Die Ach- ziger

 

 

Herbert und Claudia sitzen beide beim Frühstück. Der Tisch ist zwar reichlich, aber nicht besonders ästhetisch gedeckt. Auf dem Tisch liegt die Butter im Papier, Wurst im Papier, eine Orangen­saftflasche steht auf dem Tisch, Käse (Hartkäse) ist in einer unansehnlichen Tupperwarebox. Eine Kaffee­maschinen­­kanne steht in der Mitte des Tisches. Claudia ist bereits fertig angezogen, Herbert noch mit Pantoffeln und im Mor­genmantel.

Verbissen, schweigend, streichen beide ihre Brote.

Herberts Brot leidet darunter, daß die Butter zu hart ist. Er legt das Gemenge aus Brotrinde und Krümeln mit Butter weg, greift zu seiner Zigarettenschachtel und zündet sich eine an.

 

CLAUDIA:             “Ißt du das nicht mehr?”

 

Er zieht betont ruhig von seiner Zigarette und sieht sie ruhig an.

 

CLAUDIA:             “Der Marlboro Mann, zieht und hat Sodbrennen        dann.”

HERBERT:            “Oh je. Hast du schlecht geschlafen? “

CLAUDIA:             “Ich? Wunderbar, warum? Ich hab nur dein dämliches Genöle jeden Abend im Bett satt, wenn du mal wieder deinen Ach so empfindlichen Magen kriegst.”

HERBERT:            “Heute werde ich nicht . . . jammern.”

CLAUDIA:             “Vergiß es.”

 

Annähernd synchron trinken sie beide von ihrem Kaffee.

 

HERBERT :       “Ich finde dein frustriertes Gezicke jeden Morgen          zum Kotzen. Kannst du dich nicht einmal beherrschen. Ich nehme ja sowieso schon Rücksicht und verhalte mich ruhig, aber morgens kann man bei dir einfach nichts richtig machen.”

CLAUDIA:         “Wenn ich mit dir am Frühstückstisch sitze und das Erste, was du machst, ist, daß du dir eine Zigarette anzündest, dann nervt mich das einfach, tut mir leid. Ich mache das ja auch nicht.”

HERBERT:        “Stimmt. Du rauchst dann regelmäßig im Bett, bevor du zum Frühstück gehst. Aber es ist immer dasselbe, weil daß deine Manien jemand anders auf den Wecker gehen könnten, das interessiert dich überhaupt nicht, aber hören wir auf zu streiten, das ist nämlich das Einzigste wa… “

CLAUDIA:             ” Das Einzige.”

HERBERT:            “Hab ich doch gesagt.”

CLAUDIA:             “Nein. Du hast das Einzigste gesagt, das sagt man so nicht.”

HERBERT:            “Warum?”

CLAUDIA:             “Weil das grammatikalisch falsch ist.”

HERBERT:            “Da lach ich doch. . .  .”

CLAUDIA:             “Schau doch nach. Außerdem hab ich dir das schon letzte Woche erklärt, nein, ich habe es dir sogar im Duden selbst gezeigt.”

HERBERT:            “Das kannst du deiner Großmutter erzählen.”

CLAUDIA:             Doch. Das war letzte Woche Freitag, gerade als         Lindenstraße in der Glotze lief.” 

HERBERT:            “Das stimmt nicht. Da gings um einzigartig.”

CLAUDIA:             “ICH weiß es noch ganz sicher wie es war. ICH         hab kein so’n Kiffergedächtnis wie du, ICH weiß es noch ganz genau. Du hast nämlich gesagt, das ist der einzigste Schauspieler der ganzen Serie, den ich gut finde und ICH hab dann gesagt, der Einzigste, das gibt es nicht.”

HERBERT:            “Den.”

CLAUDIA:             “Wen?”

HERBERT :           “DEN gibt’s nicht, nicht DAS gibt’s nicht.”

CLAUDIA:             “In dem Fall heißts das gibt’s nicht, es geht ja um das Einzis…Einzige.”

HERBERT:            “Du langweilst mich.”

CLAUDIA:             “Du langweilst mich schon lang.”

HERBERT:            “WIE lang.”

CLAUDIA:             “Ach laß mich doch in Ruhe.”

HERBERT:            “AH, die gnädige Dame will ihre Ruhe haben. Meckert ja wirklich so lange herum, bis sie endlich die Gelegenheit bekommt, sagen zu können, (nachäffend) ‘Ach laß mich doch in Ruhe’, du hast wirklich eine dermaßen perfide Art, wie du einem das Frühstück vermiesen kannst, das ist nicht zu fassen.”

CLAUDIA:             “Ach leck mich doch. . .  .”

HERBERT:            “Gerne.”

