Nieselregen

 

Es nieselte.

Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es das: Nieselregen.

Obendrein in Neukölln.

Deshalb und vor allem auch, weil ich wieder mal nichts Kuscheliges für die Nacht gefunden hatte, ging ich allein vom Syndikat durch die dunkle Weisestrasse nachhause.

Ich wankte ein wenig, da ich meiner Leber so einiges zugemutet hatte.

Es war still, sehr still für Neukölln, man hörte lediglich ein oder zwei BMWs von Ferne Röhren, ein Betrunkener grölte zwei Straßen weiter Griechischer Wein und ein altersschwacher Nachtbus donnerte klappernd durch die Hermannstrasse. In der Schillerpromenade stritten sie sich zwei Krähen um ein Stück Rattenaas.

Aber sonst war nichts los. Neukölln in piano eben, denn es mochte so etwa vier Uhr morgens oder noch später gewesen sein.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ich hasse Rilke und zugegebenermaßen, ich war unbefriedigt angetrunken.

Nieselregen.

Das Kopfsteinpflaster: Pechschwarz und glitschig.

Alles ist Matt und sieht düster aus, im Kühlschrank ist das Licht kaputt.

Ich meine, die Weisestrasse ist ja ohnehin schon ziemlich zwielichtig, aber um halb fünf mit Niesel- da wirkt sie nur noch so, wie die Kulisse zu einem Film über vergessene Welten.

Wie ich da weiter so entlang taumelte, an einer stinkenden Tretmine vorbei, die größer ist als alles, was ich in meinem bisherigen Leben an Bio Masse so zustande gebracht habe, in dieser Frost-Glas Landschaft, da stolperte ich über diesen Super Sportwagen, fiel ich mit meiner Visage auf die Motorhaube von einem Alfa Romeo Montreal.

Wie im Traum, ich kniff mich erst einmal um zu erkennen ob ich wachte oder träumte.

Ich vergaß meine Einsamkeit, besah ich mir diesen Traumwagen und konnte nicht umhin und versuchte es an der Tür. Ich staunte nicht schlecht, denn er war nicht abgeschlossen und was mich noch viel mehr verblüffte: Der Schlüssel steckte im Zündschloss.

Wie der unrasierte Kleinkriminelle in einer Vorabendserie schaute ich mich um.

Da hörte ich diese ewige Stimme, die mir immer wieder riet: Los, mach es.

Diese innere Stimme, die mir schon so viele Schwierigkeiten gebracht hatte und auch diesmal folgte ich ihr wieder. Deshalb war ja auch meine letzte Flamme erloschen . . . na ja, ganz andere Geschichte.

Auf jeden Fall stand ich davor, offene Tür.

Hallo, schien er zu sagen, dieser Amor unter den Autos, mit mir Alfa wirst sogar du wieder zum Alfa.

Bewusst verdrängend, in was für einen Schlamassel ich mich mit so etwas bringen könnte stieg ich ein. Mit klopfenden Herzen saß ich kurz darauf auf dem Schalensitz und verriegelte die Tür.

Ich bewegte den Zündschlüssel.

Wenn ich so etwas lese oder im Film sehe, dann denke ich sofort:

Nein, das ist doch völlig unrealistisch. So dumm ist doch in Wirklichkeit kein Mensch, niemand bringt sich in derartige Schwierigkeiten.

Aber wenn ich schon mal saß . . . .

Armaturen leuchteten, Zeiger zuckten, das Sausen in meinen Ohren nahm zu, meine Verbrecherlaufbahn hatte begonnen. Ich drehte den Zündschlüssel ganz und sofort, mit zärtlichem Tigergebrüll verkündete der Achtzylinder seine Ergebenheit. Ich legte mit zitterndem Kupplungsfuß den Gang ein und fuhr los.

Ich war nun entweder rot oder weiß im Gesicht und fuhr die Weise Richtung Süden denn, in die helle Hermann traute ich mich nicht. Also bog ich rechts ab, Richtung Flughafen Tempelhof. In der Oderstrasse schaffte ich achtzig, so gerne wäre ich auf die stillgelegte Rollbahn gefahren und hätte an der Startbahn richtig Gas gegeben. Aber es kam anders.

Als ich vor der Oderstrassen Schikane wieder auf die Bremse stieg, hörte ich, wie etwas im Kofferraum rumpelte.

Hatte ich mich getäuscht? Ich fuhr wieder an, und es rumpelte erneut. Aber nicht so wie eine Büchse Bier die jemand im Kofferraum liegen gelassen hat, mehr so wie eine rollende Magnum Champagnerflasche. Genauer: Eigentlich viel eher wie ein lebendiger Sack Kartoffeln.

