Der Dschungelspaziergang

 

Heu­te wä­re eigent­lich ein wirk­lich schöner Tag.

Schönes Wet­ter, an­genehm warm, nicht zu heiß, ge­ra­de warm ge­nug, dass al­le Frau­en bauchfrei mit kurzen Röcken oh­ne Strümp­fe, al­le Män­ner ohne Ärmel   

-und über­haupt,

so warm, dass al­le beschwingt und leicht bekleidet herum­lau­fen.

Wie sich das ein gemäßigter Hippie wie ich so vor­stel­lt, al­le Leu­te könn­ten glück­lich sein, weil sie ih­ren mit Mü­he ge­pfleg­ten Kör­per al­ler Welt prä­sen­tieren kön­nen, oh­ne ein schlech­tes Ge­wis­sen ih­rer ei­genen Ge­sund­heit ge­gen­über ha­ben zu müs­sen.

Tja, schön wäre es.

Als ich auf die Stra­ße ge­he fällt mir jedoch viel Ge­gen­tei­li­ges auf.

Au­to­s hupen, die Fahrer blöken sich durch die Windschutzscheibe ge­gensei­tig an, es geht den meisten im Stau nicht schnell ge­nug.
Nicht, dass ich ih­nen es nicht ver­gön­nen würde, Aggressionen zu ha­ben, doch ih­re Wut zie­lt doch nur auf unabän­der­li­che Din­ge, sie glauben doch tat­sächlich, dass ein einfaches:

‚Ich’ auch für Ge­zeiten, Na­tur­ge­wal­ten und mehr­zel­li­ge Le­be­wesen gilt.

Kopfschüttelnd über diese Masse von Menschen, die die Naturgesetze verachten, führt mein Weg mich zur U-Bahn.

Ich ver­su­che, da ich ein unverbesserlicher Weltverbesserer bin, die Leu­te mit meiner po­si­ti­ven Le­bensart zu be­glücken.

Wieder einmal stel­le ich fest:

Die ein­zi­gen Men­schen, die in der U-Bahn noch lä­cheln, sind die Man­ne­quins und Dress­mans der Wer­be­pla­ka­te. Sie sind ver­liebt in die Ka­mera, flir­ten mit al­len, ma­chen Eis wirk­lich schmack­haft, räkeln sich auf Mo­tor­hau­ben, zei­gen Zäh­ne, sind nie zickig, nie be­sof­fen, im­mer po­si­tiv.

Die U-Bahn kommt, ich wer­de von al­len Leu­ten an­visiert, ich ha­be mir mein Gu­te­laune -Ge­sicht auf­gesetzt, ich stei­ge in die U-Bahn, grinse, lächle, wie ein Pferd beim Zahnarzt.

Zwei Sta­tio­nen hal­te ich das aus, zwei Sta­tio­nen lang, dann steckt mich die­se mie­se Laune an, ich ma­che es wie al­le, ich stiere zum Bo­den, ich kann keinem mehr in die Au­gen se­hen.

Die An­deren kön­nen das übri­gens auch nicht. Ich se­he mir, wie im­mer, zum zweihundertfünfundsiebzigsten Mal die blö­de Wer­bung, die flachen Flachbildschirmspots an.

Eine Frau kommt in den Wag­gon, sie flir­tet ein wenig mit mir, sie ist hübsch, sieht auf lustvolle Art und Weise heiter aus, zwei Sta­tio­nen hält sie das aus, dann wird auch sie die Wer­be­sprü­che fixieren, ihr Blick gefriert fru­strier­t.

Fünf Mi­nu­ten Berliner U-Bahn genü­gen für je­den.

Ir­gend­wann kommt mein­e Hal­te­stel­le, ich stei­ge aus, auf dem Bahn­steig wie­der das lä­chelnde Eis­re­kla­me Mäd­chen, ich kann nicht um­hin, ich lächle zurück, wenn ich sie in der U-Bahn tref­fen wür­de, wä­re sie wahr­schein­lich so wie al­le An­deren, viel­leicht hat sie ihr Lä­cheln schon ver­kauft, viel­leicht ha­ben al­le ihr Lä­cheln ver­kauft, kön­nen nur lä­cheln, wenn sie da­für be­zahlt wer­den.

Oder- sie konsumieren Dro­gen um berauscht zu la­chen.

Der Weltschmerz, wie peinlich, auch mich hat er erwischt.

Als ich aus dem Schacht kom­me, se­he ich wie­der Stau, viel­leicht ist es noch der­sel­be.