CLAUDIA:             “Nie weißt Du, was man dir gesagt hat. Da kann man sich genausogut mit dem Kühlschrank im Schleudergang unterhalten. Jedes Küchengerät kann mehr Daten speichern wie dein dämliches Spatzengehirn.” 

HERBERT:            “Ein Kühlschrank schleudert nicht.”

CLAUDIA:             Das hab ich nur so gesagt.

HERBERT :           Okay. Gut, okay. Du hast recht. Ich kann mir nichts merken. Ich habe eben eine andere Realität als du. ICH weiß, was ich gesagt habe, DU weißt, was du gesagt hast, ist doch in Ordnung.”

CLAUDIA:             “Das ist überhaupt nicht in Ordnung, weil das immer so ist.”

HERBERT:            “Na und, dann ist das halt immer so. ICH kann         das akzeptieren, aber DU scheinbar nicht. Außerdem gibt es das gar nicht, daß du immer recht hast, rein statistisch logisch geht das gar nicht. DU behauptest immer, alles ganz genau, jeden Schnee der letzten fünf Jahre völlig detailgemäß noch im Kopf zu haben. Das nehm ich dir einfach nicht ab.”

CLAUDIA:             “Fünf Jahre, solange kennst du mich noch gar nicht.” 

HERBERT:            “Zwei Jahre. Aber ich weiß nicht, was vorher war.”

CLAUDIA:             “Immer muß ich mich von Dir so blöde anmachen    lassen. Ich kann nichts dafür, daß du ein schlechtes                  Gedächtnis hast. Manchmal         denke ich bei Dir stimm…”

HERBERT:            “-. . . Sag mal, du hast doch ne Macke. Du hast          doch`n  Klops am Kopf. Bei Dir stimm .-”

CLAUDIA:             “-. . . Ich hab kei. . . -”

HERBERT:            “-. . . Laß mich ausreden. . . -”

CLAUDIA:             “- . . . Du läßt mich ja auch nicht ausreden.”

HERBERT:            “Stimmt nicht. . .  .”

CLAUDIA:             “Stimmt doch. Wenn hier ständig einer die Klappe     offen hat, dann bist das du. . . -”

HERBERT:            “- . . . Ach Gott, die heilige Claudia.”

 

Sie steht auf und knallt ihm eine über den Tisch hinweg.

 

HERBERT:            “Das machst du nicht nochmal. . . ,

                              . . . ICH laß mich doch von dir nicht. . . -”

 

Er will ihr auch eine Ohrfeige geben, aber sie ist schon weit genug hinter den Tisch zurückgewichen.

 

CLAUDIA:             “Laß mich in Ruhe. . . “

HERBERT:            “. . . Wenn ich mit Dir fertig bin. . . “

 

 Er stellt den Tisch hochkant, so daß sämtliche Utensilien herunterpurzeln. Dann packt er sie am  Kragen.

Aber um richtig zuzuschlagen ist bei beiden die Hemm­schwel­le zu stark und so schleifen sie sich gegenseitig mit nur schwachen Schlägen durch die Küche. Sie zieht ihm den Morgenmantel über die Schultern herunter, er  öffnet ihr die Hose und zieht sie aus. Er reißt ihr die Bluse auf, Knöpfe fliegen durch die Küche, die so klein ist, daß sie sich nicht mal richtig hinlegen können. Heftig keuchend zerreißt sie ihm noch die Unterhose. Mit nur einem, aber sehr heftigen, Stoß dringt er in sie ein. Sie wälzen sich in Butter, Käse, Aufschnitt und Tupperwareschachtel.

Er reißt ihr ein Büschel Haare aus, leicht schwebt es durch die Lüfte. Stöhnend, keuchend, verlieren sich beide auf dem harten Küchenboden. Sein Rücken voller blutiger Streifen, ihre langen Fingernägel gefüllt mit Hautresten.

Die Milch fällt von der Anrichte auf seinen Hintern, als sie sich an deren Sockelfuß festhält.

Ihre ekstatischen Schreie füllen die Küche, ihm laufen  die Tränen über beide Wangen als er schließlich kommt.

Ein anschließendes vierbeiniges Zucken, beide bleiben erschlafft liegen.

 

CLAUDIA:             “Scheiße, ich muß in die Arbeit.

HERBERT:            “Und ich muß die Küche aufräumen, kannst du         nicht blau machen?”

CLAUDIA:             “JEDEN Tag kann ich mir das nicht leisten.”

HERBERT:             “Dann geh aber schnell, ehe wir wieder anfangen zu streiten.”

 

Sie stehen beide auf, Claudia packt ihre Klamotten und ver­schwindet im Badezimmer, Herbert kippt sich einen Stuhl zurecht, setzt sich darauf und blickt einfältig lächelnd ins Leere.

 

 

© 1988