The Fall

The Fall -Eleven Nine

 

 (Der Mauerfall)

 

Der Tag war grau.

Meine Hoffnung: dunkel.

Meine Stimmung: Auf dem Tiefpunkt.

Berlin drohte in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

IWF war vorbei, Bolle längst abgebrannt, China blieb Diktatur, Kohl war Kanzler

-und die erste Love Parade war jetzt auch nicht der Oberbringer gewesen.

Neun elf Neunzehn Neunundachtzig.

Ich war getrennt, Single sagt man heute und lebte allein in einer Hinterhauswohnung mit Ofenheizung.

Ich war siebenundzwanzig.

Das Rohr des Lebens rauscht mit siebenundzwanzig lautstark und katapultartige Wollust ist dem Wurm gegeben. Jeden Morgen muss man alles versuchen um mit den überschäumenden Emotionen des Tages zu Recht zukommen.

So war es damals auch, trotz des grauen Tages.

Einem Donnerstag.

Ein deprimierendes Herbstgedicht zerpflügte mein Gehirn.

Ich wälzte mich im Bett herum, hatte vermehrungs- Absichten ohne Partner.   

Mittags stand Ich vorsichtig auf, wartete bis der Schwindel verging, schleppte mich in die Dusche, um mir dort von dem Angespannten das Wasser abzuschlagen. Danach taumelte ich mit letzter Kraft in die Küche.

Oberhalb meines Herdes, auf dem in einem verrosteten Topf noch haarige Nudeln vom letzten Monat standen, befand sich ein Regal.

Dorthin griff ich nach meiner Segafredo Dose, in der sich noch ein kleiner Rest Winterlandschaft befand.

Ich rieb es mir auf das Zahnfleisch, der Kreislauf ging langsam von der Bremse, ich konnte Duschen.

Spätnachmittags besuchte ich Udo und Riccarda.

Ich war unzufrieden, unbefriedigt, Udo und Ricci, das war für mich die erste Chance des Tages.

Die beiden waren Kiffer, was gut war, denn Segafredo war alle und außerdem waren beide so vielversprechend sexy

Man könnte auch sagen: ein schnittiges Pärchen.

Udo war ein Elvis verschnitt (eigentlich hieß er Arthur). Er hatte ne Tolle (Zwei Tuben Gel pro Tag) sechs Klunkerringe und ne ansehnliche zwei Zimmer Wohnung am Maybachufer mit einem riesigen Gitterbett, einer mega Watt Anlage und reichlich wirkungsvollem Dope.

Aber das tollste an Udo mit der Tolle war seine tolle Freundin Ricarda oder Ricci. Einfach ein unglaublich scharfes Teil: Zwei Drittel Beine ein Drittel der Rest, mit schlankem Bauch und ansehnlichen Hüften.

Ricci trug immer kurzen Rock, aber nur den ultrakurzen. Sie trug diese Röcke mit hohen Absätzen, dazu machte sie ein leichtes Hohlkreuz, so dass sie das Gesäß immer ins Blickfeld brachte und nicht nur ihr Gesäß, nein, auch noch mehr.

Ricci hatte blondes Haar und immer leuchtende Augen. Erklärtermaßen pflegten die beiden eine sogenannte „offene Beziehung“, deshalb kam ich hungrig nach Richarda immer mal wieder vorbei.

Aber letztendlich waren sie doch nur Zeigefreudig- das hatte ich damals, in meinem jungmännlichem Dauerhunger noch nicht geschnallt. 

Wir rollten eine Tüte, mixten uns Aldi Gin und Lidl Tonic und Ricarda zog ihren Mini zu Recht. Sie hatte keine Strümpfe an, trotz November.

Der Joint qualmte substanziell- vor jeder Lichtquelle schlierte der Rauch psychedelisch.    

Udo schmiss einen Silberling in die Anlage.

„I’ve got the Power“ skandierte Penny Ford von Snap und Udo erhöhte mit einer Handgelenksdrehung den Schalldruck im Zimmer.

Ricci riss sich die Pumps von den Füßen, sprang barfuss auf das Bett und tanzte vor unseren Augen. Sie hob den Rock, und suchte mit der sliplosen nackten Falte ihres Jahrhunderthinterns eine der Bettstreben und begann mit ihrer Ritze rhythmisch an dem stählernen Bettrohr rauf und runter zufahren.