Ich blieb stehen und atmete tief.

Es klopfte leise und dumpf aus dem Kofferraum. Ich stieg sofort aus und rannte panisch davon, blieb aber schließlich mit Gewissensbissen zwanzig Meter weiter wieder stehen.

Wieder sah ich mich um.

Kein Laut, außer natürlich dem beständigen leisen Neukölln-Dröhnen und dem blubbern des Alfas. Aus einem der zahlreichen Straßenlöcher im Bürgersteig nahm ich mir einen Pflasterstein und ging langsam zurück zu dem Wagen.

Es schien noch mal zu klopfen oder besser zu poltern.

Hallo. Wer das hier liest mag sich das bitte mal vorstellen!

Es polterte im Kofferraum. Von innen.

Und es war Nacht!

Und ich stand davor!

Ganz allein.

In Neukölln.

Ich klopfte an dem Seitenteil, da klopfte es schwach zurück.

Bist du da drin dachte ich, klopf einmal für ja und zweimal für nein.

Es klopfte. Einmal.

Die nächste Frage war: Wie bekomme ich denn diese Heckklappe auf?

Durch die Scheibe war ja nichts zu sehen- nur die Hutablagenabdeckung. Sollte ich die Scheibe einschlagen? Ich versuchte es. Aber das geht nicht wie im Film.

Versuchen sie mal mit der Faust eine Autoscheibe einzuschlagen. Wer cool ist, der probiert es gar nicht erst.

Aber ich probierte. Bis der Knöchel blutete und der Ellenbogen so taub wurde, dass ich dachte, mir fällt der Arm ab.

Auf die Idee den Pflasterstein zu benutzen, darauf kam ich erst gar nicht. Also ging ich in das Auto, um noch einmal nachzusehen- und tatsächlich, am Türeinstieg ein Hebel.

Wie öde, dachte ich und zog.

Aber nichts war offen. Ich zog noch mal, da sah ich es. Die Scheibe am Heck war ein wenig aufgesprungen und bevor ich mich weiter darauf konzentrieren konnte, kam ein Opel Corsa der Polizei um die Ecke und blieb vor mir stehen.

Ein grauhaariger massiger Sheriff stieg aus dem grün weißen Kleinwagen.

„Na, alles in Ordnung“, fragte er mit leichtem John Wayne Timbre in der Stimme.

„Ja, haa, ja. Alles in Ordnung. Ja. Ich äh wollte nur. . .wollte mal äh sehen was da äh geklappert hat. War aber nur die Motorhau . .  äh der Heck . . . äh die äh . . Kofferraumdeckel offen.“

Ich drückte die Heckscheibe zu.

„Entschuldigen sie die Frage, haben sie Alkohol getrunken“

„Nein, Ha-Ha wie kommen sie darauf. Ich hab gerade Schluss, ich äh arbeite beim äh Film . . .

und da arbeiten wir manchmal länger, manchmal sogar nachts, n-na-nach. . . Nachtdreh verstehen sie. Ein Krimi, wir drehen gerade nen Krimi. Berlin Krimi, Tatort, spielt in Neukölln.“

„Ach so. Ja ja klar. Schöner Japaner übrigens, hätte ich auch gern. Hab Feierabend. Objektschutz, wissen sie.“

Dann stieg ich wieder ein und fuhr weiter, dabei hörte ich meine eigenen Zähne klappern.

In der Leinestrasse fasste ich mir nun ein Herz, blieb stehen und wollte die Klappe öffnen, scheiterte aber wieder, denn darunter war eine Ablage.

Als ich die endlich aufbekam hörte ich Schritte, oder bildete mir ein, ich hätte Schritte hinter mir gehört. Hastig schloss ich die Klappe wieder und stieg ein. Denn das, was ich für den Bruchteil einer Sekunde erspäht hatte, lies mein Blut in den Adern gefrieren.

Ich fuhr wieder los. Panisch, ziellos. Einfach nur weg. Gab mir alle Mühe, das Unfassbare zu verdrängen.

Das gibt es nicht. Das habe ich nicht gesehen, murmelte ich vor mich hin.

Irgendwann schaltete sich mein Gehirn ein.

Ich suchte einen dunklen Platz

Ich fuhr runter zur Rütlischule. Die Strasse davor war seit dem Medienrummel von damals Verkehrsberuhigt und gut beleuchtet- außerdem war um die Zeit garantiert nichts los. Dort angekommen schaute ich wieder in den Kofferraum.

Tatsächlich, Ich hatte mich nicht getäuscht.

Da war eine junge Frau und sie war nackt. Nicht ganz, eigentlich mehr als nackt.

