert mich einfach auf, ich soll mich hinsetzen, ich setze mich, die erste Runde hat geklappt, war nur etwas holprig.

Ich spüre es stark, heute geht’s ans Eingemachte.

Männerbeziehungen, Freundschaften zum gleichen Geschlecht, das sind bei mir oft Kartenhäuser gewesen, leicht zerstörbar, ich habe genug von meinen bisher normalen Männerbeziehungen.

Beziehung, das ist heute für mich wie eine Tür im Kopf, jeder Mensch hat (auf jeden Fall einmal ich) sozusagen als Entree eine Unzahl von Vorzimmern im Inneren des Unterbewussten, oder anders, innerhalb der Seele. In die Vorzimmer lasse ich immer alle interessierten Besucher ein, für mich bleiben es jedoch meist nur Touristen, sie finden sich nicht wirklich zurecht. Jedes meiner Vorzimmer ist mit einer unendlichen Anzahl von Türen bestückt, durch geheimnisvolle verborgene Schlüssel las­sen sich die­se öffnen, Leu­te, die et­was we­ni­ger ver­dreht sind als ich, nen­nen die­se Schlüs­sel “Ver­trau­ens­be­weise“.

Hinter jeder dieser Türen ist dann die Unendlichkeit der Dinge, grüne Landschaften wechseln sich ab mit lila Fabrikanlagen und bunten Planeten, mit wüsten Früchten und Funktionsknoten, alles, was das Herz begehrt.

Bei Bert hatte ich sehr viel nachgeholfen diese Schlüssel zu finden, er jedoch hat sich in mehreren Vorzimmern verirrt.

„Machst du es dir nicht sehr einfach, bist du nicht zu passiv, immer erst zuzusehen was passiert, dir schweigende Gedanken zu machen um dann über fehlende Nähe zu klagen,“ fragt er mich, Türen schlagen zu und ich hasse es, schon wieder irgendwelche Schlüssel nachmachen zu müssen.

Mein Blutdruck steigt, ich überlege zulange für meine Antwort, ich spüre es und mache mir eine Dose Bier auf.

Ich muss mir überlegen, wie das bei ihm ist, das mit den Türen, komme zu keinem Schluss, und denke an die alte Frau, wie sie in ihre Handtasche kotzte.

Alle Gedanken blockiert, ich hasse das und erkenne gera­de noch im richtigen Augenblick, dass er recht hatte.

Ich weiß jetzt, er findet heute immer die richtige Formel Recht zu haben, entscheide mich aber trotzdem, für mein Recht zu kämpfen.

Bert fängt an, mich über meine Be­zie­hungs­vor­stel­lun­gen auszuquet­schen, so viele offene Türen fallen zu, ein Sturm weht in meinem Kopf, oder, für Ästheten, in meiner Seele. Ich bin verwirrt, stelle eine disharmonische Beziehung für mich in Frage und bin zu feige zum Antworten.

Die ganzen schönen Bilder hinter den Türen wirbeln, wieder der große Stoß Fo­tos, in die der Fön hin­einblies.

Beziehung.

Ich denke daran, wie der alte Goethe seinen Mephisto:

>Denn alles was entsteht ist wert,

dass es zugrunde geht<,

sprechen ließ, denke mir parallel dazu seinen Götz von Berlichingen Spruch, (der mit dem Hinterteil) und bin von der Gleichheit der beiden Aussagen fasziniert.

Es gibt keine Antworten, ich will zusammenfließen mit Bert, ich will nur offene Türen vorfinden.

Nein, ich bin kein Schubladentyp, aber mein Vorzimmerlabyrinth, das brauche ich zum Leben, es lässt sich nicht einfach wegdenken.

Bert redet von seiner vielen Arbeit, er will sich nicht ablenken lassen, sein Aktionskreis ist eingeengt.

Ich finde ihn zum Kotzen, denn er kann nicht eigentlich abschalten von seinen Belangen, er geht auf Toilette, um nebenbei seinen frisch­pro­du­zier­ten Schmuck noch mal anzusehen. Ich sage es ihm, er hat keinen Platz für mich, er gibt mir recht, spricht von seinem Privatleben, davon, dass ich ihn in Ruhe lassen soll, was will ich hier noch.

Ich spiele das Na und, ich werde es beim nächsten Besuch anders versuchen, bin verzweifelt und sehe mir, um Zeit zu gewinnen, Berts Plattensammlung durch, ohne Pause schaffe ich das nicht, mit ihm zu streiten.

Ich habe Angst.

Angst davor, derjenige zu sein, der verlassen wird, gerade dann, wo ich es geschafft habe, mit offenen Türen glücklich zu sein. Ich stehe zu dem was ich will, deshalb die Angst, denn ich habe etwas zu verlieren.

Ich habe mir vorgenommen, mich in Beziehungen offenbar zu machen, ich glaube an einen letzten Rest von wahrer Ehrlichkeit, an gemeinsame Kreativität, auch an nichtsexuelles Fließen und dieser Bert, das ist das für mich vorgesehene Versuchsmodell.

Ich schlage Bert vor etwas trinken zu gehen, seine Höhle wird mir zu eng, er willigt ein.

Ich erzähle ihm etwas von meinen Gedanken, will ihm meine konstruierten Welten mitteilen, aber er akzeptiert mich nicht, akzeptiert nicht, dass ich konstruiere, er behauptet meine Träume seien Projektionen, meine Tü­ren und Fo­tos exi­stieren nicht für ihn. Die falsche Tür, er hat schon wieder recht.

Ich sagte schon, heute wird es schwierig, meine Konzentration verflüchtigt sich, in Gedanken stelle ich mir ein anderes Abendprogramm zusammen.

Jetzt spüre ich den Druck, auch er will mir etwas mitteilen, schafft es nicht, wir müssten jetzt beide eigentlich fröhlich betrunken sein, ich versuche Smalltalk zum fließen, um die Span­nung, die plötz­lich in der Luft liegt, wie­der weg­zuneh­men, klappt aber nicht.

Schon wieder nicht, denke ich, er redet und redet über uns, ich verstehe nicht ein Wort, es fließt nicht.

Ein Damoklesschwert schwebt über uns, bereit, uns zu teilen. Wenn ich morgen im Zeitschriftenhoroskop lese, eine schwierige Entscheidung stehe an, lache ich mich kaputt.

Wenigstens die Psychoautomatik funktioniert, wir werden beide plötzlich müde, die Situation erscheint mir ausweglos.

Wir haben beide nicht das richtige Gefühl zum Abschied, deshalb bleiben wir noch sitzen. Wir verabschieden uns dann doch, betont herzlich, harmoniegeil.

Manchmal denke ich mir doch, ich habe noch ein paar alte Omas im Kopf, und was die mit ihren Handtaschen machen, weiß ich noch nicht.

 

 

 Alfred Werner Schwarzmüller © 1990