Heinz

 

 

Drei lange Jahre aus dem Ereignisreichen Leben des Heinz K.

 

 

 

 

 

ROMAN

 

 

Von Alfred Werner Schwarzmüller. © 2001


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mephistopheles:

 

„Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht, denn alles was entsteht,

Ist wert, dass es zugrunde geht;

Drum besser wärs´s, dass nichts entstünde.

So ist denn alles, was ihr Sünde,

Zerstörung kurz, das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.

 

 

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

 

 

 

 

 

 

ERSTES BUCH


I

 

 

Ob det gut geht, oh Mann, ick wes det nicht ob det gut geht.

Du musst dir wieder aufraffen, Heinz, jetzt bist de schon so weit gekommen, und wenn de hier nur wieder aufgibst, denn geht es nur wieder innen Keller runter und runter. . .

-und davon . . . davon wird Deine Mutter auch nicht mehr lebendig. Det ist dein Leben, Heinz, kiek dir mal an, wat de da noch draus machen kannst . . .

-weil, jammern . . .

-jammern,  det hülft ja nix.

 

„Herr Kruppke, haben sie die Frage verstanden?“

„Äh. . . Ja.

Ja, ick gloobe, Ick werd da schon zu­recht­kom­men.“

Heinz zwang sich dazu, dem Sachbearbeiter des Sozialamtes in die Augen zu schauen.

Der nickte kurz und seufzte.

Heinz seufzte auch. 

Der Fünfundvierzigjährige hatte zwar schon allerhand hin­ter sich, aber noch nie ernsthaft versucht, seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten.

Nicht, dass er keine Jobs bekommen hätte, es war nur so, dass Heinz ständig vom Pech verfolgt war.

Denn der Spruch: Wo wir sind, da klappt nichts, aber wir können ja nicht überall sein- bei ihm schien dieser blöde Witz, der auf Millionen von Autoheckklappen klebte, ge­nau ins Schwarze zu treffen.

„Aber, ick sag’s ihnen noch mal, ick hab zwee lin­ke Hän­de.“ Heinz hat­te kurz zuvor noch einen letzten ver­zwei­felten Ver­such gestartet, den Amtsangestellten von seinen Un-Fähig­keiten zu über­zeu­gen, aber des­sen gren­zen­losem Op­ti­mis­mus war Heinz argumentativ nicht ge­wachsen ge­wesen. Er war nämlich an einen ehrgeizigen Beam­ten geraten, an einen, der sich nach mehreren gescheiterten Karriereanläufen mit der Resozialisierung ge­fal­lener Engel profilieren wollte.

Und Heinz Kruppke war ein Paradebeispiel dieser ge­fallenen Engel.

Daraufhin hat­te Heinz nun diesen Job be­kom­men, genauge­nommen so­gar an­neh­men müs­sen, nach­dem ihn die Hauspsy­cho­lo­gen des Sozialamts als ‘ein­satzfähig und ar­beits­tauglich’  be­zeich­net hat­ten.

Ja, er war nun seit längerer Zeit trocken, und ir­gend­wie hatte er es in dem muffigen Sozialamtsbüro dann doch noch geschafft, in seinem Kopf genügend Hoffnung zusammenzukratzen für die Erkenntnis, dass es doch nie zu spät sei, ein normales Leben anzufangen.

Aufgeben, -das war für ihn, von nun an also jüngere Vergangenheit, denn seit dem Tod seiner Mutter vor sechs Jahren war Heinz vom Glauben an sich selbst abge­fal­len.

Er hatte sich dem Alkohol ergeben, hatte zeitweise unter Brüc­ken gelebt, in leerstehenden Abbruch-Häusern und Männerpensionen.

Ein Zufall hatte ihn vor nicht allzulanger Zeit vor der Weiterfahrt in das Tal der Verlorenen bewahrt.

Heinz wurde damals von einem Fahrradfahrer an­gefahren, der ihn zu einer Kranken­pflegerin gebracht hatte.

Rotraud Esorglich, die Krankenpflegerin und Kalle Ostrowski, der Fahrradfahrer nahmen Heinz in ihrer „Nie-wieder-Alkohol“- Selbst­hilfe Gruppe auf und machten ihn mit jenem Sozial­arbeiter be­kannt.

Der hatte ihm eine Wohnung besorgt, einen gültigen Personalausweis und nun auch noch den neuen Job.

So kam es, dass er sich mit gebremster Begeisterung  an die ihm zugewiesene Stelle, geschaffen zur Re­so­zialisierung von EODAS (ehemaligen obdachlosen Alkoholikern) begab.

So kam es.

 

Bei seinem Arbeitsantritt wur­de Heinz zu­nächst eine Uni­form gegeben- da fingen die Probleme an, denn seine Figur entsprach nicht den übli­chen Standart­grö­ßen.

Die meisten Hosen waren ihm an den Beinen zu lang und an den Hüften zu eng, die Schul­tern der dazuge­hörigen Jacken hingegen zu breit.

Man hat­te ihm dann eine Umstandsuni­form ver­ab­reicht, Status: achter Monat. Diese war ausgelegt auf schmale Schultern und kolossale Taille. Die von den Einkleiderinnen spöttisch genannte ‘zwei zu eins’ (damit war das Verhältnis der Größe zur Breite gemeint), passte ihm wie angegossen.

Heinz posierte, nachdem er sich die Uniform an­ge­zogen hatte noch einmal vor dem Spie­gel.

„Schick, siehste aus“, brummte er, strich seine bu­schi­gen Augen­brau­en zu­recht, kämmte sein übrig­ge­blie­benes Haarkränz­chen, at­me­te tief durch, ein letz­ter aufmunternder Blick in den Spie­gel zu sich selbst

-dann ging er los.

 

Ein U-Bahn Zug don­ner­te ein. Der Uni­form­trä­ger in dem Glas­ka­sten, der in der Mit­te des Bahn­stei­ges stand, schau­te nach links und nach rechts, die Tü­ren des Zuges öff­ne­ten sich.

„Schlesi­sches Tor“  brüll­te Heinz durch das unter ihm stehende Mikrophon, war­te­te eine hal­be Mi­nu­te, rief dann: „nach Warschauer Straße, ein­stei­gen bit­te“, und kurz darauf: „zu­rück­blei­ben.

Die Türen schlossen sich und mit leiser werdenden Rattern verließ der tonnenschwere Zug den Bahn­hof wie­der.

Heinz spür­te ein er­ha­benes Ge­fühl bei seiner mäßig be­zahlten Berufung, ein Gefühl der Macht, ein Kribbeln.

„Allet hab ick hier im Griff, murmelte er aufgeregt.

Selbst nach einer Stunde Genuss an diesem Zyklus ge­wöhnte er sich nicht an die sich immer wieder­holende Sequenz und an den Klang seiner verstärkten Stimme. Ein Zug fuhr ein, Menschen stiegen ein, Men­schen stiegen aus, der Bahnhof war mal leer, mal voll, seine normalerweise etwas quäckige Stimme klang hallig und dröhnend.

Jedem anderen Menschen wäre nun langweilig ge­wor­den, jeder andere hätte sich der Routine hingegeben und wäre in Gedanken zur Tagesordnung über­ge­gangen.

Alles hätte gut werden können.

Aber nicht bei Heinz Kruppke.

Er hatte ein Gespür für alles nicht Vorhersehbare, einen geradezu sechsten Sinn, für die Pannen, die die Welt bedeuten. Nachdem sich seine Aufregung zwar nicht gelegt, aber doch ein wenig gemindert hatte, wurde er auf ein Plakat aufmerksam, das gegenüber des Glas­häuschens hing in dem er stand.

Dessen Motiv begann ihn hochnervös zu machen.

Das Plakat zeigte ein Stalinähnliches Gesicht in Groß­aufnahme, mit einer BVG-Mütze und mit einem auf den Betrachter gerichtetem Finger. Es war wie das berühmte ‘Uncle Sam’ Plakat (we won´t you) gefertigt, Augen und Finger sind immer auf den Betrachter ge­richtet, ganz egal, in welchem Winkel sich dieser davor befindet. Der Blick dieses Gesichts hatte für Heinz et­was zutiefst Hypnotisches. Darunter stand in roter  Leuchtschrift:

Fahre nur mit gültigem Fahrschein!

„Na, da kannste aber mal sehn,“ knurrte Heinz.

Tatsächlich aber, konnte er sich der mahnenden Wir­kung dieses Gesichts nicht entziehen, und um nicht ständig anvisiert zu werden, blickte er in den Zeitab­ständen zwischen den einfahrenden Zügen auf den entlegensten Winkel des Bahnsteigs, den einzigen Punkt, wo er diesen ‘Kontrollonkel’ nicht im direkten Blickfeld hatte (und umgekehrt).

Die schöne Wirkung, das Gefühl der Aufwertung durch seine verstärkte Stimme war dahin, er wurde nun ner­vös und fahrig.

Als er wieder einen Zug abgefertigt hatte und mit ge­senkten Liedern in diese freie Ecke schaute, rasteten seine Pupillen plötzlich ein.

Denn in diesen letzten freien Blickwinkel, genau da hatte sich eine frühere Be­kanntschaft von ihm auf dem Boden platziert, ein alter Kollege aus Heinz’ Plastiktütendekade.

Pennerkumpel Humpel-Gustav.

Zerlumpt und verdreckt, mit abgetragener Schimanski-Jacke, vollbärtig und mit verfilzten langen Haaren.

Gustav eben.

Heinz´ Körper versteifte sich.

Na, det kann ja wohl nicht sein.

Verzweifelt drehte er seinen Kopf wieder weg, und sah ertappt diesem penetrantem Kontrollonkel in die Au­gen.

Er stellte seinen Blick auf unscharf und versuchte die ihn nun ereilende Angstattacke zu unterdrücken.

Und während er sich ganz krampfhaft darauf konzentrierte, nichts zu sehen, trat ein Mann an das Glashäuschen und stierte Heinz durchdringend an:

„Wä­ren sie bit­te so freund­lich, und sa­gen mir die Ab­fahrts- und An­kunftszeiten der nächsten fünf Me­tros”.

Der Mann war breit­schultrig und musterte Heinz mit aggressivem Blick.

Verdutzt starr­te er zurück.

Seine Unerfahrenheit in der Arbeitswelt machte ihm nun zu schaffen, der rosafarbene Teint seines Gesichts wech­selte ins Rot, er bekam Hitzewallungen und seine Hände fingen zu Zittern an.

Jeder andere Beamte der Berliner Verkehrsbetriebe hätte an dieser Stelle irgend etwas Unverständliches geknurrt.

Heinz jedoch schluckte und fragte: „Wat´n nu?

 „Die nächsten fünf Verbindungen will ich sofort wis­sen“ schwadronierte der Mann.

„Moment, da muss ick mir. . .“ murmelte Heinz. Der Mann wippte kurz mit den Fußspitzen, sah ihn an und schrie:

„Wie bitte?“

Hektisch zit­tern­d such­te Heinz´ Fin­ger am Fahr­plan herum, währenddessen fuhr mit drängelndem Quiet­schen eine U-Bahn in den Bahnhof. Ver­wirrt neigte er seinen Kopf zum Mikrofon.

„Sech­zehn und zwölf Uhr, sech­zehn und achtzehn Uhr, sechzehn und vierundzwanzig Uhr, das sind dann ge­nau“ er zählte mit den Fingern, „det sind genau einse-zweie-dreie-viere-fünfe-sechse. . .sechse und al­le sechs Mi­nu­ten“ Laut dröhn­te dabei seine Stimme aus den Stations-Laut­sprechern. Die Leu­te am Bahn­steig lachten laut auf.

Die Hitze in Heinz Kopf nahm zu und verzweifelt ver­suchte er sich die Krawatte zu lockern. Er schluckte, jedoch, es half nichts, der nächste Zug musste abge­fertigt werden.

Mit einem verzweifeltem Versuch, sich selbst zu beruhigen, ganz ruhig Heinz, du schaffst det schon, versuchte er seine Tätigkeit möglichst unbeirrt fortzusetzen.

„Scheiß Tor, zit­te burück-leibn“ rief er feucht in das Mikrophon.

Der ab­fahren­de Zug über­tön­te das ex­plosionsar­ti­ge Gelächter der An­wesen­den.

Jetzt stand Heinz’ ehemaliger Kum­pel auf und begann sich langsam hum­pelnd dem Glas­ka­sten zu nä­hern.

Der Mann, der den Fahr­plan nun in aller präziser Deutlichkeit vernommen hatte, tippte sich an die Stirn.

Heinz wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken, statt dessen stand er im vollen Rampenlicht und wusste nun überhaupt nicht mehr, wohin er seinen Blick schweifen lassen sollte. Als er den sich nähernden Penner Gustav sah, packte ihn das kalte Entsetzen.

Sechs Minuten hat­te er nun Zeit bis zum Ein­tref­fen des nächsten Zu­ges. Sein Blick wechsel­te zwi­schen der großen Bahn­hofsuhr und den schlur­fen­den Schrit­ten des  Säu­fers hin und her.

Was für ein Un­heil kommt zuerst?

Der nächste Zug, oder seine unver­dau­te dü­stere Ver­gan­gen­heit?

Mit je­dem Schritt des großen Se­kun­den­zei­gers der tickenden Bahn­hofsuhr wur­de er ner­vöser, und mit je­dem Schritt seines ehemaligen Pen­ner­kum­pels stieg Heinz Kruppke´s Blutdruck.

Wenn det mal gut geht.

Oben­drein jagte ihm der nicht ge­ra­de aner­ken­nen­de Blick dieses Plakats zusätzliche Angst ein.

Er schwitzte jetzt und lüf­te­te seine Müt­ze, er war sich sicher, dass der Dampf­druck sie ihm sonst vom Kopf heben würde.

Seine Fassung war dahin. Tapfer wartete er auf den Sieger des stummen Zweikampfs der schrecklichen Fügungen.

Der U-Bahn Zug gewann, denn die Bahn erreichte den Bahnhof, bevor Gustav an dem Zugab­fer­tigungs- Pavillon angekommen war.

Der gelbe Zug war voll mit ah­nungs­losen Passagieren und kam mit quietschenden Bremsen zum stehen.

„Schleschi­ses Tor, brüll­te Heinz.

„Ent­schul­di­gung, Schleschsss. . . Schle­schischee. . . Schle­schien- zum Tor von Warschau zu­rück­blei­ben.“

Jetzt kam der kalte Schweiß. Heinz fühlte, er hatte den Zenit der persönlichen Anspannung erreicht.

In diesem Augenblick knallte eine kleine Glasflasche auf die Holz­lei­ste un­ter dem Spre­cho­val des Glas­ka­stens.

Hum­pel-Gu­stav war an­ge­kom­men.

„Lass mir bloß meine Ru­he, . . . ick . . . bettelte Heinz schwach und mit einem Rest an Gei­stes­ge­gen­wär­tigkeit hat­te er seine schweißnas­se Hand von der Mikro­phon­ta­ste ge­nom­men.

Gustav schwenkte grinsend die kleine Schnapsflasche mit dem achteckigen Rettungskreuz vor Heinz Augen hin und her.

Heinz war alles zuviel. Er wusste nämlich: Auch dieser Zug musste (trotz allem) weiter abgefertigt werden, und er hatte keine Ahnung, was er zuerst tun sollte. Gustav stierte ihn erwartungsvoll an. Kruppke hatte keine Zeit für Diskussionen, nahm den Flach­mann an und behielt ihn in der Hand. Das war ein Fehler, denn seine Hand bewegte sich automatisch zu seinem Mund und geistesabwesend kippte er Gustavs gesamte Vor­mittagsration “Ex” in sich hinein.

Da­mit hat­te der nicht ge­rech­net. Gustav hätte ihm nur einen kleinen Freundschaftsschluck gegönnt. Erfasst von einem Anfall plötzlichen Futterneides trom­mel­te er mit bei­den Fäu­sten ge­gen die Glas­schei­be und schleuderte Heinz laut­stark einen „gierigen Suffkopp und eine „widerliche Kame­ra­den­sau”entgegen. Der wusste sich nicht an­ders zu hel­fen und drück­te seine Mikrophontaste. Aber er hatte nun plötzlich auch noch einen Frosch im Hals:

„Flaschen. . . verlassn sie . . . Hr chrmm. . Ver­la­ssen sie so­fort die. . . äh. . . die  . . .. . .dieses. . .schlesch. . .schleschisch. . . diesen Platz. Zurückgehen.“

Die nächste U-Bahn pas­sier­te den nun mit­tler­wei­le mit grölenden Zu­schau­ern ge­füll­ten Bahn­hof.

„Eh. . chrm. . Tschulig. . .von. . .Schleschiss. . . .von schleschiess Bahnhof, ne Tor, . . .von. . äh. .  . schleschsss. . .. .  . zu Warschauer Stra . . . . .ach watt“, schurbelte Heinz mit verzweifelter Stim­me.

Der Schnaps zeigte nun seine Wirkung und statt des übli­chen: Zu­rück­blei­ben, sag­te er dann auch noch zweimal: „Halt! Stehen bleiben“

Diese simple Wortverwechslung veranlasste den U-Bahn­führer da­zu, seine Füh­rer­kan­zel wütend zu ver­las­sen um den Bahnhofaufsichtsbediensteten Kruppke zu fra­gen, ob- und was denn jetzt überhaupt los sei.

 

Was sich daraufhin ereignete, wurde dann später, im letzten Absatz der letzten Seite in dem letzten Akten­ordner der zwei­hun­dert Auf­klärungsak­ten ganz lapidar als: ´Menschli­ches Ver­sa­gen` vermerkt.

 

Humpel-Gu­stav hatte begonnen, in atemberaubendem Tempo zu dem U-Bahn Zug zu hum­peln und einen nie er­füll­ten Kind­heits­traum nach­zu­ho­len. Voll von ungebremster anarchistischerr Energie war er in das of­fen­ste­hen­de Füh­rer­haus der U-Bahn gestolpert und hatte in vo­ller Fahrt und rück­wärts den Bahn­hof verlassen. Der entsetzte Zug­führer war sehr un­ge­übt im U-Bahn Sur­fen und war, bei dem Ver­such doch noch mit­zu­kom­men, mit der Si­gnal-Ampel am Ende des Bahn­hofs kollidiert.

Humpel-Gustav, der wenig Ah­nung hatte, wie man einen U-Bahn Zug fährt, war zufällig an den entsprechenden He­bel geraten. Euphorisch, aber auch ein wenig verblüfft, wie kinderleicht U-Bahnfahren ging, „juhuh-te“ er laut aus dem Führerhaus und die Richtung war ihm sowieso egal.

Aber der infantile Säufer hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass der darauf­fol­gen­de Zug so nah ist, es fand sich für zwei U-Bahnen auf dem­selben Gleis keine Aus­weich­mögl­ichkeit auf den Schienen.

Mit un­vor­stell­baren Ge­knir­sche kollidierten bei­de Zü­ge.

 

Durch die Be­obach­tung der Ereig­nis­se, der aus­bre­chen­den Pan­ik un­ter den Zu­schau­er­mas­sen auf dem Bahn­steig und einem nicht zu un­ter­drücken­den Schuld­bewusstsein, hat­te Heinz sehr hef­tig und im­mer schneller geat­met.

 Seine Körperchemie reagierte. Der Alko­hol, sein zu stark mit Sauerstoff angereichertes Blut und dazu das in reichlichen Portionen ausge­schüttete Adrenalin gaben ihm den Rest.

Heinz be­kam einen Hy­per­ven­ti­la­tions­krampf und ver­keil­te sich so ung­lück­lich in dem vergasten Häuschen, dass er einen, der Si­tua­tion unan­ge­mes­senen, per­versen Ein­druck mach­te.

Er saß mit gespreizten Beinen und auf­ge­platz­ter Ho­se auf dem alt­mo­di­schen Dreh­stuhl des Glashäuschens, als sei er zu einer gy­nä­ko­lo­gi­schen Ope­ra­tion be­reit. Das Mikrophon, des­sen Sprech­ta­ste sich nun endgültig ver­klemmt hat­te, über­trug sein Rö­cheln ‘li­ve’ auf den Bahn­steig und auf Heinz’ Ge­sicht la­ger­te ein brei­ter und ver­klär­ter Ausdruck.

Doch niemand achtete auf seine fleisch­far­bene Un­ter­hose, denn auf dem Bahn­hof herrsch­te ein Trei­ben, das vielleicht mit dem Bu­siness eines torpedierten Ameisen­hau­fens ver­gleichbar ge­wesen wä­re. Die Passagiere der beiden Züge waren ziemlich durcheinander-

im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach einer Minute der Stille, in der nur Heinz´ verstärktes asthmatisches Röcheln zu ver­nehmen war, erhob sich leises Wimmern. Dann be­gannen die Menschen sich zu sortieren und dieses Wimmern steigerte sich zu einem lauten Wortschwall. Kinder fingen zu brüllen an, die Leute stritten sich um ihre Aktentaschen. Wie bei einer moslemischen Gebets­veranstaltung krochen die nach ihren Utensilien suchenden Fahrgäste am Boden herum und streckten ihr Hinterteil in die Höhe. Die Bahnhofsgäste die wegen Heinz` unfreiwillig komischen Sprachdar­stel­lung geblieben waren verließen diskret, aber durchaus befriedigt die Szene. 

Mehrere Waggons der beiden Untergrundbahnen hatten die Schienen um eine Handbreit verlassen, die beiden Zugenden sich ineinander verkeilt. Das Geräusch der heran­nahenden Rettungsfahrzeuge übertönte Heinz` grässlichen ‘Röchelsound’.

Er wurde in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht.

 

In Wirklichkeit war er gar nicht mehr ohnmächtig, der Krampf war bald vorbei gewesen. Aber Heinz traute sich nicht, die Augen zu öffnen. Er hatte verständ­licherweise Angst, sich dem Volkszorn auszusetzen. Außerdem war sein rechtes Bein eingeschlafen, so dass er sich nicht mehr ohne unerträgliche Schmerzen bewegen konnte.

Also wartete er mit zugekniffenen Augen ab, bis er von vier Rettungs­sanitätern in einen Krankenwagen verfrachtet wurde.

 

 

II

(sechs Monate später)

 

 

Einem neu­en Pro­gramm der Berliner Justiz und Irene, Heinz` Kollegin aus seiner Nie-wieder-Alkohol Gruppe hat­te er es zu ver­dan­ken, dass er ohne Vorstrafe blieb. Der verursachte Schaden war hoch. Dazu gehörten zwei de­mo­lier­te U-Bahn­züge, fünf auf Schmerzensgeld klagende Bürger und ein Sach­bear­bei­ter des Ar­beitsam­tes, der vorzeitig pensioniert wurde.

Gustav Prosedko (Humpel-Gustav), ein ehemaliger Atom-Physiker, erholte sich leider nie von diesem Unfall. Körperlich war der schwer alkohol­kranke Stadtstreicher zwar nahezu unversehrt geblie­ben, jedoch die Katastrophe hatte innerliche lange Schatten auf seinen ohnehin schon nicht mehr hellen Kopf geworfen.

 

Heinz` Pflich­tver­tei­di­ger hatte bei dem Versuch, seinen Klienten zu einer wahr­heits­ge­treu­en Zeu­genaus­sa­ge zu be­we­gen, im Ge­richtsaal einen schweren Ner­ven­zu­sam­men­bruch erlitten.

Der Satz: „Ne, Herr Richter, Ick gloob det war doch anders“ hatte sich in den organischen Festplatten der Anwesenden auf immer und ewig eingebrannt. Heinz Kruppke hat­te nämlich seine Schilderung des Tathergangs mindestens zwan­zig­mal va­ri­iert. Natürlich jedes Mal in der festen Überzeugung, die volle Wahr­heit zu sa­gen. 

Fünf Gerichts-Psy­cho­lo­gen lie­ferten fünf grund­ver­schie­dene Gu­tach­ten über Heinz` gei­stigen Gesundheitszu­stand.

Der Vorsitzende Rich­ter, ein Putz-Klient von Irene, war völlig verunsichert. Ihm schwirrte der Kopf von den medizinischen Fachbegriffen der psychiatrischen  Be­urteilungen.

Nach hinreichenden Überlegungen, wobei er dabei auch Irenes unersetzliche Putzkraft mit einbezog (ich putz gerne bei ihnen, richten sie bitte richtig, Herr Richter) entschied er sich für ein ungewöhnliches Urteil.

Heinz wurde als die er­ste Test­person bei einem neu­ar­ti­gen Rehabilitationsprogramm vorgeschlagen. Er wurde verpflichtet, an einer Therapie bei dem vom Wirt­schaftministerium geförderten Brain Scan Institut für posttraumatische Psychoreparaturen teilzunehmen.

Heinz kam jedoch zunächst einmal in eine Nervenklinik.

Dort wurden sodann auch gleich mehrere neuent­wickelte Psychopharmaka an ihm ausprobiert, Heinz war nun ein Wirtschaftsfaktor.

Apathisch lag er in seinem Bett und begann Alpträume zu entwickeln, die er weder Verstand, noch mit Verstand hätte ertragen können.

Ick träum hier ne scheiße, det hab ick in meinem schlimmsten Delirium mir nicht zusammengeträumt.

Wat machen die hier bloß mit mir.

Eigentlich wollte Heinz Kruppke kein Opfer sein, das hatte er nie vorgehabt, und er fühlte sich von außen in diese Rolle gezwungen, unfähig, sich den gesellschaftlichen Leistungserwartungen zu erwehren. Die Gesellschaft glich in seiner Vorstellung nun immer mehr einer Maschine, einer Maschine deren Aus und Einschalter weder er kannte, noch sonst irgendjemand anders zu kennen schien.

Jeden Tag kam eine Krankenschwester, machte ihm sein Bett, brachte ihm Frühstück und seine Tages­ration von zehn unterschiedlichen Pillen. Jeden Tag schlief er danach wieder ein und jedes Mal träumte er einen anderen haarsträubenden Alptraum. Sein Kopf schien wie halb mit Flüssigkeit gefüllt, und Heinz lebte von einem Tag auf den Anderen. Deutlich über ihm brannte eine hässliche Deckenleuchte aus Milchglas, die das Licht gleichmäßig auf die bananen­gelb angestrichenen Krankenhauswände verteilte. In Heinz Wahrnehmung veränderte sich der Raum in den Proportionen ständig, nur dieser nüchterne Leucht­körper nicht. Manchmal machte er kleine Späße zu der Krankenschwester.

“Ick hätt gern die gelben Tabletten von gestern, die schmeckten mir am besten”.

Aber das war es dann auch schon. Heinz war so voll­gedröhnt in dieser Zeit, dass er sich nie wieder an die Ereignisse erinnern sollte. Sogar die banalsten Alltags­dinge, wie: war ick nu schon uff dem Klo, oder muss ick noch mal, verschwammen völlig.

Obwohl er die meiste Zeit dieses Aufenthaltes im Bett verbrachte, reiste er doch ständig durch die buntesten Welten, die alle eine mattgläserne Decken­lampe zu haben schienen.

Jedoch, anpassungsfreudig wie Heinz nun mal war, nahm er es hin, ertrug die Zumutung mit stoischem Gleichmut und wartete auf die Dinge die noch kommen mochten. Der stärkste Eindruck seines Besuchs  bei Carl Bonhöffers Nervenklinik (Bonnie´s Ranch), das waren die katastrophalen Alpträume.

 

 

An der Seite eines uniformierten Sicherheits­beam­ten wat­schel­te Heinz weitere drei Monate später durch die Hal­len des Com­pu­ter­zen­trums.

„Ich freue mich, sie in un­serem For­schungsin­sti­tut be­grü­ßen zu dür­fen Herr Kruppke schallte ihm die gut geschulte Stimme eines großgewachsenen Na­del­streifbe­klei­de­ten Mannes ent­ge­gen. Ihm folgte ein Weißbekittelter, ziem­lich kleiner, son­nen­ge­bräun­ter Mit­vier­zi­ger (unheimlich drahtig), der Heinz in­tensiv über eine ver­gol­de­te Designerbril­le von un­ten mu­ster­te. Sein kleiner Kopf bewegte sich unablässig mit vogel­artigen Bewegungen.

„Es wä­re gut, noch ein­mal seine Kör­per­ma­ße abzu­neh­men. Aber sonst, . . . ansonsten se­he ich darüber hinaus keine Schwierig­keiten.“ Der Weißkittel wandte sich zu Heinz, blickte ihn über die Brille, die ihm an der Na­sen­spitze hing an und fragte gedehnt:

„Wa­ren sie schon bei einem Sprach-thera-peu-ten?

Heinz schau­te verdutzt.

„Glaub- ni. . . nicht“,stotterte er.

Der Weiß­kit­tel stöhn­te ein ab­wesen­des und langgezogenes: „Gut“.

„Tja gut, also gut“, der Na­del­streif klatschte laut die Hände zusammen, und man spürte, trotz seiner betont freundlichen Stimme, eine unterschwellige Aggression.

„Tja, also, ich freue mich jetzt schon auf un­sere Zu­sam­menar­beit. Sie wer­den bei uns er­le­ben, was in die­ser Dimen­sion noch kein Mensch zuvor er­lebt hat, er­leben durfte. Sie wer­den die Mög­lich­keit be­kom­men, ihr Le­ben noch einmal zu le­ben, zu wiederholen, und: SIE werden DAS mit­ma­chen, was wir hier bei uns ´Ti­me-re­pair` nen­nen.“

„Ahh,“ grunz­te Heinz, und ihm fiel auf, dass er schon seit  Jah­ren kein Fernse­hen mehr ge­se­hen hat­te. Er verstand überhaupt nichts.

Da stan­den sie ihm ge­gen­über, ein Manager im Na­del­streifenanzug, der so tat als ob er sich gerade wahnsin­nig freu­te, aber sein Unwillen war auf der vibrationalen Ebene deutlich zu spüren. Dazu der weißbe­kit­telte Wissenschaftler, der wirkte, als ob er schon drei­mal das ganze Universum durch­ge­rech­net hät­te, und als ob Heinz Kruppke die letzte für ihn  noch zu berech­­­­nen­de Mond­for­mel wä­re:

Ein lästiges Unterfangen, der letzte nervtötende Bau­stein einer endlos scheinenden Versuchsreihe.

Heinz sah von einem zum anderen.

Die beiden verabschiedeten sich und Heinz wurde in ein fensterloses Schlafquartier gebracht.

 

Nach einer mit Schlafmitteln gut ge­würz­ten, traumlosen Nacht wur­de er am nächsten Morgen mit einem Sympathietonwecker ge­weckt.

Eine ältere Da­me ra­sier­te ihn stumm im Gesicht und an den Händen. Heinz zit­ter­te hef­tig.

Kurz darauf führte man ihn in eine gut be­heiz­te große Hal­le dessen Wän­de mit dun­kelblau­em Samt­stoff be­spannt waren.

In der Mit­te der Hal­le stand ein Tisch, auf dem sich elek­troni­sche Ge­räte befanden, da­ne­ben ein drei Meter hoher Geräteträger. Dem gegenüber befand sich eine kreisrunde Plattform.

Der Weiß­kit­tel und der Na­del­streif ka­men auf ihn zu, mit ih­nen et­wa zwan­zig blasbl­au ­be­kit­tel­te und da­zu ein großes fahr­bares Ge­rä­te­ge­stell, auf dem sich bi­zarr aus­se­hen­de Din­ge be­fan­den.

„Wir set­zen bei ih­nen auf einen be­stimm­ten Über­ra­schungsef­fekt, des­halb wollen wir ih­nen noch nicht ge­nau sa­gen was wir vor­ha­ben, be­grüß­te ihn der Na­del­streif mit seinem beunruhigenden Pro­fi­lä­cheln,

„aber, sie wer­den se­hen, es pas­siert ih­nen nichts. Sie müs­sen nur hier diese Be­reit­schaftser­klärung un­ter­zeich­nen, ihr Ein­ver­ständ­nis so­zusa­gen 

Er hielt Heinz mehrere bedruckte Blätter unter die Nase. Ein aufwendig gestalteter Briefkopf zeigte die smaragdgrüne, holographische Darstellung einer mus­kulösen Männergestalt die an einem Zahnrad drehte. Dieses Zahnrad war unverkennbar unser blauer Planet. 

Heinz woll­te nicht unterschreiben. Er erin­ner­te sich an die Lebensversicherungspolice in Verbindung mit einem Zeit­schrif­tenabonne­ment, für das er be­reits vor zehn Jahren den Offen­barungseid ge­lei­stet hat­te.

„Wissen sie, ick unterschreib eigentlich überhaupt gar nix mehr“.

Es folgte eine kurze Diskussion und auf die Erwiderung des Na­del­streifs, nämlich zu der inneren Station der psychiatrischen Klinik zurückkehren zu dürfen, dieses Argument über­zeug­te Heinz. Er zitterte ungelenk seinen Namen auf das Formular.

Die Damen und Herren in weiß und blasblau leg­ten ihm Hand­schu­he mit vie­len Ka­beln an, die Strippen hin­gen wie Spa­ghet­ti an ihm herum, Geräte piepten, Bildschirme zuckten.

Eine halbe Stunde später wur­de ihm noch ein In­sek­ten­helm auf­gesetzt, mit etlichen Füh­lern am Kopf, er konn­te da­mit we­der se­hen noch hö­ren. Sie zo­gen den Helm wie­der herun­ter, der Weiß­kit­tel sah Heinz durch­drin­gend an und sagte mit Grabesstimme:

„Keine Angst Kruppke, es pas­siert ih­nen nichts

Heinz wur­de mul­mig zu­mu­te.

Na- ick hoffe, dachte er sich.

Sein Blutdruck stieg und die Beine fingen ihm an zu zittern. Er hat­te nun eine Höl­lenangst.

Sie setz­ten ihm den Helm wie­der auf, eine sachli­che Frau­en­stim­me schnarrte:

„Test­person Krrrruppke, Test 0001

„Wat´n nu sag­te Heinz noch, dann bleib ihm die Luft weg.

Er trau­te seinen Au­gen nicht.

Er stand plötz­lich auf dem Bahn­steig eines U-Bahn­hofs. Al­ler­dings, sahen al­le Din­ge et­wa so aus, als kä­men sie aus einer Tor­ten­sprit­ze, so rund, so glatt wie Ta­fe­lobst aus einer Lübecker Mar­zi­pan­werk­statt. Al­les war schön gerundet, keine har­ten Ecken, kein Schmutz, je­des Licht hat­te einen kla­ren Schat­ten, ein U-Bahn­hof: Mit Make up und ge­pu­dert.

Wie aus dem Nichts er­schienen plötz­lich Men­schen, al­le sehr schön, alle sehr sau­ber, so­gar Gu­stav.

„Gustav. . .“

Heinz er­kann­te plötz­lich mit Entsetzen, auf was für einem U-Bahn­hof er ge­lan­det war, oder gelandet sein sollte. Er verstand nicht, dass es sich hier um eine so­ge­nann­te Echtzeitsimulation han­del­te. Er hatte doch schon immer Schwierigkeiten gehabt, Realitäten zu akzeptieren. Heinz war, offensichtlich nicht in seiner, aber in einer rea­l exi­stieren­den Welt.

Ge­räu­sche setz­ten ein, der Com­pu­ter lie­fer­te ihm den kom­plet­ten, müh­selig programmierten Realitätsmix.

Heinz dreh­te sich, sah sich seine di­gi­ta­lisier­ten Hän­de an. Auch die wa­ren sau­ber, faltenlos, er hat­te blitzsau­bere kurzgeschnittene und polierte Fin­ger­nä­gel- das war ihm schon lan­ge nicht mehr pas­siert. Er mach­te ein paar Schrit­te, die Land­schaft wackelte so ko­misch, wenn er ging oder den Kopf bewegte.

Dasja´n´ding

Es schien ihm unmöglich, den Kopf ru­hig zu hal­ten, al­les schwank­te und wackelte, der so akkurat pro­grammierte Bahnhof erfuhr dadurch permanente Be­wegungsunschärfen.

Heinz schlug sich, wie das so seine Ange­wohn­heit war wenn er et­was nicht fassen konn­te, mit der fla­chen Hand an den Kopf, in diesem Fall an den Helm.

Das Bild brach kurz zu­sam­men und bau­te sich lang­sam, Scheib­chen­weise wie­der auf.

„Wat´n nu? Das kann ja wohl nicht sein mur­mel­te er und schlug sich noch mal an den Kopf, das Bild brach aber­mals zu­sam­men, aber da ver­nahm er schon eine hy­sterische und übergeschnappte Stim­me

„Las­sen sie das so­fort sein. Sein lassen. Ich sage SEIN LASSEN. Ich reiß ihm den Helm run­ter . . . aus­schal­ten, sofort, auf der Stelle ab­bre­chen!“

Bei Heinz verschwand das Bild, der Helm wur­de ihm abge­nom­men.

Der Weiß­be­kit­tel­te schien dem Wahnsinn na­he, völ­lig cholerisch brül­lte er Heinz an, er sol­le sich nie wie­der an den Kopf schlagen, er se­he doch, was da­bei pas­sie­ren kann.

Heinz be­kam Kreis­lauf­schwä­che, erst das Gewackel, dann das Geschrei, seine Beine gaben nach und er schaffte es gerade noch, sich auf den Bo­den zu set­zen. Der Weiß­­kit­tel sprang im Kreis herum wie Rum­pel­stilz­chen, rem­pel­te seine Mitarbeiter an und brüllte dazu mit überschlagener Stimme:

„. . .zwan­zig Jah­re, zwan­zig Jah­re Arbeit- und dieser, dieser . . . dieses . . . schlägt sich an den Kopf. Un­glaub­lich, einfach unglaublich.“

Ick gloob, jetz wird mir richtig schlecht.

Heinz´ Pupillen begannen sich magnetisch gegenseitig anzuziehen und er bekam diesen leichten Silberblick.

Nur der Na­del­streif bemerkte, dass etwas nicht stimmte, lä­chel­te vor­sich­tig und nahm ihn am Arm.

„Es ist Zeit für die Früh­stück­spause, er zog ihn hoch und sie gin­gen ganz,

-ganz vorsichtig aus der Hal­le.

„Die­se Un­ter­bre­chung war nicht ganz im Sin­ne un­seres Ex­peri­ments sag­te der Na­del­streif ernst zu Heinz. Er trank von seinem milchlosen Kaf­fee.

„Also, gut“, meinte er, nachdem Heinz überhaupt nicht darauf reagiert hatte, mit bedeutungsschwangerem Blick.

„Wissen sie, ich kann es ih­nen jetzt ver­ra­ten. Wir, das heißt unsere brainscan factory, wir  ver­tre­ten die Theorie, dass je­des trau­ma­ti­sche Er­leb­nis ein Selbst­bewusstseinsloch ent­ste­hen lässt, und mit die­ser Schuld be­la­stet, wird je­des normale Individuum zum Ver­lierer pro­gram­miert. Man befindet sich sozusagen im Wind­schatten des von sich selbst verursachten Unglücks, und hat deshalb keine Möglichkeit, den Bann des, wenn sie so wollen ´Pechs´, also des permanenten Versagens zu durchbrechen. Des­halb ver­su­chen wir mit un­serer Echt­zeitsi­mu­la­tion ei­nen Zu­stand der Wie­der­gut­ma­chung zu simulieren, also durch die ganz gezielt auf per­sönliche Erlebnisse zugeschnittene, therapeutisch an­gelegte Problemsimulationen, ihre Selbstachtung wieder­her­zustel­len. Das ist unser Ansatz. Wir haben in einer gigantischen Tierversuchsreihe damit schon be­acht­liche Erfolge erzielen können. Was hal­ten sie da­von?“

„Hm. Ach. Ja, jaaa, kann ick ihnen aber jetzt so nix zu sagen

„Schön. Gut. Auch gut. Ich möch­te sie aber bit­ten, als ihren kleinen Beitrag zur Mitarbeit, un­sere In­stru­men­te so vor­sich­tig wie mög­lich zu be­han­deln“.

„Ach? Ha. . .Ha­b ick wat ka­putt­ge­macht? Ick hab das nicht absichtlich . . . echt nicht, ick meine. . .

„Nein, nein, ja, nein, ist ja schon gut.

Sie schwiegen.

Heinz kaute mechanisch auf dem sterilem Schinkenbrötchen herum.

Sie schwiegen weiter, der Nadelstreif beobachtete ihn. Als Heinz sein Frühstück endlich hinuntergewürgt hatte gin­gen sie wie­der zurück in die Hal­le.

Der Weiß­kit­tel hat­te immer noch einen hochro­ten Kopf und presste die Lip­pen zu einer dünnen Linie zu­sam­men. Seine Kaumuskeln arbeiteten ohne Unterlass.

Die Gar­ni­tur wur­de Heinz wieder an­ge­legt, der Helm wur­de ihm auf­gesetzt, es ging wie­der los.

„Test­person Krrrruppke, Test 0002

Aber­mals die­ser blitz­sau­bere U-Bahn­hof. Auf Heinz kam nun eine au­ßer­ge­wöhn­lich hüb­sche Blondine zu, ein flie­ßen­des Lä­cheln schim­mer­te auf ih­rem fal­ten­losen Ge­sicht.

Ihm stock­te der Atem, er fühl­te sich von der drei­di­mensiona­len Co­mic-Fi­gur er­regt. Sie hatte eine wahnsinnige Oberweite und eine Superwespentaille. Sogar Dolly Buster hätte daneben blas und flachbrüstig ausgesehen. Der Programmierer musste eine krankhaft veranlagte Phantasie gehabt haben, mit so einem gigantischen Vorbau würde man im realen Leben keinen Türrahmen passieren können.

„Einen wun­der­schönen gu­ten Tag, lie­ber Kol­le­ge, ich bin deine As­si­sten­tin“.

Das Was­ser lief ihm im Mun­de zu­sam­men. Eine As­si­sten­tin. Und nicht im Traum, in echt.

Det glaubt mir wieder kein Mensch.

Eine U-Bahn fuhr ein, freund­lich lä­cheln­de Fahr­gä­ste stie­gen aus.

„Hei Heinzsag­ten ih­re wohl­klin­gen­den Stim­men als sie an ihm vor­über­gin­gen. Die Pro­gram­mierer hat­ten über­trie­ben, so­gar die Zü­ge bil­de­ten mit ih­ren Schein­wer­fern und An­kop­pe­lungs­ha­ken ein freund­li­ches Smi­ly-Ge­sicht.

Heinz setz­te sich mit seiner As­si­sten­tin in das Glas­häu­s­chen. Sie wandte sich an ihn und gurrte mit sti­mu­lieren­der Stim­me, während ihr digitaler Busen rhythmisch waberte:

„Nun kannst du die An­sa­ge ma­chen, du hast so­viel Zeit du brauchst, nimm dir die Zeit. Und denke dran, mein lieber Heinz erst das SSS und dann das SCH“

In diesem Mo­ment erin­ner­te sich Heinz an damals, an die glück­li­chste Zeit seines Le­bens, als er noch bei sei­ner Mut­ter ge­wohnt hat­te. Sie war auch immer nett (und lieb) zu ihm ge­wesen und soweit er denken konnte hat­te er sich um nichts küm­mern müs­sen. Er leb­te damals faul und un­be­schwert, denn sie hat­te bis zu seinem vier­zig­sten Le­bens­jahr für ihn ge­sorgt. Ein kind­li­ches Lä­cheln husch­te ihm übers Ge­sicht, er sag­te: „Klar, Püp­pi,“ so hat­te er sie im­mer ge­nannt, „det mach ick.

Die Assistentin klimperte mit den Wimpern, in ihrem Ausschnitt pulsierte es nur so.

Er mach­te sich dar­an zu spre­chen, ein wenig verwirrt war er zwar schon-

Sleschisesch Tor, wie soll ick ´n det aussprechen,

aber Heinz war sich sicher, das nun zu schaffen.

Er sah sich um und erblickte das Mikrophon.

Die Original Sprech­taste des Wär­ter­häus­chens war in der Si­mu­la­tions­hal­le na­tür­lich so nicht vor­han­den, und des­halb war der Si­mula­tor so pro­gram­miert, dass die­se Ta­ste eine der Ta­sten auf dem Com­pu­ter­ter­minal sein soll­te.

Heinz bewegte sich zu der Tastatur hin, für die kurze Distanz fehlte ihm ein kleiner Schritt. Da jedoch sein Geschlecht begonnen hatte sich aufzurichten und an­fing, sich kraft- und schmerzvoll in Heinz Hosen Platz zu verschaffen, wurde dieser eine kleine Schritt von ihm zu einem großen Rückschritt für alle anderen Anwesenden. Die Hose, die er trug, war ihm nämlich im Schritt ohnehin schon etwas zu eng, aber mit seiner aufstrebenden Kühlerfigur war es ihm nun unmöglich, vernünftige Schritte zu machen. Er stolperte in Richtung der vermeintlichen Sprechtaste und wäre wohl hinge­fallen, wenn der Geräteschrank mit dem Hochleistungs­rechner nicht seinen Sturz aufgehalten hätte. Mit einem Ächzen neigte sich der zwei Meter hohe Geräteturm. Die entsetzten Blicke der zwanzig Techniker und Computerspezialisten konnten dessen Fall bedauerlicherweise nicht bremsen. Handlungsun­fähig versuchten sie, den Turm zu erreichen, wie in Zeitlupe und mit offenen Mund beobachteten sie, wie die beiden Server aus ihren Fächern rutschten, auf den harten Boden knallten und der große Geräteträger sich darauf legte. Die Illusion, am Fall der Dinge etwas ändern zu können, diesen kurzen Augenblick der Hoff­nung den alle Anwesenden von brainscan eine Milli­sekunde lang hatten, diese Illusion wurde durch das knallende Geräusch des auf dem Boden aufschlagenden Turms beendet.

Das schöne Ge­sicht von Heinz’ As­si­sten­tin wur­de eckig an den Kan­ten, ih­re Ge­sichts­far­be wur­de Neon­rosa, wechsel­te um ins Froschgrüne bis sie schließ­lich Neon­gelb wur­de, ih­re blon­den Haa­re fehl­ten, der gan­ze Kopf fehl­te, so, dass Heinz er­neut den tragischen Tod einer Mut­ter­fi­gur mit­ma­chen musste.

Nun be­gann auch noch der U-Bahn­hof seine Far­ben und Pro­por­tio­nen zu ver­än­dern, mal schrill, mal braun, mal lang­ge­streckt zer­flie­ßend. Ein Si­mu­la­tions­pro­gramm der Flugsicherung mischte sich da­zu und Heinz flo­gen die Dü­sen­jets um die Oh­ren. Die Assistentin tauchte wieder auf, wie aus dem nichts, ihre Brüste wuchsen ins unermessliche und explodierten dreidimensional in Heinz Gesicht.

Na det is ja nu ´n echter Hammer.

Die Kombination von Laut und Bildsi­mu­la­tion funk­tio­nier­te aber noch. Nach der drit­ten Explosion und einem Düsenflugzeug, das mitten durch seinen Kopf zu flie­gen schien, hatte Heinz lin­kes Trom­mel­fell beschlossen aufzugeben. Zer­teil­te Com­pu­termen­schen kon­kur­rier­ten mit U-Bahn­zü­gen auf Beinen, die Schäch­te dreh­ten sich, ein gelber einzelner Busen spiel­te U-Bahn, Hum­pel-Gu­stav hat­te acht Beine, Heinz sah so ziem­lich das Absurdeste, was ein Mensch je so ge­se­hen hat­te.

Mit einem Hochfrequenzton, den er nur noch Mono er­fas­sen konn­te, stürz­te das Pro­gramm end­gül­tig ab, ein grau­es Nichts blieb übrig und Heinz ver­nahm nur noch das hy­steri­sche Gezeter des Weiß­kit­tels.

Man nahm ihm den Helm ab, ei­lig mon­tier­ten die As­si­sten­ten ihm die Hand­schu­he und Elek­tro­den ab, der Weiß­kit­tel zap­pel­te herum, so et­was hat­te Heinz noch nie gese­hen.

Einer der As­si­sten­ten konn­te sich ein ver­schwöreri­sches Grinsen an ihn nicht ver­knei­fen.

„So eine Schei­ße, so eine ver­damm­te, . . . mur­mel­te der Na­del­streif.

„Das darf nicht wahr sein, das gibt es doch gar nicht. . . mein Pro­gramm. . . das zah­len sie. . ih­re v-v. . .v. . .Ver­si­cherung, die wird sich. .freu­en. . . ver­kla­gen. . .ich werd sie alle ver­kl. . .verkl. . .la­gen dass sie wie­der mit F. . . F. . .FPf. . .pfpfpfp dudu ddd dudu durch die UUUUU U-Ba ba bababahn­schäch­te mümümümü. … “.

Zwei der mit blauen Kitteln bekleideten Ingeneure nahmen den zuckenden Weißkittel am Arm und führten ihn mit beruhigenden Worten hinaus.

„Jetzt verstehe ich endlich den Namen brainscan“, mit dieser trockenen Bemerkung brach einer der Assisten­ten die darauffolgende Stille.

Heinz wur­de aus der Hal­le ge­bracht, der Na­del­streif nahm ihn am Arm und brach­te ihn wie­der in seinen Schla­fraum. Dann ver­schwand er kurz und kam mit zwei Glä­sern Saft wie­der.

„Trin­ken sie das erst mal, dann wer­den sie sich wie­der be­ru­hi­gen.

Er trank selbst seinen Saft in einem Zug aus, Heinz tat es ihm nach und wur­de au­genblick­lich mü­de.

„Das Ex­peri­ment ist bedauerlicherweise nicht ganz so ver­lau­fen, wie wir uns das vor­ge­stellt hat­ten sag­te der Na­del­streif mit einer Stim­me die sich von Wort zu Wort im­mer wei­ter weg an­hör­te.

„Sie sind tatsächlich in der La­ge, an­dere Men­schen in au­ßer­ge­wöhn­li­che Si­tua­tio­nen zu ver­set­zen“.

Und aus zwei Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung:

„Die Be­geg­nung mit ih­nen, wird für mich eine sehr schicksalhafte Be­geg­nung sein, glau­be ich. . .“.

Heinz fiel in einen schwar­zen Schacht..

 

Er er­wach­te wie­der in einem Ein­zel­zim­mer der Spezialklinik für Neurologie, sein Kreis­lauf war so schwach, dass er sich kaum be­we­gen konn­te. Sein Bett war wie ein Kin­der­bett an der Sei­te ver­git­tert, ein Ärz­te­team stand vor ihm.

„Aha er wird wie­der wach, wur­de auch langsam Zeit”“

„Ach, ausgerechnet bei der Visite, na das ist ja bemerkens­wert. Wie geht’s ihm denn

„Blutdruck nie­drig, aber so was kommt bei ehe­ma­li­gen Alkoholikern im­mer mal vor. . .Puls mittelschwach das ist aber noch im Be­reich der üblichen To­leran­zen, Blut­wer­te, das Le­ber­problem, hab ich aber auch schon schlim­mer er­lebt Herr Professor, leichte po­si­ti­ve Ten­den­zen bei der Pan­kreas.“

„Wie ist denn ihr psy­chi­scher Zu­stand“

„Hä ?“

„Füh­len sie sich noch depressiv?“

„Depp. . .wat ?“

„De­pres­siv, ob sie noch de­press. . .geht’s ih­nen gut, ha­ben sie Alb­träume gehabt?“

„Öh, bestimmt.“

„Ich glaub er ist noch nicht ganz da, ma­chen sie mal den Pu­pil­len­test.“

Einer der Ärzte leuch­te­te ihm in die Au­gen, Heinz zwin­ker­te hef­tig

„Nein, er ist ganz da, Herr Professor.“

„Na es ist be­stimmt so­wieso schwierig, das er­for­der­li­che aus ihm rauszu­krie­gen, bei der Topo­gra­phie ha­ben wir einen Trom­mel­fell. . äh eine Perforation fest­ge­stellt, ver­mut­lich durch diesen Kopfhörer“.

„Tja, so was pas­siert eben, wenn man mit der menschli­chen Psy­che heru­mex­peri­men­tiert, also, schrei­ben sie einen Be­richt. Der ar­me Kerl.

So, passen sie auf: das Ohr, das heißt perforiertes Trommelfell her­vor­geru­fen durch akustische Über­ka­pazi­tät, zweipro­zen­ti­ger Mus­kel­schwund, ver­ursacht durch ein dreitä­gi­ges Ko­ma, die da­mit ver­bun­denen Kreis­lauf­schwä­chen, ex­tre­me psy­chi­sche Be­la­stun­gen, da­durch ver­min­der­te Reak­tions­bereit­schaft, tja, wir wer­den es die­sen Com­pu­ter­stüm­pern schon zei­gen, mit ih­ren haus­backenen Psy­cho­lo­gieme­tho­den, ein Ödem am Mit­tel­fin­ger, her­vor­geru­fen durch nicht pas­sen­de Ex­tre­mi­tä­ten-pro­thesen  -wie kann man denn noch da­zu sa­gen, schauen sie sich doch mal seine Hand an mein lieber Kol­le­ge, al­les vol­ler Was­serblasen von die­sem Hand­schuh, . . äh. . nicht reparabler psy­chi­scher Scha­den, und schrei­ben sie: Schlim­me langanhaltende De­pres­sionen und destabilisierte Personalita ecetera ecetera, da­mit er mit dem Schmerzensgeld was an­fan­gen kann.“

„Aber er hat doch. . .“

„Ich bin viel­leicht alt­mo­disch, aber das hat uns ge­ra­de noch ge­fehlt, dass die­ses verrückte, neureiche arrogante Com­pu­ter­pack uns rein­pfuscht. Mir reichen schon die ganzen Heilpraktiker und diese Esoterik-Quacksalber.

Ja, ich weiß, er hat unterschrieben, aber mit der illegalen Verabreichung von gefährlichen Betäubungsmitteln, dafür hat er nicht unterschrieben und damit kriegen wir sie am Arsch. Ma­chen sie den Be­richt fer­tig, da­mit ich und die­ses Wrack. . .äh. . .Herr Kroppske, da­mit wir das bei­de un­ter­schrei­ben kön­nen.

„Kruppke heißt er, Herr Professor“.

„Auch gut. Na bitte, da machen wir einen Vergleich, verstehen sie, keine Gerichtsverhandlung.

Wir regeln das schon für sie, da kön­nen sie sich eine schöne Ur­laubs­reise ma­chen von, mein lieber Herr Krupps, wird al­les be­zahlt, quasi auf Rezept, ich werd ih­nen schon hel­fen, aber vor allem diesen Computerheinis, da kön­nen sie ganz be­ru­higt sein, ja, da kön­nen sie ganz be­ru­higt sein. Also, gute Besserung.“

Sie zo­gen al­le wie­der ab.

Ur­laubs­reise schoss es Heinz durch den Kopf, so was hat­te er noch nie ge­habt, er wür­de eine schöne Ur­laubs­reise ma­chen, eine schöne Ur­laubs­reise. Er wie­der­hol­te es noch drei­mal und wusste nicht was er sich darun­ter vor­stel­len soll­te.

„Urlaub“ sagte er noch laut, nur um festzustellen wie dieses Wort aus seinem eigenen Mund schmeckte..
­

III

 

(Einen Monat später)

 

„Wat’n nu frag­te Heinz, als der Bo­den un­ter ihm beb­te und um ihn herum al­les ächz­te und knack­te. Es hob ihn kurz aus dem Ses­sel, er fing sich wie­der.

„Please stop smo­king and fa­sten yo­ur seat belt, for a mo­ment,“ kratzte es aus dem Decken­laut­spre­cher.

„Wat,“ frag­te Heinz, als die Flugbegleiterin schon an­ge­eilt kam, um ihm den Si­cher­heits­gurt an­zu­legen.

„Dit is nur wegen de­ne Tur­bos mein­te sein Nach­bar und Heinz starr­te ihn Ver­ständ­nis­los an.

 

Nach einem Rechtsstreit zwi­schen der Ärz­tekammer und Brainscan hat­te Heinz eine Ent­schä­di­gung erhalten. Außerdem wurde ihm ein sogenannter Erlebnis­urlaub genehmigt. Das war zum einen eine neue Therapie um Psychosen zu heilen und zum anderen eine Absicherung dafür, dass Heinz über sein letztes Erlebnis vor der Presse nicht auspacken konnte.

Auf die Emp­feh­lung des Pro­fessors der Kli­nik hin, hat­te er sich so­fort in ein Rei­se­büro be­ge­ben. Gemäß der Genehmigung von Heinz Betreuungsstelle für ehe­malige Suchtkranke durfte er ir­gend­wo­hin wo es schön und warm ist.