Dann schob sie ihr Kreuz soweit durch, dass sie mit ihrem Lustmaul einen feuchten Strich auf das Rohr taggte.

Udo der bereits die Hosen offen hatte, begann, in Ricci von Hinten reinzurutschen.

Das war mir erheblich zuviel und ich ging in die kleine Küche nebenan, hoffte dort so etwas Ähnliches wie meine Segafredo Dose zu finden und rauchte dabei den Joint zu Ende. 

Das Gestöhne aus dem Zimmer übertönte Snap, ich war angeteased und zu meinem Bedauern gab es in dieser Küche keine Kaffeedose mit weißem Inhalt, noch nicht mal eine mit braunem.

In diesem Augenblick hatte ich den Unterschied zwischen offener Beziehung einerseits und Exhibitionismus andererseits begriffen.

Nach dem finalen Rhythmischen Geräuschen, in denen ich etwas unschlüssig mit meinem Schwanz in der Hand herumstand und nicht zur Vollendung kommen konnte, kamen sie mit frisch eingeschenktem Gin rotbackig in die Küche gehastet.

Komisches Grinsen, jaja, dachte ich, es geht doch nichts über Pose. Ich packte mein Ding wieder ein.

‚Genug posiert’ dachte ich. 

So fing dieser Tag an für mich. Und beinahe hätte er da auch aufgehört

ich wollte schon wieder nachhause und mich nur noch ins Bett legen-

Aber ich entschied mich für die andere Möglichkeit, nämlich:

Rausgehen.

 

Ricci fiel ein dass sie ihre Freundin noch abholen musste.

Wir verabredeten uns für später.

In Sechsunddreißig, in die Oranienbar oder daneben.

Also ging ich allein zum Abendessen. 

Es gab Türkçe á la carte, mit soßße, dazu ein Schultheiß und als Nachspeise: Udos Rasen in der Tüte. 

Dann Oranienstrasse im monochromen Novemberlicht der Achtziger.

Trashy.

Grey.

Lediglich die Kneipen boten Buntes – und die Rücklichter der Autos natürlich. 

Die O-Bar war trotz Donnerstag um acht schon so überbelegt, dass umfallen undenkbar gewesen wäre und da ich kein Messer dabei hatte, mit dem ich mir einen Korridor durch die Luft hätte säbeln können, blieb ich unschlüssig in der O-Strasse stehen.

Es war ziemlich kalt, mindestens null Komma weniger und eine eisige Brise fegte mich in die nächste Tankstelle, ins Alibi.

Gar nicht die erste Wahl war das, das Alibi, die Bar war überhaupt nicht hip- eher yup, hatte zwei riesengroße gebogene Schaufensterscheiben, (wie bei dem Edward Hopper Gemälde) war ein wenig neu, teuer und zu stylisch, kein anständiger Kreuzberger wäre Ende der achtziger ins Alibi gegangen.

Aber, war zu kalt zum rumstehen vor der O Bar.

Drinnen gab es viel zu trinken und wenig zu F*- wenig Frauen.

Segafredo käme jetzt gut, so dachte ich, ganz der Drogist der ich damals war.

Die Fenster beschlugen, Wasser lief innen an dem runden Glas der gestylten Bar herunter, Hoppers Nighthawks, heute mal mit Tränen.

Ein Süddeutscher kam rein, ein Abenteuerurlauber, scheinbar, denn er quatschte mir ein Ohr ab, über das Ding mit der Mauer und so . . .

-und ob wir West-Berliner nicht immer Angst hätten, vor dem sozialistischen Overkill.

Vor dem bösen Russen und bevor der käme, da bliebe er doch lieber im Schwarzwald.

„Na dann verpiß dich bloß zurück in dein Ländle“, meinte Ricci die gerade mit Regina und Udo im Schlepptau reingekommen war.   

Regina war ein Hammer.

Wenn Ricci auch schon scharf war und leider besetzt- bei Regina blieb mir der Mund offen stehen.

Neben ihr hätte Madonna wie eine Anstandsdame ausgesehen.

Sie stach alles Denkbare aus

-Regina, Königin, ein optimiertes Befruchtungsobjekt,

braunäugig,

schwarzlanghaarig,

Arschmanchettenrock und dazu bis übers Knie reichende spitze Dackelspalterstiefel.