Wie ein Mehr­zel­li­ges Le­be­wesen, so ein Stau, je­de Zel­le muss sich der plu­ra­li­sti­schen Au­tori­tät fü­gen, wenn der Küh­ler kocht, wird es eine Krebszel­le, Anti­kör­per in Form von Ab­schlepp­wa­gen ei­len her­bei um sie aus­zu­mer­zen, ir­gend­wann, wenn das Le­be­wesen per­fekt wird, wenn es im­mer exi­stiert- im­mer Stau, wenn das zu­flie­ßen ge­nauso stark wird wie das ab­flie­ßen, wird es auch in die­sem Le­be­wesen Krebs, Aids, Cho­lera, Ty­phus ge­ben, wer­den al­le Küh­ler ko­chen, al­le Hu­pen ver­recken, hof­fent­lich ist es zuerst ir­gend­wo an­ders so­weit, nicht hier.

Ich bin am Potsdamer Platz. Im Stau. In einer Scheinwelt im Stau. Ich sehe mich um und erinnere mich, an die Computersimulationen darüber. Man sah es in den Fernsehnachrichten, flog mit der virtuellen Kamera durch eine virtuelle Welt und glaubte nicht so recht daran.

Und dann ist es fertig, und wenn man durch die Straßen des Potsdamer Platzes geht, fühlt man sich wie im Computer. Alles ist wahnsinnig eckig, aber die Kanten wurden abgerundet, so dass man sich nicht so sehr darüber echauffieren muss.

Es ist schrecklich. Hier die Parkgarage und dort das Restaurant an dem Kino vorbei zur Nachtbar bis zum Musical Theater mit der Spätvorstellung und danach zum Einkaufszentrum mit H&M, Macdonalds, Mcpaper, McFit, und Fetisch-Unterwäsche für dicke Rocker. 

Es ist nichts gewachsen, sondern alles nur geplant und ich fühle mich, als hätte jemand die Fernsteuerung in der Hand, nichts ist zufällig, jedes Blatt passt zum Beton und dreht sich berechnet im Wind. Ein Ort der totalen Willkür. Konsum für Konsumenten. Kann es was Schlimmeres geben.

Unsere Politiker sind Cyborgs, die vor der Presse immer unglaublich positiv sind, unsere Stadt ist durchgeplant, unsere Möbel haben genau berechnete Körperformen, das heißt, man kann sich nicht mehr in die Sessel fläzen (vielleicht gibt es das Wort bald schon nicht mehr), Airbags machen auch im Auto alles passend.

Und auch in den Köpfen passiert es, alle wollen erst Modell werden und dann Schauspieler. Stinos tragen Schiesser, Geile Hom, Schwule Leder und Unbefriedigte Gummi. Glückliche Paare gehen in Norm-Liebesfilme, unbefriedigte in Swinger-Clubs, Schwule in schwulen Clubs, Intellektuelle in Lap-dance Bars und Singles in Single Clubs.

Es wird noch konformistischer, Helden werden heldiger, Tussis werden dussliger, Machos matschiger, Emanzen emanzikker, Hippies hippiger, Homos homogener, Sados sadistischer und Normalos,

na was wohl, noch normaler.

Der Mensch passt sich der Maschine an, und-

der positivste von allen Aspekten,

er macht dadurch den Androiden überflüssig.

Die Ampel bestimmt wann gelacht werden soll, es werden überall schon Schilder hochgehalten für: Applaus, geil sein, lachen, traurig sein. Und die Gefühlsspitzen oben und unten werden kalt abgeschnitten. Und deshalb sind Zukunftsromane nicht mehr in Mode, denn viel schlimmer kann es nicht mehr werden.

Oder vielleicht doch? Hoffentlich. Ich gehöre auf jeden Fall nicht zu den Menschen die sich das noch vorstellen können.

Ich irre umher, in dem großen Einkaufszentrum.

Was wollt ich hier noch mal?

Ich erinnere mich nicht.

Warum war ich in der U-Bahn?

Wollt ich nicht ein Eis?

Kann ich dann auch lächeln?

Was wollt ich eigentlich noch mal?

Vergessen?

Alzheimer? Nein das haben wir hier nicht, meint die Verkäuferin.

Na ja, so schlimm ist es vielleicht doch noch nicht, aber darüber nachdenken sollte man manchmal schon.

Manchmal.

Was wollt ich denn, verdammt. Ich hab es vergessen.

Ich besorge irgendetwas, hetze zurück, nachhause, fahr diesmal mit dem Bus. Gliedere mich ein als Einzelzelle, in das mehrzellige Lebewesen „Bus“ ein, das sich wiederum in das mehrzellige Wesen “Stau“ eingliedert. Ich denke mal über das Atmen einer Stadt nach, darüber, was sie ein- und ausatmet. Der Bus spuckt mich aus, ich komm nachhause mit meiner Beute und weiß nicht recht was ich damit anfangen soll.

Abends gehe ich, glaube ich, heute noch aus.

Aber wohin und wozu? Ach so.

Um Leute zu treffen, deshalb bin ich ja vorhin auch losgegangen, was für ein Glück, dass mir das noch einmal eingefallen ist.

Jetzt muss ich lächeln, es war doch mal wieder schön, so durch den Dschungel zu gehen.