Für Woodstock Veteranen
Erich, das ist der ledige Stiefvater meines besten Freundes. Erich ist ein sonderbarer Typ.
Er ist Lastwagenfahrer, oder besser; er ist Trucker. Völlig. Er hat alle Eigenschaften eines Truckers, die man sich nur vorstellen kann, zirka vierzig, schmächtig mit Bierbauch, liebt Countrymusic und alten Onanisten Rock´n Roll, liest regelmäßig das Truckermagazin, fickt sein Lenkrad, regt sich über alle Autofahrer auf, ist überbordend selbstbewusst und hat eine sündteure Stereoanlage, sowieso.
Mit zwei Ausnahmen: Er fährt nicht auf amerikanischen Highways, sondern seit fünfzehn Jahren nur von Bayern nach Italien, und ich bin mir sicher, dass er sich dabei keiner käuflichen Autobahnliebschaften bedient.
Er ist nämlich geistig etwas umnachtet, oder besser gesagt, er ist krankhaft infantil. Das lässt vermuten, dass einer der zweihundert Trips, die Erich während der siebziger Jahre geworfen hat, schlecht war, auf jeden Fall steht er wahnsinnig auf Didi Hallervorden und Police Akademie.
Wie dem auch sei, wir, das heißt, mein Freund, Erich und ich, wir fuhren zum „Open Air“ nach Nürnberg 1977.
Vielmehr fuhr ich nur mit, Erich fuhr, (ich wusste nicht mal wer spielte). Wir fuhren natürlich mit Erichs Benz, er fährt nix anderes, auch privat schätzt er schwäbische Qualität.
Als wir am Zielort ankamen, war Erich schon kräftig verstimmt, da sein Strich Achter mit der 230iger Maschine nur hundertsechzig lief.
„Früher ging er immer mindestens hundertfünfundsechzig“, sagte er frustriert.
Ich entschied mich, dies undokumentiert zu lassen. Da wir bereits um fünf Uhr früh losgefahren waren, mussten wir nur drei Stunden in der Schlange warten, bis wir das heilige, fränkische Naziparteitagsgelände, das Zeppelinfeld betreten konnten.
Es war schon ziemlich gefüllt, vor allem mit Amerikanischen GIs aus dem nur wenige Kilometer entfernten Stützpunkt.
Die Vorreiter der damals noch nicht existierenden deutschen Skinheads, die Tschi Ei‘s, hatten sich ihre Freizeittornister, bestehend aus Kunststoffkanistern, mitgebracht. Jetzt, um die Mittagszeit, waren die Kanister bereits leer, die Kanisterkonsumenten lagen kotzend um schlafend in der Sonne. Diverse Leute hatten sich Ghettoblaster mitgenommen und über den großen Platz hallten surrealistische Disharmonien.
Erich stakste voran durch den umher liegenden Menschensalat, in Richtung Bühne.
Wir folgten ihm, wie Störche im Salat. Wir kamen bis ungefähr hundert Meter vor die Bühne, eine Entfernung, in der man die später Agierenden immerhin noch in Stecknadelgröße beobachten konnte. Vor uns waren alle Plätze mehr als besetzt. Erich breitete nun seinen Schlafsack als Sitzunterlage auf dem Boden aus, forderte mich und meinen Freund auf, uns hinzusetzen. Er selbst stellte sich aber schützend daneben, gerade so wie der Fahnenhalter der fünften Kolonie, der die Aufgabe hat, seine Fahne über dem Schützengraben aufrecht zu halten.
In drei Stunden sollte die Hauptattraktion beginnen, bis dahin ließen die freundlichen Leute vom Konzertteam Tonbandmusik spielen. Die Qualität dieser Aufnahmen ließ allerdings doch sehr zu wünschen übrig. Deshalb stand ich auf, weil mir von dem starken Bass schlecht wurde, ich bekam Herzrhythmusstörungen. Mein Freund stand auch auf, und Erich stand sowieso schon. Er bewachte den von nun an leeren, am Boden ausgebreiteten Schlafsack, das scheinbar einzig freie Plätzchen in dem ganzen Areal, er bewachte die durchlöcherte Penntüte mit einer Entschlossenheit die ich ihm nicht zugetraut hätte.
Breitbeinig stand er davor, herrschte die Leute an, die seinem Heiligsten zu nahe kamen. Die bildeten eine Menschenkette um das am Boden liegende Flauschteil, da sie seinen Zorn fürchteten, sollten sie raufgeschubst werden. Es kam zu einer Schlägerei, dazu verkündete Bob Marley Buffalo Soldier, alles passte.
Als der sogenannte Soundcheck unterbrach die Rangelei mit unregelmäßig eingestreuten Rückkoppelungen, Erich rollte zähneknirschend seinen zu einem Dreckklumpen mutierten Schlafsack zusammen.
Dann ging’s los.
Da niemand das Tageslicht ausschalten konnte, ging einfach nur so los. Alle streckten sich schlagartig, linsten über die Schulter des Vordermanns nach vorne. Lautes Pfeifen, besoffenes Grölen übertönte die Anfangsakkorde. Die damals wenige bekannte Haudrauf-Gruppe Judas Priest schruppte den Anfang.
Und in diesen ersten Momenten, mit meinen zarten vierzehn Jahren hatte ich verstanden, worum es bei einem Mammutkonzert geht. Das olympische Motto: Dabeisein ist alles.