Ich fand sie genial und der Nachmittag hatte ja nicht unbedingt dazu beigetragen, meine permanente Paarungsbereitschaft zu neutralisieren.

Laserblitze aus ihren dunklen Augen, auch die Brüste unter ihrer Oberteil-Aufreißpackung blinkten.

Mit trockener Kehle konnte ich ein

„Hey“

hervor würgen.

Mehr schaffte ich zunächst nicht, und trank. Ein paar schüchterne Phrasen folgten.

So wirbelte der Staub der Zeit langsam durch den Abend, die Gäste schnatterten und lärmten um ihre Gegenwart zu demonstrieren, ich balzte mit meinen besten Witzen zu denen Regina immer am vorteilhaftesten lachen konnte.  

Eine Fluse Zeit später dann der unvorhergesehene Vorfall.

Also eben der Vorfall!

In breitem Spätzledeutsch verkündete der Tourist von vorhin die Ankunft von Ostdeutschen Kunststoff Autos.

Als hätte jemand draußen einen lauten Furz geblasen, drehten sich alle Köpfe.

Die Musik erstarb.

Denn Tatsächlich:

Zwischen den, auf der Scheibe nach unten hetzenden Schwitz Tropfen konnte man eine ganze Kolonie der qualmenden „Rennpappen“ entdecken

Die ganze Oranienstrasse war erweiterte Umlaufbahn für stinkende Trabanten, Abgase machten die Außenluft griffiger als die in der verrauchten Kneipe.

 „Rymtymtym“ knatterte es, die Leute hingen aus den Autofenstern, wir glotzten blöde, alle, alle schienen sie aus einer einzigen verkeimten Sektflasche trinken zu wollen.

„Diemauaisoffen“, brüllten sie.

Blauer Zweitakt Nebel wogte wie Meereswellen in zwei Meter Höhe über die Straße, Autos und Menschen wie anbrandender Seetang in diesem Kohlenmonoxyd Tsunami, der nach Kreuzberg schwappte.

Erstarrt blickte ich auf das Szenario, griff dabei in die Hosentasche, legte mir meine Eier zurecht und dachte:

Das also ist ein historisches Ereignis, das was hier passiert.

Alle waren sofort völlig in diese Monsterwelle der Geschichte gerissen. Ein Ossi stand breitbeinig auf dem Dach eines Trabbis mit einer Flasche Luther und Wegner in der einen und einer Flasche gezuckertem Rotkäppchen in der östlichen Hand.

„Vier sind das voll“, wedelte er krakeelend mit den Pokalen der Einheit, bereit vom göttlichen Lichtstahl in den Geschichtsbuch-Himmel hochgebeamt zu werden.

Freudentränen spritzten.

Nichts gegen Historie, aber die Hysterie dazu machte mir Angst. Ich kämpfte mich mit Regina gegen den Strom. Es war alles voll mit Geschichts Volltrunkenen. Alle im Vollrausch auf Einheits- Droge.

Eine Erfahrung, bei der ich bis heute noch nicht genau weiß, was mir die nützt. 

Menschen die, ohne Grund, sich kaputt lachten.

Menschen die einfach so losheulten.

Menschen die mich knutschend absabberten.

Menschen mit stoned washed Jeans und Strickpullunder aus der VEB Konfektion.

Die Menge schob uns gegen Westen. Der Mob wogte. Ich hatte so etwas bisher noch nicht mal nach einem Rockkonzert erlebt.

Der Moritzplatz war bereits eine Politische Orgie.

Von Geschiebe und Ekstase wurden wir weiter getragen, zwischen den Leuten (das machte die Außentemperatur erträglich)

und trotz meiner Abneigung gegen das Volk, das da so kritiklos fröhlich auf uns einheulte, lachte, waberte und auch grabschte, inmitten von tausenden und abertausend Proleten fand ich die Zeit, Regina zu Küssen.

Wir küssten uns,

zwischen Leuten, für die der Gaza Strip noch Sex in der Wüste bedeutete.

Wir berührten uns

Inmitten von Jeans mit poröser Strech Faser.

Wir sahen uns in die Augen

Und um uns herum graublaustichige Plaste und Elaste in billigem Chic.

Die Menge schob uns weiter. Udo und Ricci drückten uns in irgendeinen Wartburg und wir stauten gegen Westen immer weiter- zu zehnt in dem Wartburg Kombi, alle aufeinander.