Sie trug Overkneestiefel und eine Hundeleine.

Ansonsten war sie ganz blass- aber nur im Gesicht. Ihre Hand hatte sie noch zur Faust geballt.

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ist sie tot fragte ich mich. Wollte sie anfassen, schreckte zurück, denn sie war kalt und wächsern.

Die Kleine war tot und völlig steif. Kein Herzschlag, gar nichts.

Musst ihr jetzt keinen Spiegel vor den Mund halten, das sieht man auch so, dachte ich. Eine junge  Frau hübsch, blonde kurze Haare, ziemlich klein. Der Mund stand offen, verzweifelter Schrecken im Gesicht. Vielleicht hatte sie das mal angetörnt, eingesperrt zu sein- aber jetzt sah man es ihr nicht mehr an.

Das Klopfen war offensichtlich ihre letzte Amtshandlung. Egal was sie auch war, für sie war es eindeutig zu früh zum sterben.

Scheiße.

Wütend knallte ich die Klappe zu. Was sollte ich tun. Zur Polizei gehen?

Entschuldigung, ich hab da einen fünfzigtausend Euro Oldtimer am Straßenrand gefunden, zufällig.

Hab ihn auch ausprobiert und wie ich da im Kofferraum nachschaue, da ist dann da ne Leiche drin, zufällig. Haha. War aber keine Absicht. ´Tschuldigung, das war schon, das war ich nicht.

Ich überlegte.

Den Wagen irgendwo stehen lassen und alle Abdrücke abwischen. Das wäre Punkt eins

Punkt zwei: Alles durchsuchen.

Punkt drei: mal weiter sehen.

Es war halb fünf.

Ich begann mit Punkt zwei, durchsuchte den Wagen, fand einen Flyer, besser einen Leporello.

Der Swingerclub Triebriemen, „Drunter und drüber im Hinterhof, hart und zart für alle“ machte hier zweifellose Werbung.

Mit eindeutigen Illustrationen. Es gab da sogar ein Verlies mit Folterbank- nur so verlassen wie diese Kleine in dem Kofferraum von dem Alfa Monti war, das konnten sie mit „Verlies“ doch wohl hoffentlich nicht meinen.

Mich packte die Wut.

Ich knallte die Scheibe zu. Das Schlaueste war vermutlich, den Wagen wieder da hinzustellen, wo er stand. Also fuhr ich wieder über den Hermannplatz den Berg hoch. In meiner Wut hatte ich gar nicht bemerkt, dass unter der Haube ja zweihundert Pferde schufteten. Bekam das Ding an der Ampel zur Flughafenstrasse gerade noch eben so zum stehen. Ein Rumpeln aus dem Kofferraum holte mich aus meiner Wut zurück in den Zustand vorsichtiger Zurückhaltung.

Der Parkplatz in der Mahlower Strasse, wo ich den Wagen genommen hatte, war nun besetzt.

Ich fuhr an das Ende der Weisestrasse, parkte im Parkverbot.

Dann lies ich ihn stehen, offen wie er war. Wischte alles ab.

Irgendwer wird sich bald darum kümmern, dachte ich.

Dann ging ich in die Flughafenstrasse 73. Zu Treibriemen in den zweiten Hof. Der Club war noch offen.

Davor stehend bemerkte ich, dass ich ja außer meiner Wut gar kein Konzept hatte.

Na ja, mal reinschauen kann nicht schaden, dachte ich mir.

Fühlte mich schon wie Sam Spade.

Ich klingelte.

Ein Typ, nackter Oberkörper, ungefähr so breit wie groß öffnete mir die Tür. Er sah mich an.

„Je späta der Abend, wa“ witzelte er.

„Desto cooler die Leute“ brummte ich und er ließ mich rein.

Das hier war wohl so eine art Ur-Swinger Club. Ich ging durch einen dunklen muffigen Flur, über billige Flurläufer. Die Parkettimitation war aus bedruckten PVC, die Flurläufer aus Polyacryl und mit Kamasutra Motiven bedruckt, jedoch bereits Fadenscheinig.

Ich kam zu so einer Art Vorraum. In dessen Mitte stand ein rotes Gitterbett, an der Ecke, ein Andreaskreuz, an den eine mitfünfzigjährige gefesselt war. Aber hier fuhr kein Zug vorbei, außerdem war das Kreuz mit schwarzem Kunstleder verkleidet.

Davor stand ein etwa sechzigjähriger dicker Typ, der gerade aus einem aufgeklapptem Werkzeugkasten Metallklammern mit Ketten holte, die er der Alten an die ausgefransten Nippel klemmte.