Das wurde mir umso mehr bewusst, da ich nur unterdurchschnittliche Größe habe und nur fettige Haarbüschel zu Gesicht bekam. Um mich tobte und wogte es, ich hatte immer noch nicht kapiert, wozu ich mich hinreißen lassen sollte.
Ich stellte mir die wunderbare Ordnung bei einem Reichsparteitag vor, und kam zu dem Schluss, dass trotz Ordnung einzelne Leute damals wohl genauso wenig mitbekommen hatten, sonst wären die Nazis ja nie . . . lassen wir das.
Warum bist du denn mitgefahren, fragte ich mich verzweifelt.
Ich tippte meinen Begleitern auf die Schultern und sagte, der Platz gefalle mir nicht, hier bekäme ich Zehenschmerzen. Damit war ich auf offene Ohren gestoßen. Wir zogen um zu einem Seitenflügel. Dort waren die angesagt Agierenden zwar noch kleiner, aber für die interessierte ich mich schon lange nicht mehr. Auf dem weg zu diesem Seitenflügel, den wir in einer Art Pogotanz Bewältigten, hatte ich von Menschen die Nase schon gestrichen voll.
Wie im Zeitraffer lief alles vor meinem Auge ab, das absolute Gegenteil von gut gepflegter Konzertromantik, der totale Krieg für Mensch wie Du und Ich.
Vor meiner Nase tanzte ein Mann mit erhobener Faust und schrie: „Judas, Judas, Judas.“
Daneben ein Haufen Leute, die mit zur Erde gerichteten Kopf abhotteten, abshake-ten und manchmal kotzten. Der blaue Himmel wurde noch blauer vom blauen Kifferdunst. Die Massen to. . . -das hatten wir schon.
Musik vernahm ich nur noch als Brei. Zufällig blickte ich neben mich und erblickte die indirekte Reinkarnation von Janis Joplin. Sie lag seitlich auf dem Boden mit leicht verrutschtem Mund und völlig verfilzten Haaren, ihre Augen schienen schon halb herausgefallen zu sein und eine elegante Kurve mit Schleim, Kotze und halbverdauten Tabletten lief ihr über das mit Warzen gut bestückte Kinn hinunter. Ich wendete völlig angeekelt meinen Blick von ihr ab, blickte, um mich abzulenken, in meinen Bierbecher und ließ nun alle Anderen erblicken, wie ich in mein Bier kotzte.
Ich konnte meine Aufmerksamkeit auf nichts mehr lenken, was in diesem Augenblick mein sonniges Gemüt wiederhergestellt hätte. Durch meine Finger hindurch sah ich, wie dieses weibliche Drogenteil in ihrem Mund erneut eine Ladung Tabletten lieferte und diese mit Whisky runterspülte.
Überall hasteten Sanitäter mit Tragen um komatöse Amerikaner einzusammeln.
Vor der Bühne flippten begeisterte Zuschauer mit richtig und verkehrt gezeigtem Peacezeichen.
Alles sprang, vermutlich um mehr zu sehen, zwei Bilder Bühne pro Sekunde.
Die Band wechselte nun zum dritten oder vierten Mal, es wurde dunkel. Der Sänger der spielenden Band brüllte ein lautes „Yeah“ durch das Mikro. Ein langes zehntausendstimmiges „Yeah“ ging von vorn nach hinten durch die Menge.
Ich dachte mir, wie beim Reichsparteitag.
Oder wie bei den Ameisen. Diese bilden einen hochorganisierten Staat. Das Volk besteht aus drei Ständen: Geflügelte Männchen, geflügelte Weibchen (Königinnen), und ungeflügelte zurückgebildete (!) Weibchen (Arbeiterinnen).
Es gibt immer wieder Situationen, in denen man zu dem dritten Stand gehört, und auch noch dafür bezahlen muss. Ich machte mir schon damals meine ersten Gedanken über kollektiven Masochismus.
Jetzt fing Jonny Winter an zu spielen. Erich stürmte mit einem Urschrei nach vorne. Irgendwie kamen wir, durch den dreieckigen Windschatten der hinter ihm entstand, direkt vor die Bühne. Ach ja, das hatte ich fast vergessen zu erwähnen, Erich würde für Jonny Winter überall hingehen.
Andächtig standen alle da, und sahen zu, wie ein langhaariger Albino mit geschlossenen Augen seine Gitarre malträtiert. Ein Betrunkener kam von hinten torkelnd an und stieß zirka fünfzig Leute nach der Dominomethode um. Er brüllte in Richtung Bühne: „ Hey Jonny, I‘m here Jonny. „
Irgendeiner schlug ihm ins Gesicht, so dass er mir wimmernd vor die Füße fiel. Schadenfreude machte sich breit, ich musste mich zusammenreißen, ihm nicht sadistisch ins Gesicht zu treten.
Ja ja, jugendliche Aggressionen.
Jonny Winter beendete mit einer einfachen Zugabe das Konzert und gab so den Anpfiff für das ich-will-nach-Hause-Gedrängel.
Bei den Ausgängen (Nadelöhre), kam es zu verstopfungsähnlichen Zuständen. Jeder brüllte, man solle nicht so drängeln, aber es drängelte jeder.
Schlägereien wegen Drängeleien am Ausgang bestätigten mich darin, dass ich für Open Air mit vierzehn noch nicht reif war.
Nach zwei lockeren Stunden im Stau kamen wir auf die Autobahn. Erich war glücklich. Sein Benz lief wieder hundertfünfundsechzig.
© 1981