Regina und ich, wir holten immer wieder Luft bei dem anderen, wie ertrinkende Taucher küssten wir uns ständig, nur um die gefilterte Luft des anderen zu atmen.

Ausgestiegen standen wir wenig später vor diesem breiten Mauerstück vor dem Brandenburger Tor, Leute halfen uns hoch.

Da waren wir, Arm in Arm, Reginas Hand in meiner Hose. Dazu das Aroma des Tages:

Biederer miefiger Geruch nach Kohl, Braunkohle, Mitropa, Wofasept und Schwefel, zwischen blassfarbenen Phenolharz Anoraks und grün blauen Grenzwachtuniformen.

Unser Hormondruck wurde immer stärker, stieg ins unermessliche, Regina und ich, wir sahen uns an, rings um uns tobte der Mob, mitten in der Menge zwischen den Leuten begann sie mir die Jeans herunterzuziehen, nichts hielt uns mehr, sie tat was sie konnte.

Mein Mantel auf den Boden, ich zog ihr den Rock hoch, zwischen geilen Broilern und geifernden Spannern waren wir die neue und unerreichbare Bückware.

Und über uns:

„Ole, ole ole ole, oh Deutschland, oh-le oh-le.”

Und:

„Wia sind grenzenlos.“

Und:

„Wirsindasvolk.“

Und:

„Will doch einfach nur kucken und glücklich sein.“

„Dazu ne Banane?“

Wir hatten unseren Spaß.   

Wie gesagt es war kalt und Regina leckte zunächst den angefrorenen Lusttropfen auf meinem Schwanz wieder flüssig.

Ja das ist Geschichte

und wer da nicht dabei war, der hat was verpasst. So dachte ich damals schon.

Die Leute kümmerten sich nicht mehr um uns, wie wir da auf alles fickten.

Wir fickten

auf die Vopos

und fickten auf

Thomas Brüssig, der ja angeblich die Einheit herbeigewichst hat.

Wir fickten auf

Erich Honecker und den leer gebombten Potsdamer Platz.

Wir fickten dick

auf Helmut Kohl und seine „Ge-chichte“

und auf alle Trabbi Rennpappen.

Wir fickten auf Erich Mielke und ich gab

Schießbefehl

auf die Einheit und stanzte Regina mit meinem Becken in den Boden des maroden Betons der Mauer am Brandenburger Tor. 

Und irgendwann, als ich endlich gekommen war und

wir, aufgepasst,

denn wir wollten kein Einheitsbaby,

als ich endlich mein Deutschfeuerwerk abgeschossen hatte und Regina den gefrorenen Stalagmit Samen von meinem Schwanz zum anschließenden weiterlecken abbrach,

als klar war, dass diese Stadt um 10 Millionen Proleten reicher und Berlin nun endgültig seinen Inselstatus für immer verlieren würde, da. . .

Da pissten wir von der Mauer auf die Prominenten die damals angeblich alle mit dabei waren.

Denn, wenn man heute so liest wer alles dabei gewesen ist, merkt man doch, dass

außer uns doch noch die ganze verdammte Welt dabei gewesen sein muss,

nur uns, wie verwunderlich,

nur uns zwei, die ihnen auf den Kopf pissten,

uns haben sie nicht bemerkt.

Nur den Jubel.

Nur die Freude auf die Ein-heit.

Einheit für alle, die Einheit bis zum End of time.

Und als wir nichts mehr in der Blase hatten . . .

. . .da gingen wir dann in „Zweiheit“ einfach nach Hause. 

Am zehnten, der Nacht nach Germans nine Eleven.

Mit Regina, meiner geheimen Geschichtsmatratze waren wir in ihrer Wohnung und vereinigten uns weiter, was das Material so aushalten konnte.

Biologie gepaart mit Historie- zumindest bei mir.

Ärgerlich war nur, dass es am nächsten Tag nichts mehr zum Einkaufen gab, um den Eiweißvorrat im Körper wieder aufzufrischen. 

Die Supermärkte waren von den Zonies ausgeraubt, leer gekauft.

Die friedliche Revolution hatte bei Plus und Aldi die Regale transparent werden lassen- man konnte nun

durch die Regale:

Auf die andere Seite kucken.

Na ja, immerhin.