Mit Schaudern wandte ich mich ab. Ich bemerkte die Bar, an der mehrere Leute standen, die gleichgültig starrten.

Vermutlich war mein Erscheinen die größte Abwechslung des Abends gewesen. Oder dem Qualm nach, der in der Luft lag, waren sie alle schon bei der zehnten Zigarette danach.

Ich bestellte ein Bier.

Die ganze Szene wirkte ziemlich entspannt. Sah nicht so aus, als ob hier jemand vermisst wurde. Ab und zu blickte jemand zu dem SM Pärchen rüber, aber eher mitleidig. Ich trank. War das da drüben vielleicht Otto Mühl. Oder etwa Roland Kaiser?

Jetzt peitschte er sie. Völlig gleichgültig nahm sie es zur Kenntnis. Immer wieder suchte er mit den Augen die restlichen Gäste ab. Ich trank mein Bier.

Neben mir unterhielten sich zwei Gäste über eine gewisse Matsch Louise, die sie immer noch nicht zu Gesicht bekommen hatten, die vielleicht auch nie kommen würde. Das SM Pärchen hörte irgendwann auf und der Typ packte seinen Werkzeugkoffer zusammen.

Hatten wohl genug. Niemand kümmerte sich mehr um mich, na ja, es war auch schon fortgeschrittener Morgen. Das Paar zog sich an, ich beschloss, aus einer Intuition heraus, ihnen zu folgen.

Draußen war es immer noch dunkel, der Niesel hatte aufgehört und es dämmerte leicht.

Ich wartete vor der Türe, da kamen die beiden heraus. Sahen aus, wie ein ganz normales älteres Ehepaar.

Sie überquerten die Strasse, Richtung Weisekiez.

Also doch, wusste ich es doch!

Die beiden gingen über den Bürgersteig in die Weisestrasse.

Verzweifelt und ratlos sahen sie sich an, als sie feststellten, dass ihr Auto nicht mehr da stand, wo es vorher gestanden hatte.

Sie redeten kurz miteinander, die Frau schockiert, der Mann ratlos. Ich schloss daraus, dass der Kerl nichts von dem Mädchen im Kofferraum wusste. Der Mann hob ein Stück von Straßenrand hoch, das aussah wie ein Stück schwarze Folie, sich aber jetzt als Latex Mantel entpuppte. Der Frau entfuhr ein spitzer Schrei.

Ich war immer näher gekommen und konnte mittlerweile etwas mehr von dem Gespräch mitbekommen. Sie stritten sich. Darüber wo der Schlüssel ist.

Wieso sie noch mal hierher gegangen sei, schrie er sie an.

„Sie war im Auto“, erwiderte sie, worauf sich beide eine Minute entsetzt anstarren.

„Und wo war der Schlüssel?“

„Den hattest du doch.“

Er warf den Werkzeugkoffer auf den Boden, so dass die ganzen Marter Apparaturen über das Neuköllner Pflaster kullerten.

Sie durchwühlte ihre Handtasche.

„Nein“, erwiderte sie und wühlte weiter, holte schließlich ihr Mobiltelefon hervor und wählte eine Nummer. Während sie telefonierte kam der Mann auf das, was ich Stunden zuvor auch schon probiert hatte. Er machte die Tür auf.

Ich konnte nicht hören was er sagte, deshalb schlich ich mich näher heran. Er öffnete den Kofferraum.

„Madge“ flüsterte er.

„Ist sie. . . “ fragte sie.

Sie bemerkten mich. Jetzt zieht sie eine Minipistole aus ihrer Handtasche und dann knallt sie mich ab. Kann mich dann zu der Blondine kuscheln, dachte ich, machte mir fast in die Hosen vor Angst.

Er griff in den Kofferraum.

„Arme Madge“ lachte er und holte eine Wachsfigurenkopie von Madonna aus dem Kofferraum

„Wenn die weg gewesen wäre. Ich glaube, ich hätte mich umgebracht,“ meinte die Frau, mit Tränen der Erleichterung in den Augen.

Sie sahen mich begeistert an.

„Schauen sie nur. Haben wir ersteigert.

Echt von Madame Tussoud, und mit Madonnas originaler Hunde Leine aus den Achtzigern. Mit echten Zähnen, und dem Fetish-Stahlzahn.“

Eine Wachspuppe. Ich schlug mir auf den Kopf. Dann starteten sie das Auto. Der Auspuff schlug zweimal klopfend an das Heckblech. Klopf zweimal für NEIIIN, dachte ich

und ging unruhig wandernd über die Allen, an denen die Blätter trieben nachhause.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, dachte ich erleichtert.