Da Gran Canaria ausgebucht war, wusste er zunächst nicht was er machen sollte. Rotraud, die Kollegin seiner Nie-wieder-Alkohol Gruppe, hatte schließlich die Idee, dass das ´Lächeln Buddhas´ das Beste für Heinz wäre und hatte ihm Thailand empfohlen. Er bekam eine Wo­che spä­ter einen Flug in den Tigerstaat. 

Und so saß er nun in einem Bums­bom­ber nach Bangkok.

Heinz schau­te aus dem Fen­ster, sah, wie die Trag­flä­che zit­ter­te und drehte den Kopf in der gleichen Neigung, wie sich der Rumpf des Flug­zeugs bog.

Hoffentlichhältdettding.

Zu dem Vor­ge­schmack von To­desangst im Mund, den er bekam, gesellte sich noch ein ganz an­deres Pro­blem.

Wäh­rend er ganz krampf­haft seinen Kaf­feebecher um­klam­mer­te, trank sein Nach­bar aus einer Whis­ky­fla­sche und Heinz hat­te einerseits Übelkeit im Magen und andererseits den Ge­schmack von fri­schem saf­ti­gen Whis­ky auf der Zun­ge.

Er schau­te aus dem Fen­ster, zu der wackelnden Trag­flä­che und in das schwar­ze nächt­li­che Nichts hin­aus.

Das Flug­zeug pas­sier­te ein weiteres Luft­loch.

Heinz Blick ging nach vorn, der In­halt seines Kaf­fee­be­chers blieb in der Luft hän­gen. Er ver­such­te noch ihn auf­zu­fan­gen, fuch­tel­te verzweifelt mit dem Be­cher herum, aber die hei­ße Flüs­sig­keit lan­de­te un­ver­meid­lich auf seinem Ober­schen­kel.

Heinz` Nach­bar fand das Wahnsin­nig ko­misch.

„Hä  hä. . .Da musste aus der Fla­sche trinken Kum­pel.

Währenddessen wog­te und tob­te es im Flug­zeug. Pas­send zu den Tur­bu­len­zen lief auf dem Bord­vi­deo Ram­bo (Teil sieben) und die Pas­sa­giere klopf­ten sich auf die Schen­kel vor Ver­gnü­gen, bei je­dem To­ten brüll­ten sie ‘Ole’.

Dann kamen zehn Luftlö­cher hin­tereinan­der, fast alle Passagiere stießen mindestens einmal mit dem Kopf an die Decke und es wur­de still im Flug­zeug.

Heim­lich und dis­kret wur­den die Notfalltaschen für Körperliches Unwohlsein aus den Sitz­ta­schen ge­holt. Eine kol­lek­ti­ve Um­ver­tei­lung des Aben­des­sens fand statt.

Die Turbulenzen hör­ten nicht auf, und die  Flugbegleiterinnen sam­mel­ten in blau­en Müll­säcken die ora­len Ex­kre­men­te der Bord­pas­sa­giere ein, verteilten neue Kotztüten, sammelten sie ein und so weiter.

Sie­ben Stun­den spä­ter lan­de­te der Flie­ger mit den  leichenblassen In­sas­sen in Bangkok. Die Kar­ne­vals­stim­mung hat­te sich abge­kühlt.

„Dit war ‘n Flug. . . mein­te Heinz Nach­bar.

Heinz stieg aus, mit einem mul­mi­gen Ge­fühl im Bauch. Ein­mal von dem an­stren­gen­dem Flug und zum An­deren, weil er sich noch nie au­ßer­halb mit­tel­euro­päi­scher Brei­ten be­wegt hat­te.

Mit zit­tern­den Knien schleppte er sich durch die Gang­wayröhre.

Der Nach­bar aus dem Flug­zeug schlenderte an seiner Sei­te.

Er war grö­ßer als Heinz und kräf­tig. Im Ge­gen­satz zu Heinz hat­ten sich bei ihm fast al­le Haa­re am Kopf ge­hal­ten, nur sein Ge­sicht wirk­te vom Al­ko­hol stark an­ge­schla­gen, es war so rot und un­re­gel­mä­ßig wie das leuchtende Hinterteil eines Primaten. Er hieß At­ze.

„Ick heiß Atze und ick bin Atze, oder umgekehrt, kannste mir auch als Bruder sehn, verstehste“

At­ze war Abwassermeister, Vor­ar­bei­ter, Tür­ken­beauf­trag­ter wie er selbst seine Tä­tig­keit be­zeich­ne­te.

Heinz beschloss, sich ihm erst mal an­zu­schlie­ßen, zu­mal sie in Bangkok das glei­che Ho­tel ge­bucht hat­ten.

Sie wollten mit dem Ta­xi zum Ho­li­day Inn.

Beim Ver­las­sen des kli­ma­tisier­ten Flug­ha­fens schwappte ih­nen die Tro­penhit­ze ent­ge­gen, und Heinz erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, seine lan­ge Angora-Un­ter­hose anzulassen.

Schwit­zend sa­ßen sie eine hal­be Stun­de spä­ter in einem schrottreifen Ta­xi, At­ze hat­te es sich nicht nehmen las­sen mit den Fah­rern einen Schnäppchen-Preis aus­zu­han­deln. Heinz bekam allmählich Angst um­zu­kip­pen und später irgendwo anders wie­der auf­zu­wa­chen.

„Du brauchst noch die rich­ti­gen Kla­mot­ten, so kann­ste auf gar keinen Fall rum­lau­fen sag­te At­ze, der im Flug­zeug schon sein Ha­wai-Hemd an­ge­legt hat­te. Er ließ das Ta­xi kurz an­hal­ten und kauf­te Heinz ein T-Shirt, mit dem Aufdruck: No Pro­blem, und Ber­mu­da Shorts, Grö­ße XXL.

Sie gingen zum Essen in ein Restaurant.

Atze bestellte für Heinz irgendein Gericht mit fried Rice[1], ein Coconut Curry, Heinz hatte großen Hunger, hatte er doch im Flugzeug nichts gegessen. Er nahm gierig einen vollen Löffel der weißlichen Suppe mit einem Stück Hühnchen. Aber es wäre schlauer gewe­sen, zuerst mit der Zungenspitze zu probieren, denn das Essen war gut gewürzt. Atze hatte es Sadistischerweise spicy  bestellt.

Heinz bekam prompt Kreislaufschwierigkeiten, Schwei­ßan­fäl­le, und er biss sich zu allem Unglück beim panischen Reis- nachessen auch noch eine Plombe auf. Atze wollte sich ausschütten vor lauter Lachen, Heinz spülte seine kalte Cola runter und be­kam augenblicklich heftige Zahnschmerzen.

„Meime Blombe is im Eima burbelte er, und Atze fiel fast vom Stuhl vor Lachen, als hätte Heinz gerade einen schweinischen Witz von sich gegeben.

Er hielt sich die Wange mit schmerzverzerrtem Ge­sichtsausdruck.

Atze, der sich schnell wieder gefasst hatte, kannte zu­fällig einen Zahnarzt. Den Besten den es gab- natür­lich. Er hielt mit Daumen und Zeigefinger seine Ober­lippe weg, und zischte Heinz zu:

„Hier, allesss schäketkronen . . .aahh, nd billich, ´is ´chriegste bei uns nich,“ er sprach normal weiter,

„hab ick ma für nen Appl nd ‘n Ei machn las­sen. Dit is der Beste den et gibt, Loi Jong heißt der Mann“.

Heinz war egal wie bil­lig. Er woll­te nur noch die­sen Schmerz los­wer­den, der ihm wie eine Na­del ins Ge­sicht stach.

Sie fuh­ren mit einem Ta­xi zum Zahn­arzt. Auf dem Weg nah­men sie noch einen Dol­met­scher mit, den At­ze eben­falls kann­te.

Jo nann­te sich der Dol­met­scher, er be­grüß­te At­ze freund­lich und oh­ne jed­we­de Zu­rück­hal­tung.

„Hel­lo Mi­sta At­see, ni­ce to see you, how do you do”.

„Na you, you Asian smart-as, ha­hah, don’t tell me this ni­ce-to-see-you Quatsch, you ha­ve to trans. . .äh. . . at the den­tist.”

Sie ka­men zu dem Zahn­arzt, der un­weit des Hil­ton Ho­tels seine Pra­xis hat­te.

Erstaun­li­cher­weise ver­füg­te Loi Jong über eine rich­ti­ge Zahn­arztfol­teraus­rü­stung nach west­li­chem Stan­dart. Heinz zit­ter­ten die Knie, er hat­te früher schon so man­chen unan­geneh­men Zahn­arzt­besuch ge­habt.

Er setz­te sich auf den Stuhl, Loi Jong ließ ihn langsam nach hin­ten kip­pen. Servomotoren brumm­ten.

In Heinz Blick­fang kam die ris­si­ge Zim­mer­decke und ein Kli­maan­la­gen Lüf­­tungs­­git­ter, an dem lan­ge schwar­ze Fett­staubfä­den tanz­ten. Klack, klack mach­ten die vollverchromten In­stru­men­te die sich der Zahnarzt auf das Beistelltischchen legte.

Ach du Scheiße, ick hab ja so nen Bammel. Na,wenn det mal gut geht. . .

Das Ge­sicht von Loi Jong tauch­te von rechts auf, dann von links At­ze und schließ­lich noch der Dol­met­scher.

Heinz mach­te vor­sichts­hal­ber den Mund auf.

„Oh, hang ga scha woi sa­wat di sghoi di”

„He says, that it looks not real­ly good, but he means: for him it is no pro­blem

„Er scheckt dit al­let, da jibt et kenn Pro­blem“.

Heinz mach­te den Mund wie­der zu und schluck­te.

„hong ga schow”

„Please open again

„Mach dein Maul noch mal auf, Heinz“

Loi Jong nahm die ty­pi­sche kleine Na­del vom Tisch, und begann damit an Heinz Zäh­nen herumzu­sto­chern. Er mur­mel­te da­bei, es wur­de aber nicht über­setzt.

„nong so sa bong olo rong sa sooo, ra na­ga sba da­wong  sa­doii”

Der Dolmetscher misch­te sich da­zu.

„sang naaa. .sa. . .at­seio. . .fa­ran­go bis­si. . .”

Bei­de lach­ten und amü­sier­ten sich präch­tig.

Heinz ver­such­te was etwas zu erwidern, daraus wurde jedoch lediglich ein: „Gn gnu

Da sto­cher­te Loi schon in seinem Loch und er mach­te nur:

„ui­iiiaaaahhh.

Die Thais lach­ten.

At­ze lach­te.

Loi kam mit einem Boh­rer und sag­te:

„Loi song na gan­ga sa­ra­bong di wong”

„May­be it hurts a litt­le bit now, but we Thais do not use narcotic, it is on­ly for a short ti­me”

„At abn ie esagt At­ze

„Dit is nicht so wich­tig Heinz

Der Boh­rer fräste sich in Heinz’ wei­chen Zahn­schmelz, er woll­te noch was sa­gen, da kam schon der Ab­saug­schlauch und er gab sich seinem Schicksal hin. Er ver­such­te noch an et­was Schöneres zu den­ken als an den Schmerz, jedoch der Boh­rer dröhn­te in seinem Schä­del.

Heinz wusste auch gar nicht wo der Zahn­arzt hin­bohr­te, es war die fal­sche Sei­te. Aber er konn­te sich nicht mehr ver­ständ­lich ma­chen. Jedes Wort wäre eins zuviel gewesen. Loi Jong bohrte und bohrte, er benutzte Bohrer mit verschiedenen Körnungen, die feinen pfiffen und verursachten eher ziehende Schmerzen- die grobkörnigen Bohrer vibrierten im Kopf wie die Flug­zeuge einer Echtzeitsimulation. Der Asiat bewegte seine Hände geschickt und mit unglaublicher Ge­schwindigkeit. Mit der einen Hand hielt er Heinz Unter­kiefer und dem Absaugschlauch- mit der anderen griff er fix nach den jeweiligen Instrumenten. Nach der Bohrprozedur und einer Pressluftattacke, bei der Heinz zwischendurch immer „ahangh ahangh“ machte, klei­ster­te Loi den auf­ge­bohr­ten Zahn zu.

Heinz durf­te spü­len. Lan­ge ro­te Fä­den spuck­te er aus, er musste mit dem Fin­ger nach­hel­fen, dass sie abris­sen.

Es ging wei­ter, er prote­stier­te schon, aber zu spät, der Ar­beitsei­fer des Asia­ten kann­te nun keine Gren­zen mehr.

Er klemm­te ihm nun fast den Mund auf, und mit einem wei­teren houi soiund ir­gend­was hol­te er eine Zan­ge her­vor.

„Ang ing dang gang pro­te­stier­te Heinz, doch er wur­de fest­ge­hal­ten von At­ze und dem Dol­met­scher. At­ze mein­te: „Janz ru­hig Heinz, dit is schon okee, der Mann weiß genau wat er tut.

Loi fuhr mit der Zan­ge in Heinz Mund, er spürte wie der ganze Schädelknochen vibrierte, Loi zog, und zog ihm knir­schend eine sünd­teure Krone vom Zahn weg.

Ver­blüfft hielt er sie hoch und Heinz sah, wie al­le drei sich für einen kur­zen Mo­ment an­starr­ten.

„Ach du dicket Ei,“ rief Atze aus.

Heinz schloss die Au­gen. Er wusste, dass er nun das unwiderstehlichste Lä­cheln der Welt hat­te.

Na­tür­lich ver­such­te der Zahn­arzt das Stück wie­der an­zu­kle­ben, na­tür­lich war aber jetzt ein Teil von dem Stumpf darunter zersplittert und selbstverständlich hat­te Heinz im­mer noch Zahn­schmer­zen.

Mit al­ler­größ­ter An­stren­gung ver­such­te Heinz nun die wirk­li­che Ur­sa­che seines ur­sprüng­li­chen Zahn­schm­er­zes an­zu­deu­ten.

„Dass war alless dass falsse. Hier, da, da tut’s weh,” lispelte er wütend.

Er nahm seinen Fin­ger, deut­e­te auf die ei­gent­li­che Schmerz­quel­le, sag­te: „au­a-au.

Der Thai mur­mel­te et­was, was in Sia­mesisch viel­leicht ‘wa­rum denn nicht gleich so’ hei­ßen könn­te und plom­bier­te den Zahn neu. Die Kro­ne wur­de Heinz in einem wun­der­schönen Päck­chen mit­ge­ge­ben.

Wieso denn immer icke, hätte Heinz sich jetzt fragen können, wieso passiert denn immer mir so ne scheiße- aber unser Held fragte sich das nicht. Im Gegenteil. Er versuchte eher, seine Ge­danken um solche Fragen geschickt herumzuleiten.

Hätten sie ihm doch seine ständigen Unpässlichkeiten noch erheblich uner­träglicher gemacht, hätten ihm diese Grübeleien sein ohnehin unerträgliches Dasein noch unerträglicher erscheinen lassen. So konzentrierte er sich mit fast meditativer Kraft darauf, möglichst “nichts” zu denken, möglichst unbelastet die nächsten Wege zu beschreiten.

Bedauerlicherweise gelang ihm das selten.

Bedauerlicherweise war er unbewusst völlig davon überzeugt, kein Unglück auszulassen.

Mit diesem stoischen Wunsch, nichts zu Denken wollte er sofort in sein Hotelzimmer und schla­fen. Es reich­te ihm für den er­sten Tag. Er erinnerte sich, dass er für die Zahnkrone seinerzeit fünf Härtefall-Formulare ausgefüllt hatte. Krampfhaft versuchte er jeden Gedanken, der nur im entferntesten etwas mit Zähnen zu tun hatte, wegzuwischen.

Atze winkte eine Rikscha mit Mopedmotor, ein Tuk Tuk heran. Heinz entspannte sich ein wenig, hoffte auf ein gutes Bett.

Sie kamen ins Hotel. 

Die Ho­tel­hal­le sieht ja schnieke aus, freute sich Heinz, als sie das Ho­li­day Inn er­reich­ten. Es roch so nach Luxus.

An der Re­zep­tion lä­chel­ten al­le schon wie­der,

„Hel­lo Mi­sta At­zee, you are wel­co­me. . .“,  und so wei­ter.

Bei Heinz wur­de ihr Lä­cheln eine un­mer­kli­che Spur dün­ner, das Kruppke wollte ihnen auch nach fünf vergeblichen Versuchen nicht über die Lippen kom­men. Ein junger einheimischer Page begleitete Heinz zu seinem Hotelzimmer. Es befand sich in einem Zwischengeschoss, das ursprünglich für das Hotelper­sonal gebaut, nun aber exklusiv für Billig-Touristen genutzt wurde. Der Flur dieses Geschosses hatte nichts mehr mit westlichem Hotelstandart zu tun. Der Page ging voran und entriegelte eine schmale Tür. Mit Trinkgeld kannte sich unser Freund nicht aus, des­halb wurde er auch nicht in die Geheim­nisse der Haustechnik  eingeweiht.

Das Zimmer war un­ge­wöhn­lich. Es hat­te kein Fen­ster, nur einen Decken­ven­ti­la­tor, brummendes kaltes Neon­licht und zwei Zen­ti­me­ter dünne, nach oben hin offene Zwischen­wän­de zum nächsten Zim­mer. Au­ßer­dem befand sich an der Wand noch so ein großer Blech­kasten, der Heinz an eine Elektro­hei­zung erin­ner­te. Die Zim­mer­tem­pera­tur lag bei un­ge­fähr vier bis fünf Grad über Kör­per­tem­pera­tur.

Heinz zog sich bis auf die Un­ter­hose aus und stieß einen tie­fen Seufzer in die Welt. Er entledigte sich auch seiner Wollsocken, seine Lieblings­socken, die seiner­zeit Püp­pi selbst ­gestrickt hat­te. De­ment­spre­chend alt wa­ren sie auch schon und sie ga­sten stark. Al­le In­sek­ten, die sich im Raum be­fan­den, schwirr­ten be­täubt im Gleit­flug zu Bo­den. Er setzte sich auf das Bett.

Ihm kam eine Idee. Er steck­te die nassgeschwitzten Socken auf zwei der vier Decken­ven­ti­la­tor­flü­gel und band sie mit zwei abste­hen­den Fä­den zu­sam­men, stell­te den Decken­ven­ti­la­tor an und leg­te sich auf das Bett.

Er sah sei­nen Socken beim Kreisen zu und die Ge­dan­ken in seinem Kopf wir­bel­ten wie die Blät­ter im Herbst. Auf seinem Kör­per lief der Schweiß wie bei einer weit­ver­zweig­tem Flussmündung. Immer schneller kreisten die Socken, bis sie zu einem Kreis verschmol­zen.

Heinz ver­such­te, über seine Si­tua­tion nach­zu­den­ken.

Zu­hause wär´s jetzte. . . Da wär ick jetzte. . .wenn ick also nich da wär, denn. . .

Es gelang ihm nicht, seine Situation klar einzuschätzen, es war zu heiß und er fühlte sich zu übernächtigt. Seine verzweifelten Versuche einen gleichmäßigen Fluss in den Gedankenwirrwarr seines strapazierten Kopfes zu bekommen wur­de un­ter­bro­chen, denn das Zim­mer ne­benan wur­de deut­lich hör­bar be­tre­ten. Er war ja so­zu­sa­gen im sel­ben Raum.

Zwei Men­schen be­tra­ten das Zim­mer.

„Was ist das denn?

Heinz spit­zte die Oh­ren. Deutschstämmige!

„Ich wird verrückt. Das ist ja wirklich das letzte hier“.

„Mensch, hier riecht das so muf­fig . . .“.

„Der volle Nepp ist das hier“.

„Wir wollten ja auch auf eine In­sel, da ist das dann noch einmal an­ders“

„Na, die Toiletten werden da vermutlich auch nicht anders sein. Mach mal die air-con­di­tion an, und wir  gehen erstmal an die Bar, einen kühlen Drink trin­ken.“

Unüberhörbar ertönte ein blechernes Einschaltge­räusch.

„Na das wird ja ne Nacht werden. . .

Die Stim­men blen­de­ten sich aus, die Tür wur­de zu­ge­macht und die Wän­de wac­kel­ten.

Al­les hat­te Heinz nicht ver­stan­den. Er kramte in sei­nem Ge­dächt­nis nach dem Wort “air-con­di­schen”, das kam ihm be­kannt vor, hör­te sich nach et­was An­geneh­men an.

Er starr­te auf den Blechkasten an der Wand.

„Das muss es sein dach­te er.

Er nahm sein Englischwörterbuch aus der Ta­sche, schau­te nach, un­ter „E“ fand er es aber nicht. Er über­leg­te.

Er, det is n´Mann, der durch irgend wat kon­s-dingsda wird, Hm, Kon­di­teur oder wat det sein soll? Wes ick jetzt och nicht. Wahrscheinlich in det der Blechkasten da drüben, vielleicht macht der die Luft besser oda wat. Kann sein. Wozu soll det Ding da sonst da sein? Wat machste jetzt Heinz? Ob ick det mal ausprobieren soll? Ick drück da mal druff, mal sehn wat passiert. Det is ja sonst ´n piekfeiner Laden hier, wird schon allet gut sein hier.

Heinz ging hin­über zu dem Appa­rat und drück­te zwei Knöp­fe. Ein kleines Lämpchen leuchtete auf, sonst pas­sier­te nichts.

Er leg­te sich wie­der hin und schlief langsam ein.

Er war mit Loi Jong, At­ze und dem Weiß­kit­tel in einem sauber geleckten U-Bahn­hof, der Boden war übersät mit schaumstoffartigen Flachmännern. Seine Begleiter stritten sich über das Wort Air Con­di­tion, der Weiß­kit­tel war völlig außer sich, und obwohl sie sich offensichtlich in Deutsch unterhielten, ka­pier­te Heinz  nicht ein Wort. Plötz­lich kam eine U-Bahn eingefahren. Der Triebwagen des Zuges hatte die Form einer weiblichen Brust. Mit einem widerlich schmatzenden Geräusch öffneten sich die Türen.

 Loi Jong, Atze und der Weißkittel begannen zu lächeln, mit  so einem Nasenlächeln, so einem: Schau-dir-das-mal-an-Lächeln. Aus dem Zug traten junge Menschen, die aussahen, als seien sie der Serie Baywatch entsprungen. Sie sahen sogar beinahe noch schöner aus. Der Bahnsteig wimmelte von jungen braungebrannten Menschen in knappen Badebeklei­dungen.

Auf Heinz schritt die animierte Assistentin (die, die er Püppi genannt hatte) zu, aber ihr fehlte dieses warme Lächeln, sie sah ihm mit durchdringenden Blick un­freundlich in das Gesicht. Heinz versuchte ihr zuzulächeln.

Sie lächelte zurück, es war so ein arrogantes Hey- kleiner-mit-dir-spielt-wohl-keiner-Lächeln und Heinz wurde es augenblicklich sehr kalt. Sie stellte sich breit­beinig vor ihn hin. Sie wuchs. Ihre Beine nahmen plötzlich riesenhafte Ausmaße an und Heinz ahnte aus irgendeinem Unerfindlichen Grund was kommen würde. Er schrumpfte, und ihre Oberschenkel wurden plötzlich so groß und dick wie Flugzeugrümpfe. Aber sie sahen trotz ihrer Größe immer noch aus wie Ober­schenkel. Sie senkte sich und saugte Heinz mit ihrer gigantischen Weiblichkeit auf.

In ihrem Inneren war es wahnsinnig kalt, Heinz frös­telte. Über ihm atmete und keuchte gleichmäßig ein riesengroßer Schlund, an den Wänden hingen lange phallusförmige Eiszapfen. Aus diesen Eiszapfen die ihn umgaben, formten sich Arme mit Händen, die nach ihm griffen. Heinz wich zurück. Er versuchte verzwei­felt zu flüchten aber der einzige Fluchtweg führte nach unten, und dort lauerte ein nicht enden wollender Ab­grund. Da hämmerte es plötzlich, ein Vibrieren ging durch diesen organischen Saal und Heinz stieß sich kurzentschlossen ab, er war bereit auf dem Bahnsteig mit einer finalen Arschbombe zu landen  und flog. . .

. . . aus dem Bett, knallte dabei mit dem Kopf an die Klimaanlage, aus­ der eis­ige Luft geblasen wurde. Ein halb­ge­frorener Was­ser­trop­fen tropf­te ihm da­von auf die Brust. Er er­schrak, und fror wie schon lan­ge nicht mehr. Dann fiel ihm das hub­schrau­berähn­li­che Ge­räusch auf.

Ein Fa­den seiner Socken hat­te sich ge­löst und sich um die An­triebsachse des großen Deckenventilators ge­wickelt. Die betreffende Socke hatte sich bereits zu neunzig Prozent aufgetrennt. Heinz sah, wie seine Zimmerwindmühle stark ei­er­te, und sich schließ­lich mit einem knirschenden Geräusch aus der Decken­ver­an­kerung löste. Der große Vierflügler stürzte zehn Zentimeter nach unten, verweilte kurz, bis sich das verwickelte Kabel von dessen schlecht sitzender asiatischen Lüsterklemme befreit hatte und machte sich nun auf seine letzte Reise.

Heinz sah den ro­tieren­den Pro­pel­ler wie in Zeitlupe auf sich zu­kom­men. Er beobachtete, wie der kleine Jade-Budd­ha auf seinem Nacht­käst­chen ge­köpft wur­de, und der Pro­pel­ler noch Zahn­putzg­las, Reisewecker und einen Pla­stikblumen­strauß durch den Raum fegte, be­vor er sich lautlos in die Matratze bohr­te.

Er schluckte, wä­re er nicht aus dem Bett ge­fal­len, wä­re es ihm wie dem Budd­ha er­gan­gen. Beinahe hätte er sich in die Hose gemacht. Die bei­den übrig­geblie­benen Ka­bel an der Decke ka­men noch zu­sam­men, und es gab einen Kurzschluss, das Licht flacker­te und leuch­te­te wie­der. 

„Na det ist ja nu wirklich ´n Ko­mi­schet Land,“ sag­te Heinz laut kopfschüttelnd, mach­te seinen Kof­fer auf und woll­te sich ge­ra­de seine Win­ter­kla­mot­ten wie­der an­zie­hen, als es an der Tür klopfte. Der ganze Raum schwingte mit.

„Mi­ste´ Kllupke, eve­ry­t´ing okay? Are you in? I ha­ve a little mes­sa­ge fo`you f`om your fliend, mi­ste´ At­ze.“

Die Stimme hörte sich panisch an. Heinz nahm den ab­ge­ris­senen Propeller und ver­steck­te ihn so gut es ging un­ter der Bettdecke.

„Wat nu“ knurrte er, „wat is`n nu“

Er schloss die Tür auf, stellte sich breit in den Türrah­men. Ein Ho­tel­boy stand vor ihm und übergab ihm schüchtern einen Zet­tel.

„Er­war­te dich in der Lobby, bis gleich At­ze stand drauf.

Heinz frö­stel­te, der Thai lä­chel­te. „Arschkalt hier mein­te Heinz trocken.

Der Thai lach­te freund­lich und aner­ken­nend, meinte:

„Vely good air con­di­tion t´at we ha­ve, isn’t it? We always have Problem wit´the people, because most of t´e peo­ple don’t li­ke it so cold. T´ey are always crying, ´oh it is so cold`. Ha ha, hahaha.

But you are different, you are li­ke t´e Thai-peo­ple, you li­ke it cold, you a good guy, ve­ly good. I t´ink you are a hero

Er lächelte Heinz so anhimmelnd an, wie wenn der ein ja­pani­scher Sa­murai wä­re. Durch die of­fene Tür war es auch wie­der wär­mer ge­wor­den, und Heinz versuchte krampfhaft, zurückzulä­cheln.

Erschrocken durch die Zahn­lücke blick­te der Boy Heinz an und mein­te:

„I hope evely`ting okay, and if you leave t´is loom, switch off t´e ail-con­di­tion, please, ver­neig­te sich und ver­schwand. Heinz hatte kapiert und stell­te das Ding ab.

Er schüt­tel­te abermals den Kopf und zog sich an, um At­ze zu tref­fen.

Der saß in der Lobby auf einem So­fa, die Nacht war in der Zwi­schen­zeit an­ge­bro­chen. Atze war schon etwas mehr als gut angetrunken und hat­te un­ter je­den Arm ein blut­ju­nges Thai-Mäd­chen ge­klemmt, de­rer beider Lä­cheln et­was ver­krampft wirk­te. Seine eine Hand umklammerte zusätzlich eine Flasche Mekong Whisky.

„Na, wat sachste Heins. Da kiek­ste, wa. Ick sach dir, ick hab wat er­lebt in­ner Zwi­schen­zeit, dit würd´ste du nicht zu träum­en wagen.“

Heinz sag­te nichts. Sprachlos starrte er auf das eine Mädchen, sie hatte einen chirurgisch vergrößerten Silikon­busen und man konnte mit Spannung darauf warten, dass das chemisch unterstützte Fleisch aus dem knappen neonrosa farbigen Brustkörbchen heraus­sprang. Schon allein deshalb war das Mädchen ein echter Hinkucker. Heinz konnte den drängenden Impuls sofort wegzulaufen, gerade noch zu­rückhalten.

„Nicht übel wa. Dit sind die besten Mädels, die de uff da Welt kriegen kannst, weich wie samt und so, weste, viel zu scha­de für die meisten

Er wan­dte sich zu dem einen Mäd­chen:

„Ha­ste Glück ge­habt, dass de mir je­trof­fen hast, wa. . ., und weste warum, na, denn kiek ma. . .“

Atze stand auf und begann seine speckigen Hüften in Schwin­gung zu ver­set­zen, er beulte mit einer Hand seine Hosentasche aus, und sang dazu:

„Dit näm is nämli´ Prince,

änd dit is funky,

yeah, dit is Prince,

t´e won änd onli. . .“

Die Mäd­chen ki­cher­ten ge­fäl­lig, und Heinz be­trach­te­te das Schau­spiel mit mitleidiger Ge­las­sen­heit.

Da gab es plötz­lich Auf­re­gung.

Ein Ho­tel­boy lief mit einem Schild durch die Hal­le und rief mit gefasster Stimme:

„Fay may, fay may”.

Die Mäd­chen sa­hen sich er­schrocken an, und rann­ten raus.

„Ey, wat isn Jetze, lall­te At­ze ver­wirrt, bei dem Ver­such einer zum Abschied einen Klaps auf den Hintern zu geben, wäre er beinahe vom Sofa gefallen. Die Ho­tel­be­dienste­ten kamen mehr und mehr in Bewegung. Wie wenn sich ein Autostau auflöst so steigerte sich die Unruhe. Manche standen noch und schienen nach­denklich vor sich hinstarrend einen Plan auszuarbeiten, andere waren bereits im Laufschritt unterwegs.

„Watn nu frag­te Heinz.

„Wird aber ganz schön hektisch hier“

„Ist nich so schlimm Heinz, dit haben die hier manch­mal, dit is einfach so in dem Land, aber es gibt noch an­dere An­nehm­lichkei­ten in Bang­kok, so ne Mädels könn wa ja och noch ´n an­der­mal haben, könn wa ja auch zu ner Masch. . .Ma­scha. .

„Ma­schase?

„Du Witzbold. Jenau. Könn wa zu so´­ner schlitss-äu­gi­gen Kne­derin ge­hen, hab ick och noch nie je­macht, wollt ick im­ma ma ma­chen, aber hatte im­ma wat an­deret zu tun, weste .

Heinz verstand die eindeutige Handbewegung. Er wollte ablehnen, aber sein Ge­fühl sag­te ihm, dass es bes­ser wä­re, die hektische ­Hotellobby zu ver­las­sen.

Sie gin­gen nach draußen in die reizüber­flu­te­te “Kao San Road.” Millionen Lich­ter und ein un­be­schreibli­ches Ver­kehrsauf­kom­men er­war­te­ten sie. Es war wie auf einem Volksfest, über­all blink­ten ver­schie­den­far­bi­ge Glüh­bir­nen rhythmisch auf. Die Fahr­zeu­ge schienen al­le be­mü­ht, übereinan­der fah­ren zu dür­fen. Si­renen heul­ten, Au­tos hup­ten, und an je­der Ecke dröhn­te lau­te Popmu­sik, unterbrochen von dem Singsang einiger Siamesischer Wortfetzen. Diese Stadt atmete schneller als andere Städte, schwitzte dadurch auch mehr und so lag dazwischen dieser schweißnasse tropische Geruch, dieser süße Geruch einer alles dominierenden Frucht­barkeit.

Heinz war überwältigt.

Atze spendierte ihm eine Ananas von einem fahrenden Händler, der diese auf seinem Wagen mit flinken schnellen Messerhieben  zerhackte. Es gab fast alles auf seinem hölzernen Verkaufswagen, sie hätten bei ihm auch Uhren, Kondome, Musik Cd´s und Sonnen­brillen kaufen können.

Plötzlich veränderte sich etwas, alle hoben die Köpfe.

Es gab eine Störung im Lichtermeer, denn auf einmal be­gan­nen die bunten Straßenlich­ter der Rei­he nach aus­zu­ge­hen. Ein Haus nach dem an­deren, ein Marktstand nach dem anderen blen­de­te sich aus, die Mu­sik wurde unterbrochen, begann wieder kurz und erstarb schließ­lich ganz. Wie wenn einer mit einer einzelnen Birne am Weihnachtsbaum spielt, so flackerte die Stra­ßen­be­leuch­tung ein paar Mal kurz, dann wur­de die Stadt nur noch durch die Schein­wer­fer der fah­ren­den Au­tos er­hellt. Irritierte Men­schen ström­ten aus allen Löchern in Mas­sen auf die Stra­ßen.

„Watn nu frag­te Heinz.

„Wes ick och nich, Heinz, Blackout, kenn Strom mehr, die Ma­ssa­ge wern wa vergessen können, schade, hier kann ma sich uff gar nix verlassen. . .

Bei­de stan­den im Ge­wüh­le der ha­ste­ten Men­schen, im Hin­ter­grund die Silhouet­te einer schwar­zen Stadt. 

Le­dig­lich das Ho­li­day Inn leuch­te­te noch, aber nicht, weil es noch Strom hat­te, son­dern, weil es brann­te. At­ze sah es zuerst:

„Mensch Heinz, ick gloob ick spinne, dit Hotel brennt!

Sie lie­fen so­fort los. Panik über­kam Heinz wäh­rend des Lau­fens, er dach­te an seine Sa­chen, seine Socken von Püp­pi (wenn der eine auch schon ganz aufgelöst war), sein abge­bro­chenes Zahn­stück in dem wunderschönen Päckchen. Schließlich be­gann er wie verrückt loszuren­nen.

Die Ho­tel­lobby war von Bat­terie­schein­wer­fern er­leuch­tet und glich einem Bienenstock bei der Honigent­nahme. Alles rannte, rettete, flüchtete. Heinz wühlte sich zur Re­zep­tion durch. At­ze kam kurz dar­auf an­ge­keucht. Halbnackte bierbäuchige Touristen hasteten in Tränen aufgelöst durch die Halle. Eine panische von aufgeregten Asiatischen Stimmen ge­tragene Geräusch­kulisse lag in der Luft. Die Clubsessel wurden umge­rannt. Eine Vitrine wurde von Geschäfts­leuten hektisch geräumt, diese wurden angerempelt und alle möglichen thailändischen Kitschsouvenirs kullerten auf dem Boden herum. Die Sprinkleranlage hatte eingesetzt, innerhalb weniger Minuten stand auf dem Teppich­boden zentimetertief das Wasser. Dadurch fingen die Polstersessel an zu schwimmen. Ein irr­sin­ni­ger Tru­bel war an der Rezeption. Der Por­tier war im Ge­sicht völ­lig weiß, lä­chel­te aber trotz­dem nervös und ver­such­te al­le zu be­ru­hi­gen. Er bewegte seine Arme so schnell, dass es aussah, als ob er nicht nur zwei, sondern mehrere davon hätte. Ein Ho­tel­boy kam zu ihm, flü­ster­te ihm et­was zu und deutete in Heinz´ Rich­tung. Der Por­tier drehte sich nach hin­ten und zwei uni­for­mier­te Thais er­schienen. Heinz schwan­te Schlim­mes, denn sie lä­chel­ten nicht. Sie spra­chen laut zu ihm und er wur­de von ih­nen an bei­den Armen ge­packt. Mit ei­nem „dja khoo maa kap sa­thaanii-tam­ruat“führ­ten sie ihn weg.

 

Ver­zwei­felt irr­te At­ze durch die Stra­ßen Bangkoks. Er ver­stand die Welt nicht mehr. Er hat­te es nicht mehr ge­schafft durch die Menschenmen­ge an den Tre­sen zu Heinz zu kom­men. Ver­zwei­felt hat­te er mit seinem dürf­ti­gen Eng­lisch ver­sucht herauszu­be­kom­men, was ge­gen Heinz vor­liegt, doch die Po­li­zi­sten hat­ten ihm nur auf sia­mesisch geant­wor­tet.

Er verstand sich selbst auch nicht mehr. Seit zehn Jah­ren ver­brach­te er seinen Sommerurlaub je­des Jahr allein in die­sem Land, er hat­te so man­chen „Spaß hier ge­habt. Er genoss das, diese Zeit der Unabhängigkeit, oh­ne seine schwer­ge­wich­ti­ge Frau, die im­mer recht hat­te. Oh­ne seinen Sohn, der sich die­ses Jahr einen schnel­leren Wa­gen ge­kauft hatte als er sel­ber fuhr, und der ihm eins auf die Na­se ge­ge­ben hat­te, als Atze einen Man­ta-Witz ge­macht hat­te.

Hier in Thailand hatte er im­mer die Möglichkeit ge­habt, so zu sein, wie er  im ver­häng­nis­vol­len Kreise seiner Lie­ben nicht sein durfte. Und jetzt hat­te er Heinz kennengelernt, hat­te sich ge­freut, je­manden begegnet zu sein, der an­scheinend auf seiner Wel­len­län­ge lag. Einen Kum­pel. Einen, der of­fensicht­lich nicht trink­fest war, aber sympathisch.

„Jetz bi­ste im­ma al­leene hier rum­gezo­gen, da triff­ste ei­nen, dem de mal wat zeigen kannst, . . .und wat is­set? Nüscht is­set“.

Ob Heinz wohl ein Ter­rorist war? Be­zahlt von ir­gend­wel­chen ge­heim­nis­vol­len Fun­da­men­ta­li­sten um die­ses Land wie­der Tou­ri­sten­frei zu ma­chen? So wie in Afri­ka? Ver­rück­te gibt es ja über­all.

„Ne, dit is kenne so’ne Type sag­te er sich. „Hat ein­fach nur Pech ge­habt. Au­ßer­dem, ick ken­ne se ja alle, ganz egal ob dit Türken oder wat sind. Sind doch al­le gleich. N’ Sün­den­bock haben´se ge­braucht. Eenen der für dit gan­ze Chaos ver­ant­wort­lich ge­macht wird“.

At­ze beschloss ‘Heinz da rauszu­ho­len’, ihn zu befreien aus der ‘Siamesischen Hölle’.

„Einfach mein Freund da einzukassieren,“ grummelte er mit düsterer Grabesstimme. „Dit werdet ihr noch bereuen, wat dit heißt, ´n Deutschen einfach so, mir nichts dir nichts, zu kidnappen.“

Er senkte seinen Blick, die blutunterlaufenen Augen des Quartalsäufers bekamen einen fanatischen Glanz. 

 

„Mit mir nich,“ brüll­te er durch die Stra­ße, „dit könnt da mit’m an­dern ma­chen, aber nich mit mir“

 

Im Ho­li­day Inn be­rie­ten sich die Po­li­zei­in­spek­toren und Ho­tel­besitzer was sie jetzt tun soll­ten. In einer an­deren Spra­che na­tür­lich.

Es war Glück im Unglück, ein Stock­werk des Ho­tels war zwar ausge­brannt aber es gab keine Op­fer, viel schlimmer war der Wasserschaden der durch die Sprinkleranlage entstanden war.

Wirklich fatal war jedoch der wirtschaftliche Schaden, der durch den Kurzschluss, und den da­mit ver­bun­denen Blackout in Bangkok ent­stan­den ist.

Es war auch nicht ge­nau ge­klärt, was mit dem Ven­ti­la­tor an der Decke pas­siert war, die­ser Deutsche mit der großen Zahn­lücke hat­te auf keine der Fra­gen befriedi­gend geant­wortet. Er tat Frecherweise so­gar so, als ver­ste­he er sie nicht, zu­mal sie ex­tra einen eng­lisch­spre­chen­den Beam­ten von der Tou­ri­sten­po­li­zei ge­holt hat­ten.

Sie wür­den den deut­schen Bot­schaf­ter be­mü­hen müs­sen. Schließ­lich ist Deutschland eines der reichsten Län­der der Welt. Viel­leicht stand die­ses Subjekt un­ter Drogen?

Der Po­li­zei­in­spek­tor be­ru­hig­te den Ho­tel­mana­ger, wenn die­ser anfing, sich auf­zure­gen, und der Ho­tel­mana­ger ver­such­te den Po­li­zei­in­spek­tor zu be­ru­hi­gen, wenn der die To­des­stra­fe for­der­te.

Und damit verbrachten bei­de eine lange Zeit.

Bis der deutsche Bot­schaf­ter eintraf, auf den sie sich leidenschaftlich mit lan­gem Wort­schwall stürz­ten.

Eisiges Schweigen entstand, als der Bot­schaf­tsan­ge­stell­te er­klär­te, dass der Deut­sche Staat grundsätz­lich nicht für Schä­den auf­käme, die durch Bürger seines Hei­mat­staa­tes ent­stan­den. Es müsste dabei schon ein eindeutiger Vorteil für die Bundesrepublik Deutschland erkennbar sein.

 

Heinz konn­te es im­mer noch nicht fas­sen. Er saß auf der Prit­sche einer Ar­rest­zel­le in der Po­li­zei. Ge­müt­lich war es nicht.

Die Pritsche war aus hartem Tropenholz, mit einer schimmeligen Reismatte und einem dün­nen Baum­woll­tuch be­deckt, eine Sei­te des Rau­mes war vom Bo­den bis zur Decke ver­git­tert, an­son­sten wie­der kein Fen­ster  und auch kaum Licht, der Raum schien sich im Kel­ler zu be­fin­den. Die Wän­de wa­ren be­toniert, als Toi­let­te war ein Loch im Fuß­bo­den frei­ge­las­sen. Heinz musste auch schon drin­gend, trau­te sich aber nicht von seiner Prit­sche run­ter, da auf der an­deren Sei­te der Zel­le eine hand­tel­ler­große Spin­ne auf ihn war­te­te.

Ihm kam es so vor, als grinst­e sie.

Er frag­te sich erst gar nicht, wie er da hin­ein­gera­ten war, denn er hat­te so et­was ir­gend­wie von vor­nherein er­war­tet. Nur vielleicht nicht schon am ersten Tag. Er wusste auch gar nicht, was denn nun wirklich pas­siert war, hat­te nur mit­ge­kriegt, wie der Strom aus und wie­der an­ging, wie das Ho­tel brann­te, wie man ihn fest­ge­nom­men hat­te. Und dann die­se Ver­höre. Erst wur­de er von zwei Per­sonen in Zi­vil ver­hört. Die re­de­ten an­dau­ernd in die­ser un­ver­ständ­li­chen Spra­che auf ihn ein, min­de­stens eine hal­be Stun­de lang, bis sie ka­pier­ten, dass er nichts, aber auch gar nichts ver­stand.

Dann gingen sie über zur Zei­chen­spra­che. Sie deu­te­ten nach oben, mach­ten mit dem Finger den Hub­schrau­ber, spran­gen herum wie die Af­fen, Heinz hat­te das zu­nächst stark ir­ri­tiert, dann hat­te er es ­ko­misch ge­fun­den. Er musste trotz, oder ge­ra­de we­gen, der ern­sten La­ge laut und andauernd la­chen, da sind die Her­ren sehr wütend ge­wor­den, einer gab Heinz eine Ohr­fei­ge. Darauf ließen sie ihn alleine in dem abgedunkelten Zimmer zurück.

Sie kamen jedoch wie­der. Mit einem uni­for­mier­ten Po­li­zi­sten. Der sprach dann auch, Heinz er­kann­te das so­fort, in Eng­lisch zu ihm. Heinz konn­te bedauerlicher­weise kein Eng­lisch. Als auch der Uniformierte be­merkt hat­te, dass Heinz kontinuierliches Nicken nichts zur Aufklärung des Sa­chverhalts bei­trug, sind sie schließ­lich al­le wie­der abge­zo­gen. Bald dar­auf waren zwei an­dere Uni­for­mier­te Po­li­zi­sten erschienen und hat­ten ihn in die­ses Kel­ler­loch ge­wor­fen. Seit­dem war Heinz al­leine, oder fast allein, denn er genoss ja die Ge­sell­schaft einer Ta­ran­tel mit zwölf Zen­ti­me­ter Kör­per­durch­mes­ser. Da­bei musste er so drin­gend zur Toi­let­te.

Nachdem er einen langwierigen Entscheidungsprozess:

Geh ick nu oder bleib ick nu,

hinter sich hatte, ließ er es lau­fen, spür­te wie der war­me Flüs­sig­keits­strom an seinem Bein herun­terlief. In unbequemer Sit­zpo­si­tion, mit angezogenen Knien in der Ecke kauernd, schlief er ein.

 

Gerade, als er  begann, von Zahnarztpraxen in U-Bahnzügen zu träumen, da weckte ihn ein Geräusch.

Die Tür wurde lautstark entriegelt, Heinz wur­de an bei­den Ar­men ge­packt, und wie­der in das Ver­neh­mungs­zim­mer ge­schleift.

Dort war­te­ten schon wie­der der eng­lisch­spre­chen­de Po­li­zist, die bei­den An­deren und ein ele­gan­ter Herr mit altmodischen Backenbart.

Sie setzten Heinz auf einen Stuhl.

„Gu­ten Tag Herr. . .“

 „Kruppke, Heinz,“ sag­te Heinz.

„Herr äh Heinz“.

„Ne, Kruppke“.

„Herr äh. . .Kruppke, ich bin von der Deut­schen Bot­schaft und soll die bei­den Her­ren da hin­ter mir dar­über in­for­mieren, was ge­nau pas­siert ist.“

„Det wes ick doch och nich.“

Der Ele­gan­te stöhn­te asthmatisch.

„Tja, es wird gemutmaßt, sie hät­ten in fahr­läs­siger Art und Weise ein Ho­tel in Brand ge­setzt, be­zie­hungs­weise einen Hotel­brand im Ho­li­day Inn ver­ursacht. Man mutmaßt da­bei, dass dies durch eine zweckent­frem­de­te Bedie­nung Ihrerseits, des . . .äh. . . Zim­mer­win­der­zeu­gers ent­stan­den ist, für das man sie ver­ant­wort­lich ma­chen will, um nicht zu sa­gen zur Ver­ant­wor­tung zie­hen will“.

„Watn´ nu?“

Die Art wie der Mann sprach kam Heinz zwar be­kannt vor, er ver­stand ihn trotz­dem nicht. Es war verblüffend, der Mann sprach zwar deutsch, aber Heinz verstand kaum ein Wort.

„Man vermutet, dass sie in einem Akt der Ge­walt im ihnen bekannten vorher er­wähn­ten Ho­tel der Holiday Inn Kette einen fol­gen­rei­chen Kurzschluss er­zeugt ha­ben.“

„Da wes ick nichts von. Ich bin un­schul­dig“

„Aha.“

„Ick hab nix ge­macht, ist nur, als ick ge­schla­fen hab, ist die­ser blö­de Pro­pel­ler von­ der Decke ge­fal­len, aber ick hab nix ge­macht, ick hab garantiert nix ka­putt­ge­macht, wis­sen se“.

„Ach so.“

Der Ele­gan­te sah die bei­den Her­ren hin­ter sich an und stöhn­te.

„He said, he is in­no­cent.”

Die Thais wurden aufge­regt und fin­gen an durcheinander zuschnattern. Nach fünf Minuten wilder Gestikuliererei drehte sich der Uni­formierte um und sag­te in eisigen Ton:

„We don´t think so.“

Der Elegan­te stöhn­te noch mal.

„Herr äh. . .“.

„Kruppke,“ sag­te Heinz.

„. . .äh Kruppke, die hie­si­ge Po­li­zei. . .äh. . .denkt nicht so“.

„Wat wes ´n ick, wat die den­ken?“.

„Ja, tja”.

„Please ask him, what he wants to do in our coun­try?”

„Ah Ja. Was beabsich­ti­gen sie denn zu tun hier in Thai­land?

„Na, ick mache hier Ur­laub“.

„Das hätte ich mir beinahe so ge­dacht,“ mur­mel­te der Ele­gan­te und dach­te einen Au­genblick nach.

„He said, that he do the. . .he ta­kes his ho­li­day here.”

Dann sah er auf die Uhr.

„Oh“, sagte er. „I’m very sor­ry, gent­le­man, but I don’t think that hier äh. . .Mi­ster Heinz Kruppke. . .is äh. .  not guil­ty. . .äh. . I guess it was just an ac­ci­dent.“

Er zuck­te ­zur Bekräftigung seiner Aus­sa­ge zweimal die Schul­tern.

Die Polizisten fin­gen wie­der an zu schnat­tern. Wäh­renddessen sagte der Botschafter zu Heinz:

„Die Deutsche Botschaft wird ihnen, falls es erforder­lich ist, natürlich einen Anwalt zur Verfügung stellen. Machen sie sich keine Sorgen“.

„Aha.“

Sie führ­ten Heinz wie­der in seine Ar­rest­zel­le.

Die Spinne saß jetzt mitten auf dem Bett.

„Na gut, dann kann ich wenigstens uff de Toilette gehen“ murmelte Heinz. Er kratzte sich am Kopf um über die weiteren Dinge nachzudenken.

Also, der Botschafter meinte, ick soll ma keene Sorgen machen. Gut, mach ich ma keine Sorgen. . . Wat mit Atze wohl passiert is. . . wär ick bloß mal zuhause geblieben.

Die Gittertür wurde aufgeschlossen, und ein tätowierter, ziemlich dicker Asiat mittleren Alters, bekleidet mit einem spärlichem schwarzen SM Leder- Lack Outfit zu Heinz in die Zelle hineingeworfen. Fettwulste quollen ihm Schweinerollbraten-ähnlich über die schmalen Leder­streifen seiner Korsage, er hatte ein Hundehals­band mit Leine und auch am Körper ein paar Ösen, an denen man eine Leine hätte anschließen können. Die schmalen Lederstreifen verhüllten nichts und präsen­tierten alles, eine Gummimaske baumelte mit einem Karabiner befestigt an der speckigen Hüfte des Mannes. Er war übersät mit blauen Flecken, dazu in komatösem Zustand. Eines der Gläser seiner dicken Hornbrille war zersplittert, ein Schuh fehlte. Er lallte weggetreten in asiatisch und Heinz konnte, trotz der fremden Sprache erkennen, dass er stark angeschlagen war.

Die Zellentür schloss sich und sein Zellengenosse fing an zu spucken.

Heinz kannte das. Gesoffen, Aufregung, und schon geht die Reiherei los.

Er hatte Mitleid.

Er kniete sich hin, erkannte in dem Erbrochenen frittierten Reis mit irgendwas. Verständnisvoll klopfte er (hatte er doch auch schon eine Kollision mit der einheimischen Küche gehabt) dem Mann auf den Rücken. 

„Kotz dir nur aus“, brummte er zärtlich.

Heinz gab einfach nichts auf Äußerlichkeiten. „Ja, det ist gut. Imma nur raus damit. Det kenn ick, ist halb so schlimm. Der Mann begann sich zu beruhigen, oder er ergab sich vielmehr dem ihn nun ereilenden Schwäche­anfall. Heinz musste ihn zweimal hochziehen, wischte ihm mit seinem Taschentuch das Gesicht ab. Der Mann würgte noch mal und blieb dann halb bewusstlos liegen. Heinz wusste was jetzt zu tun war. Schließlich war er mal Tippelbruder gewesen. Er stand da und beo­bachtete ihn. 

Er flößte dem Mann zunächst etwas von dieser Suppe ein, die er selber völlig ungenießbar fand. So kam die Suppe wenigstens weg. Und wer sich entleert, der braucht Salz, das wusste Heinz, und was das Salz betraf, davon war in der Suppe wirklich reich­lich vorhanden.

Später brachte er den Asiaten in die stabile Seitenlage, zog ihm die Beine etwas an und deckte ihn mit der vermotteten Gefängnisdecke zu. Er selbst lehnte sich in eine Ecke, denn das Bett war ja von der Spinne besetzt.

 

„Aber dit ist doch nur ein ganz lieba harmlosa Mann“, sagte Atze erregt und rutschte auf dem Sessel des Bot­schafts-Besucherzimmers hin und her.

„Da haben sie bestimmt recht. Nur ist die gegenwärtige Situation auch sehr aussichtsreich. Man hat nur ver­sucht, diesem Subj. . ihren Freund eine kleine Lehre zu erteilen. Der gemeine Thailänder glaubt natürlich auch sehr wohl an so etwas wie das Karma, also den religiös bedingten Zufall. Aber da diese Völker zudem ja ein wirtschaftliches Defizit gegenüber einem so ausgereiften Industrieland wie dem der Bundesrepu­blik. .äh. . empfinden, versuchen sie natürlich jede finanzielle Chance zu nutzen. Verstehen sie?“

Atze bekam einen roten Kopf.

 „Nee. Ick verstehe hia überhaupt nüscht von dem Quark wat sie mir da erzähl´n. Ick hab ‘n Kumpel, der sitzt im Knast, noch dazu hier in so´nem scheiß´ Schwellenland wo vielleicht noch gefoltert wird und wat wees ick noch allet, und sie sitzn da, im piekfeinen Anzug, und erzählen mir wat von gemeinen Thailändern und so ne Schoten.“

Der Botschaftsangestellte röchelte asthmatisch. Mit eisiger Stimme fuhr er fort:

„Mit Sicherheit wird ihr Freund, der Herr Kruppke bald entlassen werden, ich wiederhole, ich vermute ledig­lich, dass man ihm einen Denkzettel verpassen will. Wir warten bis morgen ab, wenn ihr Freund bis dahin nicht entlassen wird, dann, aber wirklich erst dann, sieht sich die deutsche Botschaft bemüßigt in das Geschehen einzugreifen.“

Atze ging zum Brüllen über.

„Na dit is ja schön. Sie warten ab. Weste wat ick für euch zahle jeden Monat. Dafür dass ihr abwartet.

Na du kommst mir ja vor wie Super oder Dings äh Batman. Wat habt ihr denn hier so wichtiget zu tun, dat ihr dit nicht heute schon machen könnt.

„Es steht ihnen nicht zu. . .“

fiel ihm der nun puterrote Botschaftsangestellte ins Wort,

„.-es steht ihnen überhaupt nicht zu, über Botschafts­entscheidungen, welche hochgradig politische Ent­scheidungen sind, zu richten. Sollten sie etwaige Be­schwerden vorzubringen haben, so wenden sie sich an die dafür eingerichtete Beschwerdestelle beim Aus­wärtigen Amt. Und jetzt entschuldigen sie mich, wir haben hier sehr wohl etwas zu tun.“

Schnell verließ der Bürokrat das Zimmer und ließ Atze in dem kargen Besucherzimmer zurück. Der wollte hinterher, aber die Sicherheitstür war schon ins Schloss geschnappt. Es blieb ihm nichts anderes übrig als zu gehen, es sei denn, er wollte wie Heinz ein Zimmer mit Holzpritsche, und das wollte Atze dann auf gar keinen Fall.  

 

Die Zelle wurde aufgeschlossen, zwei Wärter packten Heinz an den Armen und führten ihn nach draußen. Sie gingen weiter über graue, Betonfarbene Gänge. Der Wärter links von Heinz schloss die Gitter auf, der Wärter rechts von ihm schloss sie wieder zu. Sieben­mal hörte Heinz das Geräusch des sich drehenden Schlüssels aufschließen, siebenmal drehte sich der Schlüssel in die andere Richtung.

Durch die sieben Gitter musst du gehen, kam es ihm in den Sinn. Sie führten Heinz weiter an einen Balkon. Er sah hinunter.

Da standen sie. Gustav, der Nadelstreif, der Mann der die U-Bahn Abfahrtszeiten wissen wollte, die Assistentin, der BVG Kontrollonkel, der Weißkittel mit einer stählernen Gesichtsmaske und, sozusagen neu hinzugekommen, Atze mit dem backenbärtigen Bot­schaftsangestellten. Sie grinsten ihn von unten an. Heinz sah, wie sie ein Sprungtuch aufspannten. Schockiert und entsetzt stand er da. Was wollten sie bloß von ihm? Die beiden Wachmänner rechts und links von ihm sprachen beschwörend auf ihn ein und zeigten mit dem Finger nach unten. Er sollte springen. „Na gut“, sagte er sich im Traum, „warum nicht, sie haben ja det Tuch. . .“ und kletterte über die stählerne Balkonbrüstung und sprang. Die Sprungtuchhalter lächelten ihn an und sprangen schnell zur Seite um ihn auf dem Beton aufkommen zu lassen. „Nein“ schrie Heinz. Er spürte den Luftzug an seinen Wangen. Im Fallen erkannte er noch etwas schwarzes, und wusste, das würde die Spinne sein. Wieder spürte er den Luft­zug an seinen Wangen und diesmal fühlte der sich schon fast wie eine Ohrfeige an. Die Spinne unter ihm schien immer größer zu werden, er flog nun schon so lange und war immer noch nicht am Boden angekom­men.

„Nein, bitte“ stöhnte er.

Die Spinne bekam Ähnlichkeiten mit einem mensch­lichen Antlitz. Er schlug die Augen auf und Heinz’ Bildausschnitt füllte jetzt ein großes, aufgedunsenes, asiatisches Gesicht. Die Brillengläser einer dicken schwarzen Hornbrille ließen deren dahinterliegende Augen wie zwei umrandete, schwarze venezianische Gondeln erscheinen, eines der Gläser war zersplittert und hatte ein wenig Ähnlichkeit mit einem Spinnen­netz.

Heinz, der einen kurzen Augenblick erleichtert gewesen war (hatte er doch bemerkt dass er nicht fiel) erschrak gleich darauf fürchterlich.

Das Leben ist eine Achterbahn, dachte er kurz, es geht runter und dann geht es wieder runter.

„Oh, Guten Molgen. Dalf ich mich vo`stellen, Yaschi Marai is meine Name.“

„Watn nu . . .“, hauchte Heinz.

„Ich danke ihnen fü` ihle f`eundliche Behandlung“

„Wat?“

„Sie haben mil gegeben Suppe, das war gut. Ich habe nämlich eine Klankheit, die sich, bei ihnen, glaube ich, Zuckell nennt. Ich wal schon imme  Zuckellkoma.“

„Zukell? Jaja, det sagen se alle“ murrte Heinz. Er war  schweißgebadet.

„Ich möchte sie zum Dank einladen, in meine Fe`iendolf. Ich, Yaschi Marai, ich bin die glösste Tou`ismusmann in pazifische Laum.“

„Ach“

Heinz blinzelte, und hoffte, dass der Asiat doch bitte bald seinen riesigen Kopf nur wieder in etwas größeren Abstand zu seinem Gesicht bringen könnte.

Die Tür wurde aufgeschlossen.

Durch den Türrahmen schob sich eine Kommission von neun Leuten. Voran traten zwei Gefängniswärter in frischgebügelter Uniform, das kurzgeschorene schwarze Haar frisch pomadisiert, die kleinen Spiegel ihrer Brillen auf Hochglanz geputzt. Darauf folgte ein grauhaariger älterer Herr, im grauen Anzug mit Namens­schild und strengen Blick: der Gefängnisdirektor.

Dahinter kamen zwei stämmige Gestalten mit superfeinem maßgeschneiderten Anzug und dunkler Sonnenbrille, so etwas wie asiatische Mafiosi.

Danach ein intelligent aussehender Asiat im hellen Leinenanzug und zu aller letzt noch zwei Polizei­beamte sowie der japanische Botschafter. Es wurde voll in der sieben Quadratmeter großen Zelle.

Für Heinz war das ein ganz neues Gefühl. Er war nicht groß für europäische Verhältnisse, aber hier war er mit Abstand der Größte. Er lehnte sich an eine Wand und beobachtete von oben mit Staunen das Gewühl, wie alle in asiatisch durcheinander schnatterten, wie sein Zellengenosse sich fürchterlich aufregte, der kleine graue Gefängnisdirektor noch kleiner wirkte als er ohnehin schon war. Er verbeugte sich andauernd, und scheibchenweise verließen sie mit seinem Zellen­kumpel (der zuvor einen echten Seidenkimono zum an­ziehen bekam) die Zelle. Der glösste Touísmusmann, ohne seine Sado-maso Kluft sah er plötzlich auch ein wenig so aus, drehte sich noch einmal um, und be­sprach noch etwas mit dem Mann im hellen Leinen­anzug.

„Wil  t`effen uns wiede`“ rief er Heinz zu.

Die Tür wurde verschlossen.

Es war wieder still in der Zelle. Heinz konnte aufatmen, denn einer der zahlreichen Besucher war auf seinen zweiten Zellengenossen getreten, und der Körper der Spinne hatte sich gleichmäßig im Raum verteilt.

Allmählich fühlte er sich besser. Er genoss die Ruhe, genoss es, dass er im Moment hier keinem weiteren Schicksal trotzen musste.

Er konnte sich entspannt auf das Bett legen, wenn er wollte, konnte auf die Toilette gehen, wenn und wann er wollte. Er legte sich wieder hin, diesmal bequemer und schlief friedlich ein, und wenn er auch träumte, was es war, wusste er nicht. Seine Mundwinkel zogen sich im Schlaf nach oben. Im Augenblick fühlte er sich ganz und gar im Einklang mit dem Universum.

 

Atze überhaupt nicht.

Der saß in seinem  Hotelzimmer auf dem Bett mit dramatischem Gesichtsausdruck und war den Tränen nahe.

Die junge Asiatin neben ihm blickte ihn verstört an. Sie war nackt. Sie hatte wunderschöne, fast schwarze mandel­förmige Augen, blauschwarze lange Haare, die ihr bis über das wohlgeformte Gesäß reichten. Und sie war mit ihrem Latein am Ende. Sie hatte alles versucht. Ihr ganzes Repertoire ausprobiert. Von Ankuscheln bis Zuschlagen und der ehrgeizige dicke Mann hatte alles mitgemacht. Aber dessen Geschlecht blieb im faltigen Urzustand und hatte zwischendurch, als sie beide einen kurzen Moment Hoffnung hatten, einem knorrigen Ast geglichen. Aber dann war es sofort wieder zusammen­geschrumpft, sah nur noch aus, wie eine vertrocknete Ginsengwurzel.

Atze war, in der Hoffnung, dass es daran lag, ungefähr zwanzigmal auf die Toilette gegangen, aber es hatte nichts genutzt.

Sie hatte ihm die Hoden massiert, hatte ihm erklärt, wie toll er ist, hatte ihre Peitsche ausgepackt, einen Striptease gemacht, ihn beschimpft, ihn gestreichelt, ihm eine Shiatsu-massage gegeben- nichts half.

Atze hatte auch alles probiert, hatte versucht sich zu entspannen, hatte zu seiner Mutter gebetet und zu Gott, hatte ihr rassistische Sprüche an den Hals geworfen, aber ihm war Heinz Schicksal nicht aus dem Bewusst­sein gewichen. 

Schließlich gab er ihr Geld und schickte sie weg.

Atze ging zur Hotelbar hinunter, um zu vergessen. Er fühlte sich in diesem Land der Fruchtbarkeit öde, ein­sam und deplaziert. Er sehnte sich nach Deutschland zurück.

Nach dem dritten Doppelten ging es ihm ein bisschen besser.

„Ick muss ihn da rausholen“ murmelte er grimmig.

„Sir?“ fragte ihn der Keeper mit aufmerksamen Gesichtsausdruck.

„ Ach, dit kapiert ihr hier doch sowieso nicht“.

Der Keeper antwortete ihm mit einem Nicken und Atze bestellte noch einen doppelten.

„Wenn ick den jetrunken hab, denn fahr ick wieda zur Botschaft. Dit werd´n wa doch mal sehn.“

Und er bestellte sich noch einen. Er war sauer. Sauer und deprimiert. Das ihm das passieren musste. Er wusste zwar, dass das Stehvermögen von dem kleinen Atze mit den Jahren nicht besser wurde, aber so etwas war ihm wirklich noch nie passiert.

„Was dit Drama mit Heinz allet ausmacht“.

Er trank aus und bestellte sich noch einen. Und leise, so dass es niemand hören konnte, langsam sich steigernd, fing er an rumzupöbeln. Er sagte zu dem Keeper, dass dieser der größte Idiot wäre, dem er jemals begegnet sei. Er verfluchte alle Asiaten, alle Hotelzimmer, alle Deckenventilatoren und im Besonderen verfluchte und verdammte er deutsche Botschafter. Atze verspürte einen zunehmenden Handlungsdruck in sich aufsteigen.

Er trank aus und bestellte sich noch einen. Langsam wurde er so richtig besoffen.

Sein Blickwinkel verbreitete sich, er brauchte länger um zu verstehen was er sah, wenn er seinen Blick auf einen Gegenstand fixierte. Er fühlte sich schwerer und beobachtete mit Erstaunen, wie sich seine Körperteile bewegten.

Er wollte nach seinem Glas greifen, blieb aber mit der Hand an der Theke hängen und schlug sich den Finger­knöchel auf.

„Ick geh ma uff dit scheiß Klo“ sagte er zu dem  Barkeeper. Ganz locker wollte er sich vom Barhocker drehen, der aber drehte sich mit, und bei dem Versuch, sich festzuhalten, riss Atze alle Gläser von der Theke, die sich in der Reichweite seines Un­terarmes befanden.

Mit einem schwachsinnigen Lächeln auf den Lippen murmelte er ein „Endschulischun“ und taumelte rück­wärts. Nach zehn Metern hätte er bestimmt sein Gleichgewicht wiedergefunden und wäre sicherlich zum Stehen gekommen, wenn die Glasvitrine von Ives Saint Laurent seinem Gewicht standgehalten hätte. Er warf sie um. Zusammen mit dem Geräusch von splittern­dem Glas wurde der Raum von einem hoch­konzentriertem süßlichem Parfümgeruch erfüllt. Atze murmelte wieder ein: „Endschulischun“.

Er hatte sich nicht geschnitten, dafür aber einen riesen­großen Fleck Eau de Parfum auf seiner Hose. Er stol­perte wieder in Richtung Bar, wollte sich unglücklicher­weise aber zu früh aufstützen und landete mit dem Kopf zwischen den Beinen einer etwa achtzigjährigen Engländerin, die bis vor wenigen Augen­blicken noch in würdevoller gerader Haltung auf einem der Barhocker gesessen hatte.

„What the hell is.” Mit sichtlich verärgerter Miene kippte sie ihren Früchtecocktail auf seinen Hinterkopf.

„Endschulischun.“ Ein Hotelbediensteter wollte ihm helfen, aber Atze verweigerte jedwede Hilfe.

„Komm tomtommt mia nüsch. . . nüscht zu na-hä ihr glibschau. . .glibsch. . .äh. . Schlitschaugen ihr. . .“

Er ballte die Faust, schlug mit voller Kraft eine Hand­breit neben dem Kopf des Thais vorbei ins Leere und torkelte durch den Raum. Von den fassungslosen Blicken aller Anwesenden verfolgt, eierte er zum kalten Büfett, und landete mit dem ganzen Unterarm in einer rechteckigen Form voll mit Tiramisu, die natürlich nach allen Seiten spritzte.

So manch anderer hätte die Zeichen der Zeit nun er­kannt und wäre Vorsorglicherweise ohnmächtig ge­worden, aber Atze hatte einen überaus stabilen Kreis­lauf.

Vorsichtig rückte er die Schüssel zurecht, und glättete mit seinen Händen die Oberfläche des Tiramisu. Das Arrangement “Italienische Wochen” war damit in sei­nen Augen fast wiederhergestellt.

„Endschulischun“ murmelte er. Jetzt wollte er aber wirklich gehen.

Der Hotelbedienstete von vorhin packte ihn am Arm, aber Atze hatte Vorarbeiterkräfte. Er schleuderte den kleinen Thai durch den Raum, der wiederum stolperte über ein zweigeteiltes Aquarium auf der anderen Seite des Büfetts, das runterfiel und zerbarst.

„Hähä, hätschtte dir gedacht. . „

In dem Aquarium waren auf der einen Seite Krebse und auf der anderen Seite Langusten, welche sofort aufeinander losgingen. Ein dramatischer Kampf der Meerestiere begann auf dem Velours-Tep­pich des vier Sterne Hotels.

Jetzt waren mehrere Hotelbedienstete zur Stelle. Sie nahmen Atze in den eisernen Griff, der verblüfft auf das Kampfszenario am Teppich starrte. Es ernüchterte ihn ein bisschen. Er wurde zum Büro des Hoteldetektivs abgeführt.

 

Heinz zählte gerade mit beglücktem Gesichtausdruck die Population der Ameisenstraße vor seinem Kopf­kissen, als die Zellentür sich öffnete. Vier Tage war er bereits in Gewahrsam und nun begann ihn seine erste Urlaubswoche ein wenig zu langweilen.

Zwei Bedienstete der unkomfortablen  Zwangspension führten ihn wieder in die Freiheit. Ein Taxi fuhr ihn ins richtige Hilton.

 

Yaschi Marai hatte sich für Heinz stark gemacht. Yaschi Marai, der an Diabetes leidende japanische Marktführer in Sachen Asiatischer Tourismus war nämlich versehentlich verhaftet worden.

Er wurde Opfer des Stromausfalles und auch damit prinzipiell ein Opfer von Heinz.  Yaschi Marai, ein Mann mit großer geschäftlicher Begabung und ganz speziellen Neigungen, lies sich gefesselt und angeleint treten und peitschen, als plötzlich der Strom ausfiel. Die thailändische Domina dachte an eine Razzia und verschwand. Zurück kamen Diebe mit Taschenlampen, die zwar Yaschi Marai´s gesamten Schmuck und Habe mitnahmen, ihn aber angeleint mit Gummimaske zurückließen. Als ihn die Polizei sechs Stunden später fand, hatte Yaschi Marai, verursacht durch den Kohlehydratmangel, denn er war ja Diabetiker und hatte sich vor seiner Fetischsitzung noch eine große Dosis Insulin injiziert, schon weitgehend die Kontrolle über seinen Körper verloren. Die Polizisten hielten ihn für einen drogenabhängigen Perversen, und hatten es für besser befunden, ihn zum Zwecke der Ausnüchterung “dingfest” zu machen. Marai`s Körper hatte sich nach Brennstoff gesehnt, wobei er schon so am Ende seiner Kräfte war, dass er sich verbal nicht mehr verständlich machen hatte können.

Hätte ihm Heinz nicht die Suppe eingeflößt, dann wäre der japanischen Tourismus Industrie ein großer Imperator verlorengegangen.

Deshalb beschloss Yaschi, Heinz zum Dank für seine (wenn auch unabsichtlichen) lebensrettenden Maß­nahmen in eines seiner Luxusressorts, auf einer  Philippinischen Insel einzuladen.

 

IV

 

 

Der warme Wind der Sulu See streichelte Heinz’ Haare von drei links zwei rechts nach vier rechts eins links.

Eine Asiatin streichelte Marai´s Kopf, und der Rumpf der Jacht streichelte das Wasser.

Atze streichelte sein Cocktailglas und Yaschi Marai streichelte das Wurzelholzsteuerrad seiner 5 Millionen Dollar Jacht.

Seit einer Woche waren die drei bereits hier.

Atze hatte nach seinem Eskapaden im Hotel eine ge­salzene Rechnung bekommen, daraufhin sein Kredit­kartenkonto abräumen müssen, und war nun so gut wie pleite.

Aber Yaschi Marai hatte für alles gesorgt, und so konnte auch Atze seine momentanen Sorgen vergessen. Sie hatten beide eine hübsche Begleitperson zur Seite gestellt bekommen.

Jetzt saßen die Mädchen im knappen Bikini auf dem Vordeck und die Männer standen auf der Brücke. Was sich für die Mehrheit der männlichen deutschen Bevölkerung wie ein feuchter Südseetraum anfühlt, war für Heinz lediglich eine Hürde in seinem Leben die er zwangsläufig hinnehmen musste.

Ihm war ständig zu warm. Er konnte sich mit den Mädchen nicht unterhalten, außerdem kam es ihm spanisch vor, dass sie immer, wenn er etwas sagte, kicherten. Heinz war nicht im eigentlichen Sinne eitel aber das nervte ihn kolossal.

„Dit musste nicht ernst nehmen“ hatte Atze zu ihm gesagt, aber er fand es einfach merkwürdig.

Ick wess det nicht, warum ick det angenommen habe. . .

-Mir bedeutet det hier allet ja doch nichts. Ja, gut, is warm und so, aba, Heinz, ick wess auch nicht.

Dazu hatte er einen fürchterlichen Sonnenbrand, er sah schon aus, wie eine (gleichnamige) überdimensionale Werbe­ketchupflasche.

Nachts, wenn er wach lag, weil er in der Hitze nicht schlafen konnte (er würde auf keinen Fall je wieder so etwas wie eine Klimaanlage oder einen Ventilator be­nutzen) hörte er das beständige Nagen der Kakerlaken an seiner Bambushütte.

Die hemmungslose Trinkerei seines Freundes belastete ihn psychisch natürlich auch.

Obendrein war Atze ständig langweilig, dauernd wollte er irgendetwas unternehmen und versuchte Heinz zu Ausflügen zu  überreden. Zum Beispiel zu Wander­touren zu Wasserfällen (bei vierzig Grad im Schatten), zu Besichtigungen von Schlangenfarmen und zu angeblich traumhaften und einsamen blauen Lagunen, an denen man, laut Atze, am Strand vögeln konnte. Heinz hatte keinerlei Interesse. Er wollte nicht weg, höchstens: “Mensch ärgere dich nicht” spielen, er war froh, dass nichts passierte und seitdem er sich von Atze zu einer äußerst schmerzhaften Massage überreden lassen hatte, wollte er überhaupt nichts mehr. Heinz war an allen Aktionen (auch an allen Attraktionen), die ihn von seinem täglichen rituellen Tagesablauf ab­brachten, gänzlich uninteressiert.

Er hatte wieder einmal ein bisschen Zeit über sich nachzudenken.

Det is hier wie in der Baccardi Reklame, nur ohne Baccardi. Ick möchte nur wissen, warum die mir in der ganzen Welt keene Ruhe lassen können. Eigentlich bin ick ja überhaupt nicht Schuld an die ganzen Katastrophen. Wat kann ick dafür, wenn der ganze Scheiß immer nicht funktioniert. Hab ick doch nix mit zu tun oder. Ick hab’s ihnen doch damals schon gesagt, ick hab zwee linke Hände. Ick kenn ma schon. . . aber die denken ja alle, dat se viel schlauer sind als icke. Hätt ick nicht inner U-Bahn arbeiten müssen, denn wäre ick och nicht hier. Würd gemütlich im Sessel sitzen und mir die Sendung mit da Maus ankieken. . . na ja, machste dir det beste draus.

Alles in allem fühlte er sich allerdings doch ganz wohl, auf Coco Loco Eiland (so hieß die Insel), auch wenn er es nicht wagte, so etwas so einfach vor sich selbst zuzugeben. Heinz stand morgens auf, ging zur Bar und bestellte sich ein Frühstück. 

„Germän Marmelmaid mit Bräd änd Koffi. Koffi mit Milk änd Schugarr“. Er frühstückte und ging danach zum Meer um sich die Beine abzukühlen. Dann: Ab­hängen im Liegestuhl mit Blick zum Meer.

Bis zwölf Uhr.

Mittagessen: „German Beef mit Wetschetäbles“.

Dann Mittagsschlaf in der Hängematte.

“Mensch ärgere dich nicht” mit Atze. Täglicher Streit mit Atze, weil Heinz nicht “Backgammon” spielen konnte und sich auch weigerte es zu lernen (bei “Mensch ärgere dich nicht” gewann er immer). Kleiner Strandspazier­gang (150 Meter), drei Stunden zur Abkühlung bis zur Hüfte im Wasser stehen, danach Abendessen.

Was ihm noch am meisten Spaß machte, Heinz liebte es, wenn er beim Essen den Sonnenuntergang über dem Meer beobachten konnte.

Zehn Tage später, eines Abends, konnte er dann der Versuchung nicht wiederstehen und trank mit Atze und Yaschi Marai ein paar Bier.

Es kam ganz automatisch, Marai hatte zu Ehren seiner Gäste eine Ladung Deutsches Bier bestellt und nun saßen sie alle vor einer Flasche Schultheiß Export. Heinz knippte mit einem Stück Bambusholz den Kronen­korken ab, als hätte er in seinem Leben noch nie etwas anderes gemacht. Darauf folgte natürlich noch ein weiteres Bier und noch eins und so weiter. Yaschi Marai vertrug den deutschen Gerstensaft schlecht, er wurde ziemlich schnell beschwipst, seine deutsche Aussprache die auch im nüchternen Zustand schon sehr vom fehlenden R geprägt war, wurde noch undeutlicher.

Sie unterhielten sich unverbindlich über die unter­schiedlichen Vorzüge und Sitten ihrer Völker. Als Yaschi Marai die Runde verließ um zur Toilette zu gehen zog Atze Heinz am Ärmel und begann im Flüster­ton zu einer allgemeingültigen Erklärung anzu­setzen:

„Weste, so nett se auch sind, diese Schlitzaugen hier, ick trau ihnen nicht übern Weg. Mag ja sein, dass se ne Menge wissen über so Technik Zeugs, aber, ick wes nicht, dit is wie mit die Autos, verstehste, allet ganz schön aber dann doch nicht so gut wie unsere Deutschen Produkte. Dit sind halt einfach Ausländer, verstehste, die haben ne ganz andere Kultur- ick mag jetzt nicht sagen dass unsere Kultur viel besser ist, mag ick nicht sagen, verstehste, aber bei uns ist doch alles ein bisschen solider. Allein die Frauen, verstehste, so schön sie auch hier sind und, das kannste mir glauben, ick hab mir nu wirklich überlegt ob ick mir nicht eine kaufen soll, so ne schöne mit so einer zarten Haut, meine olle Helga zuhause macht mich ja schon lange nicht mehr an, aber. . .“

er machte einen kurzen Zwitscherlaut indem er die Luft am rechten Mundwinkel kurz einsog,

„. . . aber, mach ick glaub ick doch nicht. Sind mir doch ein bisschen zu anders, wenn de weißt wat ick meine, also, ick bin ja nicht rassistisch, ick nicht, aber die haben ja doch so wat Schlangenhaftes und so richtig Deutsch werden die auch nie lernen. Ick meine nicht nur die Sprache, auch alles andere. So schön se auch sind, dit bleiben doch immer Ausländer. Und was diesen Yaschi hier angeht, der ist doch ein ganz netter Kerl, ick meine, wenn man wes wie man ihn nehmen muss. So wie icke. Aber Vorsicht, weil, ick wette mit dir, wenn de dem Kerl mal den Rücken zudrehst, denn geht der bestimmt über Leichen.

Kuck mir nicht so an, ick kenne mir gut aus in solchen Sachen, hab Erfahrung von meine Angestellten zu­hause, und ick hab da bestimmt schon Typen von der halben Welt kennengelernt, aber so zuverlässig wie wir sind sie alle nicht, die haben keene so ne Kultur wie die unsere also pass uff. . .“

Yaschi Marai kam zurück, Atze lehnte sich abrupt zurück und setzte noch ein leises: „Denk an meine Worte“ hinterher.

Yaschi lächelte.

„ Zu viele Biel, musse oft auf die Toilettel“

Der Alkohol tat seine Wirkung.

Atze, der Quartalsäufer vertrug eine Menge und konnte noch richtig gerade sitzen. Heinz ging es nicht mehr so gut. Genauer gesagt: sogar richtig schlecht.

Drei Schultheiß waren eben doch erheblich zuviel und seit Atze´s Beschwörungsrede fühlte er sich nur noch hundsmiserabel. Dessen negative Gedankenenergie hatten Heinz´ Lebensmut spiralförmig nach unten ab­rutschen lassen. Physisch rutschte auch ab und begann sich die Unterseite des Bambustisches zu betrachten.

„Hei-eins, bisst du sehl betl. . .beetlunkel. . .“

„Der is fertig, den kannste jetze nur noch inner Feife rochen“

Yaschi winkte seinem Personal (das immer für ihn bereit stand), sie nahmen Heinz und packten ihn in eine Schubkarre und brachten ihn in seine Hütte.

 

Heinz träumte. Er lag in seiner Hängematte. Das Meer spiegelte die Farben des Sonnenuntergangs, in Rosa, in blau und erstaunlicherweise bernsteinfarben.

Ein großer Hund kam plötzlich aus dem Wasser gestiegen, schüttelte sich und torkelte den Strand ent­lang.

Da fiel Heinz ein merkwürdiger Geruch auf, oder eigentlich eher ein vertrauter Geruch. Das Meer roch nicht nach Meer.

Und das torkeln des Hundes hatte etwas damit zu tun, mit diesem Geruch. Heinz wusste, dass es da eine Ver­bindung gab, aber er kam nicht darauf. Es gab da eine Assoziation, zu Geruch und Torkeln, eine Verbindung, die ganz konkret in seinem Kopf existierte, aber er kam einfach nicht darauf.

Er stand auf und ging an den Strand.

Der Hund fiel immer wieder um, konnte sich gar nicht richtig auf den Beinen halten.

Heinz sah auf das Meer.

Die Wellen leckten am Strand, aber auch damit stimmte irgendetwas nicht. Die Schaumkronen waren irgendwie zu schaumig.

Jetzt hörte er den Wind singen.

„Watn´nu“ hörte Heinz sich sagen, denn der Wind sang ganz deutlich eine Phrase.

Er hörte genau hin.

Schult-heiss, ein hoher Preis, pfiff der Wind.

Heinz dachte im Traum daran, nun völlig verrückt ge­worden zu sein.

Er suchte den Horizont ab.

Das war das Meer.

Das Meer war bernsteinfarben.

Und es stank. Es stank nach Bier. Genau, deshalb torkelte der Hund so.

Heinz ging auf die Knie, und schmeckte an den Wellen.

Bier, genau, und zwar Schultheiss Bier, das erkannte er genau.  Er trank davon und ging zurück zu seiner Hängematte. Dort legte er sich wieder hin und schüttelte den Kopf.

„Ein ganzes Meer“ murmelte er, „dett kann ja wohl nich sein. . .“

 

Vier Stunden später wurde er wach. Völlig erstaunt bemerkte er, dass er nicht in der Hängematte lag, sondern in seiner Hütte. Heinz hatte keine Ahnung, wie er da hin gekommen war. Zuerst wollte er nach­sehen, ob denn das Meer wirklich aus Bier bestand, aber er war noch völlig benebelt und hatte einen fürchterlichen Brand. Er torkelte nun seinerseits aus der Hütte. In dem Hüttendorf herrschte Tiefschlaf, das Stromaggregat war abgestellt, alles dunkel. Heinz wollte in das Restaurant gehen um sich was zu trinken zu organisieren. Er ging durch das Ressort, kam aber vom Weg ab und befand sich plötzlich im Urwald und, wie sollte es anders sein, er verlief sich.

Er stolperte über Wurzeln, und konnte sich nicht mehr entsinnen, in welcher Himmelsrichtung das Meer lag, beziehungsweise der Strand, beziehungsweise das Ressort. Bedauerlicherweise lief er in exzentrischen Kreisen immer tiefer in das Innere der Dschungelinsel hinein.

Heinz wurde schwindelig und er musste sich irgendwo hinsetzen. Es war ihm nicht geheuer, hier fühlte er sich ganz und gar nicht sicher, und er hatte großen Durst. Tierstimmen kreischten hallend durch die  Nacht, die großen Bäume sahen im Mondlicht extrem bedrohlich aus. Er erschrak fürchterlich, als sich vor ihm etwas bewegte. Er hatte eine große Strandkrabbe auf nächt­lichen Landurlaub beim Pilzessen gestört. Sie war so groß wie seine beiden Handteller zusammen. Heinz hatte nur einen dünnen Badelatschen an, allein die Vor­stellung, die Krabbe könnte ihn mit einer Schere in den Fuß zwicken, lies ihn panisch loslaufen. Keuchend blieb er nach wenigen Metern wieder stehen.

„Na, det kann ja heiter werden“ murmelte er zu sich selbst.

Angst breitete sich in seinem Inneren aus. Mit den Fangarmen einer Krake griff die Angst nach seinen Sinnen und wenn Heinz nicht so starkes Verlangen nach etwas flüssigem zu trinken gehabt hätte, so wäre er vermutlich vollends panisch geworden. Er ging weiter.

 

Atze wurde von dem auf und Zuschlagen der Türe seiner Nachbarhütte geweckt. Heinz hatte sie nicht richtig zugemacht, und der Wind trieb sein Spiel damit. Atze konnte nicht mehr einschlafen, solange diese Tür da dauernd auf und zuschlug. Nach einer Stunde raffte er sich endlich dazu auf, aufzustehen, um sie richtig zu schließen. Er warf noch einen Blick in die Hütte und stellte fest, dass sein Nachbar nicht in seiner Hütte lag. Atze wurde nervös.    

„Mensch, der war doch janz alle. Der wes doch gar­nicht wo dit jetz hingeht. Mann o’ Mann, Heinz wat machst du denn nu schon wieda. . .“

Er stolperte verkatert zum Restaurant und betätigte die Essensglocke.

„Alarm, Alarm, Mann vom Ressort“ schrie er und klingelte dazu wie wild. Dann rannte er schreiend durch das Hüttendorf bis schließlich auch der letzte Bewohner senkrecht im Bett stand. Atze brüllte so lange herum, bis sich das gesamte Personal des Ressorts, einschließlich der Animierdamen vor dem Restaurant mit Taschenlampen versammelt hatte. Schließlich standen sie vor ihm und er war so heiser, dass er ihnen fast nicht mehr erklären konnte worum es überhaupt ging. Er deutete auf Heinz Hütte und krächzte: „Heinz. . . . is. . .weg. . .Kruppke. . .away“.

Der Generator wurde gestartet, alle Lichter gingen an, alles wurde gründlich durchsucht. Heinz war nicht da.

An der Suche beteiligten sich alle Gäste, Heinz war ihnen nicht nur ein Begriff, nicht nur irgendeine Nummer, sondern er war auch fast allen ans Herz ge­wachsen, einer den man gerne sieht, einer dessen bloße Präsenz jeden zum Nachdenken darüber veranlasst, wie wertvoll das Leben an sich doch ist- ganz egal was passiert. Sie bildeten kleine Gruppen, jede Gruppe jeweils eine Taschenlampe. Der trauernde Tross zog los. Atze hatte übrigens auch Yaschi Marai lautstark davon überzeugt, dass sich alle an der Suche beteiligen müssten. Sie trennten sich sternförmig auf, dann verliefen sie sich. Zurück blieb das verlassene Ressort, hell erleuchtet, denn der Generator lief auf vollen Touren.

 

Es war erschreckend. Die Angst auf irgendein Tier draufzulatschen war einfach allgegenwärtig. Bei jedem Schritt knisterte es ein wenig, da waren Heinz seine Albträume doch noch lieber. Ihm war jetzt wirklich schlecht vor Angst. Aber er war noch nicht so weit, sich einfach irgendwo hinzusetzen, da hätte er vor Panik Atemnot bekommen.

Plötzlich merkte Heinz auf. Ein Motor-Geräusch war zu hören. Ein Diesel Motor. Was das wohl war? Er konzentrierte sich auf die Richtung, das war natürlich schwer mit nur einem funktionsfähigen Ohr, aber es war klar auszumachen, das Röhren kam von links. Heinz schlug die Richtung ein und lief mit dem Gesicht durch ein Spinnennetz. Angeekelt wischte er es sich aus den Augen und hoffte, dass ihm die Spinne nicht in den Kragen gefallen war.

Aber die saß auf seinem Kopf. Sie hatte natürlich nicht weniger Angst als Heinz und versuchte so schnell wie möglich an ihm herunterzukrabbeln. Unglücklicher­weise über sein Gesicht. Als sie bei seiner Nase ange­kommen war, eine Vogelspinne mit cirka  zehn Zentimeter Durchmesser, erfühlte Heinz jedes vorsichtig tastende Spinnenbein einzeln.

Mit einem panischen „uuuhaaaa“ und einer unkoordinierten Handbewegung grabschte er nach dem zuckenden, haarigen Achtbeiner.

Der Vogelspinne erging es, wie es bis jetzt allen ergangen war, die Heinz zu nahe gekommen sind.

Er hatte die Spinne gepackt und mit der Hand nach unten geschüttelt, sie wollte sich noch mit einem eilig gesponnen Faden abseilen, sie wusste ja auch nicht, wo sie hinfällt. Heinz spürte den Faden, wedelte wie verrückt mit dem Arm, das Tier segelte ein Stück weiter weg und landete genau in dem weit geöffneten Maul einer Echse, die gut ein Meter lang war.

Befriedigt, dass ihr die gebratenen Spinnen nun schon von selbst ins Maul flogen, zog sich diese diskret zurück.

Heinz konnte, nachdem er sich von dem Schreck erholt hatte, zwischen den Bäumen in der Ferne undeutlich ein Gebäude erkennen

 

Am Strand waren die schwarzen Konturen eines Schnellboots auszumachen.

Ku Sang beobachtete seine Leute, und versuchte abzu­schätzen, ob sie sich alle plangemäß vorbereitet hatten.

Ku Sang war Mitte vierzig, hatte schwarzes kurz­geschorenes Haar, ein von Sonne und Narben stark ge­gerbtes Gesicht und eine hagere Figur. Er trug einen oliv- khakifarbenen Kampfanzug. Er war der Typ Mann, der seine verspiegelte Sonnenbrille auch nachts nicht abnahm.  Ku Sang war ein moderner Pirat, der mit seiner Crew in einem großen Militär-Schnellboot von Küste zu Küste zog, um Touristenstrände zu über­fallen. Er hatte von sich so eine romantische Vision, er sei der Robin Hood Asiens, denn er war militanter kommunistischer Moslem und somit der er­klärte Feind aller kapitalistischen Andersgläubigen.

In Wirklichkeit interessierte er sich selbst nur für Macht und Besitz.

Ku Sang und seine zwanzig Mann starke Armee waren gemeingefährlich. Sie kreuzten mit ihrem ehemaligen Marineschnellboot normalerweise eher in Burma, doch in diesem Jahr gab es dort kaum Touristen und sie wollten ihr Revier ein wenig ausweiten. Jeder hatte eine Maschinenpistole und die Truppe war bekannt dafür, dass sie alles, was sich bewegt mit Blei be­schwert.

Sang stand hochkonzentriert auf der Brücke seines Schnellboots und spähte in Richtung Strand. Es schien alles ruhig. Nur ein einziger Muskel zuckte in seinem zerfurchtem Gesicht. Sie stießen das schwere Boot mit Stangen an den Strand und öffneten die Landungs­brücke. Lautlos und schnell hastete ein Teil der Männer zu den Hütten des Ressorts, ein Teil zu dem Restaurant. Sie erhofften sich schwere Beute, ein Urlaub auf Marai´s vier Sterne Insel war nicht billig. Aber die Vögel waren offensichtlich ausgeflogen. Alle Hütten scheinbar vor kurzem verlassen. 

Ku Sang wurde nervös, er hatte (wie immer) große Angst davor, in einen Hinterhalt geraten zu sein. Es kam Hochspannung in die Truppe. Sollte ihnen eine Sondereinheit der philippinischen Armee auflauern, wäre für sie alles vorbei. Eine leichte Windbö zog über die Insel, und die Palmenbäume raschelten. Sofort spannten mit einem vielfältigen rack-klack alle Männer ihre Schnellfeuergewehre.

 

Heinz hatte das Generatorhäuschen entdeckt. Lautstark arbeitete darin ein Dieselmotor, und das Geräusch von Zivilisation beruhigte ihn einen Augenblick. Er wollte nun noch Licht machen und betrat das Haus. Er tastete die Wände nach einem Lichtschalter ab.

Nichts.

Er musste weiter in das Gebäude vordringen.

Im inneren des kleinen Häuschens war heiße öl­geschwängerte Luft. Das Geräusch des Diesels über­tönte hier alles. Heinz sah im Halbdunkel mehrere Kontrolllämpchen leuchten. Daneben zwei große Elektroschalter mit  Hebel.

Ene meine Muh, und raus is diese Kuh. Er legte einen der Hebel um.  Aber das war der Schalter zur Genera­torentlastung, der lediglich zum Starten des Diesels notwendig war. Es passierte nichts, nur das Geräusch des Diesels veränderte sich leicht, aber in dem zwei Kilometer weit entfernten Ressort hatte das eine andere Wirkung.

 

An dem Ressort gingen nämlich alle Lichter aus. Schlagartig war alles Dunkel.

Die Piraten drehten sich alle mit ihren Kalaschnikows im Anschlag lautlos im Kreis. Sofern es möglich ist, dass vollständiger Spannungsabfall Hochspannung erzeugt, zu dieser Zeit an diesem Ort passierte es.

Am Rande des Ressorts stand eine Kokospalme, die schon längst bereit war, ihre reifen Nüsse abzuwerfen. Zwei Kokosnüsse fielen ab, und rissen noch ein paar verwelkte Palmwedel mit sich. Es raschelte, knackte und krachte.

Das Licht im Ressort ging wieder an, denn Heinz hatte den Schalter zum zweiten Mal umgelegt.

Ku Sang nahm seine Schusswaffe und machte einen Schuss in die Richtung, aus der das raschelnde Geräusch kam. Das veranlasste die Palme dazu, min­destens zwanzig weiteren reifen Nüssen dem Schicksal zu überlassen. Sie donnerten nach unten, eine davon schlug durch ein Hüttendach und traf punktgenau die Starttaste eines darin befindlichen Ghettoblusters.

Edith Piaf leierte im batterieschwachen Tremolo ihr „Je ne regrette rien“.

Alle zwanzig Männer bekamen es mit der Angst zu tun, nahmen ihre Maschinenpistolen und ballerten wie wild um sich. Das Bambusholz splitterte, Schilfdächer zerteilten sich. Einige Hütten wurden nur durchlöchert, das Restaurant und der Waschpavillon jedoch wurden mit hektischem Ratatattat richtiggehend zerschreddert. Die Kakerlaken hörten auf zu nagen, die Ratten brach­ten sich in Sicherheit. Wäre ein unbeteiligter Beobachter zur Stelle gewesen, er hätte etwas höchst Erstaunliches beobachten können. Er hätte gesehen, wie zwanzig Söldner, die für ihre Kaltblütigkeit berühmt waren, für ihre Grausamkeit gefürchtet und ausschließlich auf eigene Rechnung arbeiteten, wie sie plötzlich völlig verängstigt und mit entfesselter destruktiver Energie um sich ballernd im Rückwärts­schritt vor einem verlassenen und blinkenden Bungalowdorf zurückwichen. Das Licht ging wieder aus und wieder an. Dann wurden urplötzlich mehrere Pfade, die von dem Hüttendorf wegführten beleuchtet. Die Piraten zogen sich nach einem Pfiff von Ku Sang blitzschnell zurück, stiegen zurück in ihr Boot und verließen so schnell wie möglich die Küste.

 

Heinz stand mitten zwischen dem ohrenbetäubenden Knattern des Diesels und hatte mittlerweile alle Schalter ausprobiert. Er gab es auf.

 „Atze hat schon recht, det ist allet Müll hier,“ schimpfte er und verließ das Häuschen. Er war sich natürlich wieder einmal völlig im ungewissen, dass diese einfache Drehung seines Handgelenks an einem anderen Ort eine erhebliche Zerstörung verursacht hatte. Als er vor das Generatorhäuschen trat, sah er die Lichterkette, die nun den Pfad zwischen Ressort und Stromaggregat beleuchtete.

Heinz schleppte sich müde diesen Pfad entlang und erreichte das Ressort. Als er das zerstörte Restaurant erblickte und die umgestülpten Woks sah, die wie schwarze Brüste auf den zwei kegelförmigen Schutt­haufen lagen und das verbrannte Pulver roch, entlockte es ihm lediglich wieder einmal ein: „Wat´n nu?“

Und da er alles für eine durch den Alkohol verursachte Sinnestäuschung hielt, schwor er sich zum x-tausendsten mal in seinem Leben: „Nie wieda trinkst du wat, nie wieda“. Er stolperte über irgendetwas und knickte mit dem Fuß um. Es war eine leergeschossene zurückgebliebene Waffe. Heinz hob sie auf und be­nutzte sie als Gehhilfe, ohne richtig im Kopf zu realisieren, wobei es sich bei seinem „Spazierstock“ handelte. Er war einfach noch völlig fertig. Nach ungefähr zehn Minuten hatte er den Weg zu seiner Hütte gefunden und legte sich hin. Minuten später schlief er tief und fest.

 

Er stand auf und öffnete die Tür zu einer weiteren Bambushütte. Doch darin war nicht, wie erwartet, die übliche Futtonmatte mit dem zerschlissenen Moskito­netz, überraschenderweise schien diese Hütte unterkellert zu sein, es führte eine lange Treppe nach unten. Heinz machte sich auf den Weg. Er ging an einem großen ölverschmierten Dieselaggregat vorbei und befand sich kurz darauf wieder auf dem U-Bahn­hof Schlesisches Tor. Aber diesmal war der völlig überwuchert mit tropischen Pflanzen. Wieder standen da die Personen aus seinem letzten Traum (Gustav, der Nadelstreif, der Mann mit den Abfahrtszeiten, die Vollbusige Assistentin, der Kontrollonkel, der Botschafter, der Weißkittel und Atze) aber dazu kam diesmal Yaschi Marai mit zerbrochenen Brillengläsern.

Jedesmal werden det mehr, dachte er sich, det is ja wie bei: wie pack ick meenen Koffer.

Die Assistentin führte einen Schlangentanz vor. Gustav und der Nadelstreif packten Heinz an den Armen und hielten ihn fest. Sie nahm die Kobra mit beiden Armen nach oben und legte sie um seine Schulter. Die Schlange, glitt an seinem Körper hinunter und begann Heinz bestes Teil zu würgen.

Trotz seiner Angst, empfand er es nicht als unangenehm, etwas das ihn allerdings ziemlich irritierte. Hatte er doch in Wirk­lichkeit große Angst vor Schlangen. Die Frau küsste ihn vorsichtig.

Die Männer um ihn herum unterhielten sich teil­nahmslos, Heinz konnte nicht verstehen, was sie sagten, es hörte sich einfach nur völlig gleichgültig an.

Die Schlange drückte weiter zu und die Assistentin legte den Arm um seine Schultern. Er hörte ein „Ohh“ der Männer. Heinz schämte sich ein wenig.

Sie schüttelte ihn und entblößte ihre weißen computer­gestylten Zahnreihen. Ihre Pupillen wurden zu Katzen­augen. Eine Ohrfeige traf ihn. Er hörte ein Geräusch. Der Dieselmotor? Nein.

Jemand schrie.

Die Schlange hörte nicht auf.

„Ja. Nein. Ja. Nein. Nein. Nein,“ Heinz schrie panisch.

 

Er schlug die Augen auf und blickte in die verärgerten Gesichter von Atze und Yaschi Marai.  Das empörte „Oh“ kam von Atze. Yaschi Marai brüllte, was seine Stimme hergab. 

 

Der Suchtrupp war verzweifelt und völlig übermüdet zurückgekehrt. Alle hatten sich entsetzt über den Zustand des Hüttendorfs, das aussah, als ob ein Taifun darüber hinweggefegt wäre. Nur aus einer der völlig demolierten Hütten war ein lautes Stöhnen vernehmbar. Alle hatten sich entschlossenen Schrittes zu der Hütte begeben, in der Heinz schlief, ekstatisch zuckend, mit einer Kalaschnikow im Arm.

Das war sogar Yaschi Marai zuviel gewesen. Der Japaner, der ansonsten eher das Gemüt eines teakhölzernen Schaukelpferds hatte, fing an, Heinz in seine Muttersprache (japanisch) anzubrüllen. Der Japaner hatte Heinz am Kragen seines Shirts gepackt und schüttelte ihn, während­dessen standen alle anderen im Kreis und schüttelten die Köpfe oder schlugen im Geiste die Hände über dem Kopf zusammen.

Lediglich Atze hatte sich ganz still in der Hängematte vor Heinz Hütte fallen lassen. Er bekam allmählich wirklich Angst vor Heinz Kruppke.


V

 

(eine Woche später)

 

Übermüdet und geschafft vom Heimflug torkelte Heinz über das Berliner Pflaster. Er war nicht nur wegen des Jetlags schlecht gelaunt. Alle Bewohner von Coco Loco Eiland hatten ihn bis zuletzt gemieden, um nicht zu sagen: Richtiggehend geächtet. Heinz hatte sich wie ein Aussätziger gefühlt.

 

Yaschi Marai´s Wutanfall hatte zwar nicht lange an­gehalten -hatte er doch so gebrüllt, dass ihm zwei Tage später immer noch die Stimme versagte. Yaschi hatte es zwar an dem Ausmaß der Zerstörung ziemlich schnell erkannt: Das war nicht das alleinige Werk des verschrobenen Heinz Kruppke. 

Aber er wollte ihn nicht mehr sehen.

Yaschi Marai weigerte sich zu glauben, dass das Auge des Drachens eine Erscheinung wie Heinz sein sollte. Das Bild des orgastisch zuckenden Deutschen mit der Kalaschnikow im Arm war wie ein böser Geist, der sich für immer in seinen Träumen fest­setzte. Marai war nach langer Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass der Vorfall für ihn am unproblematischsten zu bewältigen wäre, wenn er für Heinz den sofortigen Rückflug in sein Heimatland organisierte. So hoffte er nur, dass Heinz seiner ge­rechten Strafe ohnehin nicht entgehen konnte.

Womit er vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Also erteilte der Manager seine Anweisungen zum sofortigen Wiederaufbau des beschädigten Geländes, ließ Heinz Kruppke ausquartieren, stieg in seine Motor­jacht und verließ auf Nimmerwiedersehen sein Feriendorf. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Yaschi in einem seiner eigenen Hüttendörfer Urlaub gemacht hatte, und nach Deutschland wollte er nun auch nicht mehr. Er sagte unverzüglich den bereits geplanten Trip zum  Schwarzwald und nach Neu­schwanstein ab, obwohl das einst ein Kindheitstraum von ihm gewesen war.

 

Und Heinz?

Heinz konnte den Feriendorfbewohnern nicht erklären, dass er sich wirklich nur verlaufen hatte. Zumal er sich das mit den zerschossenen Hütten und der Maschinen­pistole auch selbst nicht erklären konnte.

Er hatte  einen Filmriss (oder so etwas ähnliches) und konnte sich nur wage an seinen letzten Albtraum erinnern. Und an das schreckliche Erwachen danach natürlich. Also versuchte er gar nicht, irgendetwas zu erzählen. Allerdings, wenn er genau nachgedacht hätte, dann hätte er sich bestimmt an das eine oder andere Erlebnis da im Dschungel erinnert, Heinz verdrängte es jedoch lieber.

 

Atze hing von da an nur noch völlig apathisch in der Hängematte und wartete darauf dass der Tag der Ab­reise näherrückte. Er war nun fest davon überzeugt, dass Heinz ein ganz raffiniert getarnter Terrorist einer islamisch-kommunistischen Terrororganisation war, die es auf unbescholtene Bürger der ganzen Welt abge­sehen hatte.

Dit is allet keen Zufall jewesen, dit mit dem Hotel nich, mit dem Zahnarzt hat er sich mein Vertrauen erschlichen, meine Konekschons (Connections), denn dit Hotel, denn dit Ressort.

Atze hatte einen Brief aufgesetzt und ihn von Bangkok aus an den Bundesnachrichtendienst geschickt. Er hatte darin die ganze Begegnung mit Heinz minutiös protokolliert. Ansonsten war für ihn völlig klar, dass er das nächste Jahr in die Dominikanische Republik flie­gen würde. Atze war fertig mit Asien. Ein für allemal.

 

Heinz war also wieder zuhause. War ihm auch lieber. Das Leben war hier für ihn zwar nicht einfach, aber unterm Strich dann doch erträglicher als sonst wo.

„Keen Mensch versteht mich. . .“ murmelte er frustriert, stolperte,  konnte sich wegen der zwei Koffer, die er in den Händen hielt, nicht mehr ab­stützen und fiel mit dem Gesicht auf das harte Berliner Kopfsteinpflaster. Es wuchs ihm ein blaues Auge.

Er bemerkte nicht den Mann, der, als Heinz wieder aufstand, sich hinter eine Hausecke zurückzog und er bemerkte ihn auch dann nicht, als er weiterging, und dieser Mann ihm folgte. Heinz ging nach Hause, in seine „Einraum-Wohnung“ im zweiten Hinterhof, Hochparterre. Es war Winter, es war kalt.

Auch in der Wohnung.

In Heinz Toilette war eine zugefrorene Pfütze, und er taute sie auf.

Die Gasheizung hustete ein wenig, als er an dem Regler drehte. Das Gas war nicht abgestellt, auf den ersten Blick schien wenigstens damit alles in Ordnung zu sein. Heinz setzte sich in seinen einzigen Sessel, wickelte sich ein in eine Decke und stellte sein Dampf- Radio an. Nach anfänglichen Brummen kam ein Reise­bericht über eine Südseeinsel. Das war das letzte was Heinz jetzt brauchen konnte. Schnell drehte er weiter. Dumpf hämmerte ihm der Ryhtmus eines alten Schlagers entgegen.

Ich schau mich um und seh nur Ruinen,

Vielleicht liegt es daran dass mir irgendetwas fehlt. . .

Heinz kannte das Lied, er hatte das seinerzeit sehr ge­mocht. Gespannt summte er mit.

Du stehst neben mir und wir flippern

-zusammen

Paul ist tot kein Freispiel drin.

Ein Fernseher läuft,

-Tod und stumm

Und ich warte auf die Frage, die Frage wohin. . .

Heinz lehnte sich zurück. Jetzt kam der Refrain:

Was ich haben will das krieg ich nicht;

Und was ich kriegen kann, das . . .

-gefällt mir nicht. . .

  Der Sender wurde gestört und kratziges Rauschen überlagerte den Sender.  Heinz drehte weiter, bis er auf die Art von Musik stieß, die seiner Stimmung ent­sprach. Er lehnte sich zurück. Nach wenigen Minuten wurde die Musik leiser.

Plötzlich, Heinz traute seinen Ohren nicht, denn jetzt kamen aus seinem alten Dampfradio heftige Knutsch-, Stöhn- und Schmatzgeräusche.

Eine anrüchig raue Stimme erzählte:

„Ein Paar räkelt sich nackt. Das Bett quietscht in dem Rhythmus den wir alle kennen“. 

Zwei Schüsse.

Eine dramatische Titelmusik setzte ein.

Dem folgte ein allzu fürchterlicher weiblicher Schrei.

Darauf:

„Hallo, Polizei, ein Mord im. . .“

Die Stimme wurde wieder leiser, die Titelmusik lau­ter. 

Der Titel des Hörspiels, Voyeuristischer postkoitaler Doppelmörder wurde von dem Ansager mit heiserer Stimme erwähnt. Rhythmisch peitschte ein Geigen­ensemble die Spannung voran, bis die Musik mit einem bläsergeschwängertem Paukenschlag endete.

„Unser Erotisches Hörspiel auf Radio Berlin.“

Nach der kurzen Pause darauf meldete sich erneut die raue Erzählerstimme:

„Im Raum befinden sich zwei Leichen und drei lebendige Personen:

Ein Polizist und eine Sekretärin . . .“.

Heinz stellte mit zitternden Händen das Radio ab, er blickte angeekelt sein altertümliches Empfangsgerät an.

Vielleicht eine Viertelstunde saß er so da, ungläubig, mit halboffenem Mund.

Wat´n nu?Haben denn jetze alle ´n Rad ab? Sein Gehirn arbeitete, sein Bewusstsein wusste nicht woran.

Allmählich blendete sich Heinz Geist wieder ein und er machte sich einen Tee.

Er trank ein wenig davon und obwohl die Heizung hörbar lief, war seine Wohnung kaum wärmer geworden. Heinz lies sich die Badewanne vollaufen.

Bevor er sich auszog, befühlte er sein Gesicht.

„Rasieren musste dir auch mal wieder “, bemerkte er und er packte sein Rasierzeug aus. Beim Einseifen schockierte ihn sein verändertes Gesicht. Heinz erkannte sich kaum wieder.

Er wurde einmal daran erinnert, dass er immer noch diese katastrophale Zahnlücke hatte und zum anderen, damit konfrontiert, dass sich dem noch ein blaues Auge hinzugefügt hatte. Das konnte seine, sonst ungewohnt braune, gesunde Gesichtsfarbe nicht beschönigen. Außer­dem hatte er stark abgenommen (mindestens zwanzig Pfund).

Er seifte sich mit seinem an Haarausfall leidenden Rasierpinsel das Gesicht ein, und in einem spontanen Entschluss auch seine Halbglatze, die ein wenig wie eine Mönchstonsur aussah. Er rasierte sich zuerst das Gesicht und dann den Kopf. Die längeren Haare schnippte er von seinem Rasiermesser in die Toilette. Die Zitteranfälle, die Heinz hin und wieder bekam, führten dazu, dass er sich häufig schnitt.

Er hatte jetzt eine frappante Ähnlichkeit mit Käpt`n Hook bekommen, sein Gesicht war verschrammt, die neue Glatze mit blutigen Kratzern übersät, er hatte eine große Zahnlücke am vorderen Schneidezahn des Ober­kiefers und eine schöne lila Augenhöhle auf der rechten Gesichtshälfte.

Heinz sah nun ziemlich gefährlich aus, zumindest dann, wenn er versuchte freundlich zu lächeln.

Er spülte die Toilette. Die Haare verstopften sie. Dann setzte er sich in das dampfende Wasser.

In der Wanne fiel ihm noch ein, dass er gar nicht wusste, was für ein Tag war und wann das nächste Treffen mit seiner Nie-wieder-Alkohol Gruppe anstand.

Er schloss die Augen.

Plötzlich befand er sich in einem komplett gefliestem Raum. Es gab keine Tür in diesem Raum, die Wände, die Decke, der Boden- alles war mit einfarbig schmutzig­gelben Kacheln beklebt. Diese Kacheln hatten die gleiche Form, Farbe und Oberflächen­beschaffenheit wie die des U-Bahnhofes. Der Raum jedoch war lediglich so groß wie Heinz Badezimmer. Und die Badewanne befand sich genau in der Mitte des Raumes. Heinz (er lag immer noch in der Badewanne) hörte hinter seinem Kopf ein Geräusch und ein Mann, den er noch nie gesehen hatte, erschien.

„Nun“ fragte der ihn streng mit anrüchig rauher Stimme, „nun, Kruppke, nun erzählen sie mir mal warum sie das eben mitangehört haben.“

„Ick hab doch nur Musik hören. . .“

Mit einer Handbewegung brachte der Mann Heinz zum Schweigen. Da bemerkte Heinz mit Schrecken, dass sein Gegenüber riesengroße Hände hatte. Nicht einfach nur groß, sondern wirklich riesengroß. Mit Handtellern so groß wie richtige Teller, mit Fingern so dick und lang wie genmanipulierte Porreestangen. Hände, so gigantisch groß wie Heinz Klosettdeckel. Der Mann machte mit den Fingern Wellen­bewegungen, es sah aus wie wenn zwei riesige Quallen mit dicken Tentakeln an seinen Handgelenken fest­gewachsen wären.

„So so, nur Musik, ja, aha. Erzählen sie mir doch mal, Heinz (er sprach das Wort wahnsinnig scharf aus, mit starker Betonung auf dem „Z“ am Schluss) erzählen sie mir doch warum sie mich anlügen?“

„Ich, ich lüge doch gar nicht“ stotterte Heinz.

„Doch sie Lügen, ich weiß es genau, sie wollen keine Verantwortung für ihre Handlung übernehmen, Kruppke, sie wollen einfach immer nur zurück, in den Bauch ihrer Mutter, das wollen sie, und ich sage es ihnen, auch da kann es kalt sein“

Der Mann nahm die Handbrause und ließ kaltes Wasser in Heinz Badewanne. „Paul ist tot kein Frei­spiel drin“ sang er.

„Nein“ sagte Heinz, aber er traute sich nichts dagegen zu tun, hatte der Mann doch so furchterregend große Hände, „nein, bitte nicht,“ flüsterte er.

Der Mann lachte, hielt die Brause, aus der eiskaltes Wasser kam, in Heinz Badewanne und sang weiter:

„Ich warte auf die Frage, die Frage wohin. . .“.

„Wo, wo, wohin?“

 

Vor dem Mietshaus, in einem beigefarbenen Opel Vectra mit laufendem Motor saß ein frierender Beamter des Bundesnachrichtendienstes: Joseph Kurzmaier. Angeekelt hatte er über die Abhörwanze in Heinz Wohnung dessen Geräuschen bei der Körper­pflege gelauscht.

Bis jetzt hatte Kurzmaier, oder Kurzi, wie er zu seinem Ärger von seinen Kollegen genannt wurde, an Heinz Verhalten noch nichts eindeutiges bemerkt, das auf staatsfeindliche Tätigkeiten hingewiesen hätte -aber das war ja vielleicht gerade das Raffinierte. Lediglich die Durchsuchung von Kruppke`s Wohnung ergab einige verdächtige Anhaltspunkte, die Kurzi in seinem elektronischen Notizbuch speicherte. Er hatte sich notiert, dass es sich bei der Wohnung der Zielperson offensichtlich um eine Art konspiratives Objekt handeln könnte (war vielleicht gar die RAF wieder­auferstanden- Kurzi hätte es gefreut).

Heinz´ Wohnung war nämlich ziemlich verstaubt und ungeheizt. Der BND Beamte hatte schon viele Wohnungen gesehen und war sich sicher, in dieser Wohnung wurde nicht gewohnt, sondern, wie er es vermerkt hatte: „partitiell gehaust.“ Ganz abgesehen davon war es sehr erstaunlich, fand Kurzmaier, dass dieser Kruppke wohl einen gigantischen Unterhosen­verbrauch hatte. Er hatte bei seiner Durchsuchung genau einhundertfünfunddreißig Unterhosen gezählt. Das war ihm mehr als seltsam erschienen. Die Unter­hosen hatte Heinz noch von Püppi, seiner verstorbenen Mutter, sie waren Teil eines Versicherungsschadens, ein Schnäppchen, das sie vor ihrem Tod noch für ihn gemacht hatte.

Bei der Erinnerung an die Durchsuchung rümpfte Kurzmaier frustriert die Nase, zog aus der Tasche eine kleine Pillendose (sie war von seiner Großmutter), öffnete sie, und holte sich mit Daumen und Zeigefinger eine Prise Kokain heraus. Er hielt sich die beiden Finger unter seine bayrische Riesennase und schnupfte. Augenblicklich fühlte er sich wohler und mit einer lasziven Geste leckte er sich die Finger ab. Das ge­wohnte Überlegenheitsgefühl kehrte zurück.

Es handelte sich bei Heinz Kruppke, nach Kurzmaier, um ein „mittelstark beschriebenes Blatt“. Die Akten des Delinquenten Kruppke beanspruchten ein ganzes Regalbrett in der Berliner Filiale des BND.

Kurzmaier hatte zu Beobachtungszwecken die Souterrainwohnung unter Heinz Bude angemietet. Sie war sehr kalt, und der Beamte hatte sich zum Auf­wärmen in das Dienstauto begeben. Dort saß er gerade zitternd mit laufendem Motor und eingeschalteter Heizung. Aber er musste wieder in das Haus, seine Berufserfahrung hatte ihn gelehrt, dass, immer, wenn man das Objekt unbeobachtet lässt, die Dinge passieren, die man hätte mitkriegen müssen. Er machte sich wieder auf den Weg zum Haus und holte sich noch ein fünfundzwanzig Kilo schweres Paket Briketts aus dem Kofferraum zum Heizen.

 

Heinz erwachte fröstelnd in der Badewanne. Das Wasser war kalt und seine Fingerkuppen hatten eine faszinierende Ähnlichkeit mit Trockenpflaumen be­kommen -auch in dessen Farbton.

„Wat´n nu,“ stotterte er.

Heinz stieg schlotternd aus der Badewanne und zog sich an. Er fror und bewegte sich, als ob ihn die Parkinsonsche Krankheit ereilt hätte. Hoffentlich hab ick mir jetzt nicht erkältet, dachte er sich.

Angezogen war ihm etwas wärmer, Gottseidank war seine Wohnung schon ein wenig angewärmt. Er ging zu seiner alten Nussbaum Schrankwand und suchte nach seinem Adressbuch.

Aus jedem Fach das er öffnete, quollen ihm Unter­hosen entgegen. Wie immer, wenn er etwas suchte, alle wichtigen und unwichtigen Habseligkeiten waren bei ihm stets nur zwischen Bergen von cremefarbenen Liebestötern zu finden.

Immer det selbe.

Als er das kleine schwarze Heftchen endlich gefunden hatte zog er sich an, latschte zur Telefonzelle und rief bei Irene an.

„Ja, wer ist da?“

„Heinz“.

„Heinz? Du bist das?“

„Ja, ick bin am Apparat“

„Na das wurde ja mal langsam Zeit, dass du wieder an­rufst.“

„Ja“

„Und was ist, kommst du rum?“

„Wie?“

„Na heut ist doch der zweite Donnerstag im Monat“

„Ja und. . . ach, ach so, na det is ja gut, ick ruf dir nämlich an, weil ick wissen wollte wann wa uns wieder treffen, und, ach so, heut  ist det ja, na so`n Zufall“

„Heinz! Wir treffen uns seit sieben Jahren jeden zweiten  Donnerstag im Monat. Langsam solltest du das wissen!“

„Ja“

„Wo warst du denn die ganze Zeit?“

„Im Urlaub“(Heinz wunderte sich selbst, wie absurd dieses Wort in seinen Ohren klang)

„Und? War schön, ja? Ich kann mir so was ja nicht leisten“

„Na ja, äh, ick weeß jetz nich wat ick dazu sagen soll.“

„Na, komm erst mal. Da können wir ja später dann noch darüber reden. Also, denn, bis heut Abend, wa“

„Ja“

„Bis dann“

Irene hatte aufgelegt. Also, heute trafen sie sich. Heinz Gruppe, die nie-wieder-Alkoholiker, seine einzigen Freunde, mit denen er sich also schon seit sieben Jahren traf.

Gruppensitzung.

Heinz war einerseits schon richtiggehend süchtig da­nach. Andererseits fürchtete er sich auch. Er war ja rückfällig geworden, außerdem hatte ihn Irenes, Komm-du-mir-mal-nachhause-Ton beunruhigt. Er ging wieder zurück in die Wohnung. Mit Erstaunen registrierte er seinen neuen Nachbarn. Seit Heinz in dem Haus wohnte, hatte noch nie jemand unter ihm gewohnt denn da war es schimmelig und kalt. Außer­dem hatte er ein Déjà-vu Erlebnis. Es schien ihm, als wäre es der Mann aus seinem letzten Traum, das gleiche Gesicht, die gleiche Figur und so weiter, nur seine Hände hatten Normalgröße.

„Wat´n, det kann ja wohl nich sein, den habe ick doch nie zuvor gesehen“, murmelte Heinz und stand wie zur Salzsäule erstarrt, nicht fähig seine ihm immer weiter vorspringenden Augen von dem Objekt abzuwenden. Der schmächtige Mann schob ächzend ein Paket Kohlen über den Boden und sperrte hektisch seine Wohnungstür auf. Er schien Schwierigkeiten zu haben. Heinz ging schleichend die Treppe hinunter, kümmerte sich nicht weiter um den Schrei den er hörte und schlüpfte so schnell wie möglich aus der Haustür. Er dachte sich noch kurz: Wenn ick ihn nicht gesehen habe, denn sieht er mich auch nicht, vielleicht gibt es ihn ja gar nicht.

 

Joseph Kurzmaier schleppte keuchend seinen halben Zentner Briketts in die angemietete Wohnung unter Heinz` Bude. Er strengte sich an, möglichst schnell unbemerkt in die Wohnung zu kommen, er durfte ja seine Tarnung nicht verlieren. Aber, wie immer klemmte das Schloss ein wenig. Kurzmaier spürte, wie er beobachtet wurde, er hatte diesen Kruppke ja da ste­hen sehen. Er orgelte wild in dem alten Türschloss herum.

Jetzt bloß keinen Fehler machen Joseph, sagte er sich im stillen, er hat dich noch nicht richtig gesehen, bloß keine Panik. Endlich ließ sich der Schlüssel diese er­hoffte kleine Drehung weiterdrehen, die dazu nötig ist, dass die Türfalle zurückschnappt. Die Tür ging auf, Kurzi hob sein Brikettpaket und trat über die Schwelle. Er hatte etwas Schwierigkeiten das Gewicht des fünf­undzwanzig Kilo schweren Kohlenpakets auszubalancieren.

Drinnen rutschte er aus, machte einen unfreiwilligen Spagat, zerrte sich den Oberschenkel und brach sich den großen Zeh. Er stieß einen kurzen Schmerzen­schrei aus. Im Liegen schlug er die Wohnungstür zu, um in dieser Stellung nicht entdeckt zu werden.

Dann erkannte Kurzmaier den Grund für seinen Aus­rutscher. Der Fußboden der Wohnung war mit einer zwei Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt. Heinz Haare hatten das Abfußrohr verstopft, das ganze Wasser seiner Badewanne war nicht in die Kanali­sation geflossen, sondern Heinz Badewasser war in Kurzmaiers konspirativer Wohnung aus der Toilette ge­quollen. Dessen Gepäck, das noch unausgepackt und offen auf dem Boden lag, musste später mit Pickeln aus dem Eis gehackt werden. Kurzmaiers Fuß schwoll dick an. Er fluchte und Tränen der Wut sowie des Schmerzes traten ihm aus den Augen. Dass das ausgerechnet ihm passieren musste. Kurzi, den Profi, wie ihn spöttisch seine Kollegen in Süddeutschland nannten. So ein Pech. Er robbte zu seinem Koffer und überprüfte dessen Inhalt. Die Abhörausrüstung war natürlich ka­putt. Das Wasser war in die empfindlichen Geräte ein­gelaufen und der Bodenfrost hatte sie gesprengt. Keine Möglichkeit mehr zum Abhören. Das gleiche mit seinem teuren Laptop. Vermutlich alle Daten vernichtet. Obendrein sah sein  neuer Anzug einfach unbeschreiblich aus. Kurzmaier griff zu seinem Handy, und rief die Feuerwehr an. Das würde er ihm büßen, dieser Kruppke. Dieser Wahnsinnige. Dieser Schmal­spur Terrorist. Kurzmaier war mehr und mehr (genau wie Atze) davon überzeugt, dass er es bei Heinz mit einem ganz ausgekochten Burschen zu tun haben musste. Er hasste Aktenzeichen 10526 bereits, bevor er ihn überhaupt richtig kennengelernt hatte.

 

„Also, nein“ rief Irene als Heinz bei ihr vor der Tür stand. Beim letzten Mal hatte Heinz wesentlich besser ausgesehen,

-oder besser gesagt: Ganz anders.

„Na komm du mir erst mal rein.“

Er ging in Irenes gute Stube. Sie ging vorneweg, durch einen dunklen muffigen Flur, über billige Flurläufer. Die Parkettimitation war aus bedruckten PVC, die Flurläufer aus Polyacryl und mit Orientteppich Motiven bedruckt. Heinz musste seine Schuhe aus­ziehen. Sie gingen weiter durch das Wohnzimmer, dessen Wände ganz mit Holzpanelen vertäfelt und dessen Decke mit Styropor in Echtholz Applikationen verkleidet waren.

Alle anderen Mitglieder der Nie-Wieder-Alkohol Gruppe hatten sich schon auf Irenes kunstledernen Polstersitzgruppe gruppiert. Sie selbst nahm auf dem etwas höheren Fernsehsessel Platz.

Heinz Gruppe hatte, ihn eingerechnet, fünf Mitglieder.

Da war einmal Irene.

Sie war die Mama in ihrer Gruppe und  mit ihren acht­undfünfzig Jahren auch die älteste. Irene war erschreckend schlank. Ihre zerbrechlich anmutende Figur hatte ihr schon mehrmals zu dem Umstand ver­holfen, dass sie von Leuten in der U-Bahn ungefragt Geld in die Hand gedrückt bekam. Außerdem hatte Irene kaum noch Zähne, zwei Eckzähne oben waren ihr geblieben. Dadurch sah sie wie eine schlampig ge­zeichnete Karikatur von Nosferatu aus.

Sie war jedoch trotz ihrer ruppigen Art und ihrer etwas irritierenden Erscheinung sehr liebenswert, ging regel­mäßig zum Putzen und konnte wahnsinnig gut organisieren. Sie war keine Schönheit mehr, das wusste sie, aber jetzt hatte sie die Kraft der zwei Herzen. Und sie putzte für die schönsten Single-Männer in der Stadt.

Behauptete sie zumindest.

Tatsächlich waren ihre Klienten allesamt nicht besonders schön, aber solvent und abhängig von ihr, die bei den meisten auch noch den ganzen Haushalt mitorganisierte. Sie wäre die „letzte Perle“, das sagte sie selbst oft von sich. Mit diesem Argument konnte sie jedenfalls einen Richter und zwei Staatsanwälte von sich überzeugen. Ein Umstand, der Heinz vor zehn Monaten sehr zu Hilfe gekommen war, als sie den Richter davon überzeugte, dass Heinz bestimmt keine Schuld treffen würde bei der U-Bahn Katastrophe.

Das Sozialamt hatte ihr zudem ein neues Gebiss ver­sprochen. Irene musste nur noch Mut fassen und endlich zum Zahnarzt gehen, ein Termin, den sie schon seit Jahren vor sich herschob.

Das brauchte Kalle nicht. Kalle hatte komplett neue Zähne. Nicht, weil sie ihm alle rausgefault wären, so wie bei Irene, sondern weil Kalle sich schon öfter ge­prügelt hatte. Vor allem früher. Vor allem mit Geset­zeshütern. Kalle war Ex Autonomer, Ex Hausbesitzer und Ex Provozierer. Als zu jener Zeit seine Renitenz nicht mehr steigerbar schien, da ging Kalle besoffen und mit einer Keule bewaffnet in eine Polizeiwache. Danach hatte er bei dem längeren Aufenthalt in einer Haftanstalt neue Zähne bekommen. Kalle wurde dort daraufhin auch mit einem neuen Rechtsempfinden aus­gestattet. Irgendetwas hatte ihn umgedreht, denn im Knast wurde er lammfromm und harmoniebedürftig. Jetzt war Kalle Bodybuilder, seine Beine waren so dick wie Baumstämme, und trotz seiner Minimalgröße von einhunderteinundsechzig Zentimetern war er eine ab­solut imponierende Erscheinung, mit dem Nacken eines Zuchtbullen und dem Brustkasten eines Trut­hahns. Leider blieb nur sein Kopf so klein wie er vorher war, trotz allen Trainings. Kalles Muskelwahn war sein Ausgleich zum Alkohol. Er trank nur noch Eiweißdrinks und frisch gepresste Fruchtsäfte, an Weihnachten durften es auch mal Wachstumshormone mit Schlankheitspillen sein. Ansonsten war er ständig voll mit körpereigenen Opiaten und er sah auch ein wenig so aus. Die jetzigen Probleme des zweiundvierzigjährigen waren seine kraterübersäte aknebelastete Haut, sowie der ständige Wolf, den er zwischen den Beinen bekam, weil die Innenseiten seiner Oberschenkel sich permanent aneinander scheuerten. Aber man konnte sich jederzeit auf Kalle verlassen.

Von außen betrachtet störte allerdings viel eher seine durch das Trinken verursachte Langsamkeit im Denken. Kalle sprach sehr langsam, dachte langsam und bewegte sich langsam. Und er schnitt Grimassen, wenn er nachdachte, das heißt, er zerknetete mit seinem Oberkiefer die Unterlippe in alle Richtungen, was ziemlich bescheuert aussah.

„Wie sieht `n der schon wieder aus,“ brummte Gerd über Heinz

„Ascher mal lieber ab, bevor du dein Maul so weit auf­reißt“ herrschte ihn Irene an, womit sie die lange Asche der halbaufgerauchten West light meinte, die zwischen Gerds nikotingelben Wurstfingern klemmte. Gerd brummte. Wenn Irene diesen Ton drauf hatte, wäre Gerd der letzte gewesen, der Widerspruch gewagt hätte. Er lehnte sich wieder zurück und wartete auf eine Möglichkeit für seinen nächsten Einsatz. Männer mit Glatzen waren für Gerd generell ein rotes Tuch, da der eingefleischte Elvisfan ein kleines Vermögen für sein  Echthaar- Toupet ausgegeben hatte.

Gerd, der amerikanophile, der am liebsten immer sein Hemd bis zum Bauchnabel offen stehen ließ, kam alters­mäßig gleich hinter Irene. Auf Heinz war er schon des öfteren Eifersüchtig gewesen, der bekam nämlich immer eine Spezialbehandlung von Irene.

Gerd ähnelte auf eine bestimmte Art und Weise Atze. Auch er war ein Mensch, der andere gern darauf auf­merksam machte, was das Richtige ist, Gerd wusste immer ganz genau was sich gehört und wie man die Dinge anpackt. Es konnte sein, dass er stundenlang nichts sagte und beobachtete, nur um die Gewichtigkeit seiner wenigen Statements zu erhöhen. Er kam aus Ost-Berlin und hatte den dortigen Strafvollzug gründ­lich erforscht, bevor er ausgewiesen wurde.  Gerd war heute Kranführer und arbeitete an dem neuen Bahnhof, im größten Kran Europas, bei der größten Baustelle der Stadt. Herausfordernd blickte er Heinz in die Augen.

„Habt euch bloß lieb“, mahnte Rotraud, die Jüngste unter ihnen. Rotraud war vierzig, Krankenschwester, sah gepflegt aus und war leidenschaftliche Esoterikerin. Wenn Gerd sie ärgern wollte, dann nannte er sie „Orakel-Traudi“.

Die Situation war angespannt.

Sie saßen zusammen und versuchten angestrengt sich nicht in die Augen zu schauen. Es entstand eine längere Pause, keiner wagte es den Mund aufzumachen. Die Kaffeemaschine gurgelte, aber die Kommunikations­maschine lief noch nicht richtig.

„Bist ja `ne richtige Berühmtheit geworden Heinz“ wagte Kalle einen neuen Anfang mit seiner schwerfälligen Sprechweise.

Pause.

Und nach mehreren tropfenden Minuten erwiderte Heinz:

„Na ja, . . .“.

„Hättste dir ruhig schon früher mal melden können“ meinte Irene.

„Na, ick hatte. . . .“stotterte Heinz.

„Bist du trocken geblieben?“ Unterbrach ihn Gerd heraus­fordernd. Das war die Frage um die sich jetzt alles drehte. Heinz antwortete nicht, sondern starrte auf den Boden und zählte die Kaffeeflecken auf dem pink­farbenen Teppich.

Nach einer Pause, die wieder eine kleine Ewigkeit dauerte, Gerd hatte schon dreimal gehüstelt, hob er seinen Kopf.

„Ne,“ sagte Heinz, „Ne, bin ick nich.“

Das war dramatisch. Einen Augenblick lang hatte er überlegt ob er lügen sollte. Vielleicht wäre ihm sein Handeln dadurch weniger wahr erschienen, wenn er gelogen hätte. Aber Heinz war eben anders gestrickt. Er wollte sich nicht mehr selbst belügen. Das hatte er jahrelang getan, immer und immer wieder, er hatte es damals selbst noch nicht einmal bemerkt. Seine Nie-Wieder-Alkohol-Gruppe, seine Ersatzfami­lie, hatte ihm beigebracht sich (fast) nicht mehr Selbst zu belügen. Das hatte er bis jetzt so gehalten.

Bis auf eine Sache, die würde er seinen Freunden nicht verraten, um keinen Preis, die Inhalte seiner Träume, da war Heinz sich sicher, die wird er mit ins Grab nehmen. Da lag jedoch auch sein Dilemma. Einerseits wollte er nämlich den Schutz seiner Ersatzfamilie, das Gefühl zu bekommen, dass, ganz egal was er tat, sich gemeinsam immer eine Lösung finden lies. Anderer­seits hatte er immer große Angst vor allem, was danach kommen würde. Es gab immer diese Diskrepanz, diesen Widerspruch zwischen ´nicht alles sagen` und ´nicht lügen`.

Heinz stockte.

Einen Rückfall zu gestehen, das war nicht einfach, man musste nämlich erklären warum.

„Nu?“ Fragte Irene.

„Ick hab Gustav getroffen,“ antwortete Heinz.

„Oh Gott,“ sagte Gerd. Gustav gehörte auch zu Gerds ehemaligem Dunstkreis, sogar wortwörtlich.

„Gustav war det in der U-Bahn“ sagte Heinz. Den Abend mit Yaschi Marai und Atze verschwieg er lieber, einen Rückfall zuzugeben reicht, erst mal, dachte er sich.

„Und du warst die ganze Zeit untergetaucht?“ Meinte Irene, „wo warst du denn, wir haben dich gesucht aber du warst nicht da. Auf`m Sozi warst du nicht. Zuhause warst du nicht. Nirgendwo warst du. Das ganze dreiviertel Jahr warst du nicht da.“

„Wahrscheinlich schwebte Heinz in höheren Sphären,“ orakelte Rotraud dazwischen.

„Oder mal wieder im Treberhotel“ maulte Gerd.

„Na ja, erst war ick im Knast, wegen dem mit der U-Bahn, denn bin ick auf das Gericht, denn ham sie mir Freigesprochen, aber det weißt du ja allet Irene, aber mit so `nem Bescheid, dass ick mir mit so `nen paar verrückten Computerfritzen so`n komischen scheiß Helm uffsetzen tu, `und denn. . . .“

„Was denn für nen Helm“ hackte Irene nach.

„Na ja so`n Helm mit`nem Fernseher innen drinne, mit U-Bahn Höfen und so wat allet.“

„Sag mal Heinz, hast ein Rad ab? Willst du uns ver­scheißern?“ Argwöhnte Gerd mit erhobener Stimme.

„Ne, det is die purste Wahrheit, wenn ich det euch sage, det kriegste uff, det Ding, und denn wird allet supa-bunt.

Teimpiper oder Teimpripär oder so ähnlich haben se det genannt, oder Teimpimper ick weeß det nicht mehr so genau. . . , da war auf jeden fall so`n Typ und der hat mir vollgequatscht ohne Ende und denn is die ganze Scheiße da kaputtgegangen und ick bin in die Charité gekommen.

Und dann innen Urlaub, weil sie haben gemeint ick brauch det jetzt, und da im Urlaub och noch mal innen Knast, weil ja det eine Hotel brannte, also gebrannt hat und denn mit nem Schiff uff so n komischet Dorf mit so Bambushütten in Thill . . .Phill.  . .äh. . . hand “.

„Holland“ wollte Kalle helfen.

„Ne, so hieß det nich, aber irgendwat mit Phil. . .ick kann det jetzt nich mehr aussprechen, irgendwat mit Palmen, und warm und so wat allet, und denn bin ick da gewesen und denn is da wieder alles irgendwie Kaputt­gegangen und jetzt bin ick wieder hier.“

„Mensch Heinz“ sagte Irene mit einem besorgten Kopfschütteln. Keiner hatte auch nur annähernd ver­standen was passiert war, aber schrecklich muss es ge­wesen sein.

„So war det. Allet scheiße. Kann ick euch sagen. Aber ihr braucht mir nicht bemitleiden, weil . . .ick kenn det schon. Nur dass ick wieder wat getrunken hab, det tut mir echt leid. Ick war echt blöde.“

Sie saßen wieder stumm nickend und ließen ihre Körper wieder in sich zusammensinken. Dass Heinz überhaupt soviel erzählt hatte, war an sich schon ein kleines Wunder. Aber, das mit dem Rückfall, das durften sie ihm eigentlich nicht durchgehen lassen. Sie mussten ihn schon ein wenig zappeln lassen, bevor sie ihm wieder die Absolution erteilen konnten.

Kalle ergriff das Wort.

„Tja Heinz, mein Freund, unser Freund, also. . .äh. . . , du denkst also . . ., nimms mir. . . uns, uns bitte nicht übel, dass ich dir diese Frage stelle, aber einer muss es tun, also Heinz, glaubst du denn, du schaffst es dass du . . . vielleicht. . . .denkst du denn. . . dass du in Zukunft wieder trocken sein wirst? Ich meine, wenn du da jetzt schon mal was getrunken hast . . . ich muss das irgendwie fragen, aber . . . hast du denn keinen Entzug?“

Kalle biss sich auf die Unterlippe, und sah von einem zum anderen.

Heinz schüttelte zweideutig den Kopf, es war nicht ganz klar, ob er ja oder nein meinte.

Bis jetzt hatte er noch keine Entzugserscheinungen, aber das konnte er ihnen nicht sagen. Sonst fingen sie ja alle wieder zu trinken an. Heinz räusperte sich und alle zuckten.

Jetzt blickten alle ihm erwartungsvoll in das Gesicht. Gerd drehte nervös an einem seiner Ringe, Rotraud zupfte sich am Ohrläppchen.

„Ick zittre manchmal noch so`n bisschen, und schlecht ist mir auch,

- oft,

- noch.“

Alle waren erleichtert, ein Seufzer ging durch die Runde. Irene holte den Kaffee, der sich keuchend und fauchend durch die Kaffeemaschine gequält hatte.

„Deine Sterne sagen auch nur das allerbeste“ kicherte Rotraud euphorisch.

„Wat“.

„Dein Neptun steht in fünften Quadrat. Ein welt­bewegendes Ereignis wird durch die Energie deiner Seele entfacht“, orakelte sie weiter.

„Ick hoffe det auch . . . manchmal“ erwiderte Heinz misstrauisch.

„Ne, so einfach find ich das aber nicht“ knurrte Gerd wieder. „Ich mein, Heinz, ich mein, dass das ganz und gar nicht so einfach ist, wie du dir das vorstellst. Weil, irgendwie, ich mein, da könnte ja jeder von uns. . .,“ er nickte mit dem Kopf und ließ den Satz unvollendet.

Paul ist tot, kein Freispiel drin, fuhr es Heinz durch den Kopf.

Und Gerd fuhr fort:

„Jeder kann hier doch einen Affen machen und dann sagen, na ja, kann er sagen, tut mir leid, war nicht so schlimm, ich zittere manchmal noch ein bisschen und so, ich meine, was machen wir denn jetzt? Heinz hat gesoffen, er zittert manchmal noch so ein bisschen.

Na und?

Und sonst?

Und was?“

Gerd sah einen nach dem anderen an, nur Heinz nicht. Er versuchte das Tribunal zu eröffnen, den Spieß­rutenlauf für seinen ewigen Rivalen einzuleiten.

Heinz hatte Angst. Angst dass jetzt alles rauskommen würde. Angst dass sie seinen verborgenen Inhalt entdecken könnten und diesen ausgießen, ebenso wie man mit einem Korkenzieher eine Flasche Wein auf­macht und dessen Inhalt unwiederbringlich in den Sand gießen kann. Heinz hatte immer diese Angst, dass das jemand mit seiner Seele machen könnte.

Bis hierher und nicht weiter, dachte er immer. Ich lass mich doch nicht vergießen.

„Du musst uns das schon genauer erklären, was, wie und wieso“ bohrte Gerd hartnäckig weiter. Er sah die Anderen nochmals an „Oder seid ihr da anderer Meinung. Ich mein, ich bin hier doch nicht der einzige der das irgendwie, sagen wir mal, irgendwie undings, also irgendwie ´strange` findet. Du musst uns das schon genau erklären“.

„Muss ick det?“

Rotraud mischte sich mit mitleidiger Stimme da­zwischen:

„Wenn du das kannst Heinz“.

„Irgendwie finde ich, Gerd hat nicht so ganz unrecht“.

Das war Kalle´s Stimme mit dem gewohnt unent­schlossenen Tonfall. Heinz räusperte sich, eine Pause entstand (nur kurz aber doch unendlich lang).

„Also, wenn ihr das. . .na ja also det war so. Also, ick bin abends zum Essen gegangen wie immer, und die anderen, damit meine ich Atze und dieser Japaner den ick irgendwie gerettet habe weil der Typ ´Zukell`. . .,

-so sagte der . . .

-also, weil der Typ: ´zukell` hatte, wat immer det sein mag hatte, also er sagte, ick hab ihn gerettet, weiß der Geier wie der drauf gekommen ist, aber im Knast war det und denn bin ick auf jeden Fall, -ick kann euch det nicht so in der vollen Länge. . .

-also, auf jeden Fall, ich bin da halt eines Abends. . .

-sagt man det so. . .

-ick bin eines Abends so in det Restaurant gegangen.

Zum Essen. Und dann sind da schon Atze und der Typ da gesessen und die haben gegrient wie die Honig­kuchenpferde und die wussten doch genau wie . . .“

„Verkürz es Heinz“ kritisierte Gerd schroff dazwischen.

„Gut, also, dann sagt er, ick mein den Japaner, sagt er: Ick hab ne Überraschung, und denn sagt Atze, det war so´ne Urlaubsbekanntschaft, irgendwie ein netter Typ aber irgendwie auch nicht ganz echt, den kannte ich von. . .ach so, ick soll ja verkürzen also, also sie grinsen und lachen sich ins Fäustchen und ich frag sie: ´Wat´n nu`, frag ich sie und sie sagen `also, wir haben eine Überraschung`, und so. . ., so oder so ähnlich haben sie das gesagt. Und dann kommen sie mit ner ganzen Kiste Schultheiß an. Und das war der Hammer. Mitten in Phill. . .äh. . .Hand, mit ner Kiste Schultheiß. Und denn macht dieser Japa. . .

-dieser Yaschi Mar-Dingsda oder wie der hieß, macht mir ne Flasche auf und stellt sie mir vor die Nase. Und ick mach nichts. Ick warte und sag, ´ne`.

´Ne` hab ick gesagt. ´Läuft nicht´. Aber denn, hat dieser Atze gesagt, sagt er, ´mach doch Heinz, du hast Urlaub, wenn de woanders bist, biste woanders und alles ist ganz anders.`

Na ja, dacht ick mir, das Bier ist ja schon offen, kann man ja nicht verkommen lassen oder so was ähnliches muss ich mir wohl gedacht haben und so, also, so was ähnliches . . .

-und dann hab ick das Bier schon geschmeckt. Versteht ihr, das war gar nicht so, dat ick bedröhnt werden wollte, von der scheiße, aber ick hab det Bier schon im Mund gehabt bevor ick det überhaupt drinne hatte. Irgendwie hab ick dann zugegriffen, dacht mir Urlaub und so und wird schon nicht so schlimm sein, dacht ich mir und. . .

-Entschuldigung, ehrlich, ick rühr nie wieder einen Tropfen an, ehrlich, weil. . .,

-es ist wieder so ne Scheiß Katastrophe passiert, hinter­her und, aber das kann ich, glaub ich, jetzt nicht mehr erzählen weil . . .“

Heinz weinte erleichtert. Es überkam ihn einfach. Er versuchte es noch zurückzuhalten aber es entgleiste ihm einfach sein Unterkiefer, die Mundwinkel zogen sich nach unten, ganz automatisch, und er weinte. Sie saßen stumm beisammen, lauschten Heinz´ Schluchzen und akzeptierten seine Stunde der Reue.

„Macht doch mal `n bisschen Mucke“ sagte Gerd, selbst mit Tränen in den Augen und stand auf um selber Musik zu machen. Kettchen klimperten als er sich zu Irenes alte Rosita Stereoanlage begab.

„Ich meine das ehrlich, Heinz, was ich vorher gesagt habe, du wirst ein großes Rad in der Geschichte der Menschheit sein. Und ich versteh dich, ich glaub dir auch.“ Rotraud hatte für alle gesprochen, oder für fast alle, denn Gerd zweifelte noch, aber er nickte trotzdem wie alle anderen langsam mit dem Kopf und schwenkte den Tonarm auf die alte Schallplatte.

Heinz lächelte verkrampft, wischte sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Jetzt hatte er doch den zweiten Rückfall zugegeben und keiner hatte es gemerkt.

Plötzlich erstarrte er.

Da war sie wieder, diese Musik. Dieser Neue Deutsche Welle Hit aus den achtziger Jahren und Gerd hatte ihn aufgelegt, das hätte Heinz nie erwartet. Der trotzige Schlagzeugbeat nölte dumpf aus den alterschwachen Boxen von Irenes Kompaktanlage. Kalle verfiel sofort in Trance. Eine Gitarre winselte. Dazu die meckernde Stimme des Sängers der „Fehlfarben“:

Ich schau mich um und seh nur Ruinen,

Vielleicht liegt es daran, dass mir irgendetwas fehlt.

Rotraud blinzelte vergnügt.

„Schönes altes Lied, was. Hört man gerade überall. Schon zwanzig Jahre alt“.

Heinz nickte wissend. Er kannte das Lied nur zu gut. Es war alt, und Heinz war der depressive Pathos den der Song verströmte nur allzu gut bekannt. 

Ein Fernseher läuft, Tod und Stumm-

Und ich warte auf die Frage, die Frage wohin. . .

Irene schenkte den Kaffee ein. Alle fühlten sich ein wenig bewegt. Sie hatten ihren Heinz wieder.

Wohin. . . .

 

Joseph Kurzmaier fühlte sich nicht bewegt.

Vielmehr unbeweglich.

Er hatte drei Stunden in der Notaufnahme des Kranken­hauses verbracht und saß jetzt Zuhause mit einem Fußgips in seinem neuen Behindertensessel, den er per Internet bestellt hatte. Genau zwei Tage hatte er Heinz beschattet und schon einen Unfall. Kurzi´s Mundwinkel hingen in der Kniekehle. Wo hatten sie ihn nur da wieder abgestellt.

Er sah sich selbst als Koryphäe in seiner Abteilung, deshalb durfte er immer allein arbeiten. In Wahrheit ging er allen Kollegen mit seinen RAF-Heldenge­schichten, die er ständig in breitem bayrisch erzählte,  wahnsinnig auf die Nerven. 

Er nahm noch mal die Papiere die vor ihm lagen in die Hand und dachte nach. Bei der Durchsicht von Heinz´ Post hatte er mehrere Briefe vom Sozialamt entdeckt und diese unter Dampf geöffnet.

Heinz Kruppke wurde in einem dieser Briefe ein Job in der Bezirksverwaltung versprochen.

In einem Büro. Das passte Kurzmaier überhaupt nicht. Er konnte nicht zulassen, dass dieser Mann seinen nächsten Terror-Anschlag von einem Schreibtisch des Berliner Bezirksamtes aus plante. Kurzmaier fror. Dieser Kruppke, in einem warmen Büro, das wäre das letzte was er ihm gegönnt hätte.

Er überlegte und sah zu Boden.

Alles war feucht.

Die ganze Wohnung stank.

Die Ratten würden vielleicht bald kommen. Ein Ekel­schauer schüttelte Kurzmaier. Er griff panisch nach der großen Sagrotan Sprühdose die er sich gekauft hatte und sprühte damit wahllos und hektisch auf dem Boden herum. Mitten in der Bewegung stockte er. Ein Diabolischer Einfall erleuchtete sein vor Gram verdunkeltes Gemüt.

Genau.

Das würde er in die Hand nehmen.

-Ratten.

-Rohrbruch.

-Kanalisation.

Genau der richtige Job für Aktenzeichen 10526.

„Den mach i klein, die Sau“.

Kurzmaier klappte sein neues Laptop auf, schaltete das Modem an, loggte sich beim BND ein und begann mit teuflischem Lächeln die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten.

 

 

VI

 

 

Heinz traute seinen Sinnen nicht.

Die Erde bebte, die Luft um ihn herum hatte einen fluoreszierenden Schimmer.

Er wackelte mit seinem Kopf, dessen inneres sich wie mit Watte gefüllt anfühlte. Langsam senkte er seinen Blick zu Boden.

Kleine, merkwürdig aussehende Geschöpfe bewegten sich darauf. Er beachtete es nicht weiter, sein Blick ging  zurück nach vorn. Dann wiederholte sich in seinem Kopf das, was er da unten am Boden gesehen hatte. Heinz schaute wieder runter. Auf dem Fußboden waren Menschen. Oder besser: Menschlein. Sie waren nur zehn Zentimeter groß. Da der Boden so stark schwankte, wurden sie gelegentlich hin und her­geschleudert. Die kleinen Menschen standen zusammen in einer Gruppe, nur kleiner Dicker stand einsam etwas Abseits. Die Mitglieder der kleinen Gruppe begannen schon nach kürzester Zeit miteinander zu kopulieren, Heinz zog angewidert seine Beine an, er hätte sich an den Kopf geschlagen, wenn ihm das möglich gewesen wäre. Ein kurzer Gedanken­blitz zuckte durch sein Gehirn:

Ick träum det doch nur wieder, dann wurde sein ganzes Denken wieder von den Ereignissen umschlungen.

Es fiel ein großer Schatten auf die sich vergnügenden Menschlein, diesen Schatten erzeugte eine riesenhafte weibliche Gestalt mit üppigen Geschlechtsattributen weißblonden Haaren und stählernen Gliedmaßen.

Sie bewegte sich Maschinenhaft und begann den kleinen Single Mann am Boden mit ihren stahlglänzenden Stiefeln wie eine ausgetrunkene Cola-Dose herumzukicken. Heinz biss die Zähne zusammen. Die penetrierenden Pärchen ließen sich von den Handlungen des Metallmonsters nicht ablenken, ob­wohl der kleine dicke Mann mehrmals um Hilfe schreiend dicht an ihnen vorüberflog. Heinz sah der vollbusigen Riesenmaschine entsetzt in die roten Leuchtaugen. Das Ding brach in ein lautes, blechernes Pferdegelächter aus. Dann holte es mit dem Bein aus und kickte den kleinen Mann so kräftig, dass er knapp an Heinz Kopf vorbeiflog.

In dem Augenblick erkannte er, dass der kleine nackte Mann sein Gesicht hatte.

Genauer gesagt sein ehemaliges Antlitz, nämlich so, wie er als pubertierender Jugendlicher ausgesehen hatte. Schockiert senkte Heinz seinen Blick wieder zu Boden.

Da sah er, dass die kopulierenden Menschlein ihren Verkehr unterbrochen hatten, um dem Blonden Riesen­roboter besser beim Fußballspielen zuschauen zu können. Die kleinen Männchen (interessanterweise wa­ren sie genauso groß wie die Playmobil-Männchen mit denen Heinz in seiner Kindheit gespielt hatte) begannen zu lachen, zunächst einzeln und zaghaft aber sie steigerten sich dabei schnell ins Hysterische. Sie kugelten sich lachend am Boden herum, und gaben ein gespenstisches Klein-Männchen-Gekicher von sich. Heinz schaute auf zu der großen Technoblondine. Die näherte sich mit lauten Schritten, die den Boden er­zittern ließen, dem kleinen Heinz- Männchen, das regungslos in der Ecke lag. Auf einmal schwankte der Boden, der Roboter mit den weiblichen Rundungen verlor das Gleichgewicht und fiel (in Zeitlupe) auf Heinz, dessen Mund wurde größer und größer, das Ding landete schließlich mit dem Gesicht über seinem Gesicht, öffnete den Mund und zeigte glänzende Gold­zähne, die mit dem matten Edelstahlteint des Antlitzes einen fürchterlichen Kontrast bildeten. Mechanisch bewegten sich die stählernen Lippen als dieses Ding plötzlich:

„Und ich warte auf die Frage, die Frage wohin “ sang.

Dann küsste es ihn und Heinz schmeckte den süßlichen Blutgeschmack, spürte den Schmerz, versuchte zu schreien, ging aber nicht, er konnte sich nicht lösen. Sein Körper wurde heftig hin und her geschüttelt

 

„Hey alter wach auf. . .“

Die monströse Erscheinung verrührte sich mit der Wirklichkeit.

„Ey alter. . . du träumst wohl von Freddy Krüger oder was?“

Vor ihm stand ein großer blonder Mann in Busfahrer-Uniform und schüttelte ihn.

Heinz` Zunge schmerzte fürchterlich, da musste er sich draufgebissen haben. 

„Mann, bist du so ein Scheiß Epileptiker, oder was, darfst du überhaupt alleene Bus fahren?“

„Epi. . .wat. . .wat´n nu?“

Heinz rieb sich die Augen. Es dämmerte ihm allmählich wieder, wo er war. Es war vier Uhr dreißig morgens und er befand sich in einem Öffentlichen Bus. Heute war sein erster Arbeitstag. Nach einer zweiwöchigen Schulung und einem intensiven Mentalitätstraining war er äußerlich gesehen so gut wie wiederhergestellt. Er hatte schon lange nicht (wenn überhaupt jemals) mehr so gut ausgesehen. Sein Lächeln war dank eines neuen Zahnes wieder perfekt, seine Gesichtsfarbe einigermaßen gleichmäßig und Heinz hatte, seit seiner Asienreise, sogar noch mehr abgenommen und seine äußere Erscheinung machte nun einen ganz passablen Eindruck. Wären da nicht diese schrecklichen Alpträume gewesen, so hätte er eventuell die Chance gehabt, zu einem ganz normalen Menschen zu werden. Zu jemanden, der unauffällig und ernsthaft seinen Weg gehen kann. Aber dem war leider nicht so und vielleicht kam er deshalb immer wieder in diese schrecklich peinlichen Situationen.

Gottseidank hatte ihn der Busfahrer geweckt. Wer weiß was hätte passieren können, wenn der Traum weiter­gegangen wäre.

Seit einem Monat war er nun aus den Philippinen zurück.

Heinz hatte einen Job zugeteilt bekommen. Trotzdem er auf das heftigste protestiert hatte.

Es schien wie verhext, er musste ihn antreten. Irgend­eine höhere Macht hatte ihn dazu auserkoren abermals für einen Betrieb der Berliner Stadtwerke arbeiten zu müssen. Obwohl er sich doch damals, bevor er nach Thailand reiste, für eine Stelle als Aktenträger im Sozialamt beworben hatte.

Was er nicht wusste, dass er diesen Umstand einem Beamten des Bundesnachrichtendienstes zu verdanken hatte. Man hatte, um ihn für eine Anstellung zu eignen, keine Mühen gescheut. Es war tatsächlich nicht einfach für Kurzmaier gewesen, Heinz als Kanalwartungsassistenten zu vermitteln. Dessen Qualifikationen waren denkbar schlecht, der objektive Gesundheitszustand von Heinz Kruppke hätte diese Tätigkeit in den dunklen Gängen der Abwasserkanäle niemals zugelassen. Jedoch, Kurzi hatte über seine Be­hörde die Akte 10526 aufwendig frisiert. So musste Heinz, der nun den Daten nach die körperliche Fitness eines Marathonläufers hatte, durch die Rache eines BND Mitarbeiters in den Kanal.

Aber, wie gesagt, er hatte keinen blassen Schimmer von diesem Sachverhalt. Nur Angst.

Nicht vor den engen Gängen, nicht vor der Dunkelheit, nicht vor dem Gestank, nicht vor den Ratten, die sich in den Kanälen tummeln würden und nicht vor sadistischen Mitarbeitern.

Heinz hatte vor etwas ganz anderem panische Angst.

In seiner Arbeitsplatzbeschreibung, die er erst kürzlich erhalten hatte,  befand sich nämlich der lapidare Satz: „Geschick im Umgang mit technischem Gerät, vor allem:

Mit Computergesteuerten Kanalreinigungsrobotern“.

Allein das Wort „Geschick“ löste bei ihm schon Herz­rasen aus. Jedoch, das war nichts im Vergleich zu dem Wort: „Kanalreinigungsroboter“.

Und dann noch: „Computergesteuerte Kanal­reinigungsroboter.“

Diese beiden Begriffe waren bei ihm ein Garant für schweißtreibende Panikattacken. Damit würde er arbeiten müssen. Mit technischem Gerät. Mit Robotern. Heinz ahnte jetzt schon, wozu das zwangs­läufig führen musste.

Seine Haltestelle kam und er stieg aus. Es war kalter Winter, kein Vogel zwitscherte und die Stadt röchelte asthmatisch die wenigen Stunden, die ihr zur Ruhe noch blieben. Heinz ging durch eine ruhige und dunkle Alleestraße. Gaslaternen beleuchteten die Blätterlosen Bäume grüngelb, das nasse Kopfsteinpflaster der Strasse glänzte schwarz. Er verlangsamte seinen Schritt blieb schließlich stehen, und beobachtete die Atem­wölkchen vor sich. Ein Echo des Alptraums im Bus hallte noch in seinem Kopf.

Was würde diesmal passieren, würde er es diesmal schaffen, dem Pech zu entgehen, das jedes Mal zäh auf ihn herabregnete?

Denk nicht drüber nach, det klappt, ich spüre det, sagte er sich. Trotz aller Selbstüberzeugungsversuche hatte Heinz Angst.

Angst vor „den Erwachsenen“, Angst davor, nicht so zu funktionieren wie man es von ihm erwartete. Er sehnte sich nach seiner Mutter (oder so etwas ähn­lichem). Er sehnte sich nach Wärme, nach Fürsorglichkeit, danach, wieder jemanden zu haben, der hinter ihm stand und von dem er sich ein wenig Schutz erhoffen konnte. Statt dessen würde er es wieder nur mit Automaten einerseits und fürchterlichen Menschen andererseits zu tun haben. Menschen, Männern, die es immer wieder schafften, alle ihre per­sönlichen Spezial-Ängste auf Heinz zu projizieren. Er hoffte so sehr, dass es diesmal anders werden würde.

Grüble nicht soviel, schalt er sich und gab sich alle erdenkliche Mühe, den Kloß in seinem Hals hinunter­zuschlucken. Er ging langsam weiter bis zu einem er­leuchteten Betriebshof der Berliner Wasser Betriebe.

Eine ihm bekannte Stimme zerriss periodisch die morgend­liche Stille.

Atze.

Er teilte die Autos zur Straßengullyreinigung ein. Atze brüllte barsch in einer Art piding-deutsch zu den zum größten Teil ausländischen Untergebenen.

„Du nix Wagen sieben.

Du heute: Wagen fünf, verstehste. Kannste mir glauben, ick bin hier der Meister, und du machen wat ick sagen. Wenn ick sage scheiße Wagen siebe. . .äh . .scheiße vier. . .wat hab ick ebend gesagt. . . äh. . .fünf, denn kutschieren du fünf weil scheiße sieben, eben´d dit neue Auto. . .  neu´et Auto nur für Deutsche, kapito.“

Heinz eilte hastig weiter, hatte aber keine Chance Atze zu entwischen. Denn der bemerkte aus den Augenwinkeln die Bewegung und er drehte seinen Kopf bis seine Pupillen bei Heinz einrasteten. Atze keuchte. Mit leichtem Zittern in der Stimme sagte er in unverbindlichem Ton: „Ah, Kruppke, ja, äh also du kommen. . . sie kommst. . .gehen sie mal zu Bilan. 

-Der ist aber noch nicht da. Dann erst mal in die Kantine.“ Die Kantine war schnell zu finden und Heinz holte sich erst mal einen Kaffee aus dem Automaten. Eine Viertelstunde später betrat Atze mit dem Kanalisations-Facharbeiter Bilan Gülürük den Raum. Atze tat so, als ob Heinz gar nicht da wäre, und als er Gülürük erklärte dass er heute, wie abgesprochen, den Assistenten Kruppke bekam, winkte er nur finster mit dem Kopf in Heinz` Richtung. Bilan kam es so vor, als ob der sonst so prahlerische Atze Langbein sich vorsichtig rückwärts, ja man könnte fast sagen ängst­lich, aus dem Raum schlich. Heinz folgte dem Süd­länder zum Fuhrpark.

Bilan war ein großer Mann mit kleiderschrankähnlichen Ausmaßen, wallenden schwarz gelockten Haaren und buschigen dunklen Augen­brauen. Sein dunkles bartstoppeliges Gesicht lies ihn gefährlich aussehen.

Zusammen gingen sie zu einem grün-blau lackierten VW Bus, der gerade von einem Gabelstapler beladen worden war. Heinz stieg ein, Bilan ging zur Fahrer­seite, setzte sich ans Steuer und sie fuhren los.

Bilan Gülürük war Kurde. Er kam „von die stolzsseste Volk in die ganze Welt“ wie er innerhalb der letzten fünf Minuten schon dreimal betont hatte. Seine Augen funkelten schwarz mit durchdringendem Blick.

 Nach kurzer Fahrt kamen sie zu einem alten verfallenen Fabrikgebäude. Bilan zog sein Mobil­telefon, tippte darauf herum, da öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt, ein Gittertor. Eine gelbe Warn­lampe blinkte, während sich das Gitter lautlos zur Seite schob. Bilan fuhr mit Schrittgeschwindigkeit weiter, in eine alte Kathedrale aus der Glanzzeit der deutschen Schwerindustrie. Es war ein altes Pumpenhaus, sie kamen an stillgelegten Dampfmaschinen, Altwasser­pumpen des letzten Jahrhunderts, vorbei und standen schließlich vor einem abgeschabten orangefarbenen Mietcontainer. Die große Halle mit den riesigen Pum­pen, die verrostet und spinnwebenbehangen auf bessere Zeiten hofften, wirkte gespenstisch.

„Ist alle von die grosse alte Zeit der deutsche Kaiser, sind Dampf-Scheiße-Pumpen oder Scheiße-Dampf-Pumpen“.

Sie gingen zu dem Mietcontainer. Bilan steckte einen Schlüssel in eine Stahltür und sie betraten einen Raum in dessen Mitte ein Tisch mit Stühlen stand. Es war ein Pausenraum ohne Fenster. Bilan drückte auf einen Schalter, Neonlicht flackerte auf und ein Lüfter brummte. Es stank nach abgestanden Rauch.

„Erst eine mal wir machen Pause, unsere Frühstücks­pause“ sagte er und zog aus der Brusttasche seines Drillichs eine trichterförmige Haschischzigarette. Heinz wartete unschlüssig ab.

„Komme, setze dir.“ Bilan musterte Heinz unverhohlen, während er ein Feuerzeug aus der Tasche holte und seinen Joint anzündete. Die blaue Rauch­fahne, die rasch zur Zimmerdecke tanzte, setzte einen bitteren, harzigen Geruch frei.

Heinz beobachtete ihn stumm, während der Kurde hingebungsvoll an der Tüte saugte. Dessen Augen glänzten kurz darauf etwas matter und begannen rötlich zu Leuchten.

„Weißt du, dass,“ er hielt den Joint hoch und kniff seine Augen in dessen Richtung,

„-das dazu besser, wenn du gehst in diese scheiße Loch da rein, dann iss das alles nicht so schlimm. Ich mache schon zehn Jahre diese Kacke hier, ich weiß das.“

Er zog tief.

„Ich verstehe mich auf diese Geschäft, diese ganze Scheiße.

Mit meine ganze Herz.

Verstehst du. Und wir machen hier eine ganze ruhige Job.

Keine Stress, verstehst du.

Ich habe gearbeitet in die Akkord bei die Fliesband, jahrelang, das war eine Stress-Kacke, da. Hier ist okay. Stinkt eine bisschen, aber bald hast du dich gewöhnt. Zieh mal, ist eine Gute, von meiner Heimat. Bilan kauft nur die gute Stoff. Ich kenne Kurden die das haben, ist keine Kamelscheiße von irgendwelche Türken, ist die beste Zeug.“

Er senkte seine Stimme.

„Gut, ich bin nicht nur die Kurde, meine Oma hat eine türkische Mann gehabt, und ich glaube an Allah, bin Islam, weißt du. Tscherkesse, weißt du. Ich mag lieber die Kurde. Is meine Volk. Hat die bessere Mut“.

Dann bot er ihm das eindrucksvoll qualmende Ding an. Nach kurzer Überlegung griff Heinz zu, es war ja kein Alkohol. Er verschluckte sich allerdings bei dem ersten Zug so stark am Rauch, dass er die nächsten fünf Minuten hustend verbrachte. Bilan schlug ihm unnötiger­weise auf den Rücken, bis Heinz vom Stuhl rutschte und abwinkte. Kurz darauf, nachdem seine bläuliche Gesichtsfarbe sich wieder in das übliche Schweinchenrosa zurückverwandelt hatte, gingen sie in den angrenzenden Umkleideraum. Bilan verstaute noch sorgfältig seine Matte unter einem Haarnetz.

 

VII

 

 

Sie zogen sich beide schokobraune hüfthohe Kanal­gummihosen und dazu antrazithgraue knielange Kanal­gummistiefel an. Passend dazu gab es eine braune Jacke und weiße Helme- ausgerüstet mit einer Leuchte über der Stirn. Heinz und Bilan verließen den Container, gingen zurück zu dem Auto und setzten den VW Bully an einer doppelflügeligen Stahltür zurück. Heinz schloss diese auf und öffnete beide Flügel. Kurze Zeit darauf stiegen sie über eine Treppe in einen zwei Meter tieferen Raum. Am Ende der Treppe, am eigentlichen Eingang zu dem Kanalschacht wurde zu­nächst ein schwerer Stahlschottdeckel abgeschraubt.

Bilan holte einen armlangen Spezial-Schrauben­schlüssel und löste damit die faustdicken Schraub­muttern. Er öffnete die Lukentür, Scharniere quietschten und ein atemberaubender Gestank sprang ihnen entgegen. Der Duft der gesammelten Aus­scheidungen aller Hauptstädter.

Heinz schluckte.

Sie entluden aus dem blau weiß lackierten VW Bully zwei große schwere Holzkisten, trugen sie die Treppe hinunter und ließen diese über einen Schacht mit einem elektrischen Kettenzug nach unten. Bilan nahm noch einen kleinen Werkzeugkasten, schloss die Flügeltüren von innen, und nachdem sie nun mittlerweile das vierte mal die Treppe passiert hatten, kletterten sie über eine stählerne Trittleiter ganz nach unten hinterher.

Gülürük nahm ein Brecheisen und zerteilte die Holzkisten mit brachialer Gewalt. Darin befanden sich die besagten computergesteuerten Kanalreinigungs­roboter.

Die Maschinen, neu entwickelte Prototypen, von Bilan schlicht: Scheißekäfer genannt, wurden  zur Reinigung der kleineren Kanalrohre eingesetzt. Es waren achtzig Zentimeter lange Miniaturbulldozer, mit jeweils vier Raupenketten und zwei vorgebauten Reinigungs­mechaniken.  Ihre Vorbilder aus der Natur waren ver­mutlich Gottesanbeterinnen.

An den zwei  Fangarmen aus Edelstahl waren die Werkzeuge befestigt. Die Fangarme konnten geknickt und zur Seite gedreht werden, um drehbare Krallen und kleine scharfe Stahlbürstchen in Position zu bringen. Die Roboter waren dazu geschaffen, um die zenti­meterdicken Ablagerungen von den Wänden zu schaben. In der Mitte ihres „Gesichts“, befanden sich zwei halbkugelförmige Infrarotsensoren, dazwischen ein kegelförmiger Spiralbohrer und zwei Empfangs­tentakeln.

Dasja´nHorror, so hab ick mir det vorgestellt.

Heinz nahm den größtmöglichen Abstand ein.

Nach wenigen Metern, in der sie die beiden Roboter mit Metallstangen wie eine Rettungstrage schleppten,  näherten sie sich watschelnd einem noch größeren Kanal­schacht. Sie stellten die Roboter ab, und gingen weiter. Die Gummihosen quietschten leise bei jedem Schritt. In dem Schacht duftete es immer strenger, ein paar Ratten suchten vor ihnen piepsend das Weite. Bilan drehte sich um. Seine Augen leuchteten fanatisch.

„Musst du keine Angst haben. Ich bin eine Krieger, verstehst du, eine Häuptling, von die große Babylonische Volk. Meine Aufgabe ist das, die Dinge auszuprobieren, das die andere noch nicht getan haben. Deshalb schicken sie Bilan mit diese Roboter hierhin. Aber, ich sage dir:

Ich habe schon ganz andere Scheiße gemacht als diese hier. Ich war in Kurdistan und habe gekämpft, mit vierzehn. Ich war die stärkste Junge von meine Dorf.“

Er blieb stehen.

„Sie haben zu mir gesagt, Bilan, haben sie zu mir ge­sagt, wir haben eine Problem. Der oberste Kanalchef,“ er ließ den erhobenen Zeigefinger kreisen, „der Herr von all die ganze scheiße System hier, der Minister in die Senat für die ganze Kacke, heißt Leihmann oder so, kam extra zu mir mit eine Mercedes Benz S-Klasse und äh. . .-sagt zu mir, Bilan, sagt er zu mir, wir haben eine Problem mit diese neue Maschine du müssen uns helfen.

Und weißt du was ich sage?

Weißt du was ich dem sage?

Keine Problem sage ich zu diese Arschloch, ich hole die. . .wie heißt diese. . .ka. . ka. .

„Kartoffeln?“

„Nein, Kartoffeln waren diese nicht, Kastanien aus die Feuer, genau, und er sagt: Gut Bilan, sagt er zu mir, diese Anzugarschloch, sagt:

Gut, Bilan, ich danke dir.“

Der Kurde brachte sein Gesicht so nahe an das von Heinz so dass dieser sein eigenes Gesicht in Bilans schwarzen Pupillen schwimmen sah.

Ganz schön viel Knoblauch, dachte er sich.

„Und ich sagen zu ihm: Keine Problem weißt du. Ich bin von Babylon, Mazedonien, wie Alexis Sorbas, gleiche Stamm, von die große Siegervolk, die, die nie Angst gehabt hat in diese ganze scheiße Welt­geschichte nicht, verstehst du, verstehst du mich-“

nun bekam seine Stimme etwas Herablassendes, 

„musst du keine Angst haben, als ich kleines Kind war, da haben wir zwar Wasser aus Brunnen holen müssen, aber wir haben auch Computer zusammengeschraubt. Also. . .“

Er hob den rechten Arm für eine herrschaftliche Geste gegen den Himmel und zerschnitt mit einem kurzen prägnanten Handkantenschlag die Luft,

„. . .also wir machen diese Kanal frei.“

Bilans triumphales Gelächter hallte gespenstisch von den Kanalwänden wieder.

 Sie gingen weiter über einen schmalen Betonstreifen, daneben war jetzt ein reißender Fluss mit braunem Wasser in dem Mandarinenschalen, Lebensmittelreste, Joghurtbecher, gebrauchte Binden, Zahnseide, vollgesogenes Toilettenpapier und noch viele andere leckere Sachen an ihnen vorbei trieben.

Bilan holte ein Päckchen aus seinem Gürtel, es war ein selbstaufblasbares kleines Floss.

„Gut. Es ist alles einfach. Man muss nicht viel tun. Diese Scheißkäfer, hahaha, diese SCHEISSE KÄFER müssen erst mal auf diese Luftmatratze und dann müssen zu die vierziger Rohre gebracht werden. Und aber Vorsichtig -die sind heilig diese Dinger. Oah oh Allah, scheiße heilige Käfer.“

Er deutete eine Verbeugung an.

„Funktionieren vollautomatisch. Das heißt, diese Dinger gehen von ganz alleine in die Rohre und wieder zurück. Das ist praktisch, weil früher. . .

-Früher da hatten wir immer so Monitore (er sprach es mit rollenden Doppel „r“ aus), die Dinger hatten Kamera vorne und dazu Scheinwerfer. Das ging immer nicht richtig, dann mussten wir diese Dinger wieder zurück­holen, manchmal sogar die Straße aufreisen, weil so eine Scheiße Ding im Kanal steckengeblieben war. Eine Kacke war das, kostete jedes Mal viel Geld, das kannst du dir vorstellen.“

Heinz erwiderte nichts, nickte nur. Bilan entfaltete einen Plan und stellte sich so, dass Heinz mitschauen konnte.

„Hier ist diese Plan, von die Unterwelt. Bilans Reich. Hier kenne ich mich aus.

Willst du machen Revolussion?

Frag Bilan!

Ich wissen alle, kenne jede Kanal ganz genau.

Also, pass auf, ich zeige dir:

Die grosse Kanäle sind eingeteilt in Sektoren. Seit dem Krieg. Ihr Deutsche teilt immer alles ein in die Norm und so Scheiße. Und irgendeiner hat sich Mühe ge­macht, und Straßennamen daruntergeschrieben.

Hier, Bellevuestrasse, sieht zwar nicht so aus, aber das ist die Planquadrat CeHa, Planquadrat Celic-Hassan. Genau. Und diese erste Scheißer kommt in diese Rohr mit der Nummer sechsundfünfzig, da soll eine Ver­stopfung vorliegen. Hahahaha. Trotz Norm sind die Deutsche immer verstopft.“

Er lachte schallend.

Ihr Weg führte wieder zurück um die Roboter zu holen. Zunächst trugen sie den ersten weiter und legten ihn auf das Gummifloß. Danach gingen sie zurück zum Eingang um das zweite Gerät zu holen. Als sie auf dem Rückweg zu dem breiteren Kanalstück kamen, legte Bilan seinen Arm um Heinz Schultern, so dass ihre Helme aneinander schlugen.

„Hast du grosse Glück gehabt, dass du nicht bist bei diese Putzkolonne. Das ist wirklich schwere scheiße Arbeit. Wir machen gemütlich und langsam, bei uns putzen nur diese Scheiße Käfer.“

Heinz wäre es anders doch lieber gewesen, aber das sagte er nicht. Bilan drückte ihn und sagte vertauens­selig: „Du bist eine von die Guten. Ich fühle das. Ich habe grosse Gespür von die Dinge. Wurde mir gelegt in die Wiege. Du bist eine grosse Mann“.

Sie trugen den zweiten Roboter und legten ihn zu dem anderen auf das Floß.

Heinz glaubte nicht, dass Bilan es ernst meinte, es war so eine typische Weisheit, die seiner Erfahrung nach nur Süchtige von sich geben.

Sie watschelten ein paar hundert Meter den Kanal hinunter, neben ihnen befand sich das kleine aufgeblasene Floß, auf dem die Roboter aufgetürmt und inaktiv auf ihren Einsatz warteten. An den Wänden gegenüber des schmalen Weges, über der Wasserober­fläche des Kanal-Flusses befanden sich Rohr­mündungen mit cirka vierzig Zentimetern Durch­messer. Darüber war jeweils eine Nummer in den Beton gemeißelt und darunter befand sich ein schmales Laufgitter.

Zusammen hoben sie den ersten zentnerschweren Käfer in die Rohrmündung mit der Ziffer Sechsund­fünfzig.

„Das Beste an diese Dinger ist, dass die keine starke Licht brauchen“, ächzte Bilan. „Deshalb läuft so eine Ding mit einer Batterie bis zu fünf Stunden. Und das Super- Beste an diese Dinger ist, dass sie sich ekeln vor nix“.

„Ahh.“

Sie waren unangenehm schwer, diese Käfer. Es dauerte lange, bis sie den ersten Roboter vor das Rohr gebracht hatten. Das Ding hatte rückseitig eine kleine Winde mit Stahlseil. Bilan fixierte das Seil mit einem Karabiner und einer vollverchromten Lasche an der breiten Leder­koppel, die er um die Hüften trug. Er zog auch einen Schraubenschlüssel aus seiner kleinen Werk­zeugkiste und schraubte noch ein wenig daran herum.

„Damit meine kleine Scheißer, wenn was ist, auch wieder zu holen ist. Sind Prototype. Ist nur zur Sicherheit , “ sagte er ernst.

„Und diese hier“, Bilan deutete auf die kleine Fern­bedienung in seiner Hand, „diese ist für die Fall, dass irgendwas könnte passieren. Der eine Knopf ist zum Aufwickeln von die Seil. Wie wenn du mit eine Hund spazieren gehst. Kannst du gehen lassen oder zurück­holen. Mit dem Anderen kannst du unsere Hündchen hier anhalten oder weiterfahren lassen.“

„Mit dem Anderen? Mit was für einem Anderen?“

„Mit diesem anderen Knopf auf diese Fernding.“

Als sie den Roboter endlich in Position hatten, zog Bilan einen schwarzen Schlüssel aus dem Brustbeutel, in dem er auch die Fernbedienung aufbewahrt hatte, steckte ihn in den Roboter und drehte ihn um. Er wurde gestartet. Heinz hielt vorsichtig Abstand.

„So, jetzt ist diese Dinge auf stand by.“ Er griff zur Fernbedienung, und hielt sie Heinz hin.

„Willst du drücken, dann kannst DU die erste voll­automatische Scheißekäfer der Welt auf die Weg schicken.“

Heinz spürte, das war kein Scherz, Bilan war stolz dar­auf, die Dinger ausprobieren zu dürfen. Er betrachtete es offensichtlich als ein Privileg, als einen historischen Augenblick, die Macht zu haben, den ersten computer­gesteuerten Scheißekäfer der Welt in das Kanalrohr vorstoßen zu lassen.  Der Kurde stand da, mit vor­geschobener Hüfte, den Arm mit der Fernbedienung steif in Heinz Richtung, ein triumphales Grinsen im Gesicht. Heinz musterte ihn misstrauisch und schüttelte stumm den Kopf. Bilan streckte den Arm mit der Fern­bedienung nach vorne, ein geiles Grinsen im Gesicht, die Augen schmal, während er den Startknopf drückte, zuckte sein Arm kurz.

Kleine Elektromotoren gaben weinerlich kreischende Laute von sich, Kontrolllämpchen blinkten und das stählerne Hightech Gefährt glitt schmatzend in das Rohr hinein, um dessen Wände Sauberzuschrubben. Bilans Kopf vibrierte und er hob die Fernbedienung zum Gruß in Richtung des Rohres.

„La ilaha illa ´llah, ich schicke dir meine Seele, auf dass du säuberst diese Untergrund“ sang er mit rauem Timbre in der Stimme, die in dem Kanalgewölbe wieder­hallte, „putze die Kacke von all diese unangenehme Sache ab. La ilaha illa ´llah, Muhammadun rasulu ´llah.“

Mit berauschtem Feldherrnton fuhr er fort:

„Ich sage dir, ich fühle es richtig, wie er da in diese vierzig Meter lange Rohr hineinkriecht, und wie er das putzt, dass es wird wieder blitzblank.“

Bilan`s Aussage wurde durch das laute und ängstliche Quietschen eines Kanalnagers unterstrichen.

„Ich kämpfe gegen die Ratten, die finden das bestimmt voll zum Ficken, wenn unsere kleine Scheißekratzer in ihre Nester marschiert. Da wird aufgeräumt da drin. Jede zweite Rohr ist eine scheiße Puff, voll von diese miese kleine Tiere. Aber ich sage dir, diese Krieg werden wir gewinnen, meine Vorfahre war Alexander der Grosse, ich stamme ab von die Griechen, die Ägypter, die Syrier, ich habe alle Siegerblut der Welt in meine Adern. Wenn ich diese Dinge hätte gebaut, dann mit eine Spürsensor für Ratten oder so was. Wäre kein Problem, ich sage dir, ich war Ingenieur in meine Heimat. Kommt meine scheiße Biester, Bilan fickt euch alle.“

Vorerst befriedigt von seiner kleinen Hasstirade zog Bilan einen Jägermeister aus der Tasche, öffnete den Verschluss seines Helms, lehnte sich an die Tunnel­wand gegenüber und prüfte das Stahlseil, das von seinem Gürtel in das kleine Tunnelrohr mit den vierzig Zentimetern Durchmesser verschwand. Dann setzte er von neuem an:

„Weißt du, diese Ratten alleine wären ja nicht das schlimmste, am schlimmste sind diese Penner, die hier in die Kanal hausen im Winter, diese Pennerpärchen die zwischen den Ratten und dem Dreck miteinander ficken und so, so was hast du noch nicht gesehen.“ Er schraubte die Flasche auf und trank von dem Jäger­meister, seine leuchtenden Augen hatten mittlerweile einen fanatischen Glanz angenommen.

Heinz sah ihn argwöhnisch an. Als ehemaliger Penner wusste er nur zu gut, dass sich kein Kumpel freiwillig in die Kanalisation begibt.

„Von mir aus könnten wir auch Scheißekäfer für diese Penner schicken“

Bilan nahm einen tiefen Schluck. Heinz hatte erstaunlicherweise überhaupt keine Lust auf Schnaps, sei es wegen des Geschmacks von Fäkalien, den er auf der Zunge hatte, oder der Angst davor, dass mit den Robotern irgendetwas unvorhergesehenes passieren könnte. So standen und warteten sie bestimmt eine Viertelstunde.

Das Kreischen des Roboters wurde immer leiser, bis nur noch das leise glucksen und plätschern des Kanals zu hören war. Bilans Körper wippte in dem Rhythmus, indem die Winde das Seil abgab und nuckelte dabei periodisch an seiner Flasche. Seine Selbstüber­schätzung steigerte sich weiter.

„Ich erzähle dir: früher, ich bin ausgebildete Kampfe-Schwimmer, ich war in die türkische Armee und habe da schon in die Kanal rumgetaucht mit die Taucher­anzug. Ich sage dir: Ich war einer der besten und alle haben gesagt, Bilan mache dies, Bilan mache das, ich haben alles gemacht, ich habe keine Angst, ich haben die türkische U-Boote repariert. Und jetzt bin ich hier und diese Dinger da, die sind die beste. Ich habe dann gelernt Ingenieur, sie wollten mich haben für diese grosse Staudamm, am Euphrat. Aber mache ich nicht, habe ich ihnen gesagt. Ich habe sie angeschrieen, nehmen die Wasser von die kurdische Volk. Danach ich war der Kommandant von die kurdische Befreiungs­organisation Ich sage dir: die hatten alle Angst vor mir.“

Er nahm noch einen Schluck. Heinz beäugte ihn miss­trauisch.

„Warum machste de denn det hier?“

Es  kam keine Antwort.

Heinz begann sich zu fragen, wie viele Alkoholkranke es überhaupt auf der Welt gab. Wieder einmal, wie schon so oft im Leben, wurde er das Gefühl nicht los, anders zu sein wie die Anderen.

In solchen Momenten erschien es ihm nur allzu logisch, nur allzu normal, diese permanenten Anschluss­schwierigkeiten zu haben. Heinz fragte sich, ob denn die Welt, so wie er sie erlebte, auch wirklich existierte. Ob bei den anderen Menschen der Alkohol eine ganz andere Wirkung hatte als bei ihm. Ob Bilan nicht etwas ganz anderes hier erblickte, roch, schmeckte.

Er dachte einen Augenblick über sein verpfuschtes Dasein nach, ein leichter Schwindel erfasste ihn.

Na det ist ja vielleicht wieder mal ´n Alptraum. . .

Vielleicht befand er sich nicht wirklich hier in der Berliner Kanalisation. Vielleicht war das hier einer seiner Träume, gar keine Realität. 

Er beobachtete Bilan, wie der an der Tunnelwand  lehnte, den Jägermeister in der einen, die Fern­bedienung in der anderen Hand. Heinz grübelte kurz darüber nach, warum eigentlich sein Weg mit so vielen Schwierigkeiten gespickt war. Bilan lächelte zu ihm rüber. Das war kein normales Lächeln, Heinz erkannte das, es war das breite debile Lächeln des betäubten Geistes, der starre unheilverkündende Säuferblick.

Es gab einen Ruck in dem Stahlseil. Bilan grinste breit. Verursacht durch den Alkohol (es war ja noch Vor­mittag), bekamen dessen Bewegungen nun etwas Ruckartiges, etwas linkisches. Der Flachmann war fast leer. Er bot Heinz  die Flasche an.

„Jetzt kommt er wieder surück, meine kleine Hündchen, komm zu Papa mon cherie“ sagte er und fuhr glasig grinsend mit Onanistischen Bewegungen an dem Seil auf und ab.

„Na nimm eine Schluck, ist nicht so schlimm, nu sei du mal nicht so, ich hab ja noch eine Jägermeister, ohne geh ich ja schon gar nicht mehr in die Kanal, hahaha, da hätt ich ja diese Kanal schon voll, bevor ich über­haupt hier reingehe, hähähähäh,

-ich sage dir: besser selber voll, als die Kanal voll, hähä hähä häha ha ha ha ha, von die Hose wollen wir gar nicht reden“, lachte Bilan wenig vertrauenserweckend. Er ging in die Knie, so leiden­schaftlich amüsierte er sich.

Heinz Zunge fing an, ein Eigenleben zu entwickeln und begann über seine Lippen zu wandern. Jetzt war er soweit. Der Alkohol lockte, und in Heinz Kopf riefen die Stimmen durcheinander. Wie in Zeitlupe erreichte ihn Bilans träniges Gelächter und das Echo der mahnenden Stimmen seiner Nie-wieder-Alkohol-Gruppe wurden leiser und leiser. Heinz konnte sich nicht mehr beherrschen und machte einen Schritt auf Bilan zu. In diesem Schritt steckte, was Bilan nicht ahnen konnte, die ganze Problematik von Heinz diffusem Seelenzustand, seine fehlende Balance zwischen Realität und Träumen, zwischen Lügen und Wahrhaftigkeit, zwischen wollen und können, zwischen müssen und dürfen, zwischen sollen und lassen.

Dementsprechend unsicher fiel dieser Schritt aus. Bilan Gülürük, stimuliert von 150 Millilitern Kräuterschnaps, erlag einer absurden optischen Täuschung. Er sah Heinz Körper telekinetisch auf sich zuschweben. Denn der war ausgerutscht, fing sich aber gerade noch. Bilan lies vor Schreck die Fernbedienung aus der Hand fallen, Heinz versuchte sie aufzufangen, erwischte sie, konnte sie aber nicht greifen und schleuderte sie hoch. Bilan versuchte das gleiche. Sie jonglierten beide damit vier bis fünfmal herum, bis sie Heinz schließlich zu fassen bekam. Aber sie flutschte ihm aus den schweiß­nassen Händen wie die Seife in der Badewanne, Bilan konnte sie ebenfalls nicht halten und endlich bekam sie Heinz mit beiden Händen zu fassen.

„Oh Allah,“ seufzte Bilan erleichtert.

Aber er hatte sich zu früh gefreut.

Heinz hatte das kleine schwarze Kästchen zu fest ge­packt und beim Auffangen unabsichtlich eine der kleinen schwarzen Gummitasten betätigt.

In diesem Moment offenbarte sich ein schwer­wiegender Konstruktionsfehler des Käfers.

Der Roboter, der sich in dem Rohr befand, zog an dem Seil. Er hätte sich nach Willen der Konstrukteure leicht rückwärts aus dem Rohr ziehen lassen müssen, das Gerät hatte sich aber durch den abgeschabten Schmutz verkeilt. Die kräftige Winde zog nun mit voller Kraft und hoher Geschwindigkeit. Wenn Kräfte wirken, so muss das schwächste Glied in der Kette nachgeben, und das war in diesem Fall der bekiffte und bis zum Anschlag betrunkene Bilan mit dem eingeklinkten Stahlseil an seinem Bauchgurt. Wie die Gondel einer Bergseilbahn wurde der schwere Kurde von dem vierziger Rohr angezogen.

Er wurde auf die andere Seite des Tunnels geschleu­dert, fiel in das Wasser, von wo ihn das Seil wieder heraus­zog und schlug, da er mit dem Bauch voraus ja unmöglich in das Kanalrohr passte, mit dem Kopf gegen die Kanalmauer. Bilan hatte seinen Schutzhelm nicht gesichert und im Wasser verloren, durch den Schlag auf den Kopf verlor er das Bewusstsein und damit auch die leere Flasche Jägermeister, die er in hohem Bogen von sich schleuderte und die zufällig in den im Wasser schwimmenden Helm flog. Der Scheißeschieber zog unvermindert weiter und es sah aus, als ob der Kanalisation- Wartungsfacharbeiter Bilan Gülürük mit dem Bauch voran an der Kanalwand klebte. Den Kanal hinunter trieb der Helm wie ein leuchtendes Schiffchen, darin aufrecht stehend der grüne Jägermeister.

Der Roboter arbeitete sich mit rotierenden Werkzeugen und gespannter Leine Millimeterweise weiter dem Ausgang des Rohres entgegen, während dessen Winde das Stahlseil auf Spannung hielt. Heinz kam gleich zu Hilfe.

Es war jedoch nicht so einfach.

Der Ledergürtel hielt.

Es war unmöglich den Karabiner, mit dem das Stahl­seil an Bilans Gürtel festgemacht war, aufzumachen. Grauen schüttelte Heinz. Was würde passieren, wenn der Scheißekäfer mit seinen schrecklichen Werkzeugen den Ausgang des Rohres erreichte. Die kreischenden Geräusche der Elektromotoren wurden allmählich lauter. Versteinert stand Heinz und wartete auf das Un­glück.

Da geschah das Unerwartete.

Er neigte den Blick zu seiner Hand und entdeckte die Fernbedienung, die er immer noch verkrampft umklammert hielt. Die Schaltstellen in seinem Gehirn klickten fast hörbar.

Heinz hob langsam seinen Daumen und verharrte damit über dem Knopf für die Winde. Er lauschte dem Geräusch des Scheißekäfers, der sich durch das Rohr quälte. Dann drückte er die weiche schwarze Gummi­taste, das Seil gab nach -und Bilan knallte auf die kleine Metallbrücke unterhalb des vierziger Kanalrohres.

Heinz war wie verzaubert.

Na det geht doch.

Er konnte nicht anders, es ging mit ihm durch, er drückte den Knopf noch mal, das Seil zog Bilan wieder mit dem Bauch in Richtung Rohröffnung, er zappte noch mal und der bewusstlose Kurde landete wieder mit seinem schweren Körper auf dem Gitter. 

Mit Rücksicht auf Bilan hörte Heinz auf, aber seine Sinne waren nun ein wenig berauscht.

Nach einer Weile kam der Kanalreinigungsroboter kreischend aus dem Rohr gekrochen. Heinz zappte und er blieb sofort stehen.

Hier in diesem Augenblick änderte sich der Fluss seines Schicksals, glaubte Heinz, an diesem Ort, am Ufer des wahrhaft abgründigen Untergründigem, neben vorbeifließenden Tonnen von Scheiße und in Gegen­wart der Prototypen von zwei verdreckten Kanalreinigungs­robotern, hier kam ihm die Er­leuchtung. Vorbei das Leben, in dem andere für ihn Entschieden. Jetzt war es soweit, in seinem Kopf hallten Rotrauds Worte: du wirst ein großes Rad in der Geschichte sein.

Wozu sollte er denn aufgehört haben zu trinken. Er war er.

„Ick bin ick“ sagte er laut und blähte seine Brust.

 

VIII

 

 

Und die erste Veränderung, das spürte er deutlich, die erste Veränderung wird der Versuch sein, richtig darüber nachzudenken wie man sich selbst aus Missli­chen Situationen retten kann.

Ein großer Schritt 

-für Heinz.

Also, er musste seinen Mitarbeiter irgendwie heil hier herausbringen. Der konnte sich auch über nichts be­schweren, er war ja selbst schuld. Schließlich war es strengstens verboten, betrunken zu arbeiten (bekifft sowieso).

Genau.

Wenn man sich die Zeit nimmt, über allet nachzudenken, so kann aus einem kleinen Fehler auch keine Katastrophe werd´n,

-so oder so ähnlich, dachte Heinz. 

Er überlegte.

Dabei kam ihm eine Idee.

Heinz klinkte das Stahlseil, das an dem Bauch des Kurden befestigt war aus, und schleifte den aus­geschalteten Kanalreinigungsroboter aus dem Rohr. Dann drehte er ihn um, drückte auf der Fernbedienung den Startknopf, lies ihn zu dem schmalen Gehsteig fahren und drückte noch einmal. Das Ding blieb brav stehen. Er hatte seine Angst davor verloren.

Nun ging es darum, sich um Bilan zu kümmern. Der war bewusstlos, aber es schien hoffentlich nichts Ernstes zu sein. Jedenfalls blutete Bilan nicht, sein Atem ging zwar langsam und schwer, aber er ging. Was war zu tun? Zunächst durchsuchte er dessen Brusttasche. Er fand den Plan und ein Mobiltelefon. Beides steckte er ein. Vorsichtig zog er die Kapuze von Bilans Jacke über den Kopf, damit dessen Gesicht nicht direkt auf dem Boden lag (der Helm war ja ver­loren).

„Müssen wir halt alleine weiter machen,“ überlegte er laut.

Heinz schleifte Bilan über das Laufgitter zu dem schmalen Gehsteig zurück und schob dessen Gürtel bis zu den Achseln hoch. Er klinkte das Stahlseil wieder ein, drückte den Startknopf und der Käfer setzte sich in Bewegung. Aber ein Roboter allein vermochte es nicht, den zentnerschweren Kurden über den glitschigen Boden zu ziehen. Der Roboter blieb stehen und alle vier Raupenketten drehten durch.

Heinz seufzte.

So doll sin die Dinger nu wohl doch nicht.

Er hievte den zweiten Kanalreinigungsroboter von dem Boot herunter, und hängte ihn vor den ersten,  drehte dessen Schlüsselschalter um, und drückte die Fern­bedienung.

Die zwei Käfer marschierten los. Heinz war zwar körperlich völlig geschafft, strahlte aber dennoch über das ganze Gesicht. Er fühlte sich wie damals, mit zehn, als er bei Karstadt verlorengegangen war und zum ersten Mal in seinem Leben in Ruhe mit einer Märklin-Eisenbahn gespielt hatte. Erst kam Roboter eins, dann Roboter zwei und danach der bewusstlose Bilan Gülürük mit seinen hüfthohen Kanalgummihosen. Ein Kribbeln durchströmte seinen Körper, er war sehr auf­geregt. Langsam entfaltete Heinz den Plan der Kanalisation.

Das Mobiltelefon meldete sich mit lautem Geräusch, es tüdelte drängelnd hallend durch den Kanal. Heinz nahm er den Anruf entgegen. Er konnte mit Handys telefonieren, hatte er doch den Betriebslehrgang: wie telefoniere ich richtig besucht.

„Äh. . .Ja?“

„Hallo, Gülürük, ist alles Okay?“

Es war Atze.

Heinz erstarrte. Von Atze zu hören war das letzte was er jetzt brauchen konnte.

„Alles in diese scheiße Butter“ imitierte er Bilans Stimme. Es war gar nicht so leicht, dessen Stimme nachzumachen, auch deshalb, weil er das „r“ nur mit der Kehle und nicht mit der Zunge rollen konnte.

„Ick hatte da nur so`n komischet Gefühl, dit könnte irgendwat nich in Ordnung sein ,“ stotterte Atze, „ ähmn, ick kenne den Kumpel den du bei hast, und ick rate dir gut, dit ist `n ganz schräger Vogel, gib dir nur acht. . .äh. . . steht er vielleicht grad neben dir“

„Ja!“ Heinz zischte mit dem Mund um eine Funk­störung vorzutäuschen.

„Ach so, denn lass mal gut sein Bilan, ick verstehe dir sowieso fast nicht, ick ruf noch mal an.“

Heinz stutzte.

Also so war das.

Een ganz schräger Vogel, wa. Arschloch.

Heinz dachte nach.

Währenddessen zogen die beiden Roboter den armen Bilan weiter. Heinz sah ihnen nach, der Zug war während seines kurzen Telefonats ein gutes Stück weitergekommen.

Der Kanal machte nach ungefähr fünfzig Metern einen leichten Knick nach links, der Weg führte weiter, mit einer großen Eisentreppe nach unten, zu einer tiefer gelegenen Ebene.

Bilan wachte auf und gab Stöhngeräusche von sich. Heinz eilte im Laufschritt hinterher. Er blickte kurz auf Bilan und sah die beiden Käfer in Richtung der Treppe, die jetzt auch in sein Blickfeld kam, marschieren. Un­schlüssig stand er da. Heinz kratzte sich am Kopf. Nun wurde Bilan vollends wach und versuchte panisch, da er die hinabführende Treppe auf sich zukommen sah, den Karabiner von seinem Gürtel zu lösen, aber es ging nicht, es war zuviel Zug auf dem Seil, die beiden Roboter hatten Bärenkräfte.

„Hilfe, Hilfe mir doch,“ schrie Bilan verzweifelt.

Heinz versuchte das Handy als Fernbedienung zu benutzen. Bilan konnte es nicht fassen.

„Oh Allah, bitte nimm die andere Scheiße, nimm diese andere verdammte Ding, diese andere“, brüllte er immer wieder, bis ihm die Stimme versagte.

Es dauerte noch einige wertvolle Sekunden bis Heinz endlich begriffen hatte, was Bilan meinte. 

Die Treppe kam näher.

Heinz hatte die Fernbedienung in die Tasche gesteckt, aber seine Gummihose hatte sich verschoben und so bekam er sie nicht zu fassen. Er sah zu Bilan und ent­deckte, dass der Vordere der metallenen Käfer sich bereits auf der ersten Stufe befand. Panisch wühlte Heinz in seinem Körperkondom herum.

„Halt, Hilfe,“ brüllte Bilan.

„Ja, halt Hilfe,“ echote Heinz.

Die Roboter fuhren einer nach dem anderen über die Stufen nach unten. Faszinierenderweise konnten diese Dinger hervorragend Treppen laufen. Bilan hatte allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich­keit im Moment keine Zeit, die brillante Technik der computergesteuerten Kanalreinigungs­roboter zu bewundern.

Er wurde kopfüber sieben Stufen nach unten gezogen.

Es kam ein Treppenabsatz.

Heinz war, mit der Hand tief in der Hose vergraben stehengeblieben, und sah mit verblüfftem Entsetzen, dass nach dem Treppenabsatz mindestens dreißig weitere stählerne Stufen nach unten folgten.

„Hiiilfe“ brüllte Bilan, der das eben auch gesehen hatte.

Aber es war zu spät. Ein paar wenige Sekunden, einige kurze Augenblicke, ein letzter Blick in Heinz staunendes Gesicht mit dem offenstehenden Mund, und- es ging die Treppe runter, Stufe um Stufe, gnaden­los, kontinuierlich.

Bilan wurde wieder ohnmächtig, was in seiner Situation auch ausgesprochen ratsam war.

Heinz sah verzweifelt zu, hörte die Geräusche, diese entsetzliche Symphonie bestehend aus dem leisen Kreischen der Roboter mit ihren Gummiketten, dem melodischen Rauschen des Kanals sowie diesem Glocken­haften Schlaggeräusch, wenn Bilans Kopf auf die Metallstufen schlug. Als kleine Einlage mischte sich ab und zu das leise Quieken einer Kanalratte da­zwischen. Stufe um Stufe schleppte sich der Konvoi nach unten, vielleicht vier oder fünf Minuten lang, bis Bilan mit den Robotern unten angekommen war.

Heinz setzte sich auf den Boden. Da fiel ihm die Fern­bedienung ein. Er hatte sie jetzt endlich griffbereit, aber er war durch den Verlauf der Ereignisse noch nicht dazugekommen, sie zu benutzen. Ein Tasten­druck, die Roboter blieben aber nicht stehen. Heinz seufzte. Er stapfte so schnell es ging die Treppe hinunter. Die Roboter zogen Bilan ungestört weiter. Heinz nahm die Fernbedienung und wollte beide Roboter auszappen. Es klappte nur bei einem. Der an­führende Scheißekäfer drehte durch, der Rest des Konvois blieb stehen. Heinz drückte die Fern­bedienung noch mal, die Winde gab Seil nach und der anführende Scheißeschieber fuhr mehrere Meter nach vorn. Das Seil bei Bilan war nun Gottseidank locker genug, und Heinz konnte den Karabinerhaken aus­klinken. Er versucht noch einmal den verschwindenden Käfer anzuhalten, was jedoch nur dazu führte, dass sich daraufhin auch der zweite wieder in Bewegung setzte.

„Wat´n det nu wieder für ne scheiße“, murmelte er trocken. Er legte die Fernbedienung auf den Boden und versuchte, Bilan die Treppen nach oben zu bewegen. Das ging schwer. Er packte ihn unter den Armen und zog ihn die Treppen hinauf. Nach zehn Stufen musste sich Heinz eingestehen, dass das keine so gute Idee gewesen ist, da ihm dabei die Kniescheibe raussprang. Er ließ Bilan sofort los, der fiel die Stufen wieder hin­unter, dessen Fuß stieß an die Fernbedienung und diese fiel mit kaum merklichen Plobb in den rauschenden Kanal.  Heinz setzte sich auf die Treppe und rieb sich das schmerzende Beinscharnier.

Er seufzte laut. Diese Suppe würde er nicht mehr allein auslöffeln können.

Er würde Kalle anrufen müssen.

Aus mehreren Gründen. Erstens wusste Heinz von Kalles haarsträubenden Hausbesetzer-Geschichten, dass der sich in der Kanalisation bestens auskannte. Zweitens rechnete Heinz mit Kalles physischer Stärke und drittens war da noch das nicht zu unterschätzende Problem mit seiner defekten Kniescheibe. Heinz nahm das Mobiltelefon und wählte Kalles Nummer. Aber es funktionierte nicht, es war nur auf Betriebseigene Ge­spräche abboniert. Er warf einen Blick auf Bilan, der lag mit geschlossenen Augen am fuße der Treppe.

Er schaute sich um, atmete tief durch.

Eigentlich war doch noch alles in Ordnung, soweit man das unter den gegebenen Umständen sagen konnte. Das kreischende Geräusch der Scheißeschieber wurde immer leiser, Heinz hinkte ein paar Schritte in den Schacht hinein und kam nach mehreren Metern an eine Gabelung. Nach rechts ging ein Gang ohne Entwässerungs­kanal ab. Der erschien ihm bei diesen miserablen Beleuchtungsverhältnissen jedoch uner­gründlich lang. Heinz überlegte.

Da weitergehen, det trau ick mir nich alleene.

Er ging wieder zurück und die lange Stahltreppe wieder hinauf. Nach ein paar Metern kam er an einem anderen Schacht vorbei, in der Wand war eine Stählerne Leiter eingelassen. Vorsichtig stieg er mit seinem kaputten Knie nach oben. Dort wartete ein Zentnerschwerer Kanaldeckel aus Beton darauf, aus der Fassung gehoben zu werden.

Er kletterte bis zur letzten Stufe der Wandleiter. An dieser Stelle waren auf beiden Seiten des Betonrohres Halteeisen angebracht, so dass man mit dem Rücken den Deckel anheben konnte. Mit einiger Mühe schaffte es Heinz. Als er völlig außer Atem und erschöpft den Deckel von der Öffnung schob, sah er den Unterboden eines Autos über sich.

„Wat´n nu“.

Das war natürlich alles sehr ärgerlich. Mit einem kurzen fäkalen Schimpfwort schleppte sich Heinz die Leiter wieder hinunter. Er ging den Gang weiter und kam zum nächsten Ausstieg. Wieder kletterte er ächzend und stöhnend die Treppe hinauf. Wiederum musste der schwere Kanaldeckel aus seiner Fassung gehoben werden, aber, der nächste Ausstieg war nicht beparkt, er ging auf einen großen  Platz, der zu Heinz Glück wenig frequentiert war.

Es war nicht seine Gegend, das erkannte er gleich. Nur feine Kneipen und Boutiquen, der Platz war komplett gepflastert, mit einem künstlichen See an einem Ende. Heinz watschelte mit seinen Gummihosen zur nächsten Gastronomischen Einrichtung. Er hielt kurz inne und überlegte, ob er hineingehen sollte. Es war nämlich, laut seines Arbeitsvertrages streng verboten, in Kanal­uniform Gastronomiebetriebe zu betreten.

Na ja, schließlich ist dat nu n´ Notfall.

In der Bar lief laute Musik. Er erstarrte. Da lief dieses Lied, aber diesmal in einer modernen, aufgepoppten Version, es war mit einer wummernden Techno-Bassline unterlegt.

Ich traue mich nicht laut zu denken,

Ich zögere nur und drehe mich schnell um,

Heinz spürte die Vibrationen des Basses in seinem Brustkasten.

Es ist zu spät, das Glas ist leer,

Du gehst mit dem Kellner und ich weiß genau warum

Der Ryhtmus steigerte sich immer weiter, wurde immer schneller, bis er bei dem Refrain so eine Art Höhepunkt erreichte. 

Was ich haben will das krieg ich nicht

Und was ich kriegen kann das gefällt mir nicht. . .

Er war in eine sogenannte after hour Lounge mit Tanz­fläche geraten, die Gäste waren vermutlich seit letzter Nacht noch übriggeblieben.

Da stand er, mit seinen hüfthohen, mit Fäkalien ver­schmierten Gummihosen, in antrazithfarbenen Gummi­stiefeln.

Die Musik, die zuletzt in höllischen Tempo durch das Gemäuer gehetzt war, erstarb plötzlich. Der DJ hatte ausgemacht. Wie wenn gerade eine Bombe explodiert wäre, so irritiert fassten die Barbesucher die unvermutet aufgetretene Stille auf. Alle Köpfe drehten sich Heinz zu.

Diese schockierte Reaktion überraschte ihn nicht. Er kannte das ja, dieses häufige „Kiek dir den mal an“, diese spezielle Art der respektvollen Haltung ihm gegen­über, eine Haltung die ihm überall begegnete.

Aber hier war die Reaktion besonders drastisch. Drei der Gäste hielten sich ein Taschentuch vors Gesicht und rannten würgend auf die Toilette.

„Muss wohl an dem Geruch liegen“ murmelte Heinz in die Stille hinein zu sich selbst und sah sich unauffällig nach einem Telefon um. Mit wenigen Schritten, die jeweils von dem quatsch-quatsch seiner Gummihosen begleitet wurden, ging er zur Theke und fragte nach dem Telefon. Dabei steckte er beide Hände tief in die Gummihose, um nach Kleingeld zu suchen.

„Kann ick mal telefonieren?“

Das Mädchen hinter der Bar hielt sich erschreckt die Nase zu.

„Das Te. . . das Te. . . das haben wir hier nicht,“ näselte sie verkrampft.

Heinz beäugte sie misstrauisch.

Sie begann den schwarzen Marmortresen zu wischen, mit hektischen und fahrigen Bewegungen.

„Ick will ja nur mal telefonieren, bitte, . . .“

Sie wischte so schnell, dass es den Anschein hatte, als würde sie die oberste Schicht der Marmorplatte ab­tragen wollen.

Ein Mann neben ihr streckte den Arm aus und knallte lautstark mit der flachen Hand ein Geldstück vor Heinz auf die Theke.

„Da, und nun telefonieren sie, und dann raus,“ sagte er schroff.

„Wat´n nu?“ fragte Heinz.

„Machen sie schon. Der Automat ist neben der Toilette.“

„Das Telephon.“, berichtigte Heinz ihn noch kurz und ging um die Ecke, steckte das Fünfzigpfennigstück in den Schlitz und wählte.

„Ostrowski.“

„Ick bin det, Heinz“.

„Spinnst du, rufst hier an, weißte wie spät es ist? Elf Uhr ist das.“

„Ist das zu früh“

„Na, ja, müsstest du nicht längst auf Arbeit sein“

„Na bin ick doch. . . .ick bin hier unten im Kanal. Kalle, ick brauch deine Hilfe“.

Kalle stutzte. Das war noch nie passiert.

„Du brauchst wat,“ fragte er ungläubig, die Worte tropften im Sekundentakt aus seinem Mund.

„Ick brauch Hilfe. Du musst hierher kommen. Ick hab hier ´n Problem.“

Irgendetwas musste passiert sein. Das kapierte selbst Kalle, dessen Gehirnzellen durch den Genuss von Alkohol stark dezimiert waren. Die Palette mit den Öl­farben, die Kalle in der Hand hielt, zerbrach als er un­bewusst eine Faust machte. Er erschrak, und kickte mit dem Fuß die Staffelei und das darauf liegende Bild aus Versehen. Kalles halbfertiges Kunstwerk, expressionistische Abstraktionen, wild in Öl gespachtelt, segelte durch das Zimmer und klatschte mit der Vorderseite auf dem Fußboden auf.

„Scheiße, verdammte“

„Kalle. . .“

„Ja. Was machst du denn für Sachen Heinz. Wo bist du denn“

„Im Kanal“

„Gibt’s da Telefonzellen“

„Ne. Ick telefonier hier in so nem Schuppen, so nem Künstlercafebardiscodingsbums,“ entgegnete Heinz ungeduldig.

„Seit wann telefonierst du in so was?“ fragte Kalle un­gläubig.

„Ham se mir gelernt “. Aber Heinz wurde ungeduldig. „Pass uff, ick warte hier vor der Bar und du kommst hierher, longsche Latino oder so ähnlich heißt det. Marlene Dietrich Platz. In Tiergarten ist dit. Ick warte auf dir. Gegenüber, ist so ein komischer Platz mit so nem See, bei dem See ham se so´n bisschen Rasen und da steht ne Bank. Da wart ick. Zieh dir alte Sachen an, und Gummistiefel, du musst mit innen Kanal. Außer­dem, du hast doch bestimmt so`n Seil, so eins mit dem de du immer inne Berge gehst, oder?“

„Heinz du. . .“

„Bring det auf jeden Fall mit“ fiel ihm Heinz sofort wieder dazwischen.

Kalle konnte es nicht fassen, ihm kam es fast so vor, als ob er mit jemanden anderem als mit Heinz Kruppke sprach. Elf Uhr. Heinz hatte ihn noch nie um diese Tages­zeit angerufen.

Er musste mit den ihm zur Verfügung stehenden spärlichen geistigen Mitteln, versuchen herauszukriegen, was nicht stimmte.

„Ganz ruhig Heinz. Pass auf. Wenn ich du wäre, und du ich, was würdest du denn jetzt machen. Du weißt ja, ich steh mit dir jede Scheiße durch, aber wenn du wieder getrunken hast, dann. . .“

„Hab ich nicht“ fuhr ihm Heinz energisch ins Wort. Er musste sich rasend schnell etwas einfallen lassen, mit Kalle zu diskutieren, das könnte Ewigkeiten dauern. Außerdem schien ihm die Grenze seiner psychischen Belastbarkeit bereits erreicht.

„Pass auf, Kalle, ick erklär allet später, ick verlass mir auf dir,” und er legte einfach auf.

Kalle wollte nach einer längeren Denkpause etwas darauf erwidern, aber Heinz war längst aus der Leitung. 

Er schleppte sich aus der Longe Latino auf die Straße, watschelte an dem See vorbei und ließ sich erschöpft auf die Bank fallen. Sein Kreislauf war wieder so schlecht, alles drehte sich. Aus den Augenwinkeln be­merkte er ein Kind, das mit kleinen bunten Plastik­monstern spielte.

 

Währenddessen krabbelten, Zwanzig Meter unter Tage, die beiden Kanalroboter immer weiter dem Kanal ent­lang. Dieser Horizontalschacht zog sich quer durch die Spree hindurch, und die beiden Roboter kamen zu einem völlig neuen Abschnitt. Das dicke Betonrohr der Kanalisation war hier ganz neu, mehrere Warnschilder verboten es dem Kanalarbeiter weiterzugehen.

Der Kanalschacht war mit einer Holzwand abgesperrt. Ein Schild warnte:         

MILITÄRISCHER SICHERHEITSBEREICH STUFE DREI!

WEITERGEHEN VERBOTEN!

ACHTUNG SPIONAGEABWEHR!

Die Scheißekäfer verstanden das jedoch nicht.

Sie machten sich an der Holzwand zu schaffen, welche von der integrierten Recheneinheit als Organisches Material identifiziert worden war. Das mussten sie putzen. Darauf waren sie ja programmiert. Mit ihrer Reinigungsmechanik begannen Scheißekäfer eins und Käfer zwei an dem ungehobelten Fichtenholz herum­zukratzen. 

 

Heinz träumte. Er war wieder im Kanal. Er herrschte vollkommene Stille, kein Rauschen war zu hören. Gerade als er die Stahlleiter verlassen wollte, erschienen kleine bunte Monster mit großen vereiterten Augen. Es wimmelte nur so von ihnen. Und sie konnten sprechen: sie sprachen siamesisch. Einer dieser Gnome sang sogar. Heinz wagte es nicht, die letzte nach unten führende Sprosse zu verlassen. Die fürchterlichen Kreaturen streckten ihre Klauenartigen Finger nach ihm aus. Da kam von oben durch die Kanal­öffnung ein kleiner weißer Vogel geflogen. Es war ein weißer Spatz. Er flog vor Heinz Gesicht, blieb in der Luft stehen und sah ihm in die Augen. Das kam so überraschend, dass Heinz diese schrecklichen Gnome unter sich vergaß. Der Vogel fing an ein Lied zu zwitschern und bei genauerem Hinhören bemerkte Heinz, der Spatz konnte sogar singen. Und er sang das unvermeidliche Lied- mit modifiziertem Text.

Was du haben willst, das kriegst du nicht. . .

Weißer Nebel waberte plötzlich durch das Kanal­gewölbe. Der Spatz flog wieder nach oben. Heinz wollte ihm folgen da erwischte ihn eine der Kreaturen am Fuß. Innerhalb von wenigen Augenblicken hingen mehrere davon an seinem Bein herum und zerrten daran. Der Spatz kam wieder und herrschte ihn plötzlich an.

 

„He wat soll den dis, ey Mensch Alter, ey du bist ja wohl nur scheiße, Mann, ey isch schwöre, ey, isch find dich ja echt nur scheiße, weißt du, das find isch ja echt voll daneben. Ey, das ist meine, verstehst du. MEINE Jacke ist dis, dis find ich ja echt nicht gut von dir dass du dir hier mit deiner Scheiß Hose hier auf meiner Jacke breit gemacht hast.“

Heinz machte die Augen auf.

Das erste was er sah, waren ihre Stiefel. Damit hatte sie ihn nämlich geweckt.

Das zweite was ihm ins Gesicht stach, war ihr grellrot angestrichener Mund, danach die schwarz umrandeten braunen Augen. Sie war vielleicht mitte dreißig, ziem­lich schlank und ganz schwarz gekleidet. Sie hatte dunkle Haare in die mehrere bunte Zöpfe geflochten waren. Man konnte jedoch nicht sagen, dass sie ge­pflegt aussah. Ihre schwarzen Klamotten waren zerrissen und die Doc-Martins, mit denen Heinz so un­sanft geweckt worden war, hatten bestimmt schon bessere Zeiten gesehen. Ihren nach außen driftenden Silberblick hielt sie stets abgewandt von ihm.

„Äh. . .ich. . .wollte nur kurz. . .Entschuldigung. . . “ warf Heinz dazwischen.

„Ey Mann ey, isch schwöre ey, . . .ey du stinkst so krass, isch glaub isch muss kotzen, kommst wohl aus`m Gully oder was, dann kriech da mal zurück, Mann, hey, kiek dir mal meinen Mantel an, dis war ein original Klepper Latex Mantel, war mal voll teuer, oh Mann eye.“

Sie sandte den Blick gegen den Himmel.

„Ey isch schwöre, einmal vergess isch mal was und denk mir nichts dabei und dann passiert das. Wenn das Ding  nicht mehr dagewesen wäre- isch glaub das wär weniger schlimm gewesen. Ey, Mann ey, isch glaub isch tick nich richtig, ey, du bist ja escht wohl nur scheiße ey.“

Sie weinte fast. Heinz war erschreckt und ein wenig ängstlich, aber er erkannte sofort, sie gehörte nicht zu den bösen Erwachsenen und ein Monster war sie auch nicht.

Er schluckte und brachte ein trockenes:

„Watn`nu?“ heraus.

Aber sie war noch nicht zuende.

“Hey, echt ey, was mach ich denn jetzt?

Kannst du mir das mal verraten, was ich jetzt machen soll? Ohne Jacke, mitten im Winter? Oh Mann, das war echt das Ding, hatt mal irgendso ein Nazi Arsch ange­habt,

bestimmt,

und isch muss mich jetzt wieder mit diesen billigen dünnen Dingern durch den Winter quälen. Hab isch doch einmal meine Jacke vergessen und dann kommt so ein Pisser hier an und legt sich drauf und so ne scheiße und denn steh isch ohne meinen Mantel da und so was allet“.

Heinz stand langsam auf (er hatte ja noch ganz steife Glieder), und besah sich das, was er zuvor für ein weggeworfenes Stück schwarzer Plastikplane gehalten hatte. Ja, tatsächlich, es war ein alter Gestapo-Mantel aus undefinierbarem schwarzen Material. Vorsichtig strich  er ihn glatt. Er war tatsächlich etwas verdreckt- er musste sich im Schlaf bewegt haben, denn er hatte das mehr oder weniger gute Stück mit seinen Stiefel am Kragen ramponiert. Der Mantelkragen war abge­trennt.

Er wischte ein wenig daran rum, aber das alte brüchige Gummi blieb so wie es vorher war. Heinz musste sich eingestehen, er hatte an dem Kleidungsstück einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er zog wortlos seine Kanalarbeiter Jacke aus und hielt sie ihr mit demütig zu Boden gesenkten Blick hin. Dann sah er ihr in die Augen.

Vielleicht durch die Nachwirkungen des letzten Traums, vielleicht durch ihre Stimme und ihr unbe­herrschtes Wesen, oder schlicht aus der Tatsache heraus betrachtet, dass sie hier zufälligerweise ihren Mantel vergessen hatte, möglicherweise war es auch ihr Äußeres, ihre durch falsche Schminktechnik gut getarnte Schönheit, mit diesen ungepflegtem alt­modischen Szenehaarschnitt, es hätte auch an dem leichten Silberblick liegen können,

jedenfalls,

Heinz wurde bei ihrem Anblick von einem inneren Schauer geschüttelt. Er erkannte sie so, wie er bis dato noch nie einen Menschen erkannt hatte. Heinz sah ganz genau, dass sich hinter der Mauer ihrer vordergründigen Aggressivität eine rehscheue schüchterne  Seele verbarg und er sah es bildlich vor sich, wie sich ihre Arme öffneten und sie sich für ihn in einen Engel verwandelte.

Heinz Kruppke, Kanalarbeitungsassistent, mitte vierzig, körperlich nach dem letzten Urlaub fast wieder­hergestellt verliebte sich, in diesem Augenblick. 

Er himmelte sie an, sein (vorher nie dagewesener) Charme driftete ihr aus jeder Pore entgegen, selbst die innere missbilligende Stimme seiner verstorbenen Mutter besaß nicht die Kraft, diesem überwältigenden Gefühlsrausch  ernsthaften Widerstand zu bieten.

Sie nahm die Jacke an, jetzt mit einem Lächeln, das Heinz an den Sonnenaufgang eines hochsommerlichen Julimorgens erinnerte.

„Na ja, verstehste, dis is nicht so einfach, aber ich seh schon, du siehst das schon ein . . .“

Und bevor sie ihren Dialog fortsetzen konnten, wurde ihre Aufmerksamkeit von einem abrupt einsetzenden und andauerndem Hupgeräusch voll in Anspruch ge­nommen. Der aufdringliche Ton schob sich wie ein Vorhang zwischen ihre Miteinander kommunizierenden Seelen.

 Das Geräusch kam von der anderen Straßenseite. Der Besitzer eines Smarts hatte versucht auszuparken und war dabei mit dem rechten Vorderrad in dem von Heinz zuerst geöffneten, dann aber doch nicht benutzten Kanaldeckel steckengeblieben. Dabei war das Auto nach vorne gekippt, hatte sich anschließend auf die Seite gelegt und der Fahrer verklemmte sich mit dem Ellenbogen  an der Hupe. Heinz zog den Kopf ein wenig ein, alle Anwesenden schienen von dem an­dauernden Signalton paralysiert zu sein.

„Wat`n dis für ne scheiße. . .“, murmelte sie.

Heinz nickte verzweifelt mit dem Kopf.

Sie ahnte es gleich, wusste es intuitiv, dass Heinz daran schuld sein musste. Sie hatte das nicht nur an seinem Aufzug erkannt, sondern sie hatte es „gefühlt“. Sie be­dachte Heinz mit einem zärtlich mitleidigen Silber­blick, wagte es, ihm noch einmal kurz in die Augen zu schauen und begann nun ihrerseits einen warmen Schauer zu spüren.

Aber es blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Der Fahrer des Miniautos hatte Heinz entdeckt und auf­grund dessen Uniform messerscharf kombiniert. Wer sollte sonst schon in Anglerhosen mitten in der Stadt herumlaufen, wenn nicht ein Arbeiter aus dem Kanal. Er kletterte aus seinen umgekippten dauerhupenden Wagen und stakste wutentbrannt auf Heinz zu. An seinen hackeligen Bewegungen lies sich jedoch sofort erkennen: Der Mann war sturzbetrunken.

Tief Luft holend, um gleich losschreien zu können, kam er angestapft, stolperte aber bedauerlicherweise über einen vom Gartenbauamt zu Dekorationszwecken halb eingegrabenen Schieferbrocken und fiel an Heinz und Anke (so hieß die neue Bekanntschaft) vorbei nach vorn. Mit dem Gesicht knallte er ungefedert auf die Bank, und bevor er losschreien hätte können, musste er nun zuerst seine Zähne ausspucken. Was immer er auch vorgehabt hatte, er vergaß es augenblicklich.

Über den kleinen Park kam Kalle gerannt. Er hatte nicht lange nach Heinz suchen müssen, er war einfach seinem Gehör gefolgt. Der Fahrer des Smart hustete und spuckte seine Zähne mit einer Menge Blut auf den Klepper-Mantel der noch auf der Bank lag und über seinen Boss-Anzug.

„Gut, dass du gekommen bist, wir müssen glaub ick gleich gehen,“ sagte Heinz zu Kalle, bei Anke stockte er.

„Äh“.

„Wie? Wo geht ihr jetzt hin. Ich meine, was ist mit mir? Ich hab doch noch die Jacke. Soll ich nicht mit?“

Weiter kam sie nicht, denn Heinz schaute sie erneut zärtlich an.

Kalle beäugte beide verblüfft. Das hätte er sich nie ge­dacht.

Von Heinz.

Verliebt.

Wie konnte so etwas nur passieren.

Deshalb hatte er also seine malende Tätigkeit, seine Selbstverwirklichung, seine therapeutisch wichtige Auseinandersetzung mit seinem musischen ´Ich` unter­brechen müssen, um Mitansehen zu dürfen wie ihm Heinz hier was vorturtelte? Aufkeimender Zorn machte der Fassungslosigkeit in Kalles Innerem Platz.

„Na Heinz, was ist denn jetzt?“

Der, noch ganz versunken in Ankes Anblick, wachte auf. Sein Kopf hackte langsam zu Kalle rüber.

„Ah, äh, schön das de gekommen bist, du musst mir helfen . . . im Kanal, da ist einer, und der ist fertig,“ brummelte er.

„Und was hab ich damit zu tun?“

„Na, ick muss den einfach da rausschaffen, denn-

wenn ick denen von ner Stelle da Bescheid sage, denn wird det allet wieder so schlimm und alle stellen da wieder so Fragen, die ick dann sowieso alle nich beantworten kann. Der Typ da unten wird auch froh sein, wenn ick ihm nich die ganze Rettungsmannschaft auf den Hals hetze. . .“

Heinz wunderte sich über sich. Ganz einfache kurze Sätze, präzise Informationsabgabe- es war einfach un­glaublich.

„Und was ist mit der hier?“. Kalle war ganz konsterniert.

„Ich bin nicht der, ich heiße Anke.“

„Anke“ wiederholte Heinz.

„Anke“ wiederholte auch Kalle und schaute zwischen den beiden hin und her.

„Na ja, wir gehen in den Kanal,“ meinte Heinz.

Kalle nickte zustimmend.

„Tja, also, wir gehen jetzt los.“

Sie machten sich auf den Weg.“

„Na und? Denkt ihr das wäre nichts für eine Frau?“

„Na ja, so direkt nicht“, wagte sich Kalle noch zu sagen.

„Ich bin schon in dem Scheiß Kanal hier rumge­krochen, da habt ihr noch -ich weiß nicht was“, schwadronierte Anke. Ganz ruhig sagte sie: „Ich bin nämlich über den Scheiß Kanal geflüchtet“.

Die beiden blieben wieder stehen.

„Ja, ich bin doch aus dem Osten. Und als es diese Scheiß Mauer noch gab, da bin ich übern Scheiß Kanal in Westen. Mit ner ollen Eisensäge und einer Scheiß Akku-Bohrmaschine, die mir eener aus´m Westen zuge­schmuggelt hat. Das war im Sommer neun ´un achtzig“.

„Warum hast du denn keinen Ausreiseantrag gestellt,“ fragte Kalle.

„Denkste dass dis so einfach war? Außerdem, Anträge stellen, is noch nie so mein Ding gewesen. Also, ich bin da runter, in den Scheiß Kanal, mit so einer Scheiß West- Akku Bohrmaschine, und einer Scheiß Ost- Taschen­lampe  und ner Eisensäge die könnte aus China gewesen sein, aber fragt mich jetzt nicht. Die hatten nämlich so Scheiß Gitter da unten, so aus Rohren zusammen­geschweißt, so Kanalabsperrgitter,  und wenn de die versucht hattest durchzusägen, dann kamst du ziemlich schnell auf noch ein Rohr das da innen. . .also du musst dir das so vorstellen, im Inneren von dem Kack- Rohr war noch so ´n Rohr und wenn du anfängst zu sägen dann sägt die Säge auch, bis du auf das innere Rohr gekommen bist und dann dreht sich die scheiße da durch und du kommst mit der Säge nicht mehr weiter, versteht ihr?“

„Ne“ sagte Kalle.

„Na ja und dann musst du ein Loch in die zwei Rohre also in das Rohr und weiter zu dem Rohr in dem Rohr, versteht ihr, wo war ich? Ach so, Bohren, also durch­bohren und dann steckst du einen Bolzen da rein, ich meine, da wo ich reingebohrt hatte, und dann konnt ich weitersägen. Aber ey, drei Rohre musst ich durch­sägen, damit ich durch das Gitter komm, also sechs mal durchsägen, nämlich links und rechts, so dass man nämlich da dann auch durchschlüpfen kann, und drei Löcher musst ich Bohren, ey, und ob der Akku das aushält, drei Löcher durch drei mal zwei Stahlrohre, das war ´n Thrill, das kann ich euch vielleicht sagen.“

„Sollten wir nicht vielleicht langsam gehen,“ fragte Kalle.

Heinz war völlig fasziniert.

„Ja, komm mit, Anke, ick gloobe, wir brauchen dir ganz unbedingt.“

„Alles klar, aber lass mir weitererzählen.. . . Na ja, und dann das Sägen, ich sag’s euch, habt ihr schon mal drei Doppelrohre mit so ner ollen Scheiß Eisensäge durch­gesät. Das ist vielleicht ne Arbeit, voll krass sag ich euch, das ist EINE ARBEIT. . .”

Sie machten sich auf den Weg, und Anke plapperte lautstark weiter. 

 

Die beiden Kanalreinigungsroboter hatten in der Zwischen­zeit fleißig weiter gearbeitet. Sie hatten es ge­schafft, zwei saubere Kreisrunde Löcher in die Holz­wand zu arbeiten. Sie krochen durch. Dahinter befand sich der neue Schacht, der direkt zu dem noch nicht fertiggestellten Bundeskanzleramt führte. Deshalb auch die Sicherheitszone (es wäre ja sonst vielleicht möglich gewesen in der Kanalisation Abhörgeräte zu installieren, Bomben zu legen, irgendetwas zu tun, was der bürgerlichen Hoheit der Bundesrepublik Deutschland geschadet hätte).

Nachdem die Scheißeschieber die Holzwand erfolg­reich passiert hatten, waren erneut Warnschilder zu lesen:

BETRETEN VERBOTEN!

MILITÄRISCHER SICHERHEITSBEREICH STUFE ZWEI!

ACHTUNG! SIE MACHEN SICH STRAFBAR!!

Unnötig zu erwähnen, dass die beiden Scheißeschieber dies auch nicht lesen konnten. Sie krabbelten weiter. Unbeirrt. Der am Boden liegende Bauschutt jedoch zwang sie dazu, im Gänsemarsch zu krabbeln. Hier zeigte ihre Programmierung die volle Stärke, denn sie mussten im Slalom um Hindernisse herumkriechen. Durch ihre Ultraschallsteuerung gelang ihnen das mühelos. Der Konstrukteur wäre stolz gewesen.

 

Während die künstlichen Ausgaben des Insekts mantis religiosa dabei waren, alle Details ihres Chip­programms abzuarbeiten, stapften mehrere hundert Meter weiter östlich die drei Helden durch das übel­riechende Gewölbe.

„. . .Na ja, und dann, bin ich da ins Meldeamt und hab mir mein Scheiß Begrüßungsgeld abgeholt. Und so eine Scheiß Wohnung haben die mir gegeben, ich sag es euch, so ein Scheiß Loch, war das ein krasses Scheiß Loch, ich dacht mir schon, gut biste du ange­kommen, na prima, dacht ich mir und saß da erst mal und heulte drei Tage. So war das. . .

Aber dann, ja, was wollt ich sagen, es war dann aber doch Okay. So ist das nun mal im Leben, erst mal hatte ich mich Krass geärgert aber dann war’s doch okay“.

Anke plapperte noch immer. Heinz hatte den genauen Weg vergessen und so irrten sie durch den Kanal. Sie gingen mal hier lang und drehten dann wieder um, gingen mal da lang, währenddessen erzählte ihnen Anke ihre ganze spannende Fluchtstory. Endlich kamen sie zu Bilan Gülürük´s Schicksalstreppe. Tatsächlich lag er noch da unten. Er hatte sich etwas bewegt und schlief. Kalle und Anke beugten sich sofort über ihn, Heinz stand da und ließ ihnen den Vortritt. Kalle nahm einen kleinen Spiegel aus seiner Jacke­ninnentasche (weiß der Teufel wozu Kalle einen Spiegel in der Tasche hatte) und hielt ihn Bilan vor den Mund. Das Glas beschlug sich aber nicht- war es doch für diesen Test viel zu warm im Kanal. Aus Kalles Ge­sicht wich sofort alle Farbe.

„Der ist tot, Heinz“.

Es gab eine Pause.

„Quatsch. Erzähl hier doch nicht so nen Mist. Kuck doch mal genau hin, oder denkst du der hat nen Scheiß Hefeteig unterm Hemd, das geht doch auf und ab da drin.“ Anke schlug einen ganz fachmännischen Ton an:

„Dis ist halt ein Typ mit komatöser Veranlagung.“

„Was ist denn passiert Heinz“ fragte Kalle endlich.

„Na ja, er ist die Treppe da runtergefallen.“

„Einfach nur so?“ argwöhnte Kalle.

„Na ja, also, das war mit diesen Scheißekäfern. . .äh mit diesen  Kanalreinigungsrobotern da hat was nicht funktioniert und er hatte gerade so nen Jägermeister in der Hand, und dann hat ihn so ein Ding angezogen und er war ja angeseilt und dann ist er mit dem Kopf so an die Betonwand geknallt und dann hab ich ihn weiterge­schleift und da ist er mir irgendwie,“

er verschwieg natürlich wie genau,

“ist er mir irgendwie diese blöde Treppe da runterge­rutscht“.

„Hast du wieder was getrunken Heinz?“

„Ne, ick schwöre“

Anke begann unruhig den Kanal auf und abzutigern.

„Na jedenfalls, gesund sieht DER nicht aus“

„Ne, gesund sieht er nicht aus“ meinte Anke auch und krempelte sich die Ärmel hoch um zum praktischen Teil überzugehen.

Das gefiel Heinz. Kalle schlug einen nörgelnden Ton an.

„Und was sollen wir jetzt machen, ich meine, einer muss die Frage ja stellen, wie hast du dir das gedacht.“

„Hey Mann ey, kein Wunder, dass der ohnmächtig ist, das scheiß Zeug und der Kackdampf hier, ist ja alles voll total scheiße.“

(Nach Ankes Meinung tat der Jägermeister in Verbin­dung mit dem im Kanal existierenden Methangas offen­sichtlich seine Wirkung).

„Bekifft ist er auch noch“ meinte Heinz, „und na ja, der muss hier einfach raus, weil nämlich, da gibt det so ´n Gas am Boden, hab ick gelernt, so ein Kohlendioxyd, sieht man nicht so, aber der kann ersticken, wenn der hier so am Boden liegt.“

Da standen sie nun all drei um den ohnmächtigen Bilan herum und sagten eine Weile nichts. Sie guckten sich in die Augen.

Der Kurde machte doch einen ziemlich ramponierten Eindruck, auf seiner Stirn klebte angetrocknetes Blut und ein Bein schien ein wenig verdreht.

Aber das mit dem Bein hätte auch eine optische Täuschung sein können.

Ratlosigkeit spiegelte sich in ihren Gesichtern.

„Tja“ meinte Kalle, und nach einer Pause zweifelte er:

 „Das wird nicht einfach,  Heinz“.

„Ick weis schon wie, hab mir det überlegt. Das Seil kommt so übern Rücken unter den Achseln nach vorne, oder an den Gürtel, und einer oder zwei gehen hoch und ziehen von oben, ein andrer nimmt ihn uff die Schultern und geht damit die Leiter hoch“.

„Ich soll ihn also auf die Schultern nehmen“

„Wenn det geht“

„Und du und die da. . .äh. . . Anke, ihr zieht von oben“

„Wir probieren det“

„Und dann nach oben“

„Ey, aber vorher müss`n wir ihn hier über diese Scheiß Treppe da nach oben schleifen, ey, so ein Scheiß, “

Sie sahen sich noch mal gegenseitig in die Augen.

Kalle packte sein Seil aus und verknotete es an Bilans Gürtel. Danach zog er Bilan die Treppe nach oben, Anke hielt seinen Kopf, dass dieser an den Treppen­stufen nicht das Gleiten blockierte und Heinz schob von unten. Es war sehr anstrengend (vor allem für Kalle), aber es ging.

Stufe um Stufe wurde Bilan die Treppe wieder hinauf­geschafft. Als sie bei dem ersten Treppenabsatz ange­kommen waren brauchten sie eine Pause. Ihr lautes Keuchen hallte in dem Gemäuer. Wieder sahen sie sich stumm an. Das war eine harte Prüfung, für jeden von ihnen.

Für Kalle, der einen nicht unerheblichen Teil seines Daseins damit verbracht hatte sich schlecht zu benehmen und es deshalb als seine Pflicht ansah, diese gute Tat zu Ende zu führen.

Für Heinz, der seit Jahrzehnten versuchte, artig zu sein und dabei immer wieder Opfer geworden war. Das hier war eine Prüfung für ihn, ein wichtiger Schritt seines Lebens, nämlich selbstständig, eigenmächtig und ent­schlossen zu handeln.

Und für Anke natürlich, denn sie hatte sich, (genau wie Heinz) schon länger vorgenommen den sicheren Pfad des Lebens zu einzuschlagen.

Im geistiger Einvernahme nahmen sie den Faden (das Seil) wieder auf, wussten sie doch, dass es hier nicht nur darum ging, einen Menschen zu retten, sondern darum, eine Aufgabe zu erfüllen, eine Aufgabe mit un­endlicher Tragweite für ihr seelisches Gleichgewicht.

 

Die beiden Käfer kannten solche Probleme nicht. Nachdem sie weiter gekrabbelt waren, an Bauschutt Häufchen und Bauarbeiter Müll vorbei, kamen sie zu einem dritten Schild:

MILITÄRISCHER SICHERHEITSBEREICH STUFE EINS!

ACHTUNG! LEBENSGEFAHR!!

Dahinter befanden sich zunächst Laser-Licht­schranken. Mehrere rote Lichtstreifen versperrten den Weg.

Die Roboter lösten allerdings keinen Alarm aus, da sie  wegen ihrer Flachbauweise den untersten Laserstrahl knapp unterschritten. Ganz abgesehen davon wäre es den Scheißekäfern sowieso egal gewesen ob sie Alarm auslösen würden oder nicht.

Ein größeres Problem stellte da schon der darauf­folgende Stacheldrahtverhau dar. Der wurde auch nicht als Hindernis erkannt, für den Computer der Scheiße­käfer hätte es nämlich auch ein Spinnennetz sein können. Der erste der beiden Käfer kroch in den Stachel­draht, eine seiner Raupenketten verfing sich darin, sofort stellte er sich quer. Der heimtückische Draht mit den Wiederhaken, (es war Nato-Draht) wickelte sich um die Antriebsachse.

Der hinter ihm folgende Scheißeschieber fuhr auf, und begann ihm zunächst den stählernen Rücken abzu­schrubben. Nachdem der Rücken der gescheiterten Vorhut sauber war, drehte sich der zweite Roboter zur Seite und konnte weiterwandern, denn der erste Roboter hatte den Stacheldraht zum Teil aufgewickelt. Dessen Elektromotoren kreischten immer weinerlicher. 

Aber auch der zweite Roboter verfing sich kurz darauf ebenfalls, jedoch nicht in dem Stacheldraht.  Hinter der elektronischen Absperrung wurde gerade ein Gitter montiert, und die Bauarbeiter waren zur Mittagspause aufgebrochen. Sie hatten allerdings ihr Schweißgerät zurückgelassen und die Raupenkette des Scheiße­schiebers begann nun den Gummischlauch des Brenners aufzuwickeln.

 

Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Er hatte morgens schon dieses Ziehen  gehabt, als er ihn gesehen hatte. So ein komisches Gefühl, eine Art Wetterfühligkeit, eine Vorahnung die sich als leises Kribbeln in seinem Bauch bemerkbar gemacht hatte. Und, als er dann Stunden später Bilan anrief, da bemerkte er sofort, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte. Das war nicht Bilans Stimme, die Atze da hörte und augenblicklich wich die ganze Farbe aus seinem rosigem Säufer­gesicht. Er wählte noch einmal die Nummer von Bilans „Betriebs-Handy“, aber jemand hatte es abgestellt.

Atze hatte sofort wieder dieses Alptraumhafte Bild der von den Maschinenpistolensalven völlig zerschredderten Ferienhäuschen im Kopf. Er sah wieder seine von Kugeln durchsiebten Unterhosen vor sich, die er in seinem super-safety- Samsonite Reise­koffer aufbewahrt hatte.

Ein salziger Schweißtropfen plobbte auf das Display seines Mobiltelefons, als er die Nummer des Kontakt­mannes für Notfälle, die Nummer des BND-Beamten wählte. Er wartete auf die Verbindung und tippte sein Geburtsdatum als Code in das Handy, dann legte er wieder auf.

„Ick hab dit gewusst, ick hab dit gewusst“. 

Er keuchte asthmatisch. Atze musste runter und über­prüfen, was da los war. Er ging zu seinem Spind und legte sich seine Unter-Tage Ausrüstung an. Er fluchte derb. Atze hasste es, in die stinkende Kanalisation steigen zu müssen.

Eine Stunde später stapfte er durch den Kanal.

Er dachte nach.

Ob es stimmte, was Heinz damals auf Coco Loco Eiland erzählt hatte, nämlich, dass er sich verlaufen hatte, oder war das doch nur ein Zufall gewesen?

War der Kurzschluss im Holiday Inn ein gemeiner ab­sichtlicher Akt? Atze wusste mittlerweile dass er sich zufällig genau an dem Tag ereignet hatte, als in der Millionenstadt durch ein defektes Kraftwerk ohnehin kaum Stromreserven zur Verfügung standen. Eine Tat­sache, die zwangsläufig zum Zusammenbruch des gesamten Bankkokschen Energieversorgungssystem führen musste. Atze war einer der wenigen Menschen der Welt, die darum ahnten, dass Heinz vermutlich die Asienkrise ausgelöst hatte.

Dessen Entschuldigung von damals schien glaub­würdig und plausibel, aber Atze bezweifelte im nach­hinein, dass sie so stimmte. Es waren zu viele Zufälle.

War es eine Laune des Schicksals, dass Atzes thailändischer Zahnarzt einen Tag nach Heinz Be­handlung eine Fingerlähmung durch den kurzzeitigen Ausfall seiner Herzschrittmacher­batterie ereilte?

Atze dachte weiter darüber nach.

Irgendeine Pumpe in dem Kanalabschnitt musste kaputt­gegangen sein, er watetete knietief durch Scheiße. Er hatte Angst. Grosse Angst, die Angst der selbstaufopfernden Helden.

Atzes ganze selbstproduzierte ‘Angstchemie’ versetzten seinen Organismus in Hochstimmung. Nicht nur seine Atmung, Kreislauf und sein Herz arbeiteten schneller, sondern auch andere Organe, und so kam es, dass er plötzlich wahnsinnig dringend auf Toilette musste. Atze stand knietief zwischen den Exkrementen der Hauptstädter und ein dringendes Bedürfnis nahm trotz aller Sorgen, die sich in seinem Kopf drängelten, alle seine verfügbare geistige Energie in sich auf.

Er musste sofort seine Gummihose ausziehen, aber vorsichtig, so dass kein Teil davon in den Kanal hing. Weniger um einem pathologischem Ordnungszwang zu folgen, sondern praktischerweise auch um Infektionen vorzubeugen. Atze zog die Gummihose herunter und wickelte das dünne wasserdichte antrazithfarbene Gummi um seine Unterschenkel, zog sich die Stoff­hose herunter und vergaß bei all der hektischen An­strengung, dass er sich die Unterhose auch hätte aus­ziehen müssen.

Atze machte sich in die Hosen

-aber er lies sich nichts anmerken dabei.

Innerlich dampfend marschierte er weiter durch den Kanal.

Seine Gedanken drehten und drehten sich immer um das gleiche Thema, seit bald einem halben Jahr, wie bei einem Hamsterrad im Hamsterkäfig.

Die Umgebung kann sich ändern. Durch das Verstellen des Käfigs jedoch, durch das fehlende äußerliche Ergebnis bedingt, bleibt es doch immer gleich, was man glaubt oder welchem Gedanken man folgt. Man erreicht immer wieder den Ausgangspunkt- wenn dessen Farbe sich auch ändert.  

Es machte letztendlich keinen Unterschied, ob Heinz absichtlich oder unabsichtlich handelte.

Atze Langbein nahm sich vor, die Menschheit vor Heinz Kruppke ein für allemal zu schützen.

Mit zusammengekniffenen Augen blieb er mitten im Kanal stehen, er wusste was er zu tun hatte. Er drehte sich zusammen mit seinen Gedanken einmal um die eigene Achse, dachte kurz an die durchlöcherte Unter­wäsche von damals und wusste es genau.

„Mit mir nicht, mein lieber, dit kannste mit`nem anderen machen, aber nicht mit mir.“

Umständlich zog er den Kanalplan aus der Tasche. Planquadrat Christoph. Im neuen Viertel. Blödsinn eigent­lich, dass er den ganzen Weg bis dorthin im Kanal laufen musste, aber alle verfügbaren Fahrzeuge hatte er aufgeteilt und in seinem Kanalarbeiter-Outfit konnte er sich wohl kaum in die U-Bahn setzten.

Er seufzte tief. Atze hatte bestimmt noch einen halb­stündigen Fußmarsch vor sich.

Zeit genug um seine Gedanken weiterhin im Laufrad rotieren zu lassen.

 

„Na, nu mach schon hinne“ rief Anke nach unten zu Kalle, der sich nicht entschließen konnte seinen Kopf zwischen Bilans dreckverschmierte Beine zu stecken. Zitternd standen Anke und Heinz oben, und hielten das Seil gespannt und warteten auf Kalles Einsatz. Denn der hatte wieder eine seiner typischen Entscheidungs­schwierigkeiten und wartete erst mal ab. Schließlich fasste er sich ein Herz und stemmte mit seinen Schultern den ohnmächtigen Kurden nach oben, Kalle ächzte unter seinem Gewicht.

Um Heinz und Anke, die mitten im feinsten Innen­stadtviertel in ihrer wenig salonfähigen Aufmachung ein Seil aus dem Kanal zogen, versammelte sich eine neugierige Menschenmenge.

Auch der Kontaktbereichsbeamte näherte sich zaghaft.

Heinz und Anke schwitzten, aber noch mehr schwitzte Kalle unter Tage. Sprosse um Sprosse arbeitete er sich nach oben,

-Zoll um Zoll zogen Heinz und Anke an dem Seil.

Die Schaulustigen blieben wohlweislich auf Abstand, was die beiden da taten, sah sehr nach Schwerstarbeit aus.

Der Polizist fragte langsam: „Kann man helfen“

Anke lies das Seil los, Heinz entfuhr ein „Mmmfff“ und Anke fing an den Polizisten anzubrüllen.

„Ey das gibt es ja wohl nicht, du Scheiß Bulle ey, du bist ja wohl nur scheiße, ey, natürlich kannste helfen, ey, isch glaub isch kotz dir gleich.“

„Anke“ brüllte Heinz mit letzter Kraft. Kalles Kopf weiter unten war tomatenrot angelaufen.

Bilans Oberkörper war von Kalles Schultern nach hinten gekippt und baumelte an Kalles Rücken. Kalle presste seine Fäuste so fest es ging um die Stahlsprosse der Leiter. Da Bilans Unterschenkel noch zwischen einer Sprosse und Kalles Brust klemmten, konnte er nicht ganz nach hinten herunterfallen. Aber das fest­klemmen war ein Kraftakt, der ihm all seine antrainierte Kraft abverlangte. Er sah, wie Bilans Füße langsam aus seinen Gummistiefeln zu rutschen drohten.

Heinz stand dampfend oben und hielt das Seil mit allen seinen Kräften. „Hilfe“ röchelte er.

 

„Er befindet sich wo?“ Kurzmaiers Stimme zitterte.

„Na in der Kanalisation, Abschnitt Christoph- Hektor,“ antwortete der Angestellte der Berliner Wasser Betriebe in aller Seelenruhe. „das ist ungefähr zwischen Potsdamer Platz und Moltkebrücke“.

„Ihr habt dieses Subjekt allein in den Kanal gelassen?“ fragte Joseph Kurzmaier ungläubig und seine Stimme klang verdächtig ruhig

„Ne, nicht allein, kontrolliert, wie es die Weisung von oberster Stelle verlangt. Er ist mit einem unserer qualifiziertesten Mitarbeitern da unten. Aber könnten sie mir vielleicht erklären wer sie sind und warum sie anrufen?“ der Ton des Angestellten wurde etwas energischer.

„Mein Name tut nichts zur Sache, meine Firma ist eine sehr sehr wichtige staatliche Institution und Heinz Kruppke ist eine Zielperson mit dem Code 271825. Wenn sie in ihrer Arbeitsplatzbeschreibung nachsehen, werden sie bemerken dass das nicht besonders Sexy ist, ein Code 271825!“

„Entschuldigen sie bitte, sie sprechen hier mit den Berliner Wasser Betrieben, Sektion Sekundärgewässer, Abteilung liquiden Transfer unter Tage und ich sehe nicht ein, mich mit ihnen darüber unterhalten zu müssen, ob ein Code 271825 besonders Sexy ist, oder nicht, wie sie sich auszudrücken belieben. Ganz abge­sehen davon, dass ich überhaupt nicht weiß was ein Code 271825 sein soll und sie offensichtlich keine Ahnung von meiner Arbeitsplatzbeschreibung haben, sonst würden sie wissen, dass wir nicht wissen. . .“

„Weil ihr einen Scheiß Terroristen da in euer Scheiß Loch reingelassen habt und der wird euch den Kanal einheizen und mein V-Mann hat mir den Notruf durch­gegeben.“ Kurzmaiers Stimme überschlug sich. Aber das nützte nichts, denn der Angestellte (der in Wirk­lichkeit viel eher ein Abgestellter war) war sich keiner Schuld bewusst.

„Ihr, wie sagten sie? Ihr. . . äh. . . V-Mann wird sich geirrt haben. Ich werde nun versuchen Herrn Gülürük zu Kontakten. Bleiben sie bitte dran, das haben wir gleich“

Aber es meldete sich niemand, Heinz hatte das Telefon ja abgestellt. Als der Angestellte das Kurzmaier mit­teilte legte der ohne ein weiteres Wort auf.

 

Atze eilte im Laufschritt durch die Kanalgänge als sein mobiles Betriebs Telefon die Melodie von Beethovens neunter zum besten gab.

„Ja“ meldete er sich keuchend. Bayrische Flüche drangen an sein Ohr, Joseph Kurzmaier war dran. Atze berichtete ihm schnell, wo er sich befand.

Kurzmaier mahnte ihn zur Vorsicht, und rief die Bereit­schaft des Sondereinsatzkommandos, SEK-Terror an.

Jetzt hatte er ein Problem.

 

Kalle war völlig fertig. Er stand mittlerweile auf einer der obersten Sprossen der Eisernen Leiter. Heinz, Anke und der Kontaktbereichsbeamte zogen an dem Seil mit vereinten Kräften. Aber sie hatten ein schier unlösbares Problem. Die Öffnung war zu klein, als dass Kalle zu­sammen mit Bilan im Huckepack durchpasste. Es war aber auch nicht möglich, Bilan nur mit dem Seil zu ziehen, dazu war er zu schlaff und dazu fehlte den dreien auch die nötige Kraft. Er klemmte fest.

„Wat´n nu“ ächzte Heinz.

Es ergab sich eine unerwünschte Pattsituation, Kalle drückte von unten mit Bilan auf den Schultern, Heinz, Anke und der Polizist zogen an dem Seil.

Heinz sah aus den Augenwinkeln, wie eine Horde vermummter Polizeisoldaten sich ihnen näherten. Die drei wurden von dem Sondereinsatzkommando ein­gekreist, die Gewehre am Anschlag, auf den Dächern der Häuser postierten sich Scharfschützen. Einer der Männer hantierte mit einer Flüstertüte.

 

Der Motor des Roboters, dessen Raupenkette sich in dem Stacheldraht verfangen hatte, erzeugte einen Kurzschluss. Es gab einen Knall und seine überhitzte Batterie begann zu qualmen.

Das wäre eigentlich nicht so gefährlich gewesen, wenn nicht die Raupenkette des zweiten Scheißekäfers den Gummischlauch des Schweißbrenners zerstört hätte. So hatte sich das hochexplosive Azythelengas in dem Raum verteilt.

 

„Was ist bloß los, bei euch da oben?“ rief Kalle gepresst auf der Leiter.

„Sie müssen seinen Arm befreien“, sagte der Streifen­polizist zu Anke und in dem Augenblick wachte Bilan auf.

„Zieh dich hoch,“ brüllte Heinz ihn an und der Kurde fädelte seine sperrigen Arme durch die Kanalöffnung und zog sich hoch. 

 

Die qualmende Batterie des Kanalreinigungsroboters entzündete sich. Es gab eine kleine Explosion.

 

„Ich hätte schon gedacht, das wird nichts mehr“ sagte Kalle und begann umständlich aus dem Loch zu klettern.

 

Mit der kleineren Explosion des Scheißekäfers verband sich eine größere, es explodierte zunächst die Sicherheits­zone und da es sich bei jeder städtischen Kanalisation nicht nur um ein Abwasserentsorgungs­system, sondern auch immer um eine gigantische Bio­gas-Anlage handelt, explodierte der ganze Kanal.

Die Druckwelle half Kalle, er musste sich nicht mehr nur aus eigener Kraft durch die Kanalöffnung be­mühen, sein Unterkörper wurde nach oben gedrückt und er machte (sein Oberkörper war ja schon draußen) einen zirkusreifen Salto nach vorne.

„Wat´n nu?“

Der Kontaktbereichsbeamte rieb sich die Augen. Heinz und Anke standen verblüfft am Fleck, die SEK Beamten hatten sich sofort in die Deckung geflüchtet.

„Na det ist ja nu unglaublich“, murmelte Heinz.

Die Explosion hatte ein großes Loch in das unterirdische Kanalrohr gesprengt, und da am Detonationsort darüber die Spree lag, füllte sich der komplette Kanalabschnitt innerhalb weniger Minuten mit Flusswasser.

Das verband den Spreekanal wieder mit der Spree.

Autos kamen aus den Tiefgaragen geschwommen.

Fünfhundert Meter weiter, bei der großen Baustelle des Lehrter Bahnhofs wurde das Gleis eines überdimensionalen Kranes unterspült und er erreichte die Neigung des schiefen Turms zu Pisa. Dem Kran­führer, Gerd, fiel die Zigarette aus den gelben Händen, er steckte sich jedoch sofort wieder eine an, und fuhr mit seinem Fahrkorb schnell nach unten.

Aus dem geöffneten Kanaldeckel, vor dem der sprachlose Kontaktbereichsbeamte, Heinz, Anke, und das gesamte Sondereinsatzkommando standen, schoss nun eine Fontaine der Kanalkloake in die Luft.

Eine Windbö verteilte sie gleichmäßig.

Na, so eine Scheiße aber auch

Der Kran an der Baustelle des unfertigen Bahnhofs kippte nun um und fiel auf die nahe an der Baustelle vorbeiführende Bahntrasse.

Wäre der ICE, der darauf ankam, pünktlich gewesen, wäre er exakt mit dem Kran kollidiert- so aber kam er zwei Minuten zu spät und sauste, nachdem der Kran die Gleisführung zerstört hatte über die acht Meter hohe Brücke nach unten. Gerd sah den ICE über sich hinwegfliegen. Punktgenau traf der achthundert Tonnen schwere Zug ein in dem darrunterliegenden Binnenhafen liegendes Schiff, das gerade dabei war die Ladung zu löschen, die zufälliger- oder vielleicht auch bedauerlicherweise aus fünftausend Litern Benzin be­stand.

 

Ein hochgeschleuderter Kanaldeckel traf den Einsatz­leiter der SEK-Truppe am Kopf. Er fiel in Ohnmacht.

Heinz und Anke nutzten die Verwirrung der kopflosen Truppe und flüchteten durch eine Häuserschlucht am Rande des Platzes. Anke, die sich in ihrem Revier gut auskannte, wies den Weg durch zwei Höfe hindurch auf eine Feuertreppe nach oben quer über die Dach­geschossterrasse eines Nudistenclubs.

Sie lief so flink, dass Heinz kaum hinterherkam. Schließlich kamen sie an ein begrüntes Hausdach, mit Birkenbäumchen und Immergrünen Büschen be­wachsen.

 

Der ICE hatte noch genügend Schwung und schoss weiter über das Wasser zwischen die Häuser der nahe­gelegenen Charité. Rotraud, die sich in der Geriatrie gerade mit  der ältesten Patientin der Stadt über die Ursache und Wirkung des Polarsterns unterhielt, sah mit fassungslosem Blick, wie der „ICE Landshut“ an dem Krankenhausfenster vorbei über die Vergissmeinnicht-Rabatten das Forschungslabor für Virenbekämpfung streifte, und an der Krankenhaus­kirche schließlich zum stehen kam.

 

Das Benzin, das sich mittlerweile auf der Spree verteilt hatte, explodierte. Der ganze Stadtteil wurde kurz von einem Flammenmeer erleuchtet. Und während der eine Teil von Berlin Mitte dem Flammen zum Opfer fiel, versank der andere Teil in den Fluten des entfesselten Flusses.

 

Anke küsste Heinz auf dem Dach irgendeines Gebäudes zwischen Birkenbäumchen und immer­grünen Büschen. Er küsste etwas ungeschickt zurück.

Er sah ihr in die Augen, das Feuer über der Stadt spiegelte sich in ihren glänzenden Pupillen.


 

 

 

 

 

 

ZWEITES BUCH

 

(zwanzig lange Monate später)


I

 

 

Er kämpfte sich durch die Straße, ab und zu streifte sein deprimierter Blick den grau verhangenen Winter­him­mel. Ihn fröstelte, er trug nur einen alten Loden­mantel und darunter eine nicht eben wärmende Anwalts­robe. Heute war ein wichtiger Tag für ihn, er hatte große Angst. Fluchend wischte er sich mit der Hand den großen Tropfen, der von seiner Nase hing, schneuzte sich, indem er mit dem Handrücken einen Nasenflügel geschlossen hielt und schaute nachdenk­lich dem zu Boden schießenden grüngelbem Nasen­sekret hinterher. Dann wandte er sich schnell um und prüfte, ob es niemand bemerkt hatte. Er fluchte leise, weil er, trotz seines starken Schnupfens, die Papier­taschentücher vergessen hatte.

Heute durfte ihm kein Tropfen von der Nase hängen, heute musste er fit und ausgeschlafen sein Werk verrichten, der heutige Tag würde entscheidend für seine restliche berufliche Zukunft werden.

Heute war der Beginn der Gerichtsverhandlung, sein erster Fall, seit langer Zeit.

Gerhard Wolle-Neuberg, war Heinz Anwalt. Wolle-Neuberg hatte Heinz auch schon vor zweieinhalb Jahren, bei der U-Bahn Katastrophe vertreten. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nie wieder als Anwalt zu arbeiten, nach dieser katastrophalen Gerichts­verhandlung von damals und auch seither kein Mandat mehr angenommen, bis sich Heinz seines Namens erinnerte.

Schneeflocken wirbelten ihm ins Gesicht, ein verwirrendes Durcheinander flimmerte ihm vor den Augen. Der eiskalte Wind blies ihm ins Gesicht.

Es war nicht einfach gewesen, für Gerhard Wolle-Neuberg. Die damalige Gerichtsverhandlung hatte seine ganze Weltanschauung verändert. Er war ja auch, was er vor sich selbst schon zugegeben hatte und was die gegenwärtige Situation bei dem neuen Fall für ihn natürlich nicht leichter machte, ein wenig naiv gewesen. Die Utopie John Grisham hatte bei Gerhard Wolle-Neuberg auf jeden Fall nicht funktioniert, denn der Fall Kruppke gegen Berliner Verkehrsbetriebe war für ihn mehr als in die Hose gegangen.

Nicht nur, dass sein Mandant mehrfach die Aussage verändert hatte, ihm war auch noch sein eigener Sach­ver­ständiger in den Rücken gefallen, denn dessen Gut­achten am Ende völlig widersprüchlich und unverwertbar gewesen war. Alles, was Wolle-Neuberg sich seinerzeit für seine Verteidigung zu­rechtgelegt hatte, löste sich kurz darauf in Luft auf, der ganze Druck, sein ganzer Beruflicher Ehrgeiz, seine ganze Schaffens­kraft schien sich plötzlich gegen ihn selbst gerichtet zu haben.

Wieder hatte sich eine Schneeflocke auf seine Wimpern gesetzt, er zwinkerte heftig und wischte sich ärgerlich den nächsten Tropfen von seiner Nase ab. 

Nie wieder wird er den Augenblick vergessen, wie er damals im Gerichtssaal (er sah sich dabei selbst) die Tränen der Wut und der Hilflosigkeit nicht mehr zurück­halten hatte können.

Immer wieder wird er das verlegene Raunen im Gerichts­saal  hören und dazwischen sein eigenes ver­zweifeltes Geschluchze. Dazwischen der mehrmalig geäußerte Satz von Heinz Kruppke:

„Ne, Entschuldigung, nee ick gloob, det war doch anders“.

Wolle-Neuberg war überhaupt nicht mehr er selbst gewesen, hatte völlig die Kontrolle über sich verloren, in einem Moment, in dem ihm so etwas nie hätte passieren dürfen.

Schließlich hatten sich alle gar nicht mehr um ihn ge­kümmert, Staatsanwalt und Richter hatten ihn gänzlich ausgeschlossen, der Richter überhaupt nicht mehr mit ihm gesprochen und an dem Urteilspruch war er als der offizielle Anwalt von H- Punkt- Kruppke auch nicht im mindesten beteiligt gewesen.

Ein vorbeifahrender Bus bespritzte ihn mit schwarz-grauem Großstadtschneematsch.

Diese Ohnmacht von damals im Gerichtsaal hatte Wolle-Neuberg in eine existenzielle Grauzone ge­schickt.  

Heute Morgen noch hatte er eine ganze Viertelstunde damit verbracht, ununterbrochen auf das zersplitterte Glas seines ehemals so sauber gerahmten Anwalts­diploms zu starren.

Ein brennendes Gefühl in seinem Magen meldete sich.

Die Umrisse des Gerichtsgebäudes ließen sich durch das Schneetreiben erkennen, noch hatte er die Möglichkeit umzudrehen, aufzugeben, alles hinter sich zu lassen.

Aber nein, er musste da durch, vielleicht hatte er ja doch eine Chance sein Brot als Anwalt zu verdienen, er musste diese Prüfung durchstehen um Gewissheit über sein restliches Leben zu haben, vielleicht auch nur, um seinen Vater nicht zu enttäuschen.

Grau in grau leuchtete ihm die Sandsteinfassade des Gerichtsgebäudes Moabit entgegen, grau war sein eigenes Gemüt und alles andere als grau würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das sein, was ihn da drin erwartete.

Er zitterte, und nicht nur weil ihm kalt war.

„Das wird wieder ein verdammter Gang nach Canossa,“ murmelte Wolle-Neuberg bitter.

 Langsam, schleppend, näherte er sich dem imposanten Eingangsportal mit dem stählernen Tor. Über ihm wachten zwei in Stein gemeißelte Adler mit hartem Blick, die die Schlange des Verderbens in ihren Krallen hielten.

In dem schwarzen, großen Eingangstor aus brüniertem Stahl waren mehrere Ornamente eingegossen. Das Zentrale Motiv war Justitia (wie üblich), jedoch ihr Antlitz zeigte ganz unversöhnliche Preußische Härte. Die Waagschalen hatte sie nicht in der Hand, Justitia hatte hier überhaupt keine Hände und unter ihrem eisigen Gesicht befand sich schlicht eine schmucklose Waage.

Rechts neben der Türöffnung, etwa in der Höhe, in der man normalerweise Hunde anleint, befand sich noch eine ganz bemerkenswerte Relief, die Darstellung einer mittelalterlichen Fußfessel.

All das bemerkte Wolle-Neuberg nicht wirklich, sein Herzschlag beschleunigte sich aus ganz anderen Gründen.

Neben dem Monumentalen Portal standen zwei Kamera­teams und ein duzend Journalisten mit Foto­apparaten. Noch hatten sie ihn nicht entdeckt, standen gelangweilt herum oder saßen in der Hocke und über­prüften ihre Gerätschaften. 

Er schritt auf das sechs Meter hohe Portal zu, das Gesicht zum Boden gewandt. Da rief einer: „Da kommt der Verteidiger!“

Wie einen Magneten, den man in die Nähe von ungeordneten Eisenspänen führt, so zog Wolle Neuberg die Presseleute an. Sofort bildete sich eine Traube um ihn. Er wurde augenblicklich mit Fragen bombardiert, mit eingezogenen Kopf flüchtete er sich „kein Kommentar“ murmelnd in das dickmäurige Gerichts­gebäude.

 

Heinz schaute durch das schmutzige Glas des vergitterten Zellenfensters. Die dicht fallenden Schnee­flocken wirbelten im Rhythmus des sich ständig drehenden Windes, sie schwebten frei hin und her, hinter den ewig starren Eisenstäben.

„Na det is ja´n scheiß Wetter“ murmelte er, verbesserte sich jedoch gleich in „na das ist ja ein schreckliches Wetter“. Heute war der Beginn seiner Verhandlung.

Trotz seiner Angst davor, Heinz freute sich, dass endlich wieder etwas passierte. Er hätte sich nie ge­dacht, dass ihm einmal im Leben so langweilig sein könnte, wie in der letzten Zeit. Dabei hatte ihn die Haft anfangs beruhigt, die kontinuierlich beheizten Räume mit den regelmäßig gelieferten warmen Mahlzeiten in eine Stimmung versetzt in der er sich ganz und gar sicher gefühlt hatte.

Aber dieser Zustand der inneren Zufriedenheit hatte sich ziemlich schnell aufgelöst.

Zwei Wochen Haft, und Heinz Bedürfnis nach Geborgen­heit hatte sich in deprimierende Unzufrieden­heit verwandelt. Es hatte ihn selbst überrascht. Immer wieder war er in Gedanken die Vorfälle durchgegangen, hatte zurückgedacht, hatte die Vergangenheit wieder aufleben lassen.

Er hatte Anke geküsst, nicht nur geküsst, sie hatten sich auch gegenseitig die Zunge reingesteckt, auf dem begrünten Dach dieses Hauses, das Gefühl wird er nie wieder vergessen. Anke hatte ihm in die Augen geschaut, Heinz spürte immer noch, trotz des dazwischen­liegenden Jahres, ein leichtes Echo des Gefühls, das er damals hatte.

Dieser schöne Schauer, den er empfunden hatte, dieses Kribbeln seiner Nervenenden wurde damals leider jäh durch seine Verhaftung unterbrochen. Fünf schwer­bewaffnete vermummte Polizeisoldaten hatten ihn damals gezwungen, sich auf den Bauch zu legen und Heinz hatte dieses demütigende Heroldsritual kommentarlos über sich ergehen lassen. Er nahm seinen Taschenrechner zu Hand:

Zwanzig Monate.

Sechsundachtzig Wochen.

Sechshundert Tage. 

Vierzehntausendvierhundert Stunden.

Achthundertvierundsechzigtausend Minuten.

Einundfünfzigmillionenachthundertvierzigtausend Sekunden.

Er hatte sich verändert.

Eigentlich hatte er sich schon vorher verändert, doch die nun folgende Haft hatte sich dazu geeignet dieser Veränderung auch Zeit zu geben.

„Jetze muss mal wat passieren“ hatte er sich damals gesagt.

Täglich hatte er sich seither in dem Fitnessstudio der Haftanstalt gequält.

Täglich gebüffelt um seinen qualifizierenden Haupt­schulabschluss nachzuholen.

In allen Fächern.

Alle seine Akten gelesen, mit dem Anstaltsgeistlichen darüber philosophiert.

Täglich gelesen, er fing an mit dem Schatz im Silbersee kam dann über Erich Kästner zu Thomas Mann und war dann nach Falladas Wer einmal aus dem Blechnapf ist und Kafkas Der Prozess (er hatte natürlich nicht alle durchgelesen) bei Alfred Döblins Berlin Alexander­platz  gelandet.

Heinz hatte in der ihm verbleibenden Zeit täglich meditiert, an die schlecht gekalkte Decke seiner Zelle gestarrt, und dreimal pro Woche eine Therapiestunde bei Doktor Mettmann abgesessen. 

Anke war seine einzige Verbindung zur Außenwelt.

Er fühlte sich auf seine Verhandlung einigermaßen vorbereitet.

Fit genug, um vor den Juristen eine gute Figur zu machen.

Vor allem auch vor Anke, die ihn zweimal monatlich besuchte und ihm im Besucherzimmer immer die Hand gehalten hatte.

Ganz konnte er es noch nicht begreifen, dass da plötzlich jemand war, der an ihn glaubte und ihm bedingungslos zur Seite stand. Er liebte Anke, obwohl es ihm äußerst schwerfiel dieses Gefühl zuzulassen. Seine Mutter hatte ihn zwar auch geliebt, versorgt, behütet aber als Gegenleistung dafür nie an ihn geglaubt. Irgendetwas in ihm wartete darauf, dass er von ihr mit Geringschätzung behandelt werden würde, jedes Mal, wenn er Anke traf, schien er eine verbale Attacke zu erwarten- die jedoch nie kam. Sie schien ihn so zu nehmen wie er war, ohne wenn und aber und ohne ständig eine Katastrophe in jedem Handgriff den er tätigte zu vermuten.

„Die sind alle schuld, Heinz, nicht du,“ hatte sie ge­sagt, „die haben dir das alles eingebrockt, verstehste, die ganze Scheiße, und jetzt erwarten sie von dir, dass du ihre Scheiß-Suppe austrinkst, dis darfste schon mal deshalb nicht tun, weil die dis sonst ja nie lernen. Die lassen lieber tausend Piepl (people) im Knast ver­schimmeln als dass die mal ihre eigne verdammte Schuld zugeben würden, aber du wirst dis schaffen, diesen Klopsköppen mal endlich die Meinung in ihr scheiß Gehirn reinzublasen.“

So schallte es leise in Heinz´ Gehirn als er das Schnee­treiben vor seinem Zellenfenster beobachtete.

„Jetzt habt ihr mich endlich, und jetzt will ick“, sagte er sich, setzte sich auf die Pritsche, strich den Anzug glatt, der ihm für die Verhandlung gestellt worden war und erwartete, das Geräusch des Schlüssels in seiner Zellentüre zu hören.

 

 

II

 

 

„Ich möchte sie gerne um Ruhe bitten!“ Der Vorsitzende räusperte sich umständlich, er schien einen dicken Frosch im Hals stecken zu haben.

„Ich eröffne nun das Verfahren: Bundesrepublik Deutschland, Nebenkläger Berliner Wasserbetriebe, der Senat von Berlin, die Deutsche Bahn AG sowie Herrn Joseph Kurzmaier, BND-Beamte a.d. gegen Heinz Kruppke, Aktenzeichen 331457, alle Personen beziehungsweise deren Juristische Vertreter anwesend. Sie können sich setzten. Das Wort hat der Staats­anwalt.“

Alle Beteiligten setzten sich. Mit einem Kopfnicken gab der Richter an den Staatsanwalt weiter.

Der ordnete seine Papiere umständlich und stand auf, er atmete tief ein.

„Gegenstand der Anklage gegen Herrn Heinz Kruppke, geboren sieben zehn Neunzehnsechsundfünfzig, wohn­haft in Hobrecht 12 Berlin Neukölln, Vertreten durch seinen Rechtsbeistand Gerhard Wolle-Neuberg, Gegenstand dieser Anklage ist ein schweres Vergehen.

Diesem Mann. . .“,

er zeigte mit dem Finger auf Heinz,

„-wird vorgeworfen Mitglied einer mutmaßlich religiös motivierten terroristischen Vereinigung zu sein und einen schweren Anschlag auf Hoheitliche Einrichtungen des Bundes gemacht zu haben, insbesondere einen Anschlag auf das Bundeskanzler­amt in Berlin.

Ferner richtet sich die Anklage danach, dass dieser Mann“,

er zeigte abermals mit dem ausgestrecktem Arm und starr ausgerichtetem Zeigefinger,

„-dadurch einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht hat, einen Zug zum Entgleisen brachte, das Ansehen der BRD im fernöstlichen Ausland durch seine offensichtlich gut getarnten Aktionen erheblich in Misskredit zu bringen versuchte. Der Tatbestand ist noch nicht bewiesen und wir werden gemeinsam durch diese Verhandlung Licht in die Angelegenheit bringen. Wir werden darüber beraten, sie werden entscheiden, ob es ausreicht, dass dieser Mann schuldig gesprochen wird.“

Er machte eine kurze Pause. 

„Die Nebenankläger . . . die Nebenanklage bezieht sich zum einen auf einen Akt von schwerem Landfriedens­bruch und zum anderen auf fahrlässig verursachte Körper­verletzung bis zur Dienstunfähigkeit. Nun gut, es geht hier nicht nur um gigantische Sach­beschädigung, ich unterstelle hiermit auch, dass Herr Heinz Kruppke Verbindungen zu Staatsfeindlichen Vereinigungen in mehreren Ländern hat, dass er ein der Bundesrepublik feindlich gesinnter Terrorist, gemäß des Zusatzes im Sinne des Paragraphen 16 der Strafgesetzordnung darstellt und dementsprechend als staatsfeindlicher Terrorist verurteilt und behandelt werden muss. Wir werden hier vor ihnen den Nachweis erbringen über eine absolut ausgeklügelte Terroraktion wie es dieser unser Staat noch nie erlebt hat.“

Ein Raunen ging durch den Gerichtssaal.

Heinz schwitzte, gleich war er dran. In einer der vordersten Reihen saß Anke mit kurzen schwarzen Haaren (die bunten Zöpfe waren abgeschnitten) und nickte ihm zu.

Gerhard Wolle-Neuberg stand schnell auf, seine Knie zitterten.

„Hohes Gericht, lieber Herr Staatsabwalt, äh Anwalt“, sprudelte er,

„ich möchte zunächst . . . ich weiß das ist ungewöhnlich, aber ich möchte doch ihnen, äh, na ja, also, mein Mandant, Herr Kruppke, möchte und zwar nicht um mir die Einleitenden Worte zu ersparen, sondern um seiner Redlichkeit Güte zu tun (auf diese Formulierung war Wolle Neuberg besonders stolz), also. . . .chrm chm, mein Mandant möchte sich gleich zu Beginn der Verhandlung zum äh. . .Sachverhalt äußern“.

„Nun, normalerweise wird die Verhandlung von einer Zeugenvernehmung des Staatsanwalts eröffnet, aber wenn der nichts dagegen hat, mir soll es recht sein“

Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf.

„Hat sonst noch irgendjemand dagegen Einwände?“, fragte der Richter schroff.

Stille.

„Na gut, wenn also wirklich niemand dagegen Einwände erhebt, warum sollte also das Gericht dagegen Einwände erheben. Bitte“

Heinz erhob sich, er war ja so aufgeregt, seine Knie zitterten so stark, dass er sich an dem Eichenholz­geländer vor ihm festhalten musste. Er schluckte. In der darauffolgende kurzen Pause, die entstand, war nur das leise knacken der Heizkörper zu hören. Er schluckte nochmals kurz, Angesichts der unüberschaubaren Menge von erwartungsvollen Ge­sichtern.

„Also, ick, ick wollte heute zuerst mal etwas dazu sagen wissen sie. Also, ick bin ja nu schon länger hier, also, also nicht im Gericht aber hier nebendran in U-Haft, und das ist wirklich das zweitemal, dat ick was mit dem Gericht zu tun habe, und das ist garnicht so einfach für mich, wissen sie. Also, das ist so, ick, ick wees det gar nicht so genau wo ick anfangen soll, weil ick bin hier wirklich scheinbar in was reingeraten was ich gar nicht so genau wissen kann wie das alles geht. Ick wollt jetzt nich ganz von vorne Anfangen, ick äh. . .ich bin also total unschuldig. Ick schildere ihnen mal det ganze, und da können sie sich mal selbst ein Bild von machen.

Also, det war alles so.“

Er machte eine Pause, jetzt kam sie doch, die Angst, es könnte plötzlich irgendetwas schlimmes passieren, ihn schwindelte leicht. Er sah Rotraut, Gerd und Irene in den Zuschauerreihen sitzen. Irene nickte ihm zu.

Da bemerkte er wie Anke auf ihrem Sitz unruhig hin und her rutschte.

Geh nach vorne, Heinz, los, hör jetzt nicht auf, nach vorne NACH VORNE sagte er sich, ganz so wie er es bei Doktor Mettmann gelernt hatte.

„Gut, also, das war alles so. Ick, also ich bin, ne, ich . . . schuld an dem ganzen is irgendwie meine Mutter aber ick glaub det würd jetzt hier zu weit führen deshalb sag ich det jetzt nicht, also, ick war da unten,

-ne, also ick bin erst mal, als ick von Asien zurück­gekommen bin, bin ick . . . ich erst mal in das Amt gegangen und hab gesagt, jetzt bin ich wieder hier und ob sie nicht was von wissen, da ich mich doch als Büro­kraft beworben hab. . .“.

Er hielt inne, der Staatsanwalt war aufgestanden

„Ach so, ja, det soll ja hier allet noch ermittelt werden, n´tschuligung, hab ich vergessen, also ick mach det jetzt kurz, ick bin nicht schuldig. Ick hab schon viele Dinger erlebt inner letzten Zeit, und det mit dem Kanal det war schon irgendwie so die Krönung, kann ich ihnen sagen, und ick kann da wirklich nichts dafür, ehrlich nicht. Denn dass der Typ, also, Bilan. . .“

„Herr Bilan Gülürük“ verbesserte der Richter.

„Genau, Gülle-Rück, dass der Typ hier vor mir mitten in dem Kanal plötzlich so mir nichts dir nichts ohn­mächtig wird, da dacht ich mir schon damals, das kann ja wohl nicht sein, dacht ich mir, das kann’s ja wohl nicht geben,  u-und. . . ich war denn da und da war das dann so, dass diese blöden Technik Dinger, diese Schei. . .na ja, Entschuldigung, die technische Bezeichnung die wes ick jetze nicht mehr aber, Scheiße Käfer hat Bilan. . .Gülle-Rück diese Rohreinigungs- Putzer da genannt, det sind wirklich monströse Dinger, det kann ich ihnen sagen, die haben voll die Superautotechnik und können janz aleene allet, -ganz alleine alles putzen. Die kriechen da rein in das Rohr und die Ratten quietschen

und  . . .“.

„Herr Kruppke, es ist zwar sehr löblich, dass sie uns hier kein Detail ersparen wollen, aber ihre Empfindungen über computergesteuerte Kanalreinigungs­maschinen sind für das Gericht nur von peripheren Belang.“

„Peri- wat? Na gut, ick mach mal weiter, also, verstehen sie mich nicht falsch, die Bilan und der Dinger. . .umgekehrt, also, dieser Gülle-Rück. . .“

„Gülürük“

„Auch gut, also der kippt mir einfach um, mitten innen Kanal, und die Dinger laufen einfach weiter, und ick steh da, mitten zwischen all die Scheiße und frag mir, Heinz, hab ich mich gefragt, Heinz was machst du jetzt, und da habe ich mich lieber auf den äh. . .Bil. . .Güll. . .den Dings konzentriert. Na ja, denn lag der da, so hat gepennt, und. . .“

Unruhe war aufgekommen, mehrere Zuschauer hielten sich die Hand vor den Mund um nicht loszuprusten, der Vorsitzende schaute mit strengem Blick in den Zuschauer­saal.

Der Staatsanwalt stand auf.

„Ist ihnen denn an Herrn Gülürük nichts aufgefallen?“

„Häh?“

„Das heißt: Wie bitte.“ Er setzte noch mal an:

„Ich fragte, ob ihnen an Herrn Gülürük nichts Besonderes aufgefallen ist?“

„Wat soll mir denn da aufgefallen sein?“

„Na, zum Beispiel, dass er unter starkem Alkohol- und Drogeneinfluss stand“.

„Wie kommen sie denn darauf?“

„Kann das vielleicht sein, dass sie ihn selbst unter diesen Alkohol oder Drogeneinfluss gesetzt haben“

„Einspruch Herr Vorsitzender, wie hätte mein Mandant das denn tun sollen?“

„Na vielleicht sollte er uns das selbst erklären, Herr Verteidiger“

„Sie versuchen dem Gericht hier weiszumachen, mein Mandant hätte Herrn Gülürük Alkohol und Drogen eingeflößt? Wie soll denn das gehen, und warum hätte Herr Kruppke so etwas denn tun sollen?“

„Einspruch abgelehnt Herr Wolle-Neuberg, denn was der Angeklagte aussagt, kann ja ohnehin nicht gegen ihn verwendet werden, nicht, also lassen sie sich Zeit“

„Genau,“ stimmte der Staatsanwalt zu.

„Also“, wandte er sich an Heinz.

„Wat also?“

„Also sie haben Herrn Gülürük Alkohol eingefl. . .“.

„Einspruch“.

„Aber meine Herren, so können wir doch nicht weiter­machen, ich komme mir ja hier vor wie im Kino. Herr Staatsanwalt, bitte formulieren sie ihre Frage anders“.

„Sie haben also nicht bemerkt dass Herr Gülürük unter Alkoholeinfluss stand?“

„Na ja, ick hab ja nu nicht so genau darauf geachtet, det. . .das mit den Robotern da, das war für mich schon schlimm genug, wie sollt ich da noch drauf gucken ob der besoffen oder wat wes ick noch allet war.“

„Gut. Fahren sie bitte fort.“

„Wo war ich denn jetzt stehengeblieben. . .ich. Na ja, der war also nicht mehr bei Versta. . .er war nicht mehr bei Bewusstsein, der Bilan und die beiden Scheiße­schieber äh. . Kanalreinigungsroboter“

Die Zuschauer lachten.

„Die äh. . Dinger die, was wollt ich, ach so, ja, also die marschierten da einfach weiter und nen Moment hab ich darüber nachgedacht wie. . .“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“ murmelte der Staatsanwalt.

„Das äh. . .wie bitte?“

„Ich sagte, das kann ich mir nicht vorstellen, das sie nachgedacht haben, aber das war eine ganz private Bemerkung“

„Herr Staatsanwalt bitte reißen sie sich zusammen. Streichen sie das aus dem Protokoll, ja“, der Richter sah aus, als ob man ihm eine Zitrone unter die Nase gehalten hätte.

„Na ja, und dann habe ich nachgedacht ob also, was ick nu machen soll, blöde Situation war das, steh ich nu da, und denk mir soll ick det oder det. . .na ja, ich hab mich halt dann um den Bilan gekümmert, dacht mir, so wertvoll die Dinger auch sind, du musst dir jetzt um das Menschenleben da kümmern, na ja, und dann bin ich erst mal ins Grübeln gekommen, stand da, der Typ ohnmächtig, und ich dacht mir, wenn de jetzt. . . „

Heinz machte eine kurze Pause.

„Überhaupt, ich meine, bevor ich hier weiterrede, wie kommen sie denn eigentlich darauf dat ick so´n Mitglied in einer Terrording mit religiösem . . . ich meine, das kann ja nu nicht sein, ick bin doch keen Terrorist, und in die Kirche geh ich auch nie, auch nicht in die türkische, ich meine, kieken sie mir doch mal an, was glauben sie denn, dass ich ein Terrorist bin oder was, das find ich ja eigentlich irgendwie schon ziemlich abwegig. . .“

Der Richter seufzte.

„Das soll ja hier alles geklärt werden. Und wir werden keine Ruhe geben bis das alles geklärt ist. Fahren sie doch fort“.

„Gut jetzt wes. äh .weiß ich aber nicht mehr wo ich war.“

„Gerichtsschreiber“

„-Stand ich, Herr Gülürük war ohne Bewusstsein, und ich dachte mir, wenn ich jetzt. . .Abbruch.“

„Det hab ick gesagt?“

„So ähnlich“

„Na ich guck mal, vielleicht komme ich wieder rein . . . der war ohne Bewussts. . .“.

Heinz zermarterte sich mehrere Minuten den Kopf. Der Vorsitzende Richter sah auf seine Armbanduhr, sie schien bereits zu gähnen.

„Ja, genau, so ähnlich, jetzt hab icks. . . ich es wieder,  also, der lag da, der Gülürük, und ich stand da, die Computerdinger waren irgendwie weg, und ich hab mir gesagt, wenn de jetzt ganz normal Hilfe holst und der hängt da, denn, hab mir gesagt, Heinz, hab ich mir gesagt, wenn die da kommen, und fragen was das soll, na ja, dann hätt ich auch keine so genaue Antwort darauf gewusst, also hätt nicht gewusst wie ich dass denn irgendwie jemand erklären soll, ich meine ist jetzt nach einem Jahr schon schwer genug, und deshalb bin ich nach also oben, det war ja gar nicht so einfach nach oben zu kommen so wie det in dem komischen Lehr­gang uns beigebracht worden ist, also denn bin ich also nach oben.“

Alle Anwesenden im Saal hatten sich bereits vorge­beugt, immer weiter, als wollten sie in Heinz hineinkriechen um die nötige Formulierung aus ihm herauszuholen.

„Und hab oben meinen Freund Kalle verständigt, dass der kommen soll, det ist´n starker Bursche, und da dacht ich mir, mit ihm da schaff ick das dann schon alles.“

„Wie haben sie ihn denn Verständigt?“

„Na ja, ick bin in sonem Laden gegangen mit Telefon, -na ja, ich hab schon gewusst dass das verboten ist, in sonen Laden zu gehen, aber was hätt ich denn machen sollen?“

Heinz blickte um sich.

„Danach haben sie eine Kanalabdeckung unbeaufsich­tigt offengelassen, in der ein Fahrzeug mit dem Vorder­rad reingefallen ist“.

„Na ja, der war ja auch irgendwie selber schuld, aber ich meine, wird das nicht alles zu lang, wenn wir da jetzt alles hier ganz ausbreiten“

„Das müssen sie schon uns überlassen. Warum haben sie den Kanaldeckel offengelassen?“

„Da bin ich nicht rausgekommen, weil das Auto, oder Auto kann man das Ding da ja vielleicht nicht nennen, weil das darüber geparkt war, und ich habe in meiner Aufregung gar nicht mehr daran gedacht, da wieder zuzumachen. Aber ich meine, dem Mann hat’s bestimmt nicht geschadet, der war ja so strack dat der gar nicht mehr stehen konnte. Wenn der noch da gefahren wär, mein lieber Mann“.

„Lassen sie das uns beurteilen“ brüllte ihn der Staatsanwalt an. „Allen hier Anwesenden ist es völlig egal ob ein Smart ein Auto ist oder nicht, es spielt in dem Fall auch keine Rolle, ob der Mann angetrunken war oder nicht, darüber haben sie einfach nicht zu befinden.“

Heinz setzte sich. Es war wieder still.

„Gut, also, weiter, sie haben also einen anderen Kanal­deckel benutzt, haben verbotenerweise eine gastronomische Einrichtung besucht, ihren Freund Kalle, ich nehme an dass es sich dabei um Herrn Karl Ostrowski handelte, angerufen. Und? Was geschah dann?“

Heinz sagte nichts. Der Staatsanwalt schaute zum Vor­sitzenden, der sah absichtlich weg.

„Antworten sie bitte, was passierte dann?“

Heinz sagte immer noch nichts, mit hochrotem Kopf und zusammengepressten Lippen starrte er zu Boden.

Die Menge wurde unruhig.

„Wollen sie jetzt von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen?“ fragte der Richter hoffnungsvoll.

„Nein, das will er nicht“ warf aufspringend Wolle-Neuberg hektisch dazwischen.

„Mein Mandant ist sensibel, sehen sie ihn sich an was er alles durchgemacht hat, es besteht überhaupt kein Anlass ihn so anzubrüllen.“

Das berühmte Raunen ging durch den Gerichtssaal.

Der Vorsitzende trommelte mit seinen Fingernägeln auf dem Eichenholz des Richtertisches. Das hätte nicht sein müssen, bei Gott das hätte jetzt wirklich nicht sein müssen dachte er. Es war ja schon schlimm genug, diese schreckliche Sprache von Heinz Kruppke ertragen zu müssen, aber dieser cholerische Staats­anwalt setzte dem ganzen noch die Krone auf. Der setzt dem ganzen noch die Krone auf, die Krone, jawohl.  Gehetzt sah er sich die Beteiligten an. Es wird wieder so fürchterlich wie damals vor drei Jahren werden, am liebsten wäre er jetzt aufgestanden und wortlos aus dem Raum gegangen. Hatte er es doch geschafft, diese Verhandlung hinauszuzögern, diese absurde Terroristen­anklage vor sich herzuschieben und durch Krankschreibung und Befangenheitsanträge immer wieder nach hinten zu verlegen. Jedoch er hatte sich dem Druck von oben beugen müssen. Diese Anklage erschien selbst ihm, Richter Schneider –den Rächer von Moabit- wie er genannt wurde, völlig verstiegen.

Dieser Kruppke, jetzt  sitzt er da und schmollt.

Heinz hatte jetzt die Sympathie des Publikums, der Richter spürte das. Vorsichtig linste er nach links und nach rechts zu seinen Beisitzern. Die aber schienen mit unbewegter Miene einen Punkt in der Mitte des Raumes anzustarren. Von ihnen war also keine Hilfe zu erwarten. Was sollte er tun? Der  spindeldürre Anwalt mit dem Doppelnamen hatte nicht ganz unrecht. So hatte er diesen Staatsanwalt noch nie erlebt, er kannte ihn eigentlich eher als eisern beherrschten Menschen. Wie dumm von ihm.

Hätte er Kruppke weiter reden lassen, dieses Subjekt hätte alles gesagt.

Es nützte alles nichts, er hatte keine Zeit sich über die taktischen Fehler dieses Staatsanwalts Gedanken zu machen, so konnte es jetzt nicht weitergehen. Vielleicht war es ja volle Absicht gewesen, vielleicht war der Staatsanwalt an der Wahrheit nicht im mindesten interessiert.

In der Menge sah er Irene sitzen, seine treue Haushalts­hilfe, sah, wie sie ihn forschend anblickte.

Na gut, einer muss es ja nun tun, einer muss Entscheiden was passieren soll, und das bin natürlich ich, der Richter dachte er sich. Er erhob sich langsam, atmete tief ein und hob die Stimme:

„Gut dann machen wir jetzt fünfzehn Minuten Pause.“

„Das war Klasse, wie sie den vorgeführt haben“ flüsterte Wolle-Neuberg Heinz zu, der immer noch mit hochrotem Kopf und zusammengebissenen Zähnen vor sich hinstarrte.

Das Tiefdruckgebiet in dem Gerichtssaal wurde ein wenig durch leises Stühlerücken aufgelockert.

 

„Nun, meine Damen und Herren,“

Richter Schneider räusperte sich umständlich,

„nun, ich hoffe die Gemüter haben sich soweit beruhigt,

-haben sich soweit beruhig, dass es hier möglich ist, die Anhörung von Herrn Kruppke hier fortzusetzen.

Ich mache sie nochmals alle darauf aufmerksam, darauf aufmerksam, den Pfad des zivilisierten Tones nicht wieder zu verlassen, mache ich sie darauf aufmerksam. Nun bitte, soweit es mir erinnerlich ist, wurde zuletzt über ein Fahrzeug gestritten, dieses Thema ist, wenn ich es so ausdrücken darf, abgehackt. Herr Kruppke, was geschah denn, als sie Herrn Ostrowski angerufen hatten?“

„Na, ick hab mir hingesetzt, und muss wohl ein­geschlafen sein, weil ick bin an dem Tag früh uff­jestand. . .auf-geh-standen und denn habe ick ganz große Müdigkeit verspürt, diese Gummihosen die sie da ankriegen, die sind ja wirklich unbequem, det kann ick ihnen sagen. Na ja, und denn hat mir Anke hier geweckt. Äh, um darauf wieder zurückzukommen,  Ick mein, gut, geb ick zu, det war ein bisschen unüberlegt, ick hätte den Kanaldeckel wo det Auto drüberstand und ick da nicht rausgekomm´n bin, gut ick. . .ich hätt den wieder zumachen müssen. Wes ick, det war ein Fehler.“ 

Heinz hatte sich in der Kaffeepause wieder gefangen. Nach einer Unterredung mit Wolle-Neuberg war er wieder besänftigt. Eigentlich war Heinz über alle maßen von sich selbst erstaunt gewesen, seine ganze Angst und Unsicherheit hatte urplötzlich in wortlose Wut umgeschlagen- und, was ihn am meisten über­raschte, er hatte auf einmal den Mut dazu gefunden, diese Wut auszuleben.

„-Aber, ich meine, das war schon ganz schön komisch, nach all dem was passiert ist, ich meine ich hab mir doch für nen Bürojob beworben gehabt, damals, bevor ick nach Asien geflogen bin, ick wollte nicht mehr irgendwo wieder so was Komisches machen müssen wie in der U-Bahn, damals, ick hab nämlich schon kapiert wie det abläuft, sie bieten dir irgend einen total miesen Job an, und denn sitzt de da alleene und musst kucken wie de klar kommst, und denn bin ich halt da unten im Kanal alleene, der Bil. . .Gülle. . .Gülle-Rück kippt mir da um und ick wes nicht was ich machen soll, na ja, hab ick mir gedacht, machst det halt eben mal alleene, sonst kommen die mit nem ganzen scheiß Unfallkommando und so wat allet . . .“

„Herr Gülle. . .Quatsch. . .Herr Kruppke, Tatsache ist, dass Herr Bilan Gülürük mit zwei Komma fünf Promille und einer nicht unerheblichen Urin­konzentration Haschisch in das Krankenhaus eingeliefert wurde. Das wurde in unseren Medizinischen Berichten festgestellt. Ich verstehe nicht, wie ihnen das entgangen sein kann, der muss einfach sturzbetrunken gewesen sein.“ Die Stimme des Staatsanwalts klang  gütig und freundlich.

„Ick will den doch nicht irgendwie hinhängen, klar, der hat ein bisschen Jägermeister gesoffen, ja aber, ick meine der arme Kerl ist doch sein Job los, wenn. . .“

„Herr Kruppke, wir wollen die Wahrheit. Ein Kanal­stück ist explodiert, ein Tunnel sowie eine Tiefgarage wurden geflutet, ein ICE-Zug entgleiste, ein 27 Meter Kran ist umgefallen, eine neugebaute Gleistrasse wurde zerstört und große Teile der Fluranlage der Charite wurden völlig verwüstet, drei Spreebrücken haben schwere Flammenschäden, ein Kanalfrachter ist ausgebrannt und mehrere Menschen wurden schwer verletzt, durch absoluten Zufall ist keiner umge­kommen, die Feuerwehr und das technische Hilfswerk haben den größten Einsatz seit dem zweiten Weltkrieg ge­fahren und sie sorgen sich darum, dass Herr Gülürük wegen Trunkenheit den Job verliert? Halten sie das nicht für ein wenig verstiegen?“

„Na ja“.

„Bitte tun sie uns den Gefallen und sagen sie uns alles, also, alles was sie wissen, damit wir uns ein Bild machen können“.

„Gut“

„Also bitte“.

„Ja, äh, wat wolln sie denn jetzt wissen?“

„Na wie es weiterging“

„Na, ja, ick hab Anke getroffen. Ick meine, war ´n Zu­fall, aber det war schon komisch, weil, ick meine, erst Entscheid ick mir det ick jetzt die Suppe wieder auslöffel’ und denn treff ick die tollste Frau von der Welt, da hab ich mir gedacht, det kann irgendwie nicht falsch sein, dat de des alleene machen willst. Dazu muss ick sagen, dass vorher für mich alle Frauen außer Püppi natürlich, also dass vorher die meisten Frauen für mich so ne Art bessergesteuerte Roboter waren, wenn sie verstehen wat ick meine“.

Der Richter unterbrach.

„Herr Kruppke,“ seufzte er “Herr Kruppke, sie sind hier nicht in der Psychoanalyse, also ihre Ausblicke oder philosophischen Ausführungen betreffs ihrer eigenen Persönlichkeit sind hier äh . . . nicht so sehr gefragt, also sind nicht gefragt. Fahren sie doch bitte fort, sie sind hier nicht da, um ihre Persönlichkeit zu rechtfertigen, sondern wir wollen doch weiter­kommen.“

„Na ja, gut, ick mein dass. . .na, ick wollt det nur mal gesagt haben, weil die sitzt auch da unten verstehen sie, aber na ja, Kalle kam dann auch, da wo ick ge­wartet hab, da an diesem Potsdamer Platz, da kam der denn auch hin, und dann sind wir zusammen runter­gegangen in den Kanal. Und die Scheiße. . .die Komm-puterroboter oder die, die Roboterkomm-puter, also die waren weg und um ehrlich zu sein, ick hab die Dinger total vergessen, weil hier ging es um ein Menschen­leben, verstehen sie und dann ham wir halt mit Kalles Bergsteigerausrüstung. . .“

„Das Seil. . . „

„Det Seil, ja genau, denn haben wir den Typen da hochgeastet“

„Ge-was“?

„Na hochgeschafft eben.“

Heinz merkte wie sein Kreislauf schwächer wurde, er hätte doch etwas Frühstücken sollen, seine Hände und Füße begannen leicht taub zu werden, er versuchte sich zu beeilen.

„Na ja, und denn, also, wissen sie, denn haben wir das geschafft, wär gar nicht gegangen wenn der nicht im rechten Augenblick gerade noch wach geworden wäre na ja, also denn ist dieses Ding da hochgegangen. Und Anke und ich, wir sind dann abgehauen, nach oben, auf irgendsoein Dach und dann haben sie mir festgenommen und seitdem bin ick hier. So, ick hoff det war erst mal allet wat se von mir wissen wollen und ick glaub, ick brauch jetzt erst mal n´Schluck Wasser. Heinz war während der letzten Sätze ziemlich blass geworden.

Der Richter räusperte sich:

„Tja, ich denke wir können Herrn Kruppke jetzt erst mal entlassen, ich denke, wir werden ihnen später noch mal die Gelegenheit geben, sich zum jeweiligen Sach­verhalt zu äußern. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber das hier halte ich persönlich nämlich nicht mehr länger durch und deshalb, wenn die Parteien, nichts dagegen haben, werde ich nun Herrn Kruppke zu entlassen”.

Das Publikum atmete auf, leises Gemurmel ging durch die Reihen. Der Staatsanwalt stand auf.

„Die Anklage möchte nun den Zeugen Herrn Joseph Kurzmaier aufrufen“

Das Gemurmel schwoll an, der Richter rief zur Ruhe auf.

Mit finsterer Miene betrat Joseph Anton Kurzmaier kurz darauf den Zeugenstand.

Er sah schlecht aus, Kurzi hatte stark abgenommen, sein Gesicht war eingefallen grau, die dunkelblonden Haare ungewaschen und fettig, er trug eine altmodische volkstümliche graue Strickjacke und dazu verblichene Jeans die an seinen dürren Beinen schlackerten.

Ungefragt trat er vor zum Richter und legte mehrere beschriebene Papiere auf den Richtertisch.

Er ging rückwärts zum Zeugenstand zurück. Mit seiner rechten Hand sich den rückwärtigen Weg ertastend, sagte er noch schnell, ohne dass ihm jemand hätte zuvor­kommen können, mit fester Stimme:

„Das hier ist mein Bericht, bevor sie mit einer Befragung beginnen, verlesen sie doch bitte erst diesen Bericht.“

Wolle-Neuberg stand auf:

„Herr Vorsitzender, wie kommt es denn bitte, dass dieser Bericht uns nicht vorliegt?“

„Diesen Bericht hat noch keiner gelesen, die Veröffentlichung wurde von meiner Behörde erst heute morgen freigegeben“.

Richter Schneider hob die buschigen Augenbrauen.

„Ach. Na, da kann man ja von Glück reden, dass sich der Bundesnachrichtendienst herabgelassen hat. Von Glück kann man da reden. Gut. Wollen sie ihn denn nicht selbst vorlesen?“

„Ich?“

„Sie haben ihn ja geschrieben.“

„Hab meine Brille nicht dabei. Außerdem, also, es er­scheint mir doch offizieller, wenn dieser Bericht von der Judikative höchst selbst vorgetragen wird.“

Der Richter hob die Augenbrauen ein zweitesmal und dachte sich: Oh Gott.

„Gut dann lese ich ihn. Also, Gerichtsschreiber, ver­merken sie im Protokoll, ich lese den Bericht von Herrn Joseph Anton Kurzmaier, den er hier- heutiges Datum- abgegeben hat, äh. .  .vor. Der Zeuge weigerte sich ihn selbst zu lesen, mit der Begründung nach körperlichen Gebrechen und anderen Gründen. Na ja, können sie auch noch umformulieren, wenn sie das wollen. Gut, ich lese also vor.

Chrm chm“.

Der Richter zog unsicher seine Lesebrille aus dem Etui das vor ihm lag.

„Also, Bericht zur Klärung des Falls zur Person Heinz Kruppke Aktenzeichen 10526.

Ich Joseph Anton Kurzmaier geboren am zwölften dritten neunzehnhundertsechzig in Oberschweinbach, Kreis Erding Oberbayern, ehemaliger Kriminalober­hauptkommissar beim Bundesnachrichtendienst Pullach äußere mich schriftlich zum Sachverhalt.

Ich erhielt von meiner Dienststelle Anfang vorletzten Jahres den Auftrag Herrn Kruppke zu beobachten. Grund hierzu ergab einmal die Zeugenaussage eines gewissen Herrn Andreas Langbein, dem Gerichte wohlbekannt, der mit Herrn Kruppke ein eindeutiges Urlaubserlebnis schilderte.

Aber das allein hätte wohl als Grund für eine tiefer­gehende Ermittlung nicht ausgereicht, zumal die Durchsuchung der Wohnung von Herrn Kruppke keinerlei Anhaltspunkte ergeben hatte.

Es fügte sich bei meiner Sammlung von Daten jedoch eins zum Anderen.

Herr Kruppke ist geboren Neunzehnsechsundfünfzig, Sohn von der verstorbenen Rosamunde Kruppke, die ihrerseits neunzehnhundertsechsunddreißig geboren wurde.

Frau Kruppke arbeitete seit ihrem achtzehnten Lebens­jahr als festangestellte Reinigungskraft im amerikanischen Hauptquartier.

Im Jahre neunzehnhundertsiebenunddreißig wurde sie von einem amerikanischen GI-Major geschwängert, der daraufhin nach USA zurückversetzt worden war.

Um ihr Einkommen aufzubessern, hatte Frau Kruppke begonnen, auch für die russische Botschaft zu arbeiten. Allerdings nicht als Reinigungskraft, sondern als Informations­angestellte“.

Heinz schnappte nach Luft, Püppi war Spionin, seine Mutter- eine Spionin. Das wat´n nu blieb ihm im Halse stecken.

Im Saal entstand Unruhe, das war eine unglaubliche Neuigkeit.

„Sie sammelte bei ihrer langjährigen Reinigungstätigkeit streng vertrauliche Informationen aus den Schreibtischen der amerikanischen Alliierten, und gab sie an den KGB weiter.

Das Salär, das sie dabei erhalten hatte, wurde ihr auf ein Nummernkonto in der Schweiz übertragen, das sie kurz vor ihrem Tod testamentarisch Heinz Kruppke vermachte. Dadurch offenbarte sich erst ihre Spionagetätigkeit, denn der Notar, der das Testament aufsetzte, ist unbemerkt an meine Behörde herangetreten, und hat sie über das unversteuerte Ver­mögen von siebenhundertdreiunddreissigtausend Schweizer Franken informiert. Der BND hat dieses Agentenhonorar natürlich sofort beschlagnahmt, um Ungelegenheiten mit unseren Verbündeten auszu­schließen. Dieses Testament wurde von dem Bundes­nachrichtendienst archiviert. Aufgrund. . .“

Der Richter schluckte, hielt inne und starrte diesen blassen hageren Mann im Zeugenstand ungläubig an. Kurzmaier zog kurzerhand eine Kopie aus der Tasche und las (natürlich ohne Brille) weiter.

„ . . . Aufgrund dieser Tatsache, ergab sich für mich der Schluss, warum Herr Kruppke zwar gut getarnt aber auf jeden Fall motiviert genug war, sich zu staatsfeindlichen Aktivitäten hinreisen zu lassen. Deshalb habe ich die Bewerbung von Herrn Kruppke, nämlich als Bürokraft im Innensenat zu arbeiten, verhindert und ihm aber eine andere Stelle besorgt.

Nun, ich konnte nicht ahnen, dass die Berliner Wasser Betriebe Herrn Kruppke ausgerechnet in der Achilles­ferse der Stadt zum Einsatz brachten.

Vielleicht war es auch ein Fehler von mir, der mir allerdings durch meine Suspendierung nun ausgemerzt erscheint.

Herr Kruppke ist ein Meister der Tarnung, seit Jahr­zehnten führt er das Leben einer verkrachten Existenz, ich persönlich vermute, dass er noch einen weiteren Wohnsitz, eine weitere Identität und ein weiteres Konto besitzt, dass die Katastrophen, die durch ihn aus scheinbar versehentlichen unglücklichen Zufällen passieren, einen ganz deutlichen Hintergrund haben. Beweise für meine Vermutungen konnte ich leider nicht mehr sammeln.

Ich möchte meine Vermutung noch dadurch untermauern, dass Frau Kruppke, zwei Jahre bevor sie an Herzinfarkt starb zum moslemischen Glauben über­getreten ist.“

Das war der zweite Hammer für Heinz, das hätte er sich nie gedacht, aber jetzt, wenn er darüber nach­dachte, hatte sie sich stark verändert, durch eine arabische Freundin und Arbeitskollegin.

„Ferner ist für mich nachgewiesen, dass alle Unglücke die durch Herrn Kruppke stattfanden keine Zufälle

oder Unglücke waren, sondern konzertierte Aktionen von langer Hand geplant und unterstützt von Mahimir el Mussad. . .“

„Stopp“. Der Vorsitzende unterbrach. Mit vor Entsetzten geweiteten Augen starrte Richter Schneider auf Joseph Anton Kurzmaier.

Leises angespanntes Gemurmel ging durch die Reihen des Gerichtssaals.

„Das können sie mir doch nicht erzählen, dass ihre Behörde verfügt hat, mich hier streng vertrauliche Geheime Zusammenhänge vorzulesen zu lassen,“ knurrte er.

„Hat sie auch nicht“.

„Wie soll ich das auffassen“.

Kurzmaiers Augen bekamen einen fanatischen Glanz, sie zerschnitten die dicke Luft im Gerichtssaal mit Leichtigkeit.

„Ich bin auf die Welt gekommen, um solchen widerlichen unchristlichen Subjekten wie diesem Herrn Kruppke das Handwerk zu legen!“

„Das kostet sie ihre Pension als Staatsbeamter, mindestens, wenn sie nicht. . .“

„Das ist mir ziemlich gleichgültig, wenn nicht sogar egal. Ich werde diesen Menschen zur Strecke bringen, diesen Menschen, der uns Christen Schaden zufügt, dieses Subjekt, diesen Boten des Teufels. Der gehört nach Stammheim. Und zwar für immer.“

Der Richter lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.

Lauter Verrückte Typen, mein Gott, lauter pathologische Freaks, wie damals. Warum, warum, warum, warum nur bloß immer ich.

„Und der Herr sagt. . .“

„Halten sie den Mund“ brüllte der Richter.

„Halten sie ihren verdammten Mund, und. . . machen sie ihn nicht mehr auf.“

Grabesstille herrschte nun im Gerichtsaal, der Auf­schlag einer Stecknadel hätte bestimmt alle zusammen­zucken lassen.

„Na das ist ja ein verdammtes scheiß Bullen-Arschloch, so ein Monster scheiß Typ, der is ja so wat von Scheiße, so was hab ich ja noch nie erlebt,“ durchschnitt Ankes scharfe Stimme die Stille.

Explosionsartig kam es zum Tumult in dem über­heizten Raum. Sofort war Richter Schneider aufge­sprungen.

„Und sie halten auch den Mund, ihr alle haltet jetzt den Mund, Ruhe, Ruhe in dem Gerichtssaal, ich. . .“

Er war puterrot angelaufen, brüllte mit Schaum vorm Mund und hämmerte mit der Faust auf den Richter­tisch.

Alle Anwesenden hatten sich vor Angst in ihre Sitze verkrochen, alle, nur nicht Joseph Anton Kurzmaier, denn der war auf eine fanatische Weise auch noch stolz auf sich. Zufrieden lächelnd saß er da, und genoss den Auftritt des Gerichts.

Ängstlich leise erhob sich der Staatsanwalt.

„Dürfte ich bitte, ich meine wenn es ihnen nichts ausmacht, dürfte ich um eine Pause bitten“

„Stattgegeben“ brüllte der Richter und nahm sich vor, zur Fortsetzung seinen Richterhammer mitzubringen.

„Die Verhandlung wird in zwei Stunden fortgesetzt.“

Heinz wurde in seinen Aufenthaltsraum gebracht.

Er setzte sich an den Tisch, stütze die Ellenbogen auf, vergrub den Kopf mit den Händen und begann hemmungslos zu weinen.

Sein Rechtsbeistand stand betreten dabei, wusste nicht wie er ihm beistehen konnte. Vorsichtig hatte er ge­fragt, ob er denn was zu Essen bringen lassen sollte, aber Heinz schüttelte nur den Kopf und schluchzte unaufhörlich.

Er trauerte zum erstenmal richtig um seine Mutter. Damals, als sie an den Folgen eines Herzanfalls unerwartet starb, vor fünf Jahren als Heinz sie gefunden hatte, mit laufendem Fernseher, die halbvolle Kognakflasche auf dem Sofatisch, es war unmöglich gewesen für Heinz, zu trauern, auch die Zeit danach nicht, zu groß war die Bedrohung der eigenen Existenz gewesen um seine Gefühle zuzulassen.

Deshalb hatte er zu jener Zeit das exzessive Trinken begonnen.

Die Trauer schüttelte ihn, und mit dem Wunsch, sich wieder unter Kontrolle zu haben keimte in ihm ein starkes Bedürfnis nach Alkohol heran. Ein Bedürfnis, das sich unterschied von dem gelegentlichen Wunsch etwas zu trinken, oder noch mal den Geschmack der Droge zu spüren, nein, er hatte von einem Moment auf den anderen den Wunsch, sich hemmungslos zu be­trinken -die Kontrolle über sich abgeben zu können -Pause zu machen.

Das musste er Doktor Mettmann erzählen.

Wenn er wieder konnte.

In diese Gedanken hinein, packte ihn wieder diese

überwältigende Trauer, Heulkrämpfe, sie kamen perio­disch, es waren richtige Anfälle in denen er weder et­was dachte noch sich herausretten konnte. Es ging je­doch nicht nur um das Andenken an seine Mutter, Heinz trauerte auch um sich selbst, ob der wahnsin­nigen Kränkung die er durch diesen gigantischen Vetrauensmißbrauch von seiner Mutter erlitten hatte. So saß er da, kommunika­tionsunfähig, während Wolle-Neuberg neben ihm ver­zweifelt überlegte, was er denn jetzt tun sollte.

Gerade als er nach zwei Stunden Heinz das letzte Papier­taschentuch des Gerichtsdieners anbot, entschied sich Wolle-Neuberg dafür, für Vertagung zu plädieren.

Er nahm Heinz ein wenig in  den Arm, und flüsterte gefühlvoll: „Wir machen morgen weiter“.

Dann bat er den Gerichtsdiener Heinz von Doktor Mettmann abholen zu lassen und ging allein zurück in den Gerichtssaal.

 

„Mein Mandant ist heute nicht mehr verhandlungs­fähig, und ich möchte nicht ohne ihn weitermachen.

Ich möchte aber gleich einen Antrag stellen. Nämlich mein Mandant hat Anspruch auf sein Erbe, das ihm überstellt werden soll, nebst vier Prozent Zinsen von dem Tag der Testamentseröffnung an. Außerdem stelle ich Strafantrag gegen den Notar“

„Gut, schreiben sie das auf, Herr Gerichtsschreiber. Den Erbantrag müssen sie allerdings woanders einreichen, ich denke das wissen sie, aber wir nehmen das Datum des Antrags gerne zur Kenntnis- wir Verhandeln hier keine Testamentsanfechtung, nicht wahr, ansonsten wird die Verhandlung ist auf morgen, zehn Uhr vertagt.“

Enttäuschtes Gemurmel begleitete das Stühlerücken des den Saal verlassenden Publikums.

 

 

III

 

 

 „Na das kann ja heiter werden, mit diesen scheiß Pennern da drinne“ sagte Anke, die sich mit ihrem Morgenkaffee zu Heinz Nie-Wieder-Alkohol Truppe gesetzt hatte.

„Dis sind ja die letzten scheiß Kanonen da drinne“.

„Ich bin sicher, da wird sich alles aufklären“, meinte Rotraut sanft.

„Da wär ich mir mal nicht so sicher“ knurrte Gerd, „ich hab das ja schon immer gesagt, mit unserem Heinz, da stimmt was nicht. Ich habe das ja schon immer gesagt, wie der das Unglück anzieht, das kann nicht ganz nor­mal sein. So harmlos ist unser Heinz einfach nicht, das werdet ihr schon sehen“.

Anke landete eine kurze Gerade auf Gerds fett­gepolsterte Augenpartie.

„Na siehste jetzt richtig?“ Fragte sie herausfordernd.

 

Heinz hatte sich in seiner Zelle über Nacht ein wenig beruhigt. Er hatte nachgedacht und erkannt, dass er trotz seiner Traurigkeit so etwas wie stolz auf Püppi empfand.

Spionin ist sie gewesen. Das hätte er ihr ja nie zugetraut.

„Da hat die ´n Haufen Geld gesammelt, und ick leb schon seit, ick wes nich wie viele Jahre vom Sozi“, murmelte er.

Meene arme Püppi, wenn die det wüßte, na ja, vielleicht wes sie det ja auch, okay, Püppi, wenn du da oben mir zuhörst, ick war det nicht, ick wes det nicht, wie det immer zugeht. Und jetzt hab ick wieder Lust zu saufen, ick muss mir dauernd so beherrschen, weste, wat ist det für ´n Leben, in dem man sich dauernd vor den anderen in die Pflicht nehmen muss und so tun muss, als wüsste man alles, und die von einem det und det erwarten. Det kann doch einfach nicht normal sein, oder?

Heinz schlief nicht in dieser Nacht, er wälzte sich auf dem Zellenbett hin und her, stand zwischendurch auf und legte sich wieder hin, sah aus dem Fenster und hoffte darauf, dass es endlich Tag werden würde.

 

Das Gerichtsportal war von einer dichten Menschen­menge umringt. Zwölf Fernsehteams drängelten sich davor, Justitia war nicht mehr zu erkennen. Ein großes Polizeiaufgebot musste die Menge zurückdrängen, Schwarzhändler begannen illegal Eintrittskarten zu verkaufen.

Heinz Gerichtsverhandlung war zu dem Medienereignis Nummer eins geworden.

Zu den Menschen, die es bis vor den Gerichtsaal ge­schafft hatten, waren neben Journalisten auch mehrere Prominente Portraitmaler, die Heinz Charaktergesicht für die Nachwelt verewigen wollten und hochgelobte Literaten die sich von der Verhandlung Inspiration ver­sprachen.

Das Gerichtspersonal, wichtige Zeugen und die Anwälte wurden über den Hintereingang des Untersuchungs­gefängnisses eingeschleust.

Der Richter stand auf und klopfte mit seinem Hammer, den er heute Vorsorglicherweise dabei hatte, auf seinen Tisch.

Das Blitzlichtgewitter erreichte einen Höhepunkt.

„Ruhe, Ruhe. So, die Fotographen verlassen jetzt bitte den Saal, ebenso die Damen und Herren die hier ihre Aufnahmegeräte in der Hand halten, außerdem will ich hier keine aufgeklappten Laptops sehen.“

Als hätte er gar nichts gesagt, ging es weiter.

Richter Schneider griff zu seiner zweiten Waffe, einer Rednerglocke und begann damit zu bimmeln, seine andere Hand mit dem Hammer klopfte währenddessen weiter.

Mehrere Uniformierte Gerichtsdiener erschienen und räumten den Saal von allen Personen die auch nur annähernd wie Journalisten aussahen.

Die Türen wurden geschlossen, die Besucherstühle waren nun nur zur Hälfte besetzt. Anke war nicht da, sie durfte wegen des Zwischenrufes vom Vortag den Gerichtsaal vorerst nur noch als Zeugin betreten.

Richter Schneider beendete seine Musikeinlage.

„Nun, meine Damen und Herren, ich hoffe die Gemüter haben sich soweit beruhigt, haben sich soweit beruhigt, dass es hier möglich ist, die Anhörung von Herrn Kurzmaier hier fortzusetzen. Ich mache sie nochmals alle darauf aufmerksam, den Pfad des zivilisierten Tones nicht zu verlassen. Den Zeugen Joseph Anton Kurzmaier bitte.“

Kurzmaier erschien mit hängendem Kopf und mit ihm ein geschniegelter Mann im schwarzen Anzug mit zurückgegelten schwarzen Haaren und undurchdringlicher finsterer Miene. Seine Augen wirkten so emotionslos, als hätte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Der schwarz gestriegelte stellte sich vor Kurzmaier, während der mit zu Boden gesenkten Augen stehen blieb.

Die Portraitmaler fingen wie wild an zu zeichnen.

„Sehr verehrtes Gericht-“ begann er mit eisiger Grabesstimme,

„- mein Name ist Doktor Rüdiger Klaus und ich werde hier Herrn Kurzmaier vertreten“.

„Das habe ich mir beinahe gedacht“ murmelte der Richter sarkastisch.

„Nun, Herr Joseph Anton Kurzmaier wird hier seine Aussage von gestern wiederrufen und jede weitere Aussage verweigern“.

Pfiffe, der Saal tobte, Richter Schneider griff wieder zu seinem Hammer.

„Einspruch“. Wolle Neuberg sprang auf, als ob ihn jemand am Seil hochgezogen hätte.

„Ja bitte?“

„Wie. . .äh. . .was. . .äh. . .sollen wir jetzt alle so tun, als hätten wir die Aussage von gestern nicht gehört? Als ob das alles nicht stattgefunden hätte. Ich erhebe mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln Ein­spruch“.

Die Zuschauer murmelten.

„Diese Aussage ist nicht zurückzunehmen. Das ist überhaupt nicht möglich. Wenn diesem absurden Antrag stattgegeben wird, wenn. . .äh. . .diese Aussage. . .äh. . .dann, dann, ich warne sie, dann gehe ich sofort nach Hause. . .äh. . .eine Zeugenaussage ist eine Zeugen­aussage und ist kein Geständnis im Sinne von Paragraph blabla, es ist. . .“

Weiter kam er nicht, ihm waren vor Erregung die Worte ausgegangen. Der Richter fiel ihm ins Wort.

„So schlecht sich unser aufgeregter Kollege hier aus­drückt, nicht wahr, so sehr muss ich ihm recht geben. Einen Moment“.

Er wandte sich nach links und nach rechts zu seinen Beisitzern.

In dem überheizten Raum war wieder spannungsgeladene Stille eingekehrt, man hörte lediglich vom Richtertisch leises Geflüster.

„Also, der Zeuge kann natürlich von seinem Aussage­verweigerungsrecht Gebrauch machen.
Gebrauch machen, kann er, aber was gesagt ist, ist gesagt, zumal wir das auch sogar noch schriftlich haben, mit dem Briefkopf ihrer Behörde, diese Aussage gilt. Zumal ich gar nicht verstehe, warum Herr Kurzmaier das nicht selbst sagen kann. Also, ich erkenne dieses Schrift­stück das mir der Zeuge gestern, ich muss sagen entsetztlicherweise, ja, ENTSETZTLICHERWEISE, jawohl, vorlesen lies, als Beweisstück an. Auch die restliche, mündlich gemachte Aussage des. . . „

Der Geschniegelte trat vor und warf einen Klemm­hefter auf den Richtertisch. Der Hefter segelte darauf und stieß mit Schwung die Messingglocke hinunter.

„Was erlauben sie sich hier ungefragt vor den Richter­tisch zu treten, ich belege sie sofort mit einer Ordnungs­strafe von eintausend De-Em wegen Miss­achtung des Gerichts. HERR DOKTOR KLAUS“.

Richter Schneider hatte einen zornesroten ange­schwollenen Kopf.

„Gut“ sagte der Geschniegelte gelassen. Er sog die Luft hörbar ein und fuhr fort:

„Dies hier ist ein psychologisches Gutachten über meinen Mandanten, es besagt, dass er gestern unter Medikamenteneinfluss stand. Auch als er diesen Brief geschrieben hatte. Es ist genau dargelegt, welche Wir­kung die Medikamente haben, nämlich dass sie Wahn­vorstellungen auslösen können, ferner ist ein laborbefundlicher Nachweis erbracht in welcher Konzentration (er sprach dieses Wort besonders deutlich artikuliert aus), also, in welcher Kon-zen-tration sich diese Medikamente im Blut meines Mandanten befanden.“

„Ich glaube einfach nicht, dass Herr Kurzmaier gelogen hat,“ schrie Wolle-Neuberg dazwischen.

„Herr Verteidiger!“ sagte Richter Schneider scharf mit strafendem Blick.

„Oh, äh, Entschuldigung, aber, dieser Brief ist ein Beweißstück, ich meine, das hat es doch noch nie ge­geben, oder“.

„Na ja, wir müssen uns dieses-“

der Richter warf einen verächtlichen Blick auf den Hefter,

„-dieses Schriftstück schon ansehen.“

Er atmete tief.

„Gut, Gerichtsdiener, fertigen sie bitte für alle Parteien eine Kopie an, so, und, tja, Herr Kurzmaier oder meinet­wegen auch“ seine Stimme bekam einen beißend zynischen Unterton,

„Herr Doktor Klaus, sie werden also keine weitere Aussage machen?“

„Nein“ sagte der Geschniegelte.

Der Richter hob den Blick zu Kurzmaier.

„Nein“, sagte daraufhin auch dieser kleinlaut, „ich verweigere jede weitere Aussage“.

„Gut, dann können diese feinen Herrn ja den Saal ver­lassen, Spitzel ihrer Firma gibt es hier im Saal bestimmt genug, Ja, gibt es hier bestimmt, die können sie ja dann auf anderem Weg über den Fortgang dieser Verhandlung unterrichten.“

Doktor Klaus machte auf dem Absatz kehrt und schritt mit hocherhoben Kopf aus dem Saal, dahinter mit gesenktem Kopf wie ein geprügelter Hund Kurzmaier.

Ein Raunen setzte ein und schwoll an zu lärmenden Geplapper.

„Ruhe,“ klopf, klopf, klopf, sauste der Hammer auf das Eichenholz des Tisches. Der Lärm schwoll ab.

„Ich mache jetzt, bevor wir wieder in die nächste dramatische Runde gehen, eine Verhandlungspause von dreißig Minuten.“

Es waren lange dreißig Minuten für Heinz.

Allmählich wurde er etwas zittrig, denn Wolle-Neuberg hatte ihm nun bereits den dritten Kaffee spendiert.

„Na, ich weiß nicht, Gerhard, wissen se, die machen mich schon alle ganz schön fertig da drinne.“

„Ach“.

Wolle-Neuberg winkte ab. Er war recht optimistisch, was den weiteren Verlauf der Verhandlung ausging.

Beisitzer und Richter schritten fünfundvierzig Minuten später wieder an ihren Platz.

Ihre Mienen sahen entschlossen aus.

Sie setzten sich, Richter Schneider ergriff das Wort:

„Nun, zunächst einmal möchte ich anmerken, das war das erste Mal bei einem Prozess, dass ich ein Gut­achten während der Verhandlung gelesen habe“.

Die Zuschauer murmelten.

„Wir sind uns, nach nicht allzu langer Beratung ziem­lich schnell einig geworden. Dieses Gutachten, über den Kriminaloberhauptkommissar a.d. Herrn Joseph Anton Kurzmaier. . .“

Er machte eine Pause und maß mit einem langsamen Schwenk den Saal ab.

„Mann, mach es nicht so spannend“ flüsterte Wolle-Neuberg.

„. . .Kurzmaier, wird, im Gegensatz zu dem Brief, der zu den Beweisakten gelegt wird, nicht anerkannt. Das Gutachten entbehrt jeder rechtlichen Grundlage, außer­dem stimmt das angegebene Datum des Gutachtens nicht mit dem Datum des Beweisstücks überein. Deshalb erkläre ich das Gutachten für ungültig.

In unserer Beratung allerdings, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der Zeuge Kurzmaier das Recht hat, seine mündlich gemachte Aussage von gestern zu wiederrufen. Also im Klartext heißt das, der verlesene Brief ist ein zugelassenes Beweisstück, die Aussage ist zu streichen.“

Ein zufriedenes Raunen ging durch die Menge, der Vorfall hatte Richter Schneider die Chance gegeben, seine salomonischen Fähigkeiten demonstrieren zu dürfen, eine Chance, die man nicht allzu oft im Berufs­leben bekommt.

„Des weiteren bleibt es jetzt der Verteidigung über­lassen, den Namen des Notars herauszufinden. So. Soweit dazu. Nicht wahr. Und nun kann ja die Staatsanwaltschaft, die ja heute noch gar nichts, aber wirklich noch gar nichts hat verlauten lassen, ihren nächsten Zeugen aufrufen.“

Die Leute lachten. Der Staatsanwalt, der einen roten Kopf bekommen hatte, stand auf.   

„Ich bin überzeugt davon, dass der Angeklagte Herr Kruppke keineswegs so unbedarft und unschuldig ist, wie es hier Oberflächlicherweise den Anschein zu haben scheint“.

„Sie sollen kein Plädoyer halten, sondern sie sollen ihren Zeugen aufrufen“

„Ich rufe den Zeugen Herrn Andreas Langbein auf“.

Atze kam langsam mit einer dreirädrigen Gehhilfe in den Saal.

Die brauchte er eigentlich nicht, das war eine zweifelhafte Strategie des Staatsanwalts. Atze hatte zwar tatsächlich einen leichten Schlaganfall erlitten und damit eine kaum bemerkbare Gesichtslähmung (er sprach jetzt wie John Wayne, einen Mundwinkel immer leicht nach unten gezogen), aber  es ging ihm eigentlich ganz gut.

Die Explosion im Kanal war nicht die Ursache für diesen Schlaganfall, sondern ein nächtlicher Total­absturz, Atze hatte zwar schon vor der Katastrophe im Kanal viel getrunken, aber danach hatte es den An­schein, als schien er bemüht das Wasser seines Körpers in Alkohol umzuwandeln.

Als der Kanal explodierte befand sich Atze gerade bei dem Ein- beziehungsweise Ausstieg an dem alten Pumpenhaus, dem Ort an dem Heinz und Bilan den Untergrund betreten hatten.

Es hatte Atze lediglich die kleine Treppe hinauf­geschleudert und es war ihm, bis auf ein paar blauen Flecken an Armen und Beinen, sowie dem für ihn entsetzlichen Umstand, dass ihm mehrere tote Ratten um die Ohren geflogen waren, nichts passiert.

Jedoch hier im Gerichtssaal gab er die eindrucksvolle Vorstellung eines Vollinvaliden.

Er schlurfte mit der Gehhilfe am Zeugenstand vorbei und kam fast bis zum Richtertisch, als dieser:

„Halt, wo soll es denn hingehen Herr Langbein“ rief.

Atze blieb stehen, blickte von unten mit triefenden Hundeaugen zu Richter Schneider empor und sagte: „Oh, entschuldigung, aber rückwärts kann ick nicht so gut“.

„Gerichtsdiener helfen sie dem Mann doch bitte“.

Nach zehn Minuten umständlichen Gezerres, Atze hatte absichtlich ein paar Mal die Bremse der Gehhilfe benutzt, stand er dann endlich da, wo er stehen sollte.

Der Richter sah ihn an.

Heiliger Strohsack, schon wieder so eine Type, dachte er.

„Also, Herr Langbein, ihre Personalien sind dem Gericht soweit bekannt, geboren zwei eins neunzehnvierundfünfzig, wohnhaft in Berlin-Reinickendorf, märkisches Viertel, soweit alles richtig?“

„Jo, dit stimmt allet.“

„Gut, dann schildern sie uns mal“ der Vorsitzende machte eine kurze Pause, „es wäre mir allerdings ganz recht, wenn wir uns hier ein wenig mehr der Hoch­sprache annähern könnten.“

„Ick wer dit beste geben, Herr Richter“.

„Gut“.

Der Staatsanwalt stand auf.

„Herr Langbein, schildern sie uns doch bitte die Ereignisse, vom fünften Dezember des vorvorangegangen Jahres.“

„Dit war der Tag, wa? Gut.

Also den Tag werd ick. . .ich nie vergessen. Morgens fing das schon an, gerade als ich dabei war mich mit nem Griechen über seinen Wagen rumzustreiten, ick teile die nämlich ein, die Wägen meine ich, müss´n se wissen, da steht er auf einmal vor mir“.

„Wer?“

„Wat?“.

„Herr Kruppke?“

„Na, wer denn sonst. Und ick bin erschrocken, obwohl ick ja wusste, dass der kommen muss, aber das in Asien, dit werd ick nie vergessen. Ick meine, ick wollt gerne da wat darüber erzählen, so wie das mit Asien war, geht das?

Also, so lange dauert dit auch nicht.“

Richter Schneider seufzte.

Wolle-Neuberg stand auf:

„Das hat aber an sich nichts mit unserem Fall hier zu tun. Das was in Thailand und auf dieser Philippinischen Insel passiert ist, wird hier nicht verhandelt“.

„Dit dauert nicht lang“, wiederholte Atze.

„Hat der Herr Staatsanwalt auch etwas dazu zu sagen?“

„Ich fände einen kurzen Abriss der zurückliegenden Begebenheiten wünschenswert und es würde auch die Motive der Anklage erklärlicher machen. Äh. . .ich stelle Antrag“.

„Sie stellen also Antrag, ja, jetzt schon?“

„Ja, ich beantrage.“ Beisitzer und Vorsitzender tuschelten kurz.

„Na ja, um . . .“ meinte der Richter plötzlich mit einem Lächeln, „ein berühmtes Gerichtszitat unserer Zeit zu bemühen, werde ich mit einem: ´Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient`, ihrem Antrag stattgeben. Also gut“.

„Also denn erzähl ick jetzt mal“.

„Ja also dann los, erzählen sie“.

 „Na ja, da war also einmal diese Sache mit dem Hotel. Also, nachdem wir uns im Flugzeug kennengelernt hatten, ich weiß nicht wie der Kruppke dit gedreht hat, dass der im Flugzeug neben mir gesessen hat, also auf jeden Fall sind wir, nachdem der Kruppke ganz raffiniert an meine Muttergefühle appelliert hat, zum Zahnarzt gegangen und dann in das Hotel. Und da hat der sich gleich mal, er dachte sich bestimmt, ich seh das nicht, da hat der sich gleich mit so einem arabischen Mufti in die Ecke verkrochen und mit dem da palavert, der dacht sich, ick merk dit nicht, aber ge­sehen hab ich das wohl.“

Die Menge raunte, Heinz knirschte leise mit den Zähnen, Wolle-Neuberg kratze sich am Kopf.

„Er lügt“, zischte Heinz Wolle Neuberg zu.

„Na, ick hab dem, ich hab mir nichts dabei gedacht, dit war schon komisch irgendwie, der hatte so nen blöden Turban uff´m. . .auf, so wie diese Typen da aus Afghanistan im Fernsehen, die Tulib. . .Taliban oder so und nen ganz finsteren Blick hatte der. . . “

„Herr Langbein, Herr Richter, gestatten sie der Verteidigung bitte eine Zwischenfrage?“

Richter Schneider nickte.

„Wieso hatten sie das denn nicht bei ihrer ersten Aussage erwähnt?“.

„Na, weil mir dit da noch nicht eingefallen war“.

„Und, haben sie mit Herrn Kruppke damals darüber gesprochen?“.

„Ob ick wat?“.

„Na, haben sie Herrn Kruppke nicht darauf ange­sprochen, ich meine, es liegt doch auf der Hand, man lernt jemand kennen im Flugzeug auf der Reise in ein fremdes Land, man schließt sich zusammen, bemerkt dass dieser jemand kaum Englisch spricht und sieht dann, wie er sich mit einem Taliban in Südost-Asien . . . ein, wenn sie so wollen, hochgradig exotischer Vorfall also, sie sahen also, wie sich Herr Kruppke mit diesem orientalisch aussehenden Menschen im Holiday Inn unterhielt und fanden das bei ihrer ersten Ver­nehmung nicht erwähnenswert oder wenigstens nur so merkwürdig, dass sie es nicht erwähnten?“

„So muss dit gewesen sein, ja.“

Der Richter schaltete sich ein, mit sarkastischem Ton.

„Tja, aber jetzt ist es ihnen ja gottlob wieder eingefallen“.

„Ja. Ick sag mal, hat ick irgendwie vergessen“.

„Ach, sagen sie jetzt mal?“.

„Ja, is so, ick meine, dit ist nicht so einfach wie sie vielleicht denken, ick hab den ja mal gern gehabt, den Heinz, aber so. . .ick meine, hilft ja nüscht, die Party muss halt weitergehen, wenn se verstehen wat ick meine.“

Er machte eine Pause und sah sich um.

„So. Kann ick jetze weitererzählen?“.

„Na klar“.

„Dit war dit, also, jetze ham se mir ganz rausgebracht, na ja, also, dit wollt ick. . .ich hier noch anmerken, dit mit dem Mann da in dem Hotel, und dit andere wissen sie ja wohl alle, dit steht ja wahrscheinlich allet in die Akten da, mit dem Hotel, dit gebrannt hat, und denn sind wir auf dit Ressort da eingeladen worden.

Und da war dit so, dass Heinz. . .Herr Kruppke, dass der eines Abends auf einmal nach zwee. . .drei Bier so weggetreten getan hat und in dit Bett gegangen ist.

Danach war der Kruppke weg. Also, der war nicht in seiner Hütte und wir haben den gesucht.“

Atze schilderte nun in epischer Breite die komplette Suchaktion, Wolle-Neuberg wagte es nicht ihn zu unter­brechen, der Staatsanwalt nickte zwischendurch immer wieder eifrig und Richter Schneider fiel immer wieder in Sekundenschlaf. 

„Und denn sind wir zurückgekommen, und wussten sie wat wir da fanden, dit war dit schlimmste wat ick bis dahin erlebt hatte, dit könn sie nicht vorstellen, allet war kaputt, dit ganze Hüttendorf war komplett ausgebombt, wie nach nem Krieg, so richtig, wie heißt dit, so dem Erdboden gleichgemacht, verstehen sie, und mittendrin da pennte . . . , schlief unser Heinz, und wissen sie wat der im Arm hatte? So ne fette kommunistische Superbleispritze, so ne Kalatschinkoff, ick dacht ick spinne, als ick dit sah, also wenn dit nicht ein eindeutiges Zeichen war . . . “.

„Zeichen wofür, Herr Langbein?“.

„Na dafür, der hat da bestimmt wat mit zu tun gehabt, mit diese Terrorbrigaden da, dit ist für mich so sicher wie dit Amen in der Kirche.“

Wolle-Neuberg stand auf.

„Herr Vorsitzender, ich muss dem wiedersprechen, es ist erwiesen, dass es sich bei der Zerstörung in dem Ressort um einen Anschlag des Burmesischen Piraten Kung Sa handelte“.

„Ja, ja ja, hier brechen wir nun endgültig ab, meine Herren, dieser Fall, so aufschlussreich die Emotions­geladenen Ausführungen von Herrn Langbein auch immer sein mögen, nicht wahr, so wenig hat das doch hier mit unserem Fall zu tun. Herr Langbein hat ja auch seine Verdächtigungen mehr als genug zum Ausdruck gebracht. Gerichtschreiber, streichen sie das Protokoll der letzten . . . na sagen wir mal, zehn Minuten.

So. Mittagspause meine Herren.“

Zehn Minuten später wurde Heinz in seinen Aufenthaltsraum das Essen gebracht. Er hatte einen Bärenhunger. Es gab Wirsingkohlrouladen mit Kichererpsen­püreé und Paprika.

Heinz aß alles auf. Auch die Langnasenbirnen die es zum Nachtisch gab, obwohl die schon ein wenig holzig schmeckten.

 

„Also, dit mit dem Kanal, also, dit fing allet an-,“ Atze schnaubte, zog die Nase hoch, „-als ick morgens den Heinz einteilen musste. Ick hab ihn dem Gülürük zu­geteilt, weil den Jungs vom Kanalreinigungstrupp den konnt ick dit nicht zumuten, dit ist´n gutes Team, die hätten mir den Kopp abgerissen, wenn ick ihnen so´nen schwachsinnigen Typen da mitgegeben hätte.“

Wolle-Neuberg warf einen kurzen Seitenblick zu Heinz, aber der sah völlig gleichgültig aus, er schien an die schweren Beleidigungen mittlerweile gewöhnt zu sein.

Aber der Richter polterte los.

„Herr Langbein, mir reicht es allmählich, bleiben sie bitte sachlich und ersparen sie uns ihre Zwischen­bemerkungen. Ich mache sie nochmals darauf auf­merksam, dass keiner als schuldig gilt, solange seine Schuld nicht bewiesen ist“.

„Na aber WIE der Schuld ist. Ick meine, hilft ja nüscht,  dit ist ein . . .“

„Ich bitte das Gericht Nachsicht zu haben mit dem Zeugen Langbein, er hat doch viel durchgemacht und außerdem kommt er aus einer bestimmten Schicht“.

„Ich behalte mir vor ihn zurechtzuweisen ohne dass ich sie vorher um Erlaubnis gefragt habe Herr Staats­anwalt! Heben sie sich ihre Belehrungen für die Zeugen auf, Herr. . .äh. . . Staatsanwalt.“ Atze schaltete sich dazwischen.

„Müller“ rief er.

„Bitte?“ fragte der Richter konsterniert.

„Na Müller heißt doch der, nicht Staatsanwalt“

Der Richter stand auf, hochrot im Gesicht.

„Denken sie ich weiß das nicht? sie bekommen jetzt fünfhundert De-Em Strafe Herr Langbein, wegen Missachtung des Gerichts, jawohl, und kümmern sie sich um ihren eigenen Dre . . . Belange, bitteschön, nicht wahr. Also fahren sie fort, ja, der Hochsprache angelehnt, ja, ohne Frechheiten.“

„Entschuldingung Herr Richter, dit kam so über mir. Also, der ging da halt mit Bilan mit, dit musste so sein, denn eigentlich hätt ich ihn den Kollegen Korittke zuteilen wollen aber der war ja krankgeschrieben an dem Tag, also musst ick improvisieren, also bei dem Gülürük, obwohl mir nicht ganz wohl bei der Sache war, dem trau ick natürlich auch nicht so richtig übern Weg, dit ist so´n Kurde, wenn sie verstehen wat ick meine. Gut, ick dacht mir: Behalte die im Auge und hab dann da später angerufen mit nem Betriebstelefon, da hat ick Gülürük noch dran, aber der klang ganz seltsam, der klang so gar nicht wie der Gülürük und außerdem muss ick, wenn ich den anrufe, mir immer Beschimpfungen von dem anhören, und diesmal war der plötzlich ganz maulfaul. Also hab ick mir gedacht: Komisch, da stimmt was nicht und hab sofort darauf den Kurzmaier angerufen“.

„Sie haben was?“

„Na ick hab den Joseph Kurzmaier angerufen!“

Ein Raunen ging durch den Gerichtssaal.

„Ach, sie hatten Kontakt zu dem Geheimdienst?“

„Na, der hat mir angesprochen und mir eingeschärft ick sollte den Kruppke im Auge behalten.“

Das Raunen wurde lauter.

„Ick war´n V-Mann“, fügte er noch stolz hinzu.

„Das ist ja hochinteressant,“ Wolle-Neuberg war auf­gestanden.

„Na det  is ja nu ein Schwein. . .“murmelte auch Heinz.

„Sie haben also, wenn ich das so ausdrücken darf, für den Bundesnachrichtendienst gespitzelt?“

„Na ja, gespitzelt würd ick dit nicht nennen, ick hab halt denen geholfen, dat dit Subjekt. . . der Kruppke nicht noch mehr anrichten kann“.

„Wurden sie dafür honoriert?“

„Ein bisschen, aber nicht so viel wie sie vielleicht ver­muten würden“.

„Wie viel?“

„Einspruch Herr Richter“.

„Stattgegeben, fahren sie fort Herr Langbein“.

„Na ja, ick hab dann mit dem geredet und der hat ge­sagt, ick muss da nachgucken, und denn bin ick selber innen Kanal reingestiegen. Na ja, wissen sie, ick musste ja zu Fuß gehen, denn bin ick also losgegangen und hab mir so einiges Zusammenreimen können auf dem Weg, da ist mir eingefallen, was ick. . .ich für nen katastrophalen Fehler gemacht habe, dass nämlich, der Bilan. . .der Gülürük, na ja, der ist ja auch ´n Türke, sogar so´n  Kurde und Moslem, “.

„Halt äh. . Stopp,“ Wolle-Neuberg sprang auf mit rotem Gesicht, „ähmn, Herr Vorsitzender, ich möchte dass der Zeuge vereidigt wird.“

Richter Schneider schlug sich die Hände vors Gesicht.

„Ich hab diesen Antrag vergessen, in der Aufregung, ich beantrage eine Vereidigung des Zeugen Herrn Andreas Langbein.“

Der Vorsitzende sah auf.

„Nun, das fällt ihnen ja entweder zu früh oder zu spät ein. Na ja, immerhin ist es ihnen eingefallen, nicht wahr.

Herr Langbein, das bedeutet für sie-“, er holte tief Luft, „-sie stünden dann unter Eid und eine nachgewiesene falscheidliche Aussage vor dem Gericht kann ihnen eine nicht unerheblichen Strafe einbringen. Sind sie mit einer Vereidigung einverstanden?“.

„Ick wees nicht, was ick dagegen einzuwenden hätte, ick sag hier nur die volle Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, wenn se verstehen wat ick meine, Herr Richter“.

„Ja das verstehe ich sehr wohl, und wenn der Staats­anwalt nichts dagegen hat, möchte ich sie bitten fortzu­fahren.“

Der Staatsanwalt nickte, Wolle-Neuberg hatte sich mit schlechtem Gewissen von Heinz abgewandt. Richter Schneider seufzte laut.

„Ick bin ja gespannt,“ murmelte Heinz leise vor sich hin, „bin ja gespannt wat jetz noch kommt.“

Atze atmete ein.

„Na, nu, also, dit ist ja auch so ein Typ, der Bilan Gülürük, der an den Koran glaubt und das alles, ich habe mir dann gedacht, ob der mit Heinz nicht vielleicht unter einer Decke steckt, so, als ick durch den Kanal gegangen bin, und dit war´s dann schon irgendwie, ick wollte erst mal zu dem Ort, an dem die beiden innen Kanal gegangen sind nachkontrollieren ob die da überhaupt losgelatscht waren. Und, als ick da ankomm, da gibt es plötzlich einen Knall, dit könn sie sich nicht vorstellen. Ick dacht mir noch, Mensch Atze, dit ist ja wie im Krieg, und hab aber schnell reagiert und mein Kopp geschützt. Na nu, den Rest kenn sie ja selber. Ick vermute ja, dat der Bilan so von der Hamas oder von die PKK einer ist, und der da gemeinsame Sache gemacht hat. Der Kollege Korritke, der war ja auch ganz überraschend krank geworden, weil der nämlich in einer Pizzeria sich den Magen verdorben hat, und ick schwöre ihnen, dit ist ´n türkisch geführter Laden gewesen, die haben ihm irgendwie da wat reingemischt und wussten genau, dass ick dem Heinz dann den Gülürük zuteilen muss, die stecken doch alle unter einer Decke, dit weiß ick aus Erfahrung“.

„Sie sollen hier keine Spekulationen anstellen, Herr Langbein, sind sie mit ihrer Aussage nun fertig?“

„Fertig, Herr Richter“.

„Gut, Schluss für heute, die Verhandlung geht morgen weiter“.

 

 

IV

 

 

„So ein verblödeter scheiß hier eye“.

Anke fluchte. Die Schraube war eingerostet. Seit bestimmt zehn Minuten versuchte sie, die eingerostete Schraube an dem Auto, dessen Auspuff defekt war, zu lösen. Aber es gelang ihr nicht.

Anke war bei Ali, ihrem Arbeitgeber, bei dem sie manchmal in der Kfz Werkstatt auf einem düsteren Neuköllner Hinterhof schwarz arbeitete. In ihrem Beruf, Kfz-Mechanikerin, den sie vor Jahren in Ost­berlin gelernt hatte. Heute klappte nichts, alles ging daneben.

Eine Stunde zuvor war ihr bei einem Ölwechsel das warme Altöl in den Ärmel gelaufen, bei einem Rad­wechsel hatte sie zwei Radmuttern abgerissen und nun bekam sie diese Schraube nicht gelöst.

Dabei war es gar nicht verwunderlich, dass sich die Missgeschicke so häuften, war sie doch ständig mit ihren Gedanken nicht so ganz bei der Sache.

Sie wischte sich ihre schmierigen Hände an einem ebenso schmierigen Lappen ab, legte den dicken Schraubenschlüssel auf ihr Werkzeugwägelchen und starrte vor sich hin.

Was sind dis nur für scheiß Typen, die meinen Heinz da so alle machen wollen. Oh, Mann, Anke, da hast du dir wieder was ausgesucht, oh ne, ist doch irgendwie alles total scheiße. Dabei haste dir gedacht, dass wenn de mit dem da mal,

-eigentlich hatt ich mir ja vorgenommen das nie wieder sagen zu müssen, nie wieder zu denken, dass alles total scheiße ist, aber jetzt, bin ich schon seit bald zwei Jahren am Warten, dass der rauskommt, mein Heinz,

-und was dann ist, oh Mann ey, ich hab Angst davor, vor dem was dann ist, wenn der rauskommt, und wir uns endlich lieb haben können, oder ob wir diese ganze. . . 

-diesen ganzen Mist hinter uns lassen können,

Sie fuhr sich kurz mit den Fingern durch ihre kurzen Haare, nahm den Schraubenschlüssel wieder auf und sprühte Rostlöser auf die Mutter

-Na, du Scheiß Mutter, vielleicht hilft dir das, aber du bist vielleicht genauso scheiße wie alle Mütter, Quatsch, alle Mütter können gar nicht scheiße sein, aber die da, die ist kacke, so wie die von Heinz, spart ´n Haufen Geld und hält ihren eigenen Sohn unterm Pantoffel, mit Mutterdruck, Heinz das arme Schwein,

-na ja, bin ja selber so´n armes Schwein, meine war ja auch nicht besser . . .

-was wird denn, wenn der Heinz rauskommt,

-oh geh endlich auf, du Scheiß Ding, sonst kill ick dir

-genau das sollte man machen, wenn man kann, aber meine eigenen scheiß Eltern konnt ich ja nicht killen, war ja  nix mehr da zum killen,

-so, also, wenn du nicht anders willst, dann halt so

Anke legte den Schraubenschlüssel aus der Hand und holte sich den Schneidbrenner, zwei Gasflaschen auf einem Stahlgestell mit großen eisernen Rädern.

So, jetzt geht es los, du verfickte Mutter, ts, ist auch noch ne selbstsichernde Mutter . . .

-selbstsichernd, genau, meine war so eine, ne selbst­sichernde Mutter, und mein Alter auch, als sie sich einfach verpissen wollten, ohne mich,

Gas zischte, Anke hielt ihr Feuerzeug an die Düse des Brenners, es knallte, aber die Flamme entzündete sich nicht.

-los mach schon, das kann ja wohl nicht wahr sein, magst du mich vielleicht auch nicht,

Es knallte noch mal.

„Anke, zünde mir meine Werkstatt nicht an“.

„Halts Maul Ali, heb dir deine Witze für später auf.“

Na nu mach schon, du verdammter scheiß blöder Schneidbrenner, ja jetzt, endlich, so, meine liebe Mutter, jetzt wird’s heiß für dich, kannst du dich warm anziehen, aber das nützt dir auch nichts.

Sie stellte den Brenner ein, eine blaue Flamme züngelte aus der zischenden Düse, die Zündflamme wurde orange und grün als Anke damit auf die vom Rostlöser besprühte, feuchte Schraube zielte,

-so meine liebe Mutter, jetzt geht’s los, 

-wärst de damals nicht einfach abgehauen in Westen, ohne mich, dann hätten dich diese blöden Grenzärsche vielleicht auch nicht erwischt . . .

-warum heißt es eigentlich Schraube und nicht Vater oder Stecker, den werd ich jetzt nämlich sein scheiß Schaft jetzt durchbrennen, dem Stecker-schrauben-scheisse-Gewindeschaft, und dann ist ein Teil davon immer mit der Mutter verbunden, nutzlos, tot, durch­gebrannt, eingerostet, aber verbunden, da habt ihr dann eure Scheiße, genau wie ich meine Scheiße hatte, damals, bei Oma . . .

-hör auf Anke, du machst dich noch ganz verrückt, hör auf.

Sie lies den Brenner sinken, die Schraube, die sie durchtrennen wollte glühte, unschlüssig stand Anke und atmete den Dampf des heißen Rostlösers ein,

Ich hab richtig Angst, das Ding da kaputtzumachen,

-dabei ist es nur ne scheiß Schraube, mit ner ollen verrosteten selbstsichernden Mutter dran, die ab muss, damit die Schelle, die das ganze Ding da zusammenhält -damit diese scheiß Klemmschelle da aufgeht und das blöde olle Auspuffrohr in Freiheit aufatmen kann,

-ob das Heinz ist? Das würd ich ja gerne wissen, Heinz, das freie befreite Auspuffrohr, das dröhnen soll.

-Heinz.

-Ich hab schon besser aussehende Typen gehabt, kann man wohl sagen, Prinzen, die mir das blaue vom Himmel herunter. . .

-mein Frosch, der Heinz, oder kein Frosch, ist so wie er ist, nicht richtig schön, so hässlich aber auch nicht,

-das ist die Liga, Anke, das ist die Liga in der du spielst, nicht gerade Bundesliga . . .

-so ein scheiß, der lügt ja wie gedruckt, dieser Atze, dieser krass dämliche Bumstourist, dieser dummdreiste Fett-arsch, dass ich so jemand noch treffen muss, und mein Heinz mit ihm zusammen, in Thailand, mit so nem Mega-Fett-Arsch, na ja,

-scheiß Auspuff muss weg, weg damit, nen neuen ran, dass der Kunde zufrieden ist, und Ali . . .

-wenigstens arbeite ich wieder, wenn ich auch ständig aufpassen muss, dass die Bullen hier nicht reinschneien und mich kontrollieren . . .

-so wie Oma, die ganze Zeit kontrolliert, am Anfang, eine Woche nach meinem zehnten Geburtstag, ich weiß noch wie heute, pass auf Anke, kuck die Jungen nicht so an Anke, lange Röcke leben länger als kurze, mein Gott, all diese Scheiße, deine Mama und dein Papa haben´s nicht geschafft, wirst sie so bald nicht mehr sehen, wurden von hinten mit nem Gewehr, nem Grenzgewehr . . .

Die Brennerflamme durchschmolz das verrostete Metall, funkensprühend mit lautem Puff landete die in der Mitte durchgetrennte Schraube mit der fest­gerosteten Mutter an einem Ende auf dem Werkstatt­boden. 

-So, der Mist ist ab, das ist ja ´n oller Auspuff, das Rohr sieht auch nicht mehr okay aus, oben alles top, bei der Scheißkiste, alles geputzt, poliert wie blöde aber unten, wenn man genauer hinkuckt, allet verrottet,

-verrottet, komisches Wort eigentlich, die Leiche in dem scheiß Keller, am Unterboden, die totgefahrenen Katzen und Igel, was mögen die bloß gedacht haben, als sie den Unterboden gesehen haben, in dem Augen­blick, vielleicht: ´Oh, ist doch gar nicht mehr so schön der Wagen, wenn man ihn von unten sieht` und dann flutsch, knurksch, vorbei, letzter Gedanke, ´oh, vielleicht doch nicht so schön´, verrottet, wie dieser scheiß olle Staat, den die Beiden ohne mich verlassen wollten. 

-Anke, das kiffen bei der Arbeit musst du ein für allemal sein lassen, so viele Joints der Ali auch rüber­reicht, das nächstemal sag ich nein, einfach lassen, Anke, ja . . .

-Mann, Ich würd jetzt gern im Arm von Heinz liegen, hoffentlich geht das gut, wie die nur drauf kommen, dass der ´n Terrorist sein soll . . .

-Bullen sind einfach blöd, kann man nicht anders sagen, und dieser West-Stasi Arsch, das war ja ´n ab­gefahrener Typ, mein lieber Mann, also so was von scheiße . . .

-hätte die Aussage von diesem blöden Atze gerne selber gehört, was mir ´Anwalt´ erzählt hat, war ja echt ´n scheiß Stoff,  na ja, wird schon gutgehen, wie mir ’Anwalt´ gesagt hat . . .

-so jetzt kriegt er sein neuen Auspuff, auf den alten drauf, dass der blöde Besitzer sich wieder unterhalten kann in seiner Scheißkiste, wieder langsam leise gleitend mit zufriedener Fresse über die grünen Hügel cruisen kann, mit Sonnenbrille wahrscheinlich . . .

-übermorgen bin ich dran, hoffentlich kann ich Heinz helfen, wenn der die Kohle von seiner Mutter kriegt, ist der ´n reicher Mann eye, ´n money Mann . . .

-aber kriegt er bestimmt nicht, glaub ich lieber nicht dran, und wenn, vielleicht interessiert er sich dann auch gar nicht mehr für mich,

-halts Maul, Stimme, wirst du dann schon sehen, so einer ist er nicht der Heinz. . .

Anke schlug mit mehreren Hammerschlägen die Schelle von dem befreiten Auspuffrohr.

 

„Also, ich kann, oder vielleicht besser gesagt: konnte, -konnte bisher keine kriminelle Energie bei ihm er­kennen. Es ist durchaus so, dass Herrn Kruppke ein Defizit hat, nämlich ihm die Fähigkeit fehlt, auf plötzlich auftretende Schwierigkeiten, kognitiv zu reagieren . . .“,

„Moment, das müssen sie uns bitte erklären, Doktor Mettmann“.

„Lassen sie mich das so erklären: Es passiert etwas Unvorhergesehenes, Herr Kruppke will darauf in der ihm adäquaten, also in der für ihn geeigneten Art und Weise darauf reagieren oder handeln, aber ihm fehlen plötzlich die Möglichkeiten das umzusetzen, seine Ge­danken sind wie weggewischt, sein Gehirn auf einmal wie leergefegt. Er fühlt sich nur noch schuldig, das ist sein Problem. Denn, die wirkliche Schuld, soweit wir in diesen Zusammenhängen von Schuld sprechen können, gibt es ja nicht wirklich, es ist nicht die Schuld von Herrn Kruppke, dass Kanalreinigungsroboter nicht richtig funktionieren, man hat ihn ja  schließlich nicht richtig eingewiesen“.

„Das wurde auch nie behauptet. Tatsache ist doch, Herr Doktor, dass das die Tarnung von Herrn Kruppke ist, der ist doch viel schlauer als er sich gibt. Man hätte eine Person, die mit so sensiblen Geräten arbeitet, länger und intensiver anlernen sollen, das steht außer Frage und wird ja auch von der Staatsanwaltschaft nicht bestritten. Jedoch es ist doch ein ganz anderer Umstand, der uns interessiert:

Wir stehen hier vor einem Mann, der durch Ungeschicklichkeit seine kriminellen Tätigkeiten zu vertuschen sucht, der, von seiner verstorbenen Mutter instruiert, offensichtlich sein ganzes Dasein sein ganzes Selbst mit destruktiven  Aktivitäten verknüpft, seine ganze Gesellschaftsfunktion in der Vernichtung von demokratischen Einrichtungen begreift. Ist es nicht so?“.

„Einspruch. Das ist zu dick. Heinz Kruppkes Schuld ist nicht bewiesen“.

„Herr Staatsanwalt, wenn dann bitte: ´Könnte es nicht so sein`“.

„Gut, sie haben recht, könnte es nicht so sein, Doktor Mettmann?“.

„Nein. Ich konnte keinerlei kriminelle Energie bei Herrn Kruppke feststellen. Auf jeden Fall, nicht in diesem Ausmaß, ich möchte mich jetzt nicht dafür verbürgen dass Herr Kruppke nicht schon den einen oder anderen Ladendiebstahl getätigt haben könnte, aber, auch wenn er die intellektuellen Fähigkeiten dazu hätte, würde doch eine derartige Täuschungsfähigkeit auf eine Persönlichkeitsspaltung hinweisen, da kann ich dann ganz und gar nicht zustimmen, meines Erachtens ist Herr Kruppke weder schizophren noch multiple“.

„Da könnt da mal sehn. Ick bin eben keen schizo,“ sagte Heinz laut dazwischen.

„Herr Kruppke, auch sie: bitte sprechen sie nur, wenn sie dran sind, nicht, sonst werd ich noch ganz verrückt hier, wenn hier immer alle dazwischenquatschen, nicht wahr“.

Der Staatsanwalt stand auf, strich einen Fussel von seiner Jacke.

„Wäre es denkbar, dass Herr Kruppke entgegen seiner Äußerungen hier vor Gericht, also wäre es möglich, dass er über die Spionagetätigkeiten seiner Mutter Be­scheid wusste.“

„Darüber kann ich ihnen keinerlei Auskünfte geben“.

„Hat er denn jemals über den Propheten gesprochen?“.

„Herr Staatsanwalt, sie wissen genau, dass ich an eine Schweigepflicht gebunden bin, und nichts Vertrau­liches über meine Patienten berichten darf!“

Heinz wunderte sich. Obwohl er genau wusste, dass Doktor Mettmann nichts über die therapeutischen Gespräche der letzten eineinhalb Jahre bekannt geben durfte, so erstaunte es ihn doch, dass der das nicht tat und offensichtlich ganz auf seiner Seite stand. Diese Situation war für ihn ungewöhnlich. Jemandem Fremden vertrauen zu können. 

Der hält zu mir.

-Wie ist det? Wenn du dich selber ernst nimmst, wenn de allet was de machst okee findest und nicht denkst, dass det so wieder irgendeener richten wird, denn ist der erste Berg schon geschafft. So hat der Doktor det auf jeden Fall gemeint. Der bleibt mir auf jeden Fall erst mal, der Mettmann, auch wenn ick sitzen muss, der bleibt mir, det hat der mir selber gesagt . . .

-Ick fühl mir so müde, ick kann schon gar nichts mehr denken, ick glaube ick könnt auf der Stelle mich hinlegen und einschlafen. Hoffentlich glauben die dem Atze nicht. Det ist ja vielleicht ne´ Perle, der Kerl, ick sollt mir mit nem Turban-Typen getroffen haben, warum erfindet der denn einfach so wat, ist det ´n kaputter Typ. . .  .

So sehr sich der Staatsanwalt auch anstrengte, Doktor Mettmann war nichts Nachteiliges über Heinz zu ent­locken.

So nett sie hier ja auch alle sind, Heinz, det sieht über­haupt nicht so gut aus für dich . . ..

-Ganz handfeste Beschuldigungen sind det, lässt sich nicht verleugnen, die haben mir da so richtig inner Zange. Dabei kann ich ja auch nichts dafür, dass ick so bin wie ick bin, ja, gut, ick fühl mir schon ein bisschen schuldig, det ick da die blöden Roboterdinger einfach weitermarschieren hab lassen, aber ick musste mich doch um det Menschenleben da kümmern, ick hätt den Bilan da ja auch nicht verrecken lassen können in dem Kanal . . .

-na ja, wär wahrscheinlich schon besser gewesen die Leitstelle da anzurufen, aber ausgerechnet Atze hätt ick da am Apparillo gehabt. . .

Det war ja wieder mal eene typische Verkettung von unglücklichen Umständen, mein lieber Scholli, na ja, vielleicht wird ja alles gut und ick krieg sogar noch det Geld von Püppi´s Spionage und kann mir mit Anke. . .

-ach was Heinz, vergiss es, wenn de zwei Jahre kriegst und keen Geld, nur ´n paar Millionen Schulden, ick gloob denn hab ick voll Glück gehabt, wenn ick mir mein Leben so ankieke und das Glück zusammenrechne das ick bis jetzt schon so gehabt habe. . .

-Wär det wahrscheinlich voll der Lottogewinn. . .

-Mann o Mann, ´n paar Millionen in der Kreide, da brauch ick mir keen Job mehr suchen, und alles weil die alle denken ick wär ein Terrorist,

-ick habe ja so eine Angst, die bleiben dabei.

Ein Terrorist, ein Spion, n´ Gewaltverbrecher.

Icke?

Ick bin doch gar nicht Schuld. Aber ick fühle mir schön langsam schon schuld. Bin ick aber doch nicht . . .

„HERR KRUPPKE, bitte, hätten sie etwas dagegen einzuwenden?“.

„Wat´n nu?“.

„Ich habe ihnen eine Frage gestellt. Das dreht sich hier alles um sie, nicht wahr, also ein bisschen mehr Auf­merksamkeit bitte“.

„Heinz,“ zischte Wolle-Neuberg.

Heinz schwindelte, seine Angst steigerte sich. Er versuchte verzweifelt nach einer Antwort, obwohl er die Frage überhaupt nicht mitbekommen hatte.

„Na, nu, na also, also, wenn se meinen, genau wees ick jetzt och nicht, was ick dazu sagen soll. . .“.

Er bekam Kreislaufschwäche, die Fensterrahmen des Gerichtsaals ließen ihre Linien fallen, das Gesicht des Richters wurde zu einer teigigen Masse und die beiden Löwen, die in das Eichenholz des Richtertisches ge­schnitzt waren, begannen ihn anzuknurren.                              

Alles drehte sich und ein Alptraum stürzte mit grauen­vollem Lachen auf ihn zu, der Bildausschnitt ver­dunkelte sich zeilenweise, nein, jetzt kommt det schon wieder, dachte er sich noch kurz, aber der Drang von der Realität schwinden zu müssen, war zu unwider­stehlich, als dass er sich dagegen hätte erwehren können.

Heinz war schon fast ohnmächtig, da fühlte er eine Hand auf der Schulter, eine Hand, aus der offensichtlich Energie strömte.

Anke hatte sich über das Holzspalier, das den Zuschauerraum von der Anklagebank trennte, ganz vorgebeugt, sie lag bereits langgestreckt zwischen dem Spalier und Heinz Stuhllehne, hatte sich mit der linken Hand an der Stuhllehne des Angeklagten fest­gehalten, ihre Schienbeine auf dem Geländer, mit letzter Kraft hatte sie nach Heinz´ Schulter gegriffen.

Anke drückte sie und legte die ganze spirituelle Kraft ihrer Seele in diese Berührung. Es funktionierte, Heinz wachte langsam wieder auf, während Ankes linker Arm erlahmte und sie mit lautem Knall hinter Heinz zu Boden stürzte.

Richter Schneider rang keuchend nach Fassung.

„Dass ich das noch erleben darf,“ murmelte Wolle Neuberg trocken, und Heinz reagierte sofort. Er stand auf um Anke auf die Beine zu helfen. Zum Gericht gewandt sagte er:

„N´tschuldigung, habe ick ebend echt nicht mitge­kriegt, was sie mir da gefragt haben, muss wohl ´n Moment abwesend gewesen sein.

Hast du dir weh getan?“

Anke kam wieder auf die Beine, ihre Gesichter waren sich ganz nah. „Danke, ick hab dir ganz lieb“ flüsterte Heinz und Anke konnte nicht anders und küsste Heinz auf den Mund.

Die Zuschauer klatschten, Richter Schneider schnaubte.

 „HERR KRUPPKE! Was haben sie denn mitge­kriegt?“.

„Garnüscht“.

„Heinz reißen sie sich bitte zusammen“, zischte Wolle-Neuberg.

Doktor Mettmann grinste vor sich hin. Wie im Film, dachte er, wie in einer kitschigen amerikanischen Komödie. Der Staatsanwalt war völlig entsetzt.

„Ich verlange, dass diese Person sofort entfernt wird“.

„Ne, Anke bleibt hier“.

„Herr Kruppke ich glaube nicht, dass sie in der Position sind, hier Forderungen stellen zu dürfen“, brüllte der Staatsanwalt mit puterrotem Gesicht.

„Ich unterfreche. . .tschuldigung, unterbreche jetzt mal, nicht wahr“.

„Nein, das geht nicht Herr Richter, sie können doch jetzt nicht schon wieder unterbrechen“

„Ich lasse mir doch von einem Staatsanwalt nicht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe“.

„Sie können doch nicht ständig die Verhandlung unter­brechen“.

„Entschuldigung“ unterbrach Heinz, er hatte immer noch Anke im Arm, „also von mir aus könn wa gerne weitermachen. Worum geht’s denn, ich meine, Ent­schuldigung, ick war mal kurz. . . aber ick bin wieder ganz Ohr.“

Es entstand eine Pause, wie in einem Zeitloch verharrten alle Anwesenden, bis auf Heinz, der Anke leise zuflüsterte:

„Setzt dir mal lieber wieder hin“.

Der Staatsanwalt ergriff als erster das Wort.

„Nun, Herr Kruppke, wir hatten den Herrn Therapeuten gefragt, was denn . . . 

Nein, also die Frage war, ob er denn sagen könnte, dass sie eine außergewöhnlich enge Beziehung zu ihrer Mutter gehabt hätten, und es ging darum, dass er sagte, er könne eine Auskunft darüber nur dann geben, wenn sie dem Zustimmen würden“.

„Sie drücken sich aber immer kompliziert aus Herr Staatsanwalt. Klar kann der det. Ick geb meine Zu­stimmung. Ick hab meene Mutter geliebt, und sie war nicht einfach. Ick war det einzige wat sie hatte, verstehn sie, und so war det, mit allem wat so dazuge­hört.“

Nach längerem hin und her wurde die Aussage von Doktor Mettmann ein wenig präzisiert, wobei kaum einer verstand was er sagte, denn der Psychologe be­nutzte plötzlich nur noch Fachchinesische Begriffe. Nachdem sich der Staatsanwalt mehrere Wörter ge­nauer erläutern hatte lassen, gab er es schließlich nach dem dritten Satz von Doktor Mettmann auf, und ließ ihn dozieren. 

Anschließend, als einer der Beisitzer begonnen hatte laut zu Schnarchen, unterbrach Richter Schneider die Ver­handlung endgültig und entließ den Zeugen.


V

 

 

Eine kühle Brise strich durch die dunkle Straße.

Wolle-Neuberg fröstelte leicht. Er war müde, es war bereits Mitternacht, und er war eine halbe Stunde zu früh bei dem konspirativen Treffen dieses geheimnis­vollen Zeugen.

Schon seit zwei Monaten zog sich nun Heinz Ver­handlung dahin.

Es stand mittlerweile fünfzig zu fünfzig. Heinz hatte alle Sympathien der Bevölkerung, die den Fall in den Medien verfolgen konnte, auf seiner Seite. Demgegen­über standen die belastenden Aussagen von Atze Langbein und Joseph Kurzmaier.

Wolle-Neuberg empfing jeden Tag Waschkörbeweise Briefe mit Sympathiekundgebungen für seinen Mandanten. Aber das half nicht viel, denn die Aussagen von Heinz Hauptentlastungszeugen waren bis jetzt ziemlich unbrauchbar.

Viertel nach zwölf.

Wolle Neuberg klingelte an der Tür des Hauses, bei Verena´s Lustgarten. Sein Gesprächspartner wollte unerkannt bleiben und hatte sich mit ihm in diesem Etablissement verabredet. Der Anwalt fand das eine mehr als merkwürdige Wahl, aber Mister X hatte in seinem Brief etwas von ´für ihr Mandat hoffnungs­vollen Aspekten` geschrieben.

Heinz´ Anwalt wartete mit klopfendem Herzen.

„Ja, bitte, was kann ich für sie tun?“ Hauchte ihm eine tiefe Frauenstimme aus der Sprechanlage entgegen.

Wolle-Neuberg bückte sich umständlich und zischte leise das Codewort: „Gänseblümchen“ in die Sprech­anlage.

„Du musst lauter sprechen, Süßer, trau dich, aber heute bin ich nicht so, komm. . . komm in meinen Lust­garten.“

Ach du Scheiße, das fängt ja gut an, dachte er und schluckte. Das laute metallische Brummen des Tür­summers lies ihn zusammenfahren und Wolle Neuberg verpasste es, noch rechtzeitig die Tür aufzudrücken. In dem gleichen Augenblick als er sich dagegen geworfen hatte, hörte der Summer wieder auf und er schlug mit der Nase gegen den Aluminiumrahmen.

„Scheiße!“

Er klingelte noch mal und rieb sich sein schmerzendes Geruchsorgan.

„Ich mag Männer, die nicht so schnell kommen“ gurrte es aus dem Lautsprecher.

Diesmal dachte er nur noch: Oh Gott, drückte auf die summende Tür und ging zur Treppe.

Als er sich bereits im ersten Stock befand, summte die Tür immer noch.

„So lange geht es dann auch nicht“ brummelte er missmutig, und klopfte an die mit Plastikblumen dekorierte Eingangspforte von Verenas Lustgarten.

Eine hochhackige Blondine mit schrittfreier Unter­wäsche öffnete ihm die Tür. Grelle Farben brüllten ihn an, der Flur war in Schwarzlicht getaucht, die Blondine trug phosphoreszierendes Make up, knallrot leuchtende Volants hingen an den Wänden.

„Komm rein“ sagte sie, drehte sich um und wackelte beim Gehen mit dem nackten Hintern, als ob sie ein Perpendikel im Rückrat eingebaut hätte.

Er kam in einen rot beleuchteten plüschverkleideten Salon, in dem mehrere Damen in ähnlich dürftiger Aufmachung bereit saßen (eine war sogar ´Nackt natur`).

Wolle Neuberg begab sich an die Bar, und bevor die Blondine begann Luft zu holen, sagte er noch mal laut und deutlich: “Gänseblümchen“. Verena sah ihn kurz an und nickte, die Mädchen auf den Sofas entspannten sich, begannen zu schnattern.

Er wurde in eine gleißend helle (er musste die Augen zusammenkneifen), vollverkachelte, schmutzige Tee­küche geführt.

„Kaffee?“ Fragte Verena in schroffem Ton. Wolle-Neuberg nickte.

 „Gänseblümchen kommt bestimmt gleich“ sagte sie mit knapper Stimme, und Wolle-Neuberg begann Gefallen an ihr zu finden. Die Kaffeemaschine fauchte zu Ende und sie reichte ihm eine mit zäher Flüssigkeit gefüllte goldrandverzierte Biedermeiertasse, dazu Zucker und Dosenmilch.

Du musst dir das alles einprägen, schoss es Wolle-Neuberg durch den Kopf. Sie ließ ihn allein. Er wartete.

Zwölf Uhr fünfundzwanzig.

An der Wand hing eine laut tickende Küchenuhr, die sich von Zeit zu Zeit mit lautem Geräusch selbst aufzog. Sonst war es kein Geräusch mehr zu hören, nur das laute Ticken der Uhr ließ die Stille noch unerträglicher erscheinen.

 

Kalle fluchte leise vor sich hin. Er fuhr schwitzend mit seinem Mountain Bike durch Kreuzberg, in voller Aus­rüstung, Biker Schuhe, Biker Hose und Biker Jacke. Irgendetwas klapperte. Kalle konnte es nicht leiden, wenn etwas klappert. Außerdem lenkte ihn es davon ab, sich ganz auf positives Denken zu konzentrieren.

Er blieb stehen, stieg ab und sah nach.

Ein bärtiger Stadtstreicher, der zufällig mit einer Dose Bier in der Hand des Weges ging, kam auf ihn zu.

„Na, quietscht wat?“

Kalle hob den Kopf.

„Ne, klappert“.

„Ach so, klappert. Na ist beschissen, wa. Hast de dir so ´n teuret Rad zugelegt, und jetzt klappert det, wa. Na det ist ja wohl ein Scheiße.

Sag mal, ne Zigarette hast de nicht, wa?”.

“Nö. Ich rauche nicht mehr”.

“Ach so, na denn. . .”.

Er ging weiter.

Kalle wurde nachdenklich. Sofort hatte er wieder Heinz im Kopf. Genau so hatte er ihn damals kennen­gelernt. Kalles eigene Suchtentwöhnung hatte noch nicht so weit zurück gelegen, er war noch zuversicht­lich gewesen in dem Glauben, die Menschen ändern und zum Besseren bekehren zu können. Damals hatte er Heinz Aufnahme in seiner Anonymen Alkoholiker Gruppe organisiert, seitdem fühlte er sich für ihn ver­antwortlich.

Morgen würde er als Zeuge aussagen müssen.

Bei Heinz.

Bei Heinz´ großem Prozess.

Er setzte sich an den Bordstein und starrte vor sich hin.

Heinz.

Was für ein Typ.

Und warum mochte er ihn so, immer noch, brauchte ihn so.

War das so, dass Heinz ein lebendiges Negativ von ihm selbst darstellte?

Er starrte auf eine seiner Tätowierungen.

Ich fühl mich so verantwortlich für den Kerl!

Er lies die Muskeln spielen und der tätowierte Adler verbog die Flügel.

Der ist dein zweites Ich, und wenn ich mich nicht mehr um ihn kümmere, dann fällt das auf mich zurück. Dann habe ich versagt, dann bin ich plötzlich der Pechvogel. Heinz, mein lieber Mann, ich brauch dich. . .

Wird schon gut gehen. . .

 

Tick tick tick, tschlack, tick tick tick.

Die Küchentüre öffnete sich und ein schlanker Mitt­vierziger mit auffällig neuen Jeans und neuer Bomber­jacke (das Preisschild war noch zu sehen) setzte sich zu Wolle-Neuberg an den Tisch.

Sie schwiegen beide eine Weile.

Tick tick tick.

„Guten Abend,“ sagte Wolle-Neuberg höflich, mit leichtem Zittern in der Stimme.

Der Mann zog eine zerknautschte Zigarettenschachtel aus der Tasche und zündete sich eine an. Er musterte Wolle-Neuberg kurz.

„Guten Abend. Sie werden sich sicherlich fragen, wer ich bin, und was das für ein geheimnisvolles Treffen ist. Zunächst: Dieses Treffen bleibt unter uns. Alles was ich ihnen sage, habe ich nie gesagt, alle Mädchen hier können bezeugen, dass ich heute Abend mit Janina auf dem Zimmer war und bedauerlicherweise vorzeitig Ejakuliert habe. Daraufhin werde ich sie dann ge­schlagen haben, und sie wird dann deshalb einen großen Bluterguss unterhalb des rechten Auges be­kommen haben“. Er räusperte sich.

„Sollten sie verkabelt sein

-nützt nichts, denn der Raum ist abgeschirmt- sie müssen mir also vertrauen.

Können sie aber auch.“

„Wollen sie sich denn nicht zu erkennen geben?“

„Ich bin kommandierender General des M.A.D., Sektion Berlin. Ihren Mandanten kenne ich. . .“ er öffnete den Mund, zog die Unterlippe nach hinten und zeigte seinen Oberkiefer, der mit einer makellosen weißen  Zahnreihe a ´la Jack Nickelson bestückt war, „weil ich durch ihn zu einem nagelneuem Gebiss ge­kommen bin.“

Er wartete einen Moment.

„Ich war der Fahrer des Smart, und bin, so peinigend die Zahnarztbesuche auch waren, Herrn Kruppke dankbar für den damaligen Vorfall. Die Implantate wurden mir nämlich als Dienstunfall von meiner Be­hörde komplett erstattet.

Gut, soweit dazu. Deshalb möchte ich ihm helfen.

Also, ihr Klient, Herr Kruppke ist mit Sicherheit un­schuldig. Aber das werden sie selbst wissen, da könnte man auch auf den Lauf der Gerechtigkeit warten. Ich habe mir vorgenommen, diesen zu beschleunigen.

Sie können jetzt mitschreiben“.

„Moment, M.A.D., das ist ja militärischer Abschirm­dienst, was äh, haben sie denn mit der inneren. . .“

„Wir kontrollieren gerne die Arbeit des Innen­ministeriums, verfügen über eigene Informationsbeschaffungsstellen und haben ganz gerne ein Auge darauf, wenn zwielichtige Gestalten wie Herr Kurzmaier ihren Finger auf staatliche Wunden zu legen versuchen. Aber das hat sie nicht weiter zu kümmern. Wie gesagt, ich werde ihnen helfen Licht ins Dunkel zu projizieren, aus was für einem Grund auch immer. Also, Herr Kruppke verfügte über keinerlei Geheim­kontakte, über keinerlei Kontakte zu irgendwelchen in Deutschland ansässigen islamischen Organisationen, weder zur PKK noch zu den Hamas oder El Kaida oder Abu Sahjaf und auch nicht zur Eta. Genausowenig zu irgendwelchen angestaubten Mitgliedern der RAF, nicht zur Action Direkt, nicht zu den roten Brigaden oder etwa zum Komando Rossa.

Es gibt eine Akte, über ihren Klienten, beim MAD, Aktenzeichen 173359, sie können diese Akte sozusagen beantragen, da sie kein Geheimmaterial enthält. ´Sozusagen`, denn ich habe sie gleich hier, dazu einen ´sozusagen` von ihnen gestellten Antrag, rückdatiert auf vier Wochen den sie mir unterschreiben müssen.“

Er öffnete die Tasche die er dabeihatte. 

Und nun weiter, zu Rosamunde Kruppke: Hier gibt es Be­weise, dass sie keine Spionagetätigkeiten getätigt hat, denn die Vergütung, von der bei Herrn Kruppkes Pro­zess gesprochen wird, war kein Agentenhonorar, sondern es handelt sich hierbei lediglich um besonders großzügige Unterhaltszahlungen von Heinz Kruppkes unerkannt bleiben wollenden Vater, einem US General, General S. Rowling.

Die Akte hierfür ist von der Gauck Behörde, die Staatssicherheit hat hier gut recherchiert. Auch die habe ich ihnen beschafft, auch dazu einen `sozusagen´ von ihnen verfassten Antrag, den sie ebenfalls unter­schreiben müssen.

Übrigens, das Geld wurde deshalb auf ein Schweizer Konto überwiesen, da Frau Rosamunde Kruppke die Annahme ablehnte und auch das Besuchsrecht unter­band. Meine persönliche Vermutung hierzu ist, dass sie sich der Verbindung entweder schämte, oder, was ich für wahrscheinlicher halte, hier ein Fall von Notzucht vorliegt. Was für ein schreckliches Wort, Not-Zucht, na ja.

Es gibt noch ein drittes Schriftstück, von dem thailändischen Geheimdienst, das ich ihnen hier nicht aushändigen darf, hierzu müsste das Gericht selbst Amtauskünfte beim MAD über Heinz Kruppke bean­tragen und der MAD würde dann unverbindlich darauf Antwort geben, dass Herr Kruppke keinerlei beab­sichtigte Staatsfeindliche Tätigkeiten in Thailand aus­geübt hatte und in keiner Verbindung mit Islamischen Terrorgruppen aus dem Phillipinischen Raum stand. Diese Dokumente sind allerdings nicht für die Öffent­lichkeit bestimmt.

So, damit wäre unser Treffen erledigt, und Joseph Kurzmaier nebst Vorgesetzten hoffentlich auch, bitte unterschreiben sie mir die Anträge.“

Wolle-Neubergs Knie zitterten stark, er war ganz weiß im Gesicht. Mit zitternden Händen holte er seinen Kugel­schreiber aus der Tasche und unterschrieb. Die beiden Schriftstücke steckte er in seinen altmodischen Aktenkoffer. 

Tick tick tick.

Der Mann stand grußlos auf, öffnete die Tür und Wolle-Neuberg hörte ihn „Janina, ich bin soweit“ rufen.

Tick tick tick schlack, Tick Tick Tick..

George Orwell lässt grüßen. Alle Daten haben sie, und sie Richten über uns wie es ihnen passt. Hauptsache sie bekommen ihre neuen Zähne umsonst.

Der kleine Anwalt verließ um Jahre gereift die Küche und ging stumme Schreie denkend nachhause.

 

„Ich lass mich nicht fotografieren. Keine Fotos. Keine Interviews.“

Kalle schob die Journalisten von sich. Heute musste er als Zeuge aussagen und die Presse hatte an ihm ein fast größeres Interesse als an Heinz.

Vor zwei Jahren, am Potsdamer Platz, hatte ein zufällig anwesender Fotograph einen Schnappschuss von ihm gemacht: Kalle, wie er mit seinem muskelbepackten Oberkörper und völlig zerrissenen Hemd einen Poli­zisten über seinen Kopf stemmt um ihn in den künst­lichen See des Platzes zu werfen. Dieses Bild war nach der Katastrophe um die ganze Welt gegangen.

Ein Journalist lies sich nicht einschüchtern und tanzte vor Kalle klickend hin und her.

„Na, wenn das mal gut geht“ brummte Heinz leise.

Kalles Gesicht wurde zorniger.

„So, Ruhe bitte und alle Fotographen und Journalisten verlassen jetzt bitte den Gerichtssaal“. Richter Schneiders Stimme klang streng.

Wolle-Neuberg saß stumm mit blutunterlaufenen Augen an seinem Platz. Es hätte heute eigentlich sein Glückstag sein sollen, er hatte sein Plädoyer bereits ge­schrieben, bis fünf Uhr morgens. Er hatte nicht ge­schlafen und im Moment ein Tief.

Richter Schneider hatte ebenfalls blutunterlaufene Augen, er hatte auch nicht geschlafen, denn er hatte letzte Nacht starken Durchfall bekommen.

Aber Krankfeiern kam für ihn nicht in Frage, denn heute war der letzte Tag der Verhandlung und wenn alles gutginge konnte er den Fall heute abschließen. Noch eine weitere Verzögerung hätte Richter Schneider um nichts auf der Welt ertragen können.

Kalle ergriff die Kamera des immer noch knipsenden Fotographen, nahm den Film heraus und schleuderte sie zu Boden.

„Na, det hab ick mir ja fast gedacht“ bemerkte Heinz trocken.

Richter Schneider stand auf atmete ein.

Mitten in die gespannte Stille, die durch Kalles un­erwartet aggressive Handlung entstanden war, erklang urplötzlich ein deutlich zu vernehmendes Anal­geräusch.

Richter Schneider lief Dunkelrot an. Er wusste nicht was er tun sollte, er hatte sich in die Hosen gemacht.

Ein Raunen ging durch den Gerichtssaal.

Da is jetzte wat mitgekommen dachte Heinz.

Richter Schneider setzte sich kurzentschlossen.

Ganz ruhig sagte er: “Alle Journalisten mögen nun sofort den Saal verlassen, und sie. . .“, er sah Kalle an, „sie, Herr Ostrowski, sie mögen sich bitte mäßigen. Ich warne sie, diesmal sehe ich noch über eine Anzeige wegen Sachbeschädigung hinweg, dieser Fotograph war doch zu dreist, aber ich warne sie, nicht wahr, be­herrschen sie sich“.

Damit hatte er sich entschieden, sein privates Problem auszusitzen.

Kleinlaut sammelte der Fotograph die herumliegenden Teile seiner Nikkon zusammen.

„Det hat er nun davon“ murmelte Heinz.

 Der Staatsanwalt stand auf.

„Nun, Herr Ostrowski, wenn ich mir ihre Vorstrafen wegen Landfriedensbruch und Gewalttätigkeiten so ansehe,“ er machte eine Pause, schüttelte den Kopf und sah Kalle an, „wundert mich diese Vorstellung von eben überhaupt nicht. Nun, Herr Ostrowski, seit wann arbeiten sie denn mit Herrn Kruppke zusammen?“

„Einspruch“.

„Stattgegeben“.

„Ich verweigere diesem Typen hier jedwede Aussage!“

„Was fällt ihnen ein“.

Der Richter lehnte sich zurück.

„Meine Herren, was sollen diese Spielchen? Ich will hier heute durchkommen. Dieser absurde Fall soll heute abgeschlossen werden. Nun Herr Ostrowski, wollen sie die Aussage verweigern?“

Wie aus Langeweile blätterte er in den Akten.

„Nun, wenn sie die Aussage, also nicht aussagen wollen, bitte. . .“

„Wenn ich von Heinz Rechtsanwalt befragt werde, werde ich natürlich Aussagen“

„Entweder oder, sie können sich das hier nicht Au. . .“

der Vorsitzende verstummte plötzlich.

„Herr Rechtsanwalt, ich sehe gerade, dass sie zwei neue Beweisstücke ins Spiel gebracht haben“

„Ach. . äh. . ja, genau, Herr Vorsitzender, habe ich bis­her noch keine Gelegenheit gehabt, das zu erwähnen, die Beweis. . .“

„Einspruch, die Beweisführung ist abgeschlossen“.

„Na nu mach aber mal halblang“, murmelte Heinz.

Wolle Neuberg rang nach Atem.

„Das sind eminent wichtige Beweisstücke, und ich be­antrage die sofortige Zulassung“

Der Richter brummte etwas unverständliches.

„Es handelt sich um eine Expertise des MAD über Heinz Kruppke und um einen Auszug aus Stasi Unter­lagen über Rosamunde Kruppke“.

Im Saal begann leises Gemurmel anzuschwellen.

„Und ich sage, die Beweisführung ist abgeschlossen“ rief der Staatsanwalt.

„Sag mal alter, du tickst ja wohl nicht richtig, sag mal mit dir da spielt wohl keener“, rief Anke dazwischen.

Das Gemurmel wurde lauter.

„Halten sie sich da raus, sie Nischenchaotin, sie stören den Lauf der Gerechtigkeit, spüren sie das nicht,  ich werde. . .“

Anke fasste in ihren Rucksack und hatte plötzlich ein Ei in der Hand. Bevor der Staatsanwalt überhaupt noch einmal Luft holen konnte hatte er das Huhn, das nicht sein durfte in flüssiger Form in seinem letzten verbliebenen Haaren kleben.

Die Zuschauer johlten.

Det wurd aber auch mal Zeit, dachte Heinz.

Anke stürzte nun nach vorne, übersprang die Ab­sperrung und stand vor dem Staatsanwalt. Sie riss seinen Aktenkoffer vom Tisch, alle Papiere wirbelten im Gerichtssaal umher. Staatsanwalt Müller griff sie sofort an, aber Kalle kam ihr zu Hilfe. Die Gerichts­beamten die aneilten wurden von Kalle mit einer schlichten Armbewegung abgewehrt.

Ein Tumult entstand im Gerichtssaal. Der Richter konnte nicht einmal mehr aufstehen, in der Angst, dass ihm so ein Malheur wie vorhin noch einmal passiert. Es gab eine Schlägerei, da sich mittlerweile auch die Zuschauer beteiligten.

Der Richter schlug mit dem Hammer so heftig auf sein Pult, dass dieser abbrach. Dann kam das Einsatz­kommando der Polizei und alle gewalttätigigen Personen wurden mit Hand­schellen abgeführt.

 

VI

(Sechs Monate später)

Heinz stand an dem verregneten Vorplatz der Frauen­justizanstalt Plötzensee. Große Pfützen spiegelten die trübe Frühjahrssonne.

Er holte Anke ab.

Anke war in einem Eilverfahren zu sechsmonatiger Haft wegen Körperverletzung in einem ganz besonders schweren Fall verknackt worden. Sie hatte, im Eifer des Gefechts, dem Staatsanwalt einen Kugelschreiber in den Oberarm gerammt.

Heinz scharrte mit dem Fuß auf dem Asphalt herum. Er selbst hatte großes Glück gehabt.

Heinz Kruppke war freigesprochen. Zwei Wochen, nach dem katastrophalen Vorfall im Moabiter Gericht, wurde seine Unschuld anerkannt, ohne dass sein Anwalt, Gerhard Wolle-Neuberg ein Plädoyer für ihn vorstottern hätte müssen.

Richter Schneider hatte sich, unter der natürlich unab­hängig unparteiischen Beratung des Berliner Justiz­senators, die Akten und Protokolle noch einmal vorge­nommen und -obwohl sie für die Katastrophe in der Öffentlichkeit ganz dringend einen “Schuldigen” ge­braucht hätten – es war schlicht nicht möglich Heinz Kruppke zu verurteilen.

Auch die Möglichkeit, während des Verfahrens noch gefälschte Beweise vorzulegen, um der Öffentlichkeit Handlungsfähigkeit zu beweisen, fiel weg, da der Fall Kruppke ohnehin so voll von zweifelhaften Gutachten und widersprüchlichen Geheimdokumenten war.

Joseph Kurzmaier wurde der erste Geheimdienstbeamte der Nachkriegzeit, der wegen groben Amtsmissbrauch fristlos aus dem Dienst des BND entlassen wurde. Kurzi ging zurück nach München und machte sich selbständig. Sein Sicherheitsdienst: Security for VIP´s lief mehr schlecht als recht, und er musste zwei Jahre später Konkurs anmelden. Kaum einer wollte von ihm beschützt werden, sein Name war bei Heinz Kruppkes Fall doch zu sehr beschädigt.  Als er damit Bankrott machte wurde seine Rente auf Lebenszeit verpfändet.

Atze Langbein bekam wegen des Meineids vor Gericht eine satte Geldstrafe, hundert Tagessätze zu je zweihundert Mark. Nie wieder würde er vor Gericht als Zeuge aussagen- das schwör er sich. Atze wurde bei den Berliner Wasser Betrieben in den Innendienst versetzt. Er durfte nun den ganzen Tag Beschwerdebriefe beantworten, und Wasserversorgungsanträge bearbeiten und wurde in Thailand zur unerwünschten Person erklärt.

So gesehen ging es ihm sehr schlecht. Er konnte in seiner Arbeit niemand mehr anbrüllen, bei seiner Familie war er „untendurch“, seine Frau erwägte ernsthaft, sich von ihm scheiden zu lassen und nach Thailand durfte er nicht mehr einreisen.

Atze musste bis an sein Lebensende drei mal am Tag irgendwelche Blutverdünnungspillen schlucken und durfte nicht mehr trinken. Als Spätfolge seines leichten Schlaganfalls hatte er immer noch diesen herabhängenden Mundwinkel. Bei Atze Langbein hatte der brutal sadistische Schutzengel von Heinz wirklich ganze Arbeit geleistet.

 

„Nu is er bestimmt schon da“. Irenes Stimme schnarrte. Im Hintergrund säuselte leise are you lonesome tonight von Elvis aus Irenes alter Rosita Stereoanlage.

Andächtig saßen sie da. Alle, bis auf Heinz.

Das heißt sogar noch mehr als alle, denn sie hatten ein Mitglied mehr in ihrer Truppe.

Doktor Mettmann.

Nicht als Ex Alkoholiker, sondern als Gruppentherapeut.

Das hatte Heinz noch eingefädelt.

Sie hatten ihn begleiten wollen dabei, Anke abzuholen, aber Heinz hatte abgewunken.

„Ne, dett mach ick alleene, die dreht mir ja durch, wenn ick da mit ner ganzen Mannschaft ankomme.“

Still saßen sie da schwiegen und dachten an ihren prominenten Freund. Die Bildzeitung hatte eine ganze Serie über Heinz gebracht.

Doktor Mettmann hatte organisiert, dass Anke zwei Tage früher als angekündigt entlassen wurde. So konnte sie Heinz vielleicht ohne Reporterscharen abholen.

„Ich würd die beiden gerne dabei sehen, das ist bestimmt ganz toll, so Heinz und Anke, sie sehen sich wieder, so eine junge Liebe. . .“schwärmte Rotraud.

„Na ich glaub der ist mit ihr auch ganz gern alleine“ warf Kalle ein.

„Ich hab das ja gleich gesagt, aus unserem Heinz, da wird noch mal was“ sagte Gerd und mit einem „Au“ ließ er die Zigarette fallen, die er gedankenverloren zwischen seinen gelben Fingern hatte abbrennen hatte lassen.

„Tja,“ meinte Doktor Mettmann, „ Tja, da können sie mal sehen, das Leben ist eben doch keine Einbahnstrasse“.

„Ich wär so gern dabei,“ Rotraud war den Tränen nahe.

 

Heinz biss sich auf die Innenseite seiner rechten Wange.

Er war wahnsinnig aufgeregt. Gleich würde Anke rauskommen und dann wird es irgendwann ernst werden für ihn.

Er hatte Angst, Angst vor ihren sexuellen Erwartungen und Wünschen.

Und vor allem: Die Angst, ob sie ihn denn auch noch liebt?

Anke war bereits an dem Schalter der Haftanstalt, an der ihr ihre persönlichen Dinge wieder zurückgegeben wurden.

Sie hatte ganz ähnliche Ängste.

Oh, Mann, ey, bin ich scheiße aufgeregt, ey, ick hoffe dis stimmt allet so wie dis is, ey, hoffentlich mag der mir noch. Hoffentlich holt der mir überhaupt ab, na wenn der dis vercheckt hat, na dann kann der aber was erleben, ey. . .

-oder dann kann er wahrscheinlich ebend nix erleben.

Oh Mann ey, scheiße, ey hab ick angst ey.

 

Heinz biss sich noch immer auf sein Wangenfleisch. Eigent­lich hatte er auf ganzer Linie gesiegt, bei dem Prozess. Der Anwalt hatte ihm zugesagt, dass das mit dem Geld von seiner Mutter, sehr gut aussieht. Heinz war ein gemachter Mann.

Wenn jetzte Anke mir och imma noch liebhat?

Er wagte es gar nicht, an so ein großes Glück zu glauben. So etwas hätte er sich nie erträumen können.

 

Da kam sie.

Langsam trottete sie dem Ausgang entgegen und wagte es nicht, nach vorne zu sehen. Dann gab sich Anke einen Ruck, hob den Kopf und blickte auf.

Da stand er, sie seufzte erleichtert.

Er holte sie ab.

Ein warmer Schauer durchfuhr sie.

Sie ging langsam durch das Tor. 

Heinz sah sie lange an: „Schön dat de wieder da bist.“

Anke sagte: “Ja”.

Sie dachte sich noch kurz: Eigentlich wär dis ja mein Text gewesen, ey.

Danach gingen sie schweigend nebeneinander her, Heinz trug Ankes Koffer, und sie trauten sich nicht, sich in den Arm zu nehmen.

Manchmal kamen ihre Ellenbogen wie zufällig aneinander und da beide diese Berührung genossen, passierte das immer öfter.

Ihre Schritte wurden langsamer.

Beide blieben vor einer großen tiefen Pfütze stehen (sie war so groß wie ein kleiner See) und betrachteten ihr Spiegelbild.

„Schönet Paar, wa?“ Meinte Anke.

„Det kannste aber glauben“.

Die Pfütze lebte, sie war voll mit Kaulquappen.

„Sag mal willste mal Kinder?“

„Weiß ich noch nicht, kucken wir mal was passiert, du weest ja, ick werd jetze mit allem fertig“.

„Heinz, Ich lieb dir, und wir passen einfach scheiße gut zueinander, schon mal optisch, findest de nicht?“

Er sah ihr Spiegelbild, ihre schwarzen abgerissenen Klamotten, ihren schiefgewachsener Eckzahn, die kurzgeschnittenen Haare und ihre martialischen Springer­stiefel.

Heinz wendete den Blick, er hatte Tränen der Liebe und des vergangenen Schmerzes in den Augen.

Und er spürte den warmen Kraftstrom, der aus ihren Augen quoll.

„Du hast recht“, sagte er, „aber jetzt wird mir det doch zu kitschig hier, las uns nachhause gehen“.

„Okay, Heinz, stimmt. Wo du recht hast, da haste scheiße noch mal, einfach Recht.“



[1] fried Rice=fritierter